Geb. 02.01.1850 in Vechelde
gest. 12. 04.1917
Zitat: Vermittlerin zwischen den Klassen: "Wir sind nicht besser,
wir haben es nur besser als die Arbeiterin."
Als Tochter aus gehobenem Bürgertum erlebt Elisabeth Gnauck als jüngste von 3 Geschwistern
eine glückliche Kindheit. Mit 14 Jahren tritt sie bereits
in das königlich sächsische Lehrerinnenseminar ein, legte mit 17 Jahren
das Examen ab und arbeitet einige Jahre als Hauslehrerin im Ausland. Mit
25 Jahren gründet sie in Blankenburg (Harz), ihrem Heimatort, ein
Erziehungsinstitut für Mädchen, "Töchter höherer Stände."Dies ermöglichte
ihr, für diese Zeit , eine beachtliche berufliche Selbständigkeit. Sie
leitet das Heim bis zu ihrer Heirat im Jahr 1888.
Die Ehe mit dem
Nervenarzt Dr. Gnauck scheitert nach wenigen Monaten und wird nach einem
Jahr geschieden. Elisabeth Gnauck-Kühne zieht daraufhin nach Berlin und
wendet sich einem neuen Arbeits- und Forschungsgebiet zu.
Ab 1891 erwirbt
sie in einem der von
Helene Lange
eingerichteten Realkurse die
Voraussetzung zum wissenschaftlichen Studium. Das Studium selbst ist für
Frauen zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht möglich. Nachdem mehrere
Gesuche des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, Frauen zum Studium
zuzulassen, vom Reichstag abgelehnt worden sind, wendet sich Frau
Gnauck-Kühne 1891 mit der Streitschrift "Das Universitätsstudium der Frau"
an die Öffentlichkeit.
Ihr Ausgangspunkt ist die soziologische,
statistisch belegte Tatsache, dass es einen Überschuss an weiblicher
Bevölkerung gibt und auch noch weitere Gründe eine Eheschließung für viele
Frauen nicht möglich macht. "..die sozialen Tatsachen machen eine
allgemeine eheliche Versorgung unmöglich. Diese Tatsache ist hier Müttern
und Töchtern zu Gemüte geführt........
Wer sich über die Zukunft seiner
Töchter mit dieser unsicheren Aussicht beruhigt, gleicht in seinem
Leichtsinne dem, welcher sich über finanzielle Verpflichtungen mit der
Hoffnung auf das große Los tröstet". Ihr Stichwort heißt: Selbsthilfe.
Doch, so stellt sie klar, um sich selbst helfen zu koennen, müssen die
Voraussetzungen für die Frauen, in diesem Fall die Möglichkeit zum
Studium, geschaffen werden. Auf den Widerstand der Männer und ihren
Argumenten, dass die Frau nicht zu wissenschaftlichem Studium, sondern für
die Ehe, Kindererziehung und Haushaltung bestimmt sei, kontert sie
schlagfertig: "Erst wenn die Freunde dieses Hinweises auf die Ehe die
Verschiebung des numerischen Verhältnisses der Geschlechter zueinander
ausgleichen, indem sie eine Million heiratsfähiger und heiratswilliger
Männer aus dem Boden stampfen - erst dann würde ihr Einwand ernsthaft zu
nehmen sein, da dann erst jeder Frau die Möglichkeit gegeben sein würde,
statt des geforderten Brotes eigener Arbeit, den Kuchen ehelicher
Versorgung zu essen."
Elisabeth Gnauck-Kühne weist nach, dass das, was
irrtümlich für Natur gehalten wird, zum großen Teil nur Konvention ist.
Durch ihre Veröffentlichungen wird Prof. Schmoller, Nationalökonom und
Staatswissenschaftler in Berlin, auf sie aufmerksam. Prof. Schmoller
erteilt ihr Privatunterricht. Im Jahre 1895 erhält sie dann die
ministerielle Sondergenehmigung als erste Frau offiziell an seinen
Seminaren teilnehmen zu können.
Während ihres Studiums bei Schmoller stößt
sie auf ein weiteres Problem: Die Arbeiterinnenfrage. Von ihrem eigenen
bürgerlichen Status aus, war dies für sie eine fremde Welt. Das sollte
anders kommen. Sie besorgt sich im Jahr 1894 unter erheblichen
Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz in einer Berliner Kartonagenfabrik und
lernt somit ungeschönt die Wirklichkeit der Lebens- und Arbeitsbedingungen
der Arbeiterinnen kennen. Ein Zitat aus dieser Zeit: "Wir sind nicht
besser, wir haben es nur besser als die Arbeiterinnen." Die Frauenfrage
der sozial begünstigten Frauen führte sie zur Frauenfrage der
Arbeiterklasse. Es kommt zu Kontakten mit Arbeitern aus der
Sozialdemokratie, Gewerkschaftlern und Frauen aus der sozialistischen
Frauenbewegung. Sie hat Briefwechsel mit
Clara Zetkin
der Führerin der
proletarischen Frauen. Berührungsängste sind ihrer toleranten
Persönlichkeit fremd. 1895 setzt sie unter Protest einiger evangelischer
Theologen durch, in Erfutrt, beim Evangelisch-Sozialen Kongress über die
"Soziale Lage der Frau" zu referieren. Ein Zitat aus dieser
programmatischen Rede:"Wenn die Stärksten zur Stärkung ihrer Stärke
Kartelle schliessen und die Welt der Konsumenten unter sich teilen dürfen,
ist es nur eine Forderung der Gerechtigkeit, dass auch die wirtschaftlich
Schwachen zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen sich
zusammenschließen dürfen. Die wirtschaftlich schwächsten sind aber die
Arbeiterinnen: ihnen muß Organisationsfreiheit gegeben werden.
"Bei diesem
Kongress wird E.Gnauck-Kühnes Stellung zwischen den Klassen zum ersten Mal
öffentlich deutlich. Ihre programmatische Rede wird von vielen Mitgliedern
des Kongresses als epochemachendes Ereignis bezeichnet.
1900 tritt
Elisabeth Gnauck-Kühne zum katholischen Glauben über. Sie hat Kontakt mit
den Gründerinnen des Katholischen Frauenbundes und gibt bereits im
Gründungsjahr des KDFB 1903 Kurse für die Führungsfrauen im KDFB.
Elisabeth Gnauck-Kühne hat in ihren Schriften und Vorträgen bis zu ihrem
Tod 1917 sowohl die soziale Verpflichtung der bürgerlichen Frauen, als
auch die Probleme der Arbeiterinnen immer wieder thematisiert. Sie
verstand sich als Vermittlerin zwischen den Klassen. Darüber hinaus setzte
sie sich ein, "das Christentum mit Rechten und Pflichten in die Zukunft
eines neuen Staates einzubauen."
Text: Mathilde Block 2000
Sekundärliteratur:
Zeitgeschichte in Lebensbildern, Grünewaldverlag, Hg.: Aretz Morsex,
Rauscher
Bild: de.wikipedia.org

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