Bettina von Arnim, geb. Brentano

„Wer ist des Staates Untertan? Der Arme ists!- Nicht der Reiche auch?- Nein, denn seine Basis ist Selbstbesitz und seine Überzeugung, daß er nur sich angehöre!- Den Armen fesseln die Schwäche, die gebundenen Kräfte an seine Stelle.- Die Unersättlichkeit, der Hochmut, die Usurpation fesseln den Reichen an die seine. Sollten die gerechten Ansprüche des Armen anerkannt werden, dann wird er mit unzerreißbaren Banden der Blutsverwandtschaft am Vaterlandsboden hängen, der seine Kräfte der Selbsterhaltung weckt und nährt, denn die Armen sind ein gemeinsam Volk, aber die Reichen sind nicht ein gemeinsam Volk, da ist jeder für sich und nur dann sind sie gemeinsam, wenn sie eine Beute teilen auf Kosten des Volkes."
Quelle: "Bettinas Armenbuch" (zitiert nach G. Dischner, Bettina von Arnim 1977)

Geboren am 4. April 1785 in Frankfurt am Main, gestorben am 20. Januar 1859 in Berlin


 Kurzbiografie

Bettina von Arnim gilt als Deutschlands erste Sozialkämpferin und Verfechterin der Frauenemanzipation. Sowohl künsterlisch produktiv als auch politisch engagiert, nahm sie unter den Frauen der Romantik eine Sonderstellung ein. Lange Zeit legte es ihr die männlich bestimmte Rezeptionsgeschichte der deutschen Literatur als Mangel aus, daß sie sich von den dichterischen Kunstformen der Männer losssagte- Für die Orientierung an einer neuen, weiblich bestimmten Kultur gewann ihr unbeirrter „weiblicher Stil", der assoziativ eine Synthese von philosophischen, ästhetischen wie politischen Inhalten herstellt, große Bedeutung. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs Bettina bei ihrer Großmutter Sophie von La Roche (1731-1807) auf, der Verfasserin des ersten deutschen Frauenromans, Die Geschichte des Fräulein von Sternheim (1771).

In Sophies Salon in Frankfurt pflegte man republikanisch engagierte Geselligkeit. Dort verkehrten deutsche Jakobiner ebenso wie Künstler, wodurch das Denken der Enkelin in aufklärerisch-rationalistischer Weise geprägt wurde. All dies mag dazu beigetragen haben, daß Bettina sich durch die selbst angestrebte romantische Revolutionierung des Alltaglebens nicht zu einem Verharren in der reinen Privatsphäre verleiten ließ.

Entscheidender als die erotisch angehauchte Begegnung mit dem damals nahezu sechzigjährigen Goethe im Jahre 1807, aus der Goethes Briefwechsel mit einem Kinde(1835) resultierte, war für ihre Gedanken- und Gefühlsentwicklung das enge Verhältnis zu ihrer Freundin Karoline von Günderode (1780-1806). Der Briefwechsel Die Günderrode 1840, der teilweise die tatsächliche und teilweise eine fiktive Korrespondenz der Freundinnen von 1802 bis zum Selbstmord Karolines wiedergibt, zeugt von sehr unterschiedlichen, aber einander ergänzenden Charakteren. Karolines philosophisch geschulter Geist bildete das Korrektiv zu Spontanität der „kosmisch-ekstatisch dichtenden Bettina" (Dischner), die der Freundin wiederum die Unmittelbarkeit eines pantheistischen Naturgefühls, aber auch den kritischen Blick der Gesellschaftsanalyse vermittelte.

Im Jahre 1811 heiratete Bettina den Dichter Achim von Arnim (1781-1831) und zog zunächst nach Berlin. Im Jahre 1814 übersiedelte das Ehepar nach Wiepersdorf auf ein Familiengut der Armins. Bettina versuchte bereits zwei Jahre später der ländlichen Isolation zu entfliehen und kehrte, zumindest zeitweise, nach Berlin zurück. Seit 1829 verband sie mit der in Berlin lebenden Rahel Varnhagen von Ense eine enge Freundschaft.

Erst nach dem Tode Arnims ließ sich Bettina endgültig in der preußischen Hauptstadt nieder. Inzwischen 46 jährig, lagen zwanzig Jahre Ehe und sieben Schwangerschaften hinter ihr.

Nun begann sie aufzublühen, empfing in ihrem Salon, Unter den Linden 21, die intellektuellen Größen jener Zeit. Sie machte ihr Haus zum Treffpunkt unabhängiger Geister. 1843 veröffentlichte sie die Schrift: Dies Buch gehört dem König und erwies sich damit als ausgezeichnete Taktikerin. Denn durch ihre Widmung an den König von Preußen gelang es ihr, öffentlich all das zu sagen, was andernfalls unweigerlich der Zensur zum Opfer gefallen wäre: daß die Obrigkeit allein für das Wohl der Untertanen verantwortlich sei, die in diesem Land in oft beispiellosem Elend lebten. Bettina wurde daraufhin zu Unrecht als Kommunistin verschrien, denn die Dichterin besaß wenig Einsicht in wirtschaftliche, zumal kapitalistische Verhältnisse. Vielmehr war sie dem Ideenkreis des utopisch-rationalistischen Sozialismus (Saint-Simonistinnen) zuzurechnen, der das Elend nur auf die Unwissenheit und Gleichgültigkeit der Menschen zurückführte.

Während viele der Frühromantiker, u.a. ihr Bruder Clemens Brentano (1778-1842), zunehmend religiös-konservative Haltungen annahm, fand Bettina den Anschluß an die demokratische Bewegung des Vormärz. 1844 sammelte sie Stoff für ein Armenbuch, für das sie empirisches Material aus ganz Deutschland zusammentrug. Sie verzichtete auf die Veröffentlichung, als das preußische Militär den Hungeraufstand der schlesischen Weber niederschlug. , da sie ohnehin in Verdacht der Verschwörung mit den Aufständischen stand. Bettinas Freiraum, den ihr die Behörden als Exzentrikerin lange zubilligten, wurde in dem Augenblick beschränkt, in dem sie politisch wirksam wurde. Im Magistratsprozess 1847 wurde sie zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, was die höchste Strafe war, die eine Adelige erhalten konnte. Nur der Intervention eines verwandten Ministers verdankte sie den Straferlaß.

Bettinas Salon blieb zur Zeit der härtesten Zensur eine politische Gegenöffentlichkeit.

Nach der Revolution von 1848 publizierte sie im Selbstverlag die Flugschrift An die aufgelöste Preußische Nationalversammlung (1849) und setzte sich für die Freilassung des Revolutionärs Gottfried Kinkel (1815-1883) ein. 1852 wandte sich Bettina erneut an den König, diesmal mit dem Vorschlag, er solle die freiheitlich-demokratischen Tendenzen fördern und ein Volkskönig werden. Sicher glaubte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an die Möglichkeit, den immer reaktionärer werdenden Herrscher durch ihre Gespräche mit Dämonen zu beeinflussen, aber sie wollte ihn zum Nachdenken zwingen und in der Öffentlichkeit ein Forum für tabuisierte und von der Zensur verfolgte Themen schaffen.
Quelle: Hermes Handlexikon - Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschland und Österreich von
Daniela Weiland (Hrsg.) 1983.

Text: Mathilde Block 1998

 Quellen und Literatur

Wolf, Christa,: Bettina von Arnim, in: H.J.Schultz, Frauen, Portraits aus zwei Jahrhunderten, Krenz Verlag, Stuttgart, 1981, S. 48 - 59.

Primärliteratur:

Arnim, Bettina von: Dies Buch gehört dem König: 1843 - hrsg. von Ilse Staff, Insel-Verlag,  Frankfurt/M., 1982.
(Entwicklung sozialphilosophischer und sozialpolitischer Ideen, als Plädoyer an einen "Volkskönig", Geistesfreiheit zu gewähren und soziale Reformen durchzuführen.)

Arnim, Bettine von: Armenbuch 1844
Empirisches Material zur Situation der Armen in Deutschland. (Fiel der Zensur zum Opfer.)

Sekundärliteratur:

Bettina von Arnims Armenbuch, hrsg. von Werner Vordtriede, Insel-Taschenbuch, Frankfurt/M., 1981.

Helmut Hirsch: Bettine von Arnim - mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten Bildmonographien rororo 4. Auflage Dez. 95

Ingeborg Drewitz: Bettine von Arnim - Romantik-Revolution-Utopie Eugen Diederichs Verlag, 1969.

Dischner, Gisela : Bettina von Arnim - Eine weibliche Sozialbiographie aus dem 19 Jhd. kommentiert und zusammengestellt aus Briefromanen und Dokumenten, Verlag Klaus Wagenbach,  Berlin 1984.

Bild: www.wikipedia.org


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Aufsatz von Carmen Stadelhofer

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