„Ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde
gelebt."
geb. am 2. Juli 1865 in Halberstadt
gestorben am 8. August 1916 in Berlin
Die Schriftstellerin Lily Braun arbeitete für die „proletarische Frauenbewegung"
und war als prominenteste Vertreterin der Reformistinnen innerhalb der
SPD die bedeutendste Gegenspielerin von Klara Zetkin.
Lily Braun stammte aus einer alten adeligen Generalsfamilie. Sie führte
das luxeriöse Leben einer jungen Dame ihrer Klasse und hatte - da
sie schön war - beste Aussichten auf eine „gute Partie."
Zunehmend empfand sie jedoch die Leere ihres Daseins und erkannte im
Alter von 23 Jahren: „Ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal,
sondern werde gelebt."
Als der Vater 1890 beim Kaiser in Ungnade fiel und finanziell ruiniert
wurde, begriff sie, daß sie ihr Leben selbst bestimmen mußte.
Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie 1893 den an den Rollstuhl gefesselten
Nationalökonomen Georg von Gizycki, der ihrem Leben einen Sinn geben
konnte: Er war begeisterter Vertreter der „Gesellschaft für Ethische
Kultur", einer atheistischen Vereinigung, die auf die Befreiung der Gesellschaft
im Vertrauen auf das Gute im Menschen baute.
Gizycki, ein sogenannter „Kathedersozialist", machte Lily mit sozialistischen
Theorien vertraut, stellte ihr die führenden Männer der SPD vor
und brachte ihr die amerikanischen Frauenrechtlerinnen näher.
Zunächst engagierte sich Lily Braun in Minna Cauers Verein „Frauenwohl",
in dessen Vorstand sie gewählt wurde.
1895 hielt sie als erste deutsche Frauenrechtlerin eine Rede für
das Frauenstimmrecht.
Im gleichen Jahr starb ihr Mann. Kurz darauf trat sie in die SPD ein,
was den völligen Bruch mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld zur Folge
hatte.
Lily Braun versuchte unermüdlich, bürgerliche Frauenrechtlerinnen
mit den Ideen der Sozialdemokratie vertraut zu machen. Sie bestand darauf,
daß diese „bösen Bourgeois auch Menschen sind", und daß
der Sozialismus die Befreiung aller Menschen anstreben müsse.
Damit vertrat sie die Gegenposition zu Clara Zetkins Politik der „reinlichen
Scheidung", die jede Kooperation mit bürgerlichen Frauen grundsätzlich
ausschloss. Clara Zetkin befürchtete, daß die bürgerlichen
Frauenrechtlerinnen versuchen würden, die Arbeiterinnen für ihre
Sache zu gewinnen: für den Weg der Reformen und nicht für den
Klassenkampf. Clara Zekin und Lily Braun gerieten um die Jahrhundertwende
über diese Frage in einen offenen Kampf. In der Literatur wird der
Streit
auch als Machtkampf der zwei Frauen um den Führungsanspruch innerhalb
der Arbeiterinnenbewegung gedeutet. Clara Zetkin behielt dabei dei Oberhand.
Sie nahm ihrer Widersacherin die Mitherausgeberschaft der „Gleichheit"
ab und sorgte dafür, daß diese fortan nicht mehr in der Zeitschrift
publizieren konnte. Damit hatte Clara Zetkin die bedeutendste Sprecherin
des reformistischen Flügels der sozialdemokratischen Frauenbewegung
mundtot gemacht.
Lily Braun, die 1896 den revisionistischen SPD-Politiker Heinrich Braun
(1854-1927 geheiratet hatte, stieß als Aristokratin bei den Arbeiterinnen
ohnehin allenthalben auf Mißtrauen. Ihr Plan, in Berlin ein Informationsbüro
einzurichten, um gezielt für die Verbesserung der sozialen Lage der
Frauen arbeiten zu können, wurde verworfen. Sie war aber eine der
glänzendsten Rednerinnen derPartei.
1901 erschien ihr theoretisch wie schriftstellerisch
bedeutendes Buch: "Die Frauenfrage, ihre geschichtliche Entwicklung
und wirtschaftliche Seite". Es wurde ein Standardwerk, das noch heute aktuell
ist. Sie beschäftigt sich darin u.a. mit der Doppel- und Dreifachbelastung
der berufstätigen Frau , propagierte „die Herabsetzung der Arbeitszeit
auf das geringste Tagesmaß, um den Kindern nicht nur die Mutter,
sondern auch den Vater zurückzugeben.". Sie befürwortete ein
neues Konzept des Zusammenlebens: Bestimmte Häusergruppen sollten
eine gemeinsame Zentralküche unterhalten, um die berufstätige
Hausfrau vom Dilettantismus in der Küche zu befreien. Zu den Gemeinschaftseinrichtungen
gehörten auch Kinderspielplätze, wo von den Eltern angestellte
Erzieherinnen die Kinder betreuen sollten Während August Bebel (1840-1913)
das Buch äußerst positiv besprach, lieferte Clara Zetkin in
der „Gleichheit" einen völligen Verriss.
Die letzten Jahr ihres Lebens widmete sie ganz ihrer schriftstellerischen
Tätigkeit. Ihre „Memoiren einer Sozialistin", eine Mischung aus Liebesgeschichten,
Schilderung der feudalistischen Welt und politischen Bekenntnissen, wurde
ein Riesenerfolg. Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs sah sie im „Nationalen
Frauendienst" ihre Vorstellungen von einer klassenübergreifenden Zusammenarbeit
der Frauen verwirklicht. Im chauvinistischen Vaterlandsrausch machte sie
sich 1915 mit ihrer Schrift
„Die Frauen und der Krieg" zur Apologetin des Krieges.
Text: Mathilde Block 1999
Hermes Handlexikon - Geschichte der Frauenemanzipation
in Deutschland und Österreich von Daniela Weiland (Hrsg.) 1983
Primärliteratur:
Die Frauenfrage, ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche
Seite. 1901
Memoiren einer Sozialistin, 2 Bde. München 1909-1911
Sekundärliteratur:
J. Vogelstein: Lily Braun. Ein Lebensbild. 1922
D. Borkowski: Rebellin gegen Preußen. Das Leben der Lily Braun.
Ffm 1982
G. Gärtner: Lily Braun, eine Publizistin des Gefühls. Diss.
Hdlbg. 1935
M.Juchacz: Sie lebten für eine bessere Welt. Lebensbilder führender
Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts. Berlin/Hannover 1955
J. Stolten: „Lily Braun" in: H.J. Schultz (Hg.) Frauenporträts
aus 2 Jahrhunderten Stgt. 1981
Alfred G. Meyer: The Feminism and Socialism of Lily Braun, Indiana University
Press 1986
Ute Lischke-McNab: Lily Braun (1865-1916); German Writer, Feminist,
Socialist, Candom House, Incorporated1998
Bild: www.dhm.de

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