SOPHIE VON LA ROCHE, geb. Gutermann

geboren am  6. Dezember 1730 in Kaufbeuren/Allgäu
gestorben am 18. Februar 1807 in Offenbach


 Kurzbiografie

Sophie von La Roche ging als erste Frauenromanautorin in die deutsche Literaturgeschichte ein. Sie stammte aus dem Haus einer sehr pietistischen Arztfamilie im Allgäu. Als ihr Vater eine Stelle beim Fürstbischof in Augsburg annahm, verlobte sie sich, siebzehnjährig, mit einem älteren Arztkollegen ihres Vaters aus Italien und wollte so schnell wie möglich, durch Heirat, das Elternhaus verlassen. Ihr Vater aber zerbrach die Verlobung, weil der zukünftige Schwiegersohn nicht bereit war, seine Kinder evangelisch taufen zu lassen. Kurz darauf starb ihre Mutter, und Sophie wurde mit einigen Geschwistern zu ihren Großeltern nach Biberach geschickt. Dort verliebte sie sich in ihren zwei Jahre jüngeren Vetter Christoph Martin Wieland. Es war eine Liebe, die das ganze Leben lang anhalten sollte. Durch auswärtiges Studium Wielands verloren sie sich für eine Zeit aus den Augen und Sophie heiratete 1753 auf Schloß Warthausen bei Biberach Georg Michael Frank La Roche, den Adoptivsohn und Privatsekretär von Heinrich Friedrich Reichsgraf von Stadion, Geheimer Konferenzminister und Großhofmeister des Fürstbischofs von Mainz. Ihre 8 Kinder, von denen nur 5 das Kindesalter überlebten wurden im Stadionschen Schloß in Mainz geboren.

Von 1761 –1770 verbrachte Sophie mit ihrer Familie, als Gesellschafterin des pensionierten Grafen im Schloß Warthausen, die schönsten Jahre ihres Lebens. In der aufgeklärten Atmosphäre, die um den Grafen herrschte, in der sich das Schloß zu einem "Musenhof" gestaltete, erhielt Sophie "Bildung ihres Verstands, ihrer Seele und ihres Geschmacks". Sie begann hier ihren ersten Roman zu schreiben, die "Geschichte des Fräuleins von Sternheims". Wieland, gern und oft gesehener Gast im Schloß Warthausen, hatte das Buch, zunächst anonym, herausgegeben. Der Roman erregte jedoch Aufsehen in ganz Deutschland und brachte der Autorin Anerkennung und Ruhm. Er wurde ins Französische, Englische, Russische und Holländische übersetzt. Literaturwissenschaftler bezeichneten ihn als Vorläufer von Goethes Werther – und Goethe selbst urteilte: "...das ist kein Buch, das ist eine Menschenseele." Sie hatte einen neuen Frauentyp geschaffen, der bereits auf die Idealisierung und Psychologisierung der Zeit des Sturm und Drang verwies.

Nach dem Tod des Reichsgrafen von Stadion übersiedelte die Familie La Roche mit ihren fünf Kindern, im Herbst 1770, in dessen Schloß nach Bönnigheim bei Heilbronn. Aber acht Monate später schon erfolgte ein weiterer Umzug nach Koblenz-Ehrenbreitstein, wo Sophies Gatte Konferenzminister des Kurfürsten von Trier geworden war. Hier unterhielt sie ihren großen Salon und empfing alle bedeutenden Literaten und Künstler jener Zeit. Goethe war als 22jähriger im Gespräch, ihr Schwiegersohn und Gemahl ihrer ältesten Tochter Maximiliane zu werden. Für Sophie war das Gerücht aber nicht ernst zu nehmen, denn Goethe hatte als unbedeutender Gerichtsreferendar keinen Brotberuf. Und mit der Dichtkunst konnte man keine Familie unterhalten. Einer Konvenienzehe gegenüber opponierte im 18. Jahrhundert noch kaum eine Frau, denn Armut war ein viel schlimmeres Makel und Hindernis zur Entfaltung der Persönlichkeit. Sophie konnte es sich leisten, Honorare für ihre Bücher und Zeitungsartikel für wohltätige Zwecke zu spenden. Ihre Tochter Maximiliane heiratete den reichen Kaufmann und Witwer mit fünf Kindern Peter Anton Brentano. Sie brachte selbst noch 13 Kinder zur Welt, darunter Bettina (später verh. von Arnim) und Clemens und verstarb schließlich im Wochenbett.

Sophies großzügiges Leben bekam eine einschneidende Wende, als ihr Mann wegen seiner liberalen Gesinnung beim Kurfürsten von Trier seine Stelle verlor. Ein Freund in Speyer nahm die von da an mittellose Familie auf. Nun mußte Sophie aber erkennen, daß ihr Schreibtalent wohl zu großem Ansehen, aber nicht zum Unterhalt der Existenz führen konnte.Ein Versuch, ihre neuesten Schriften gegen Bezahlung zu veröffentlichen, hat ihren Mann schwer gekränkt. Er wollte es nicht erlauben, daß seine Frau Geld verdiente. Außerdem protestierte die Welt der Schreiber gegen die weibliche Konkurrenz.

Das Verhältnis zwischen den Eheleuten war seitdem getrübt. Sophie kämpfte aber hartnäckig mit ein paar Freunden um ihre Rechte und brachte 1783 mit großem Erfolg und gegen gutes Honorar die erste Frauenzeitschrift in Deutschland: "Pomona für Teutschlands Töchter" heraus.

Mit der Unterstützung seines Schwiegersohns Brentano erwarb La Roche 1786 sein erstes Eigentum und neues Domizil für die Familie, das "Grillenhäuschen" in Offenbach. Sophie unternahm von dort mehrere Reisen auf eigene Kosten und veröffentlichte anschließend Reisetagebücher. Ihr Mann erholte sich nach ihrer Rückkunft aber nicht mehr von einem Schlaganfall und starb 1788. Weitere schwere Schicksalschläge waren im folgenden Jahr der Tod ihrer Kinder Franz und Maximiliane. Sophie übernahm die Fürsorge für sieben ihrer Enkelkinder und mußte ihre Schreibtätigkeiten ein paar Jahre lang stark einschränken.

In den Jahren der Revolution und der französischen Besatzung kamen schwere und sorgenvolle Zeiten über sie. Erst 1799 wagte sie sich wieder auf die Reise und nahm zusammen mit ihrer Enkelin Sophie Brentano eine Einladung ihres langjährigen Freundes C.M. Wieland nach Oßmannstedt bei Weimar an.

Sie verbrachte dort mehrere Monate und wurde vorübergehend zum Mittelpunkt der Weimarer literarischen Gesellschaft. Wielands Zuneigung galt indessen mehr ihrer Enkelin, der er auf langen Spaziergängen neue Versuche seiner Poesie vortrug. Sie ließ sich dennoch zu weitern Werken anregen: "Schattenrisse abgeschiedener Stunden" und "Mein Schreibetisch" wurden mit Wielands Hilfe zur Veröffentlichung gebracht. Ihr moralisierender Stil paßte nun nicht mehr ganz in die Umbruchepoche der Revolution, aber sie blieb sich selber treu. Das "Selbständigwerden der Frauen" lag ihr am Herzen.In ihren Zeitschriften wie in ihren Büchern wollte sie eine Lebensorientierung geben. Philosophisch stand sie, im Sinne der Aufklärung, für den maßvollen Weg der Mitte, jenseits von Verschwendung und Extreme als Fundament der Zufriedenheit. Zu ihrem letzten Roman "Melusines Sommerabende" bat Wieland sie, eine Autobiographie beizufügen und er schrieb, wie zu ihrem ersten Werk in Warthausen, ein liebevolles Vorwort. Ein Jahr später starb Sophie La Roche am 18. Februar 1807, mit 76 Jahren, in Offenbach.

Text: Brigitte Nguyen-Duong 1999

 Quellen und Literatur

Renate Feil: "Die profanen Stunden des Glücks
Viia Ottenbacher, Heinrich Bock: "Sophie von La Roche in Warthausen" Schillergesellschaft Marbach, 1997.
Bild: gutenberg.spiegel.de

Primärliteratur:

"Geschichte des Fräuleins von Sternheim" hrsg. C.M.Wieland, Leipzig1771; - Reclam, Stuttgart 1983
"Rosaliens Briefe an ihre Freundin Marianne von St.", Altenburg 1779-81; - Repr. Eschborn 1994
Zeitschrift: "Pomona für Teutschlands Töchter", Speyer 1783/84, - Repr. München 19987
"Tagebuch einer Reise durch die Schweiz", Altenburg 1787; - Repr. Eschborn 1994
"Tagebuch einer Reise durch Frankreich", Altenburg 1787; - Repr: Eschborn 1994
"Tagebuch einer Reise durch Holland und England", Offenbach 1788; - Repr. Karben 1997
"Briefe über Mannheim" ,Zürich 1791; - Repr. Karben 1996
"Schattenrisse abgeschiedener Stunden", Offenbach 1799; Repr. Eschborn 1992
"Mein Schreibetisch", Leipzig 1799; - Repr. Karben 1997
"Fanny und Julia" Leipzig 1801; - Repr. Eschborn 1994
"Melusinens Sommer-Abende" hrsg. C.M. Wieland, Halle 1806; - Repr. Eschborn 1993.
 
 

Sekundärliteratur:

Assig Ludmilla: Sophie von La Roche, die Freundin Wielands; Berlin 1895
Becker-Cantario, Barbara: Freundschaftsutopie: Die Fiktionen der Sophie la Roche. In: Untersuchungen zum Roman von Frauen um 1800, Tübingen 1990, S. 92-114.
Feyl, Renate: Die profanen Stunden des Glücks, Wilhelm Heyne Verlag, 1996
Viia Ottenbacher, Heinrich Bock: Sophie von La Roche in Warthausen, Deutsche Schillergesellschaft Marbach, 1997
Koenig-Warthausen, v. Gabriele: Sophie la Roche geb. Gutermann, Schriftstellerin, Jugendliebe Wielands. In: Lebensbilder aus Schwaben und Franken, Bd. 10. Stuttgart 1966. S. 101-125.
Langner, Margrit: Sophie von La Roche – die empfindsame Realistin. Heidelberg 1995.

Bild:gutenberg.spiegel.de
 

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