Aus Kindheit und früher Jugend:
Geboren wurde Madeleine Delbrêl 1904 in der kleinen südfranzösischen Stadt Mussidan.
Der Vater ein künstlerisch-schriftstellerisch begabter Mensch, konnte sich seinen Berufswunsch als Journalist zu arbeiten nicht erfüllen. Er wurde Eisenbahnbeamter. Sein schwierig-exzentrischer Charakter belastete das Familienleben. Die antiklerikal-liberale Lebenseinstellung prägte Madeleines Kindheit. Sie war zwar getauft, wurde aber schon in ihren ersten Lebensjahren stark durch die atheistischen Denkweisen der Freunde ihres Vaters beeinflußt.
Die Mutter kam aus gutbürgerlichem Hause und verkörperte auch die Tugenden dieser Bürgerschicht. Ihr Vater hatte eine kleine Fabrik.
Durch den Beruf des Vaters bedingt, wechselte Madeleine mit ihren Eltern bis zum 9. Lebensjahr 9 mal den Wohnsitz. Weil dadurch ein regelmäßiger Schulbesuch nicht möglich war, erhielt sie Privatunterricht.
Sie litt sehr darunter, nirgends heimisch zu sein und fühlte sich ausgegrenzt von freundschaftlichen Bindungen.
Dadurch wurde der Tod für sie schon in jungen Jahren ein bedrängendes Thema. Der erste Weltkrieg erschütterte sie in tiefster Seele.
Schon bald zeigte sich bei Madeleine eine hohe Begabung in schriftstellerischer Hinsicht Auch ihre künstlerischen Neigungen zu Musik und Malen waren ganz offensichtlich.
Mit 16 Jahren bezeichnet sie sich als überzeugte Atheistin.
Mit 17 Jahren verfasst sie einen Text, der zeigt, dass sie für sich die Konsequenzen für ein Leben ohne Gott gezogen hat:
"Gott ist tot. - es lebe der Tod". Mit der ganzen Intensität ihres Temperamentes stürzt sie sich nach dieser Erkenntnis in den Trubel der Welt und genießt mit ihren Freundinnen!
Sie lässt sich als eine der ersten jungen Frauen die Haare kurz schneiden und trägt selbst entworfene Kleider, die ihre Umgebung schockieren.
Zu dieser Zeit studierte sie bereits an der Sorbonne Philosophie und Kunst. Sie verfasste Gedichte und illustrierte Gedichte ihres Vaters.
Erster Wandel:
Madeleine lernt einen jungen Mann kennen und lieben: Jean Maydieu.
An ihrem 19. Geburtstag wird ihre Verlobung bekannt gegeben. Doch dann trifft sie ein harter Schicksalsschlag:
Jean Maydieu verlässt sie und tritt in das Noviziat der Dominikaner ein.
Madeleine erkrankt schwer und in ihrem Innern macht sich eine tiefe Bitterkeit und Schwermut breit.
In dieser Zeit begegnen ihr Christen, die ihr einen neuen Lebenssinn erschließen. Sie kann sich dem Lebenszeugnis dieser Menschen nicht entziehen. In der Konsequenz ihrer Veranlagung konnte sie Gott nicht mehr verleugnen Sie begann zu beten
Zweiter Wandel:
Das Jahr 1924 nennt sie das Jahr ihrer Bekehrung (Konvertierung).
Sie lebt in dieser Zeit mit ihrem inzwischen erblindeten Vater nicht in Paris und getrennt von der Mutter.
1926 kehren die beiden nach Paris zurück.
Madeleine nimmt zunächst wieder ihr Studium auf. Sie integriert sich in das Leben einer katholischen Pfarrgemeinde.
Zunächst trägt sie sich mit dem Gedanken ein Leben der Meditation im Karmel zu führen. Doch sie erkennt, dass Gott sie bei den Menschen ohne trennende Mauern haben will.
Sie gibt ihr Studium auf, wird Führerin der Pfadfindergruppe und macht die Ausbildung zur Sozialpädagogin.
Von nun an führt sie ein Leben mit und für die Arbeiter. Die Not dieser Menschen wird ihr Schicksal.
Soziales Engagement, konkrete Nächstenliebe
Mit einigen gleichgesinnten Frauen gründet sie eine kleine Gemeinschaft.
1933 zieht sie mit zwei Gefährtinnen nach Ivry, einer kleinen Arbeiterstadt. Es ist die erste Stadt, die von Kommunisten regiert wird. Madeleine findet guten Kontakt zu den Verantwortlichen. Sie ist begeistert von deren Einsatz für die Arbeiter, um deren hartes, entbehrungsreiches Leben zu ändern. Sie spielt mit dem Gedanken in die kommunistische Partei einzutreten.
Doch die Erkenntnis, dass die Komunisten neben der Liebe zu den Arbeitern Haß gegen Andersdenkende säen, hält sie davon ab.
Sie unterstützt deren Bewegung "Ausgestreckter Arm" und gerät dadurch in die Kritik der Amtskirche und der Traditionskatholiken, die sich von den Arbeitern abschotten. Es wird ihr sogar beim Gottesdienst die Kommunion verweigert.
Mit der Kirche, aber auch gegen den Strom
Als die Arbeiterpriester ihre Tätigkeit aufnehmen, unterstützt sie diese Bewegung aus vollem Herzen.
Sie entschließt sich, mit ihren Gefährtinnen kleine Gemeinschaften zu gründen ohne feste Gelübde, aber gegründet auf die evangelischen Räte.
Das Misstrauen der Amtskirche schwindet langsam.
Charakteristisch für die totale Verwirklichung ihrer Nächstenliebe ist "Das Offene Haus". Niemand wurde jemals von ihrer Tür gewiesen. In der Folge wird Madeleine von Bischöfen um Rat angegangen. Sie wird zur Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils herangezogen.
1964 stirbt Madeleine Delbrêl ganz plötzlich an einer Gehirnblutung. Ihre Weggefährtinnen finden sie tot am Boden neben ihrem Schreibtisch.
Inzwischen gibt es erste Bemühungen um einen Seligsprechungsprozeß in der katholischen Kirche.
Ausdruck der Betroffenheit in einem der Gedichte Madeleine Delbrêls:
"
Grau von der Nacht, vom Benzin und von den vielen Jahren,
ist diese Straße, auf der wir gehen, meine Schwester!
Von Eurem Gesicht seh' ich nichts
als das Kinn, das hart geworden vom Schmerz,
ein paar Strähnen veblichener Haare, trocken und wirr
und ein Stückchen verwelkter Haut
mit den Spuren unzähl'ger Tränen, meine Schwester."
Text: Hildegard Keller Dezember 2004
Annette Schleinzer: Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe, Schwabenverlag 1994
Texte, Gedichte, Gebete: Gott einen Ort sichern
Herausgegeben von Annette Schleinzer, Schwabenverlag 2002
Übersetzung von Mathilde Wiemann: Ein Leben unter Menschen, die Christus nicht kennen, Verlag Neue Stadt 1986
Übersetzung von Mathilde Wiemann: Mdeleine Debrêl, Mystikerin der Straße, Verlag Neue Stadt 1996
Übersetzung von Katja Boehme: Leben gegen den Strom. Anstöße einer konsequenten Christin, Herder-Verlag 1992
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