Ein Beitrag zur Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschland - Vergessene Lektionen aus der Geistes- und Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts
"Das Fremde in uns und um uns herum" ist das Thema dieser
Akademiewoche. Auch ich möchte mich heute früh mit Ihnen
einem Thema nähern, das uns gleichermaßen bekannt und
fremd ist: der Geschichte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. In der
Schule, in Geschichtsbüchern und in den Medien haben Sie sicher
immer mal wieder von der Geschichte Deutschlands im 19. Jh.
gehört - und sich vielleicht auch näher damit befaßt.
Begriffe wie Demokratisierung, Industrialisierung, Beginn des
Kapitalismus sind Ihnen vertraut, ebenso Daten wie 1848 und 1872,
oder Namen wie Bismarck, die verschiedenen Wilhelms, auch Humboldt,
die Brüder Schlegel ... Aber Hand aufs Herz, was wissen Sie
über die spezifische Lage der Frauen in dieser Zeit? Welche
Namen fallen Ihnen ein, welche Taten? Wahrscheinlich geht es vielen
von Ihnen so wie mir, als ich begann, mich mit diesem Thema zu
beschäftigen, nicht allzuviel! Die uns eigene "fremde"
Geschichte!
Aber, so können wir feststellen, es handelt sich nicht nur um
"vergessene Lektionen" im Schulunterricht und in den Medien,
sondern auch in der Forschung!
Die Geschichte der Ungleichheit von Mann und Frau und die des
Kampfes um (Chancen-)Gleichheit für Frauen blieb im Kontext der
herkömmlichen Geschichtswissenschaft weitgehend
unberücksichtigt. Barbara Becker-Cantarino (1980, S. 246ff)
kommt in ihren Untersuchungen zu der Feststellung, daß das
Bild der Frau in der Geistes-, Literatur- und Sozialgeschichte
geprägt ist durch "Gesichtslosigkeit" und "Geschichtslosigkeit".
Mit "Gesichtslosigkeit" meint sie die fehlende Eigenständigkeit
der Frau in der Darstellung, besonders außerhalb des
Familienbereichs, und die Reduzierung der Frauen auf sogenannte
"Ergänzungsrollen" als Gattin und Mutter. "Geschichtslosigkeit"
bedeutet eine geringe historische Dokumentation hinsichtlich des
Wirkungskreises von Frauen in den verschiedensten Lebensbereichen.
Besonders bedeutsam sei der völlige Ausschluß der Frauen
aus der Geschichtsschreibung, somit sei diese aus einseitig
männlicher Perspektive verfaßt und begründe das fast
ausschließliche Interesse für die Lebensform des Mannes.
Wenn sich dort die anerkannten Fragen und Perspektiven langsam
wandeln (Wehler, 1981, S. 326), so ist das nicht zuletzt der neueren
historischen Frauenforschung zu danken. Ihr geht es nicht um
bloße Anreicherung des Wissenschaftskanons mit "Frauenthemen"
oder "frauenspezifischer Forschung" ebensowenig darum, "die
bisherige Halbheit der Geschichtswissenschaft durch eine umgekehrte
Halbheit und historiographische Dichotomie zu ersetzen"; der
Frauenforschung geht es um einen "anderen Blick auf Geschichte"
(Hausen, 1983, S. 22-60) insgesamt und um den Versuch,
Spurensicherung von Frauenexistenz zu betreiben, die über die
Bedingungen der Identitätsbildung von Frauen heute
aufklärt.
Konkreter Anlaß meiner umfassenden Spuren-Suche von
Frauenleben und Einmischungen von Frauen ins öffentliche Leben
im 19. Jh. war ein Ausstellungszyklus der Universitätsbibliothek
Ulm zu dem Thema "Bücher, die die Welt verändern". Nach 11
Ausstellungen im Rahmen dieses Zyklus wurde von verschiedenen Seiten
registriert, daß dabei fast ausschließlich Männer zu
Wort gekommen waren. Ferner stellte ich im Verlauf meiner
Seminarreihe "Die Beziehung zwischen Mann und Frau in der Literatur"
im Rahmen des studium generale fest, daß die Teilnehmer/-innen
auf wenig konkretes historisches Wissen zurückgreifen konnten,
um die Lebenssituation von Frauen und Männern, die Ursachen und
Bedingungen der geschlechtsspezifischen Rollen- und
Arbeitsverteilung einzuordnen und zu interpretieren.
Vor allem die Teilnehmerinnen zeigten sich oft enttäuscht und
resigniert bezüglich der derzeitigen Entwicklung oder
vermeintlichen Stagnation in der Frauenfrage im öffentlichen
Bewußtsein und Handeln und wußten nicht, wie lange
unsere Vor-Gängerinnen gekämpft haben um das, was wir heute
als selbstverständlich nehmen.
Dies alles veranlaßte uns vom Seminar für
Pädagogik, uns mit der Geschichte der Frauen im 19. Jh.
näher zu befassen. Aus einem ursprünglich kleinen
Forschungsprojekt wurde eine Ausstellung "Frauen im Aufbruch", die
inzwischen 8 mal - an verschiedenen Orten - gezeigt worden ist, und
damit verbunden eine spannende Entdeckungsreise in eine bekannte
Zeit, in der wir entdecken mußten, daß vieles uns
unbekannt geblieben war.
"Frauen, die die Welt verändern" hätte die Ausstellung
in der Tradition ihrer Vorgänger-Ausstellungen wohl
heißen können - und so auch mein Vortrag. Was hätte
man darunter zu verstehen gehabt? Weibliche Haupt- und Staatsakteure?
Gewiß, es gibt solche Frauen - seien es Maria Theresia, die
beiden Zarinnen Elisabeth und Katharina oder sei es eine
Wissenschaftlerin wie Marie Curie. Ihr Leben und Wirken zu betrachten
ist sicherlich ein spannendes Unternehmen. Doch werden wir mit der
Suche in den Spitzenplätzen der Gesellschaft der bisherigen
Rolle der Frau in der Geschichte nicht gerecht. Frauengeschichte in
unserem Kulturkreis ist zunächst einmal eine Geschichte der
"Verhinderungen" (Gerhard, 1978), in der Frauen zu den "Listen der
Ohnmacht" (Honegger, 1984) greifen mußten, um in der
Gesellschaft bestehen und eigene Interessen durchsetzen zu
können.
Es erscheint angesichts dieser besonderen Situation der Frau in
der Geschichte angemessen, Augen-Blicke auf Frauen zu lenken, die
durchaus "die Welt verändert" haben, deren Wirken jedoch eher
"von unten" kam und deren Namen und persönliche Verdienste in
vielen Fällen in Vergessenheit geraten sind.
Dazu gehören vor allem Frauen des 19. Jh., die daran
mitgewirkt haben, daß sich die Stellung der Frau in der
Gesellschaft vom 18. Jh. bis heute gravierend verändert hat.
Die Literatur nennt sie: Frauen im Aufbruch (z.B. Böttger,
1979).
Es seien beispielhaft einige dieser Veränderungen ins
Gedächtnis gerufen, die in den vergangenen 200 Jahren von Frauen
gefordert und bis heute rechtsgültig geworden sind.
Frauen haben das Recht,
Nun hat die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau keineswegs die Umgestaltung der sozialen Wirklichkeit in allen Bereichen nach sich gezogen - wie ein Blick in den Familienalltag oder die Arbeitswelt der Gegenwart unschwer erkennen läßt. Gleichwohl bildet sie die Rechtsgrundlage für die Veränderung unseres Alltags. Der soziale Druck der Frauen(bewegung) seit dem 19. Jahrhundert war eine Voraussetzung dafür, daß diese Grundlage geschaffen worden ist.
Im Zentrum meiner Ausführungen stehen Frauen der
Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts in Deutschland.
Die Frauenbewegung des 19. Jh. war so wenig wie die heutige ein
monolithischer Block. Das Geflecht von Strömungen, die sich
darin vereinigen und trennen, ist im einzelnen noch zu erforschen. In
aller Vorläufigkeit wird hier zwischen den Frauen des
Vormärz, den Vertreterinnen der bürgerlich
gemäßigten, der bürgerlich radikalen und der
proletarischen Frauenbewegung und den konfessionellen Gruppen
unterschieden.
Den radikalen Vertreterinnen ist in größerem Maße
Raum gegeben; die Rechts-Wirklichkeit, die wir heute wie
selbstverständlich als die unsrige akzeptieren, ist im 19. Jh.
am weitesten in ihren Forderungen vorweggenommen worden.
Angemessen verstanden werden können die Leistungen der Frauen
im Aufbruch nur, wenn wir uns bei der Betrachtung der einzelnen
Personen die Rechts- und Lebensverhältnisse von Frauen im 19.
Jh. vergegenwärtigen, somit den Hintergrund und die
Bedingungen mit einbeziehen, unter denen die Frauen wirksam wurden
und werden mußten. Dies kann hier nur skizzenhaft geschehen.
Anfangen möchte ich mit einem kleinen Exkurs zu Frauen aus dem europäischen Ausland, vor allem aus Frankreich, die die Frauen und die Frauenbewegung in Deutschland durch ihre Ideen und ihr gelebtes Vorbild maßgeblich beeinflußt haben.
Als Repräsentantin der Französischen Frauenbewegung, die
um die Ereignisse um 1789 herum entstand, möchte ich
Olympe de
Gouges (1755-1793) nennen.
Olympe de Gouges kam aus unbedeutenden
Familienverhältnissen. Mit einem Handwerker verheiratet, wurde
sie früh verwitwet und ging nach Paris, um sich dort mit den
zeitgenössischen literarischen, philosophischen und politischen
Strömungen auseinanderzusetzen. Sie verkehrte in Paris in den zu
dieser Zeit zahlreich entstehenden revolutionären Frauenclubs
und setzte sich durch Flugblätter, Aufrufe und Protestschreiben
aktiv mit der aktuellen Politik auseinander. Aus der Erkenntnis
heraus, daß die kurz zuvor durch die Französische
Revolution proklamierten "droits de l'homme" (Menschenrechte)
lediglich Männerrechte waren (nur der citoyen, der Bürger,
durfte wählen, nicht die citoyenne, die Bürgerin), stellte
Olympe de Gouges 1791 ein eigenes Manifest auf, die "Droits de la
femme", in dem sie analog zu den von der Nationalversammlung
erklärten "Rechte des Mannes und Bürgers" die
"Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin"
verkündete. Damit forderte sie zum ersten Mal in der westlichen
Geschichte pointiert die völlige Gleichberechtigung der
Geschlechter. Neben der Präambel enthält die
"Erklärung" 17 Artikel und ein Nachwort. Die Präambel
stellt die Legitimation eines Staates in Frage, der nur die Rechte
der "männlichen Klasse" zu schützen bereit ist. Die Artikel
antizipieren eine nicht patriarchalische, egalitäre
Gesellschaft. So geht Artikel 1 von der grundsätzlichen
Gleichheit der Rechte von Mann und Frau aus, in Artikel 11 z. B. ist
Olympe de Gouges der Meinung, wenn die Frauen das Recht haben,
guillotiniert zu werden, müßten sie auch das Recht haben,
auf der Tribüne zu stehen, d. h. politisch einwirken zu
können. b Im Artikel 17 fordert sie konsequent die Neuverteilung
des Eigentums unter den Geschlechtern (Gouges, 1980, S. 36-44).
Olympe de Gouges war übrigens die erste Frau, die sich gegen
die Todesstrafe aussprach anläßlich der Hinrichtung des
Bürgers Carpet, ehemals König Ludwig XVI. Sie war der
Ansicht, daß unmenschliches Verhalten nicht mit unmenschlichem
Verhalten vergolten werden könne. Daß sie ihre
revolutionären Ideen nicht nur leise dachte, sondern lauthals
verkündete, kostete sie schließlich ihren Hals. Sie
endete auf der Guillotine. Robespierre, den sie seiner
Blutherrschaft wegen öffentlich einen Mörder nannte,
veranlaßte ihre Hinrichtung.
Eine ebenso eindrucksvolle Frau wie Olympe de Gouges - und im übrigen die Großmutter von Paul Gauguin - ist Flora Tristan (1803-1844), die - in den Geschichtsbüchern meist unbenannt - sich für die Frage der Arbeiter/-innen in Frankreich schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark einsetzte. Nach ihrer dramatischen Scheidung von einem Alkoholiker - er schoß aus Wut wegen der Trennung auf offener Straße auf sie - brachte sie ihre drei Kinder allein durch, bereiste mit ihnen unter größten ökonomischen Schwierigkeiten die südamerikanischen Länder, u.a. Peru, wo sie vergeblich Unterstützung von ihrer dort lebenden Familie erhoffte. Weitere Reisen führten sie nach England. In eindringlichen Reiseberichten beschreibt sie die soziale Lage bzw. das soziale Elend der Menschen dort.
In einer Zeit - um das noch einmal in Erinnerung zu rufen - in der
studierte Flora Tristan nach ihrer Rückkehr nach Frankreich
völlig selbständig und ohne Unterstützung das Elend
der Arbeiter und Arbeiterinnen in Frankreich, vor allem in Lyon. Sie
kam dabei zu der Ansicht, daß das Proletariat ausgebeutet
würde, dabei die Arbeiterfrau zweifach.
"Selbst der unterdrückteste Mann kann ein anderes Wesen
unterdrücken - seine Frau. Sie ist das Proletariat des
Proletariats". Und sie beschwor die Frauen "Du wirst weder Sklavin
sein noch Paria". In ihrem 1842 veröffentlichten Manifest
"l'union ouvrière" ("Arbeiterunion") forderte sie neben den
allgemeinen Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der
Arbeiterklasse "die Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz", die
"Anerkennung der dringenden Notwendigkeit, den Frauen des Volkes eine
moralische, geistige und berufliche Erziehung zu geben, damit sie
ihre Aufgaben als Erzieherinnen des Volkes bewältigen
können" (Tristan, 1988).
Es gibt zu denken, daß Marx und Engels, die die Werke von
Flora Tristan kannten, 5 Jahre später in "Die heilige Familie"
eine ähnliche sozialkritische Analyse der Gesellschaft liefern,
ohne die Leistung von Flora Tristan zu erwähnen.
Weiterhin zu erwähnen sind Frauen, die den englischen Einfluß auf die deutsche Frauenbewegung deutlich machen, besonders hinsichtlich der Forderung nach dem Frauenstimmrecht. Die Werke von Mary Wollstonecraft (1759-1797), die sich in der englischen Frauenstimmrechtsbewegung einen großen Namen machte, waren ebenso bedeutsam wie auch das für die Bewegung wichtige und grundlegende Werk von John Stuart Mill und Harriet Taylor "Die Hörigkeit der Frau" (1869). Dieses Buch ist auch deswegen besonders bemerkenswert, weil es lange Zeit, übrigens gegen den Willen Mills, nur als sein Werk bekannt wurde.
Und ich möchte verweisen auf die Werke von Evelyne Punkhurst, die im Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit ihren Töchtern in der militanten, aber in der Öffentlichkeit auch stark diffamierten Suffragettenbewegung eine bedeutende Rolle spielte.
Aber nun zu dem eigentlichen Gegenstand des Vortrags, den "Frauen
im Aufbruch" im 19. Jahrhundert in Deutschland. Eine erste und
starke Gruppe finden wir im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert
zur Zeit der Romantik.
Wenige und vor allem gesellschaftlich privilegierte Frauen kannten
als Angehörige des Adels und des gehobenen Bürgertums den
der Aufklärung entsprungenen Gedanken der Gleichstellung von
Frau und Mann und versuchten, ihn zumindest für sich zu leben -
durch ihr entschiedenes geistiges Engagement und ihre
persönliche Lebensgestaltung. Sie führten Salons, in
denen die bedeutendsten Intellektuellen der Zeit verkehrten und
prägten ein neues Frauen- und Menschenbild.
Es ist an dieser Stelle leider nicht möglich, auf die
einzelnen Frauen, ihr geistiges Umfeld und WirkSchaffen näher
einzugehen, aber als Beispiel für "verschüttete Geschichte"
möchte ich doch wenigstens auf einige Frauen kurz hinweisen,
deren geistige, gesellschaftliche und gesellschaftskritische
Bedeutung in der Literatur- und Geistesgeschichte lange Zeit
weitgehend unterschlagen oder unterschätzt wurde.
Caroline Schlegel-Schelling (1763-1809) hatte z. B. durch ihre Ideen wie ihre konsequente persönliche Lebensgestaltung - sie lebte kompromißlos die romantischen Ideale vor - entscheidenden Einfluß auf den Kreis der Frühromantiker. Für ihre Persönlichkeit beispielhaft steht das Zitat "Göttern und Menschen zum Trotz will ich glücklich sein" (Stern, 1982, S. 8).
Oder Rahel Varnhagen von Ense (1771-1833). Weder schön noch reich, dazu Frau und Jüdin, fühlte sich Rahel gesellschaftlich mehrfach benachteiligt. Trotzdem war sie eine der geistreichsten Frauen ihrer Zeit. Sie hielt um die Jahrhundertwende in Berlin trotz bescheidener Verhältnisse einen Salon, der Mittelpunkt eines Kreises Intellektueller wurde (die Brüder Schlegel, Clemens von Brentano, L. v. Tieck verkehrten z. B. dort). Man bewunderte ihre geistige Originalität, kritische Urteilsfähigkeit, leidenschaftliche Aufrichtigkeit, die sich auch in ihrem umfangreichen Briefwechsel manifestiert. Rahel Varnhagens wichtigstes Ziel war, mit sich selbst identisch zu sein, d. h. Einheit von Denken und Fühlen herzustellen. Vielen war sie deswegen auch unbequem. In einer sehr einfühlsamen Biographie dokumentiert Hannah Arendt (Arendt, 1984) den Lebensweg dieser beeindruckenden Frau.
Bettina von Arnims
(1785-1859) 200. Geburtstag wurde 1985 in den
Medien ausgiebig gewürdigt. Vielen von Ihnen wird Bettina von
Arnim bekannt sein als das "liebe Kind" aus Goethes "Briefwechsel mit
einem Kind" (1875). Daß sie aber nach einer "Familienphase" von
20 Ehejahren und sieben Schwangerschaften nach dem Tode ihres Mannes
als 46jährige wieder aktiv ins gesellschaftliche Leben einstieg,
einen bedeutenden Salon hielt und in ihren Werken
gesellschaftskritische Ideen vertrat, blieb lange unbeachtet.
Hinweisen möchte ich besonders auf ihre 1843
veröffentlichte Schrift "Dies Buch gehört dem König".
In fiktiven Gesprächen läßt sie Frau Rat Goethe ihre
eigenen sozialphilosophischen und -politischen Ideen entwickeln. Sie
stellen ein Plädoyer dar an einen "Volkskönig",
Geistesfreiheit zu gewähren und Sozialreformen
durchzuführen.
Geschickterweise widmete Bettina von Arnim das Buch dem König
Friedrich Wilhelm IV. selbst, weil es sonst, wie sie wußte,
der Zensur zum Opfer gefallen wäre. So konnte sie z. B. in aller
Öffentlichkeit die Frage stellen, wer denn der
größere Verbrecher sei, der Dieb, der aus Armut einen
Apfel stehle oder der Staat, der den Dieb in eine solche soziale Lage
bringe, aus Hunger einen Apfel zu klauen. Der Zensur zum Opfer fiel
allerdings ihr "Armenbuch" (1844), in dem sie empirisches Material
zur Situation der Armen aus ganz Deutschland zusammengetragen hatte.
Die Ereignisse um 1848/49 führten zum politischen und auch
militärischen Engagement der Frauen für die deutsche
Einigung und Demokratie. In dem Buch "Schwestern zerreißt Eure
Ketten" (Hummel-Haasis, 1982) können Sie zahlreiche Dokumente zu
diesem Fakt finden. Frauen unterstützten ihre Männer im
demokratischen Kampf moralisch, z. B. durch Herstellung von
Fahnenschmuck, Sammlungen und karitativen Leistungen, zum Teil
griffen sie auch selbst in die politischen Auseinandersetzungen ein,
z. B. durch Beteiligung am Barrikadenbau bis zur Teilnahme an
Kämpfen. Durch die Bildung von demokratischen Frauenvereinen
versuchten sie, sich mit dem aktuellen politischen Geschehen
auseinanderzusetzen und sich eine eigene Meinung zu den verschiedenen
Themen zu verschaffen.
Die Einsicht in die Gleichgültigkeit auch der meisten
"Revolutionäre" gegenüber Frauenrechten führte jedoch
auch zum Kampf gegen die eigene Unterdrückung in Bildung und
Beruf, im rechtlichen und im politischen Bereich. Frauen gaben eigene
Zeitungen heraus und gründeten Vereine. Auch hier kann nur
beispielhaft auf einige Frauen verwiesen werden.
Fanny Lewald (1811-1889) setzte sich mit ihrer literarischen
Tätigkeit vor allem für das Recht der Frauen auf Bildungs-
und Erwerbstätigkeit ein. Ihre eigene Lebensgeschichte wies ihr
diesen Weg. Gern hätte sie wie die Knaben die Schule länger
besucht, aber sie mußte sich dem stupiden Lehrprogramm für
bürgerliche Mädchen - Klavierspielen, Handarbeit,
Nachlesen alter Lehrbücher - unterziehen. Da sie den Mann ihrer
Liebe nicht heiraten konnte und keine Konvenienzehe eingehen wollte,
beschloß sie, als selbständige und für ihre eigene
Existenz aufkommende Person schriftstellerisch tätig werden.
Welche Mühen sie durchgehen mußte, bis sie zu diesem
Ziel gelangte, zeigen ihre Ausführungen in ihrer Autobiographie
"Meine Lebensgeschichte".
Fanny Lewald gehört zu den Frauen, die ihre Ansprüche
auf Gleichberechtigung in Bildung und Ausbildung verbanden mit der
Betonung weiblicher Wesensart. Doch gab es auch damals schon
Schriftstellerinnen und Journalistinnen, die einen
wesensmäßigen Unterschied zwischen den Geschlechtern
negierten. Sie wandten sich gegen jede männliche Bevormundung
und forderten in den Bereichen Liebe, Ehe und Religion die
völlige Selbstbestimmung des weiblichen Individuums.
Louise Otto-Peters
(1819-1895) wird allgemein als die
Begründerin der deutschen Frauenbewegung betrachtet. Sie
stammte aus einer gutbürgerlichen liberalen Familie und war
früh verwaist. Ab 1843 schrieb sie unter dem Pseudonym "Otto
Stern" für die Sächsischen Vaterlandsblätter. Zu der
1843 in dieser Zeitschrift aufgeworfenen Frage, welche Rolle denn
Frauen in Staat und Gemeinde zu spielen haben, vertritt sie in einem
Leserinnenbrief die Position: "Die Teilnahme der Frauen an den
Interessen des Staates ist nicht nur ein Recht, sondern eine
Pflicht!" (vgl. Boetcher-Jöres, 1983, S. 74).
Louise Otto gewann als politische Dichterin Deutschlands bald
einen guten Ruf. Zum Politikum entwickelte sich ihre 1848
veröffentlichte "Adresse eines deutschen Mädchens", in der
sie als erste deutsche Frau zur Arbeiterinnenfrage Stellung nahm. Im
April 1849 gründete Louise Otto die "Frauen-Zeitung" unter dem
Motto: "Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen", die unter
den Publikationen der frühen Frauenbewegung die bedeutendste
war. Sie konnte jedoch nur 4 Jahre erscheinen, denn sie fiel dem
sächsischen Pressegesetz zum Opfer, das extra wegen ihrer
Zeitung erlassen wurde. Es wird daher Lex Otto genannt und besagte,
"daß Frauen von der Führung von Redaktionen ausgeschlossen
sind und sich nicht einmal als unverantwortliche Nebenpersonen bei
der Redaktion mit beteiligen dürfen" (Gerhard, 1990, S. 37).
Mit diesem Gesetz wurde den Frauen ein weiteres Mal das "Recht auf
Arbeit" und freie Meinungsäußerung entzogen.
Seit 1848 arbeitete Louise Otto kontinuierlich an der Organisation
von erwerbstätigen Frauen, sie regte die Gründung von
Frauenbildungs- und Fachvereinen an. Im Frühjahr 1865
gründete sie zusammen mit Auguste Schmidt den "Leipziger
Frauenbildungsverein", aus dem anläßlich der von ihr
einberufenen ersten deutschen Frauenkonferenz im Oktober 1865 der
Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) hervorging.
Aber nun einen Sprung zum Jahre 1865, in dem die erste Deutsche
Frauenkonferenz und die Gründung des Allgemeinen Deutschen
Frauenverbandes stattfand. Ab diesem Jahr wurde die
Auseinandersetzung mit der Frauenfrage - in Zusammenhang mit
wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen - in steigendem
Maße ein entscheidender Faktor im gesellschaftlichen Leben und
erreichte im Hinblick auf Agitation und Organisation um die
Jahrhundertwende (1890-1908) einen Höhepunkt.
In der Nachfolge des ADF entstanden sehr viele Frauenvereine, die
sich einzelnen Strömungen der Frauenbewegung zuordnen lassen:
grob unterschieden dem sogenannten bürgerlichen Flügel und
dem sogenannten radikalen Flügel der bürgerlichen
Frauenbewegung.
Es ist an dieser Stelle nicht möglich, die unterschiedlichen
Richtungen, Entwicklungen, Bündnisse und Oppositionen
innerhalb der organisierten Frauenbewegung aufzuzeigen. Wenn ich
Ihnen nur einige wichtige Repräsentantinnen der
unterschiedlichen Strömungen in der Frauenbewegung kurz
vorstelle, muß ich mich mit einigen charakterisierenden
Bemerkungen begnügen.
Als Hauptvertreterinnen des gemäßigten Flügels der
bürgerlichen Frauenbewegung sind vor allem Helene Lange und
Gertrud Bäumer zu benennen, die beide in den Jahren 1901-1906
das fünfbändige "Handbuch der Frauenbewegung" herausgaben.
Es ist erstaunlich, wie gut dokumentiert - wenn auch mit subjektiver
Färbung - die Geschichte der Frauenbewegung in diesem Werk
damals schon ist - und bemerkenswert, daß dieses Handbuch erst
vor einigen Jahren eine Neuauflage fand (sie ist übrigens
inzwischen vergriffen); in der traditionellen Literatur- wie
Geistesgeschichte bleibt es unerwähnt.
Die Vertreterinnen des gemäßigten Flügels setzten
sich vor allem für das Recht auf Bildung und Ausbildung und das
Recht auf selbständige Erwerbstätigkeit von Frauen ein.
Das Stimmrecht war für sie ein langfristiges Ziel, das sich die
Frauen erst "verdienen" müßten. Sie gingen
grundsätzlich - und damit unterschieden sie sich vom radikalen
Flügel - von einem biologisch begründeten
geschlechtsspezifischen Unterschied zwischen Männern und
Frauen aus. Sie betonten die Eigenart der weiblichen Natur. Die
Entfaltung ihrer besonderen weiblichen Fähigkeiten in der
bewußten Mutterschaft und für noch nicht verheiratete bzw.
unverheiratete Frauen in einer Art geistigen Mutterschaft
(Lehrerinnenberuf) sahen sie als besonderen Beitrag der Frau zur
Kultur.
Die Vertreterinnen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung gingen um Gegensatz zu dem gemäßigten Flügel von einem grundlegenden Recht auf Gleichheit zwischen Mann und Frau aus, das bedeutet: Zugang der Frauen zu allen Ausbildungsinstitutionen (auch Universität!) und Berufen, die auch Männern offenstanden, Frauenstimmrecht und Recht auf Selbstbestimmung (z. B. § 218). Im Gegensatz zum gemäßigten Flügel vertraten sie ihre Ansprüche völlig offensiv als ihnen von Natur aus zustehende Rechte. Sie waren sich darüber im Klaren, daß sie diese Rechte nur aufgrund von politischen Einfluß- und Entscheidungsmöglichkeiten durchsetzen konnten. Deshalb betätigte sich die radikale Frauenbewegung von Anfang an politisch.
Ihre Forderungen haben für die Frauenprobleme heute noch weitaus mehr Gültigkeit und wecken mehr Interesse als viele Äußerungen von Vertreterinnen des gemäßigten Flügels, obwohl auch die gemäßigten Stimmen wichtig waren für ihre Zeit und durchaus historischen Stellenwert besitzen.
Vor allem Helene Lange (1848-1930), eine der wichtigsten Theoretikerinnen und Führerinnen des gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, sah in der "spezifischen weiblichen Wesensart" eine Chance für die Kulturentwicklung und kämpfte um die Verbesserung der Lage der Lehrerinnen. Sie war selbst seit 1876 an einer Privatschule für Mädchen angestellt und verfügte so über genügend praktische Erfahrung, um die minderwertigen Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und die beschränkten Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten für Lehrerinnen richtig einzuschätzen. Starke Empörung unter den Lehrern wie in der Preußischen Schulbehörde erregte sie mit der unter der Bezeichnung "Gelbe Broschüre" bekanntgewordenen Broschüre "Die höhere Mädchenbildung und ihre Bestimmung" (vgl. Gerhard, 1990. S. 63f). Sie war 1887 von ihr verfaßt und einer Petition an das preußische Unterrichtsministerium um Änderung der Lehrerinnen- und Mädchenbildung beigelegt worden. In dieser Broschüre griff sie vor allem die Weimarer Denkschrift deutscher Mädchenschulpädagogen an, in der diese das Ziel der Mädchenbildung nur darin sähen, "daß der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häuslichen Herd gelangweilt werde und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde" (Weiland, 1983, S. 167). Sie plädierte für eine gleichwertige Ausbildung von Mädchen, die auch in den höheren Klassen von weiblichen Lehrkräften unterrichtet und geleitet werden sollten in den Bereichen, in denen die Frau eine spezifische Fähigkeit aufweise, nämlich "die Pflege der edlen Eigenschaften, die Menschen zu Menschen machen: Sittlichkeit, Liebe, Gottesfurcht ... Frauen sollen im Kind die Welt des Gemüts anbauen, sollen es lehren, die Dinge in ihrem rechten Wert zu erkennen ... sollen es aber auch denken und handeln lernen" (Frederiksen, 1981). 1890 gründete Helene Lange den "Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein", dem sie jahrelang ihr Hauptinteresse widmete und der unter ihrer Leitung zwischen 1890-1897 auf 10.000 Mitglieder anstieg. Ein weiterer Verdienst Helene Langes war die Herausgabe der Zeitschrift "Die Frau", die 1893 zum ersten Mal erschien und neben der einige Jahre später erschienenen radikaleren Zeitschrift "Die Frauenbewegung" zum wichtigsten Organ der bürgerlichen Bewegung wurde. Ab 1898 arbeitete Helene Lange eng mit der um 25 Jahre jüngeren Gertrud Bäumer (1873-1954) zusammen. Die entstehende Freundschaft zwischen beiden war für beide menschlich wie beruflich von großer Bedeutung.
Am Rande möchte ich noch erwähnen, daß für Lehrerinnen bis 1919 die Zölibatsklausel galt: keine Frau durfte verheiratet sein, oder sie schied mit der Heirat aus ihrem Beamtenrechten aus - für Männer galt diese Klausel nicht! (Weiland, 1983, S. 299ff)
Hedwig Dohm
(1833-1919), die nie der aktiven Frauenbewegung
zugehörte, aber durch ihr kompromißloses und kritisches
Denken dem radikalen Flügel zuzurechnen ist, forderte schon
1873 das Frauenstimmrecht!
Nach einer unglücklichen Kindheit in einer
gutbürgerlichen Fabrikantenfamilie, die durch Mangel an
geistiger Anregung geprägt war, wurde Hedwig Dohm von den
Ereignissen der 48er Revolution in ihrer Einstellung zu Gesellschaft
und Politik entscheidend geprägt. Früh heiratete sie Ernst
Dohm, den Chefredakteur des bekannten humoristischsatirischen
Wochenblattes "Kladderadatsch" und widmete sich trotz ihrer 4 Kinder
- ein Sohn verstarb früh , ihrer geistigen Bildung. Aber erst
mit 40 Jahren entwickelte sie sich zu einer der radikalsten
Kämpferinnen für die Rechte der deutschen Frauen und blieb
bis in hohe Alter in dieser Sache engagiert. Sie verstand es
meisterhaft, die geheiligten Institutionen des preußischen
Männerstaates und ihre Vertreter in ihrer ideologischen
Gebundenheit zu entlarven: die protestantischen Pastoren zuerst
("Was die Pastoren von Frauen denken", 1872), dann die deutschen
Philosophen und die Frauenärzte, d.h. alle, die die
Minderwertigkeit der Frau wissenschaftlich begründen wollten.
Allerdings griff sie auch jene Frauen an, die sich immer wieder
bereit fanden, sich völlig den Männern unterzuordnen.
In "Der Frauen Natur und Recht" (1876) forderte Hedwig Dohm das
Frauenstimmrecht als die ihrer Ansicht nach notwendige politische
Voraussetzung für darauffolgende Schul, Familien- und
Arbeitsreformen. "Sie schlußfolgerte: Solange es heißt:
Der Mann will und die Frau soll, leben wir nicht in einem Rechts,
sondern in einem Gewaltstaat", denn "Menschenrechte haben kein
Geschlecht" (Dohm, 1986, S. 162 bzw. 185). Ebenso wichtig wie der
Inhalt ihrer frauenpolitischen Forderungen war die Art, wie sie von
Hedwig Dohm vorgebracht wurden. In einer Mischform aus gekonntem
Spott, zwingender Analyse und konkreten Schlußfolgerungen
versuchte sie, die Frauenfrage ins Zentrum der öffentlichen
Diskussion zu stellen. In ihrer Schrift "Die wissenschaftliche
Emanzipation der Frau" (1874) sinniert sie über die
gesellschaftlichen Ursachen der bildungsmäßigen
Benachteiligung der Frauen und ihre Auswirkungen. Sie setzt sich
für die Schaffung von Einheitsschulen und das Prinzip der
Koedukation ein. Sie fordert die Zulassung der Frauen zum Studium,
vor allem zum Medizinstudium.
Man(n)/Frau mache sich bewußt: 1346 wurde die erste deutsche
Universität gegründet. Aber erst 1901 in Heidelberg, 1908
in Preußen durften die ersten deutschen Frauen die
Universität besuchen! Das heißt fast 600 Jahre deutsche
Universitätsgeschichte ohne Frauen!
In der "Jesuitismus im Hausstande" (1874) forderte Hedwig Dohm
gleiche Berufsmöglichkeiten für die Frauen nach
abgeschlossener Ausbildung und gleiche Bezahlung für gleiche
Arbeit. Sie wandte sich gegen die Auffassung des
gemäßigten Flügels, daß nur unverheiratete
Frauen einen Beruf ergreifen sollten. Sie war der Ansicht, daß
eine berufstätige Frau ihre Hausfrauenpflichten keineswegs aus
Zeitmangel vernachlässigen müßte, wenn sie ihre Zeit
nur richtig nütze und über Intelligenz und Charakter
verfüge. Sie plädierte ebenso für die Verbindung von
Mutterrolle und Berufstätigkeit und die Rückkehr der Frauen
in den Beruf, damit sich Frauen eine eigene Identität bewahren
können (Brinker-Gabler, 1979, S. 244f). Hedwig Dohm geht bei
ihren Überlegungen davon aus, daß durch den wachsenden
Fortschritt auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Technik
der Haushalt rationalisiert werden könne. Sie sah zeitsparende
technische Einrichtungen wie Waschmaschine, gemeinsame
öffentliche Küchen und Kindergärten voraus und
schlug außerdem eine Veränderung in der traditionellen
Rollenverteilung der Familie vor, indem sie die Väter zur
Teilnahme an der Kindererziehung aufrief. Für die
Jahrhundertwende eine beachtliche Forderung, finden Sie nicht?
Hedwig Dohm kritisierte auch die ungerechte Behandlung der
proletarischen Frauen, im Vergleich zu den männlichen
Arbeitern. Sie würden in Beruf und Familie doppelt ausgenutzt,
müßten im Gegensatz zu den bürgerlichen Frauen
schwerste körperliche Arbeit verrichten und oft bis zu 20
Stunden unter primitivsten Umständen arbeiten, wobei auf ihre
"schwache Konstitution", Krankheit, Schwangerschaft usw. keine
Rücksicht genommen würde.
In "Die alte Frau" (1903) befaßte sich Hedwig Dohm auch mit
der Rolle der Frauen im Alter, die ihre gesellschaftliche Funktion
als Kindergebährerin erfüllt hat und jetzt als
gesellschaftlich nutzlos behandelt wird. Sie lebte selbst bis ins
hohe Alter nach einem Grundsatz, mit dem sie auch anderen alten
Frauen Kraft geben wollte. "Höre, alte Frau, was eine andere
alte Frau zu Dir sagt:" Stemme Dich an! Habe Mut zum Leben, wenn Du
nur noch einen einzigen Tag lebst, hast Du eine Zukunft vor Dir!" ...
Werde alt für die anderen, nicht für Dich."
(Brinker-Gabler, 1978, S. 218)
Auch in zahlreichen literarischen Schriften, Romanen und Novellen
gab Hedwig Dohm ihren emanzipatorischen Ideen und Forderungen
Ausdruck. Zu ihrem Lebensende setzte sie sich noch aktiv gegen Krieg
und Militarismus ein. Uns bleibt zu rätseln, warum ihre Enkelin
Katja Mann die bahnbrechenden kämpferischen Leistungen ihrer
Großmutter so wenig zu schätzen wußte.
Anita Augspurg (1817-1843) und Lida Gustava Heymann (1886-1943) waren ein Freundinnenpaar, das ebenfalls dem radikalen Flügel der Frauenbewegung zuzurechnen ist. Der gemeinsame Kampf für das Frauenstimmrecht und gegen die Reglementierung der Prostitution führte sie zusammen und sie lebten mehr als 40 Jahre in einer Arbeits- und Lebensgemeinschaft. Sie setzten sich auch für die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper ein und gehörten aktiv der internationalen Frauenfriedensbewegung an. 1902 gründeten sie den 1. Frauenstimmrechtsverein in Deutschland.
Anita Augspurg hatte einen Familienhintergrund, der typisch ist
für viele der bisher genannten Frauen: ihre Familie ist dem
gehobenen Bürgertum zuzurechnen, ihr Vater achtete auf einen
bestimmten Bildungshintergrund seiner Tochter. Eine
fortführende Schulausbildung und Studium wurden jedoch nicht
in Erwägung gezogen, bzw. verweigert. Zunächst arbeitete
Anita im väterlichen Anwaltsbüro, dann entschloß sie
sich, Lehrerin zu werden - eine Berufswahl, die wir bei vielen
frauenbewegten Frauen feststellen können. Die Erklärung
ist leicht: Lehrerin zu werden war für sie die einzige
anspruchsvollere, gesellschaftlich zulässige Möglichkeit,
den engen Rahmen des Elternhauses zu verlassen und einer
Berufsausbildung nachzugehen!
Doch Anitas eigentliches Interesse galt der Bühne, und nach
bestandenem Lehrerinnenexamen widmete sie sich eine Zeitlang der
Schauspielkunst. Auf Dauer befriedigte sie diese Tätigkeit
nicht und nach und nach wandte sie sich immer intensiver der
Frauenbewegung und deren Fragestellungen zu. Ihr Interesse galt vor
allem der Diskussion um das Bürgerliche Gesetzbuch. Sie
erkannte, daß es Frauen an der nötigen Ausbildung im
Zivil- und Staatsrecht fehlte, und daß ohne diese kein
wirklicher Fortschritt erzielt werden könnte. Sie
entschloß sich zum Jurastudium und ging 1893 an die
Universität Zürich, weil Frauen in Deutschland das Studium
noch versagt wurde. Nach ihrem Examen kehrte sie nach Deutschland
zurück, wo sie sich vor allem der Gleichstellung der Frauen im
Neuen Bürgerlichen Gesetzbuch widmete und einen Verein
gründete, um Frauen über ihre rechtliche Lage
Aufklärung zu geben.
Lida Gustava Heymann stammte ebenfalls aus einem
großbürgerlichen Elternhaus. Ihr reiches Erbe setzte sie
für Fraueninteressen ein. In Hamburg gründete sie 1897 das
erste feministische Frauenzentrum, mit Mittagstisch für
Arbeiterinnen, Badeeinrichtungen und Beratungsstelle.
Die Lebensgeschichte der beiden und die Geschichte ihres
frauenpolitischen Engagements wurde von Gustava Heymann in ihren
Lebenserinnerungen "Erlebtes, Erschautes, Deutsche Frauen
kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden" aus dem
Gedächtnis niedergeschrieben, nachdem die Nationalsozialisten
ihr beachtliches Frauenarchiv vernichtet hatten.
Die Vertreterinnen des konfessionellen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, die in ihrem sozialpolitischen Engagement dem gemäßigten Flügel verhaftet blieben, fanden weniger durch ihre theoretischen Schriften als durch ihr sozialpraktisches Engagement Wirkungsfeld und Anerkennung. Hinweisen möchte ich auf Paula Müller (1865-1946), eine der bedeutendsten Vertreterinnen der evangelischen Frauenbewegung. Sie war 1901-1934 Vorsitzende des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes, engagierte sich innerhalb der Sittlichkeitsbewegung und setzte sich für das kirchliche Stimmrecht ein.
Nun aber noch einige Bemerkungen zur proletarischen Frauenbewegung. Im Gegensatz zu den Frauenbewegungen in England und den USA kam es in Deutschland nach der Gründung des Bundes Deutscher Frauenvereine (1894), der keine Arbeiterinnenvereine aufnahm, offen zum Bruch zwischen den bürgerlichen und den proletarischen Frauen. Grundsätzlich ideologische Gegensätze hatten sie schon lange vorher voneinander getrennt. Während die Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung - bei allen Unterschieden in Priorität der Ziele und methodischem Vorgehen - von der Möglichkeit einer allmählichen Reformierung der Stellung der Frau innerhalb der bestehenden Gesellschaftsstruktur ausgingen, sahen die Vertreterinnen der proletarischen Frauenbewegung die Möglichkeit einer Veränderung nur durch die totale Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft. Für sie lag die Ursache für die gesellschaftlichen und politischen Mißstände in dem Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sie gingen davon aus, daß sich die Frauenfrage als Nebenwiderspruch mit der Lösung des Hauptwiderspruches, d.h. der Herstellung der sozialistischen Gesellschaft, lösen würde. Sie betrachteten daher das Wirkungsfeld ihrer politischen Arbeit innerhalb der sozialdemokratischen Partei. Auch wenn diese Ansicht innerhalb der proletarischen Frauenbewegung und der sozialdemokratischen Partei nicht ungebrochen und von allen geteilt wurde und es im Laufe der Jahre bei den Protagonistinnen wie Clara Zetkin zu einer Veränderung der Einschätzung in dieser Frage kam, ist diese Grundhaltung kennzeichnend für die proletarische Frauenbewegung.
Es ist einen Vortrag für sich wert, die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung in ihrem Verhältnis zu den Gewerkschaften und der bürgerlichen Frauenbewegung aufzuzeigen.
Im Zeitraum von 1880-1915 sind zahlreiche Gründungen von
Frauenvereinen zu vermerken. Besonders in Großstädten
entstanden oft - von bürgerlichen Frauen initiierte -
Arbeiterinnenvereine, vor allem Handarbeiterinnen-Vereine, da viele
Frauen in Heimarbeit, Manufaktur oder Fabrik sogenannte "weibliche
Handarbeiten" im weitesten Sinn ausführten. Nach
anfänglicher Beschränkung auf den Bildungsbereich
verfolgten die Arbeiterinnenvereine, die sich zunehmend der
Führung bürgerlicher Frauen entzogen, politische Ziele, was
das Vereinsgesetz von 1850 den Frauen ausdrücklich verbot.
Über ein halbes Jahrhundert erschwerte das Preußische
Vereinsgesetz die Organisation der Frauen im Kampf um ihre Rechte.
Den Vereinen "welche bezwecken, politische Gegenstände in
Versammlungen zu erörtern" war nicht erlaubt: "Frauenpersonen,
Schüler und Lehrlinge als Mitglieder aufzunehmen ...
Frauenpersonen, Schüler und Lehrlinge dürfen den
Versammlungen und Sitzungen solcher politischen (Vereine) nicht
beiwohnen ... werden dieselben auf die Aufforderung der anwesenden
Abgeordneten der Obrigkeit nicht entfernt, so ist der Grund zur
Auflösung der Versammlung oder Sitzung vorhanden." (Weiland,
1983, S. 211ff)
Jeder Verein, der "politische Gegenstände" diskutierte, war
somit ein politischer. Frauenvereine wurden im Falle einer
politischen Aktivität aufgelöst, wobei schon Themen wie
gesetzlich eingeführte Pockenimpfung, Schulfragen, Rechtsschutz
usw. als politisch betrachtet wurden. Während das Verbot der
Herausgabe von Zeitschriften durch Frauen - ich erinnere an das Lex
Otto - in den 60er Jahren wieder aufgehoben wurde und es in der
Folge eine Fülle von Frauenzeitschriften gab als Organe der
verschiedenen Frauenvereine oder Strömungen der
Frauenbewegung, galt das Vereinsgesetz bis 1908! Das heißt,
Frauen wurden 58 Jahre lang systematisch von der Teilnahme am
politischen Leben ausgeschlossen! Trotzdem versuchten Frauen immer
wieder an allen Orten und in allen Arbeitsbereichen, durch
Vereinsgründungen einen Rahmen zu finden, sich mit Frauen
zusammenzutun, ihre Interessen zu artikulieren und sich für
diese Interessen einzusetzen. Wurde ein Verein verboten, was
besonders bei den Arbeiterinnen- und sozialistischen Vereinen oft
geschah, so gründeten sie in anderer Form meist einen neuen -
was die große Anzahl relativ kurzlebiger Frauenvereine in
dieser Zeit erklärt.
An dieser Stelle sollen nur kurz die Frauen hervorgehoben werden, die die proletarische Frauenbewegung in ihrer geistigen Entwicklung entscheidend beeinflußt haben: Clara Zetkin (1857-1933), Rosa Luxemburg (1871-1919) und Lily Braun.
Mein Vortrag konzentrierte sich auf die Zeit des 19. Jahrhunderts.
Es wäre sicher interessant, ihn für das 20. Jahrhundert
fortzusetzen. Auch beschränkte er sich auf Frauen, die in der
Frauenbewegung aktiv waren. Aber um doch ein wenig hinzuweisen auf
das, was die Frauenforschung in den letzten 10 Jahren mit Fleiß
und großem Gespür für Details und Zusammenhänge
herausgefunden hat, möchte ich wenigstens mit der Literaturliste
auf Werke verweisen, die über Frauen über die
Jahrhundertwende hinweg Auskünfte geben - Werke über
Frauen, die wirksam wurden, ohne daß ihr Wirken anerkannt oder
öffentlich genannt worden wäre: Malerinnen,
Komponistinnen, Literatinnen, Musikerinnen, Frauen in Politik und
Wissenschaft, usw. Ihre Werke wurden oft unterdrückt oder unter
dem Namen ihres Mannes herausgegeben, oder unter männlichen
Pseudonymen - im "Lexikon Deutscher Frauen der Feder" finden wir ein
solches Verzeichnis von Frauen, die, um nicht ihre persönliche
Anerkennung in ihrer gesellschaftlichen Umgebung zu verlieren, unter
männlichem Pseudonym publizierten. Die Frauenforschung
befaßt sich aber auch mit Frauen, die als Frauen oder
Schwestern großer Männer die Karriere ihrer Männer
oder Brüder begleiteten, selbst jedoch in ihren kreativen
Möglichkeiten unbeachtet blieben, obwohl sie - wie Cornelia
Goethe - in ihrer Jugend durchaus beachtenswerte Talente zeigten.
Daß wir Frauen heute den Mut finden, uns mit unserer eigenen
Geschichte auseinanderzusetzen und uns einzusetzen für uns und
unsere Interessen, wie die der Frauen in der Dritten Welt, mit der
notwendigen Ausdauer, Hartnäckigkeit, Toleranz und
Überzeugung in der Sache, auch bei Rückschlägen, und
daß wir Männer finden, die uns dabei unterstützen,
das wünsche ich mir und uns allen!
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Projektseite des ZAWiW: Frauen veränderten die Welt
Zu LiLL (Learning in Later Life)