Stefan Schwob, Jg. 1930



So erlebte ich meine Jugendzeit und die Jahre 1941 - 1954


In Mrzovic im Kreis Djakovo in Kroatien bin ich am 08. November 1930 geboren. Mindestens fünfmal war ich in akuter Lebensgefahr: Als eine Hundertschaft Partisanen drei junge kroatische Heimwehr - Soldaten erschossen; als ich als Deutscher in die Vernichtungslager nach dem zweiten Weltkrieg gebracht wurde und durch Hunger sterben sollte; als ich mit anderen Buben im Vernichtungslager Krndija an die Wand gestellt wurde um erschossen zu werden; als mein Cousin und ich nach einer Betteltour ins Lager Krndija zurück schleichen wollten und die Posten in unsere Richtung schossen; als mich ein Partisanenkämpfer durch ein Küchenfenster erschießen wollte, welches eine mutige Kroatin verhinderte.

Als wichtigste Zäsur in meinem Leben sehe ich die Sprache: durch das Heranwachsen in deutscher und serbokroatischer Sprache bis Oktober 1944, als Evakuierter bis Mitte Mai 1945 in der Steiermark die Verwendung der deutschen Sprache, ab Mitte Mai 1945 dann nur noch die serbokroatische Sprache, die zugleich für mich auch die Dienstsprache war.

Ein weiterer Einschnitt in meinem Leben war die zweijährige Militärdienstzeit in der jugoslawischen Volksarmee (JNA) vom 20. Oktober 1950 bis 20. Oktober 1952.

Am 23. August 1954 trafen meine Eltern, die Geschwister und ich in der Bundesrepublik Deutschland, im Grenzdurchgangslager Piding bei Freilassing ein. Von da an galt für mich nur noch die deutsche Sprache.

An den 06. April 1941, es war Palmsonntag, kann ich mich noch sehr genau erinnern. An diesem Tag begann für Jugoslawien der 2. Weltkrieg. Damals war ich 11 Jahre alt. Die deutschen Bomber flogen über Kroatien in Richtung Belgrad, um die Hauptstadt zu bombardieren. Bei diesem Bombardement gab es 17.000 Tote. Unter diesen Toten befand sich auch ein Mann aus meinem Heimatort. Dieser Tag ist bei mir so gut in Erinnerung geblieben, weil ich zum erstenmal Flugzeuge am Himmel sah und auch deshalb, weil sich die ganze Familie an diesem herrlichen Frühlingsmorgen für den Kirchgang vorbereitete. Die nächsten Tage waren von Chaos gekennzeichnet. Das jugoslawische Heer, welches beim Einmarsch der Wehrmacht keinen Widerstand geleistet hatte, wurde versprengt. Die Soldaten blieben aber bewaffnet und gingen auf dem schnellsten Weg nach Hause. Am nächsten Tag wurde uns in der Schule mitgeteilt, daß König Peter II. Karadjordjevic (17 Jahre alt), mit Mutter und Geschwistern in einem Flugzeug nach England geflohen sind. Wir bekamen schulfrei und konnten so der Wehrmacht am Straßenrand mit Fähnchen zuwinken. Es war eine nie enden wollende Kolonne von Panzereinheiten, Infanterie auf Lastwagen, Motorradeinheiten, Fahrradeinheiten und am Schluß kam die Artillerie, wobei die schweren Kanonen von Pferden gezogen wurden. Sie besetzten nicht nur Jugoslawien, sondern zogen über Serbien nach Griechenland. Kroatien wurde von Führers Gnaden ein unabhängiger Staat, als Präsident wurde Dr. Ante Pavelic eingesetzt. Als militärische Einheit wurde eine Heimwehr (Domobrani) und die Ustascha mit schwarzen Uniformen organisiert. Für uns Schüler wurde das sichtbar, die Bilder der Königsfamilie wurden abgehängt und durch das Bild von Poglavnik ersetzt. Auch die Kroatische Nationalhymne wurde mit uns eingeübt. Mein früherer Heimatort hatte ca. 1100 Einwohner, davon ca. 600 deutsche Bewohner, sowie zwei serbische, drei ungarische und eine jüdische Familie, der Rest waren Kroaten. Man lebte mit anderen Nationalitäten in gutem Einvernehmen und respektierte sich gegenseitig. Die Kroaten und die Deutschen verband auch noch der gemeinsame römisch–katholische Glaube, so stand einem guten Nebeneinander nichts im Wege. Nach und nach hat sich viel in meinem Heimatort und im Land geändert. Die Volksdeutschen oder Schwaben, so hat man uns genannt, bekamen mehr Rechte als im Königreich Jugoslawien. So organisierten sich die Erwachsenen im Schwäbisch–Deutschen Kulturbund. Mit meinen Mitschülern war auch ich bei den Pimpfen, die Uniform hat mir gut gefallen, kurze schwarze Samthose, braunes Hemd mit Tuch und Lederknoten und ein schwarzes Schiffchen. Beim ersten gemeinsamen Kirchgang sind wir im Gleichschritt bis vor den Altar marschiert und haben auf der Stelle weiter getreten, solange bis uns der Mesner ein Zeichen gab, aufzuhören. Sonntags an den Nachmittagen haben wir auf den Feldern Krieg gespielt.

Im Jahre 1942 gab es bereits Partisanenüberfälle. Es wurden auch einige junge Männer als Freiwillige zur Waffen SS eingezogen. Nach den Gesetzen des Dritten Reiches konnten die Volksdeutschen nicht zum Wehrdienst einberufen werden. Später fanden sie dann doch eine Gesetzeslücke und wandten das eherne Gesetz an. Für die Deutschen in Kroatien wurde als Volksgruppenführer Branimir Altgayer eingesetzt, er arbeitete mit der Kroatischen Regierung zusammen, war aber der Besatzungsmacht unterstellt. Er baute sich eine Armee, die Einsatzstaffel, unter Führung von Offizieren aus dem Reich auf.

Zur Einsatzstaffel wurde mein Vater 1943 einberufen, aber nach einigen Monaten gemäß einem geltenden Gesetz, als Vater von vier unmündigen Kindern unter 14 Jahren, entlassen. Anfang 1944 wurde er zur Wehrmacht einberufen und wieder wegen seiner vier unmündigen Kinder entlassen. Danach hat man ihn zum Bahnschutz verpflichtet, bei Nacht Bahnschutz, bei Tag Feldarbeit und Schlafen. Es war ein gefährlicher Dienst. Zum einen sollten sie die Gleise schützen und zum andern mußten sie aufpassen, nicht von den kommunistischen Partisanen entdeckt zu werden. Zwei seiner Kollegen haben die Partisanen bei Nacht gefangengenommen und mit einer Baumsäge den Bauch durchgesägt.

Anfang 1943 hat uns unser Lehrer von der Einkesselung der 6. Armee mit etwa 250.000 Soldaten unter Generalfeldmarschall Paulus erzählt und davon, daß es sehr schlecht um die Soldaten steht.

Die Partisanen haben ihre Überfälle verstärkt, auch nachts sind sie in deutsche Häuser eingedrungen und haben sich Lebensmittel abgeholt. Als unser Ortsgruppenleiter Andreas Manier vor der Ernte sein Weizenfeld besichtigte, wurde er von den Partisanen erschossen. Mit großem Trauergeleit, militärischen Ehren und Salutschüssen wurde er beerdigt.

Im Herbst 1943 kamen aus Westslawonien mehrere Familien in unseren Ort, unter anderem war auch eine Großtante mit Familie von mir dabei. Die Partisanen hatten dort schon einige Gebiete unter Kontrolle. Es waren nicht nur Partisanen von denen sie vertrieben wurden, es waren auch deren Helfer, die kommunistischen Ernst-Thälmann-Brigaden aus Deutschland. So kam es, daß die Deutschen die Volksdeutschen vertrieben.

Alle wehrfähigen Männer wurden zur Wehrmacht einberufen, weil die Partisanen in Serbien, Bosnien und Kroatien starken Zulauf hatten. Die Wehrmacht war machtlos, da die Partisanen aus dem Hinterhalt kämpften. Die Wehrmacht hat auf Plakaten angedroht, daß für jeden deutschen Soldaten zehn Kroaten, für jeden Unteroffizier zwanzig und für jeden Offizier dreißig Kroaten erschossen oder aufgehängt werden; danach war es nur noch schlimmer, denn sie haben tatsächlich gehängt und erschossen. Die kroatische Heimwehr hat auf dem Feld und im Wald eine Säuberungsaktion durchgeführt und dabei drei Partisanen in einem Maisfeld überrascht, man hat sie erschossen, auf einen Pferdewagen aufgeladen und die Toten zur Abschreckung durch das Dorf  gefahren. Einige Tage darauf haben die Partisanen einen Deutschen (Josef Schmidt) beschuldigt, er hätte sie verraten und einen anderen wegen negativer Äußerung gegen die Partisanenbewegung (Anton Gerstner) bei Nacht abgeholt. Sie wurden beide in den Wald getrieben, dort mußten sie ihr Grab schaufeln und wurden dann erschossen.

Während der Ernte beim Weizendreschen hat ein Zug der kroatischen Heimwehr die Arbeiten überwacht, damit alles ohne
Störungen durch die Partisanen abläuft. Dies geschah alles außerhalb des Dorfes. Drei Soldaten dieses Zuges wurden auf Patrouille durch das Dorf geschickt. Am Dorfanfang war ich mit einer Kuh auf der Weide. Als die Drei an mir vorbeikamen, und sie mit mir ein paar Worte gewechselt haben. Dann  gingen sie weiter. Nach kurzer Zeit waren sie außer Sichtweite und im Dorf verschwunden. Doch dann hörte ich plötzlich ein Geschepper und Gerassel, es kamen durch einen Hohlweg eine Hundertschaft Partisanen, welche die Hauptstraße überquerten. Einer kam auf mich zu und fragte, ob Soldaten im Dorf sind - ich sagte nein. Als sie sich von mir entfernten, ging ich sofort nach Hause, denn ich habe ja gelogen, um die drei jungen Burschen nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Meiner Mutter sagte ich, wenn die Partisanen die drei Soldaten entdecken, bringen sie diese um und mich auch, weil ich nicht die Wahrheit gesagt habe. Als ich über den Zaun schaute, sah ich die drei Soldaten aus der Ortsmitte zurückkommen. Ich sah auch, daß aus jedem Hof der Nachbarschaft ein mir fremdes Gesicht herausschaute. Da die Soldaten auf der Straßenmitte gingen und immer näher kamen, hatte ich keine Gelegenheit, sie zu warnen. In der Wohnung habe ich mich auf dem Boden gewälzt und der Mutter gesagt, jetzt werden sie erschossen. Die Zeit, bis die Soldaten zum Ortsende kamen, konnte ich gut abschätzen. Eine Maschinengewehrsalve und die Drei waren tot. Die Partisanen hatten die Toten beraubt und besaßen nun drei Gewehre mit Munition, drei Uniformen und drei Paar Schuhe. Dies war Taktik der kommunistischen Partisanen, und zugleich Botschaft an die Bevölkerung, wenn ihr nicht mit uns kämpft, ergeht es euch genau so. Hundert Kroaten haben also drei junge Kroaten umgebracht. Eine Strafexpedition erfolgte sofort. Alle zivilen Dorfbewohner, die den Soldaten in die Hände fielen, wurden fürchterlich geschlagen.

Eine deutsche Großbäuerin, deren Mann im Krieg war, hatte die Maisernte an Tagelöhner vergeben wollen. Es kamen aber
Partisanen und stellten Bedingungen. Als sie diese überdenken wollte, wurde sie erschossen, auf den Pferdewagen aufgeladen, und so kam sie tot in das Dorf zurück.

Ab den Sommerferien 1944 konnte ich nicht mehr zur Schule gehen, weil unser Lehrer zur Prinz-Eugen-Division einberufen wurde. Haupteinsatzgebiet dieser Division war Jugoslawien. Meine Familie hatte keine Zeitung und ich wollte wissen, was so alles im Lande passiert. Da ging ich zu meiner Tante - der Onkel war im Krieg - und konnte so die "Stimme Slawoniens" in deutscher Sprache lesen. Von Interesse war für mich alles, aber hauptsächlich die Kriegsberichte. Meine Aufmerksamkeit lenkte sich von selbst auf die vielen Todesanzeigen mit dem Bild der gefallenen Soldaten. Später wurden die Todesanzeigen nur noch in Listenform veröffentlicht.

Im Herbst 1944 - die Ernte war eingebracht, die Weinlese abgeschlossen, der Treberschnaps gebrannt und die Herbstsaat ausgebracht - verbreitete sich die Nachricht von einer Evakuierung der deutschen Bevölkerung vor der Roten Armee. Was soll man auf einem Wagen, der von zwei Pferden gezogen wird, aus einem Bauernhof mitnehmen? Die Familie mit 6 Personen – meine Eltern, ich mit 14, mein Bruder mit 10 und meine beiden Schwestern mit 6 und 2 Jahren – sollten ja auch noch mit. Für meinen Vater galt es zuerst, den Wagen vom Wagner und vom Schmied überprüfen zu lassen. Der Schmied, ein Kroate, war unser Nachbar. Er hat beide Pferde neu beschlagen und Bremsschuhe für die Talfahrten angefertigt. Der Vater mußte den Wagen so herrichten, daß wir ihn mit einer Plane abdecken konnten, um bei schlechtem Wetter einen geschützten Platz zu haben. Zwei Schweine waren geschlachtet, das Fleisch angebraten und in Schmalz eingelegt. Die Mutter hat vier große Brote gebacken und alles zum Aufladen bereitgestellt. Vor allem Federbetten für die Kinder mußten mit wegen der kalten Nächte auf der langen Reise. Etwas Hausrat, Kleidung und vor allem drei Sack Hafer für die Pferde war sehr wichtig mitzunehmen. Am 29. Oktober 1944 war es soweit, die Wehrmacht kam, verteilte in den deutschen Haushalten die Evakuierungsscheine und sagte, daß am Nachmittag Abfahrt sei. Denn nur noch an diesem Tag könnten sie für unsere Sicherheit garantieren. Die restlichen Schweine, unsere Kühe, Hühner, Enten und Gänse sowie das ganze Haus haben wir unserem kroatischen Nachbarn überlassen. Unser Hofhund, ein Mops, ein scharfer Kettenhund, den ich an der Leine hielt, schaute den Soldaten sehr traurig an, als er ihn erschoß. Das war der traurige Abschied von unserem Hof.

Als sich die Kolonne am späten Nachmittag in Bewegung setzte, war es der Zeitpunkt, an dem wir unsere Heimat verloren und zu Heimatlosen und Flüchtlingen wurden. Die Kolonne führten drei ältere Männer, die im ersten Weltkrieg Soldaten waren, an. IHnen wurde auch die Fahrtroute mitgeteilt und so ging es weiter in eine unbekannte und ungewisse Zukunft. Am ersten Tag der Flucht haben wir noch in Kroatien übernachtet. Am zweiten Tag wurde die Drau bei Essegg überquert und wir waren in Ungarn. Hier haben wir uns wohler gefühlt, da gab es keine Partisanen. Schon bei der ersten Übernachtung war am Abend um 10.00 Uhr Zapfenstreich. Ein Radio war da und wir hörten vom Soldatensender Belgrad zum erstenmal das Lied Lilly Marleen. Am 19. November 1944 sind wir in Weiz in der Steiermark angekommen und wurden nach Passeil auf einen großen Bergbauernhof eingeteilt, wo die Familie ein kleines Zimmer für sechs Personen zugewiesen bekam. Die Pferde, für die ich verantwortlich war, waren auf einem anderen Hof untergebracht. Sie hatten dort einen kleinen Stall nur für zwei Pferde. Vom Bürgermeister erhielt ich Bezugsscheine für Hafer, Heu und Stroh und mußte es von den verschiedenen Höfen abholen. So verging der Winter mit Pferdebetreuung und Skifahren. Vater arbeitete mit dem alten Bauern und einem französischen Kriegsgefangenen auf dem Hof und im Wald, denn die drei Söhne des Bauern waren im Krieg. Die Mutter half der Bäuerin im Stall, beim Melken und in der Küche, außerdem hatte sie noch meine beiden kleinen Schwestern zu versorgen. Auf dem Bauernhof lebten neben den Bauersleuten und ihren beiden Töchtern ein BDM-Mädchen, meine Familie, meine Großmutter und meine Tante mit ihren vier Kindern. Außerdem wohnten auf diesem Bauernhof zehn französische Kriegsgefangene, von denen aber neun zur Arbeit auf andere Höfe eingeteilt waren.

Im Frühjahr 1945 waren die Russen wieder in unserer Nähe und die Kolonnenführer mit den anderen Erwachsenen entschlossen sich, weiter in Richtung Salzburg bis zu den Amerikanern zu ziehen. Kurz vor Liezen haben wir auf einer Wiese kampiert und wurden dort von der Front überrollt. Von den ersten Panzern warfen die Russen uns Kindern Bonbons zu, die sie hinter der Front in den Geschäften raubten und mit den Autos nach vorne brachten. Am nächsten Tag wurde von den Russen Nähmaschinen, Möbel und andere Geräte auf Armeelastwagen geladen und in Richtung Rußland abtransportiert. Unsere Kolonnenführer haben mit den Offizieren gesprochen und diese haben ihnen gesagt: "Geht nur zurück nach Jugoslawien, dort gibt es nach dem Krieg Arbeit genug."

Das war am 08. Mai 1945, es waren überall Plakate angeschlagen, der Krieg ist aus. Der Führer ist in treuer Pflichterfüllung an der Ostfront gefallen.

Die Kolonnenführer mit allen älteren Personen haben sich entschieden nach Hause zu fahren, damit man den Hafer und Mais noch säen kann. Auf dieser Wiese haben wir noch einen Tag und eine Nacht kampiert, um die Pferde zu Kräften kommen zu lassen. Wir Kinder hatten da genug Zeitvertreib, wir fanden viel verschiedene Munition, Gewehre und Maschinenpistolen mit abgeschlagenen Kolben und schossen mit diesen Waffen auf Glasflaschen und Dosen. In der Nähe war ein Wehrmachts-Büchereifahrzeug abgestellt, auf der Wiese lagen die Bücher, wir haben viel Munition hineingelegt, Stahlhelme aufgesetzt, die Bücher angezündet und aus einer Entfernung von etwa fünfzig Meter die Explosionen beobachtet. Beim Durchstöbern der LKW haben wir Leuchtraketenpistolen mit Raketen gefunden und haben viele dieser Raketen abgefeuert. Ein älterer Mann mit seinem Enkel hat etwas gesucht, wo er den Topf für das Essenkochen draufstellen konnte. Er hat zwei Rohre gefunden und zwischen den Rohren Feuer gemacht. Als die Rohre heiß wurden, gab es einen Knall und der Kochtopf mit dem Essen flog etwa sechs Meter in die Luft. Es waren Panzerfaustrohre (ohne Sprengkopf), in denen noch der Treibsatz war.

Über Leoben, Bruck an der Mur, Graz und das Murtal, wo uns Partisaneneinheiten entgegenkamen, fuhren wir bei Maribor über die Grenze. Bei der ersten Übernachtung auf jugoslawischem Boden haben uns die Partisanen einen gebührenden Empfang bereitet. Die Wagenburg wurde von einer berittenen Einheit mit einer wilden Schiesserei eingekreist, man und wollte uns ausrauben. Als man ihnen klarmachte, daß wir Jugoslawen sind und aus der Steiermark nach Kroatien zurückkehren, haben sie von uns abgelassen. Alle Leute in der Kolonne sprachen ein gutes Serbokroatisch, deshalb hat man auch nach dem Grenzübertritt nur noch serbokroatisch gesprochen. Weiter ging unsere Reise der Drau entlang. Wir sind vielen Gefangenenkolonnen begegnet. Ausgemergelte Gestalten in Richtung Österreich, um in britische Gefangenschaft zu gehen. Andere wiederum, von den Briten abgewiesen, marschierten in Richtung Serbien in die Bergwerke zur Arbeit. An einem sehr heißen Frühlingstag, als eine Kolonne neben der Drau Rast machte, stürzten sich die gefangenen Soldaten nach unten an den Fluß, um Wasser zu trinken. Oben wurde ein Maschinengewehr aufgestellt und die, die schon Wasser tranken, wurden alle in die Drau hineingeschossen. Das Morden war auch nach dem Krieg noch nicht beendet. Nach etwa 80 Kilometer kamen wir in Djurdjevac an, dort sahen wir eine andere Wagenkolonne aus unserem Dorf, sie war ausgeraubt worden, die Pferde und einen Teil der Wagen hat man ihnen abgenommen. Etwa 20 Wagen standen noch leer da. Aus den Anschriften an den Wagentafeln konnte man ablesen, woher sie stammten, wem sie gehörten. Wir haben von den
dortigen Bewohnern erfahren, daß diese Menschen nach Ungarn abgeschoben wurden.

Der Zuversicht folgte die Angst. Kommen wir heil nach Hause, wir haben immerhin noch etwa 90 bis 100 Kilometer zurückzulegen. Um nicht aufzufallen, hat unsere Wagenkolonne versucht, die Städte zu umfahren.

Über Nasicé haben wir unsere Kreisstadt Djakovo mit Bischofssitz hinter uns gelassen und kamen in unserem Heimatort Mrzovic´ am 26. Mai 1945 nachmittags an. Unser Haus war völlig leergeräumt. Außer Türen und Fenster war alles verschwunden. Wir trugen unsere Habseligkeiten vom Wagen in das Haus. Ich hörte die Mutter sagen: "Gott sei Dank, wir sind wieder zu Hause". Unsere kroatischen Nachbarn begrüßten uns und brachten uns etwas zu essen. Für die Pferde holte man grünen Klee, tränkte sie. Sie waren irgendwie entspannt, denn sie haben auch gemerkt, daß sie nach langen Strapazen endlich wieder im eigenen Stall sind.

Die Freude währte nicht lange, als uns durch Trommelschlag von der Gemeinde bekannt gemacht wurde, daß wir nur diese Nacht im eigenen Haus verbringen dürfen, und daß man uns am nächsten Morgen bereithalten müssen, damit man uns in die Kreisstadt Djakovo in ein Sammellager für Deutsche bringt.

Nach den AVNOJ Beschlüssen wird das Vermögen aller Deutschen konfisziert, den Deutschen werden alle staatsbürgerlichen Rechte aberkannt. In einer drei Stockwerke großen ausgeplünderten deutschen Mühle und auf dem Betriebsgelände hat man uns zusammengepfercht. Diese Mühle war das Sammellager für die Deutschen aus dem gesamten Landkreis. Die Bewachung durch die Partisanen war streng, und es gab kein Entkommen - wohin auch? Die Verpflegung war miserabel und unzureichend. Ein bißchen Glück hatten wir schon. Die Tante meines Vaters (Großvaters Schwester) lebte in dieser Stadt und war mit einem Kroaten verheiratet. Sie kochte einmal täglich für zehn Personen, nämlich für unsere Familie mit 6 Personen und für die Familie der Schwester meines Vaters, brachte uns das Essen und reichte es uns durch den Zaun hindurch. So begann für uns nach Ende des zweiten Weltkrieges der Hunger, die Internierung und die Unfreiheit.

In diesem Lager waren auch etwa 30 Kriegsgefangene der Wehrmacht, die durch Hunger von Tag von Tag zu Tag weniger wurden - sie starben.

Nach etwa 8 Tagen, als die neuen Machthaber alle Deutschen im Landkreis eingefangen hatten, wurden wir zu Fuß in Marsch gesetzt. Es waren meistens alte Menschen, Frauen mit zum Teil sehr kleinen Kindern. Mein Bruder und ich mußten das wenige Gepäck tragen, Vater mußte für die fast sechsjährige und die Mutter für die zweijährige Schwester frei sein, um sie zu tragen. Wir hatten einen Fußmarsch von etwa 40 Kilometer bis Tenje bei Essegg vor uns. Es war sehr heiß, die Kolonne zog sich immer weiter auseinander, alte Menschen, die vor Erschöpfung nicht mehr konnten, wurden einfach liegengelassen. Das Antreiben durch die Wachmannschaften (Partisanen) half auch nicht mehr. Da man uns nicht durch die Dörfer treiben wollte, war unser Marschweg entlang der Bahngleise, und dann kam auch für uns die Erleichterung in Form eines Güterzuges. Die Partisanen stellten sich auf die Gleise und schossen solange, bis der Zug stehenblieb. Wir wurden in die offenen Wagons eingeladen und kamen nach Tenje in das überfüllte Internierungslager. Nach einer Übernachtung im Freien, brachte man uns nach Josefsfeld (Josipovac) und danach in das Internierungs- und Arbeitslager Walpach (Valpovo). Die Verpflegung war sehr schlecht - das war gar keine Verpflegung. Morgens gab es Schlehendornentee, natürlich ohne Zucker. Mittags eine Bohnen- oder Kartoffelsuppe, in der nur wenige kleine Kartoffelstückchen oder Bohnenschalen mit wenigen Nudeln herumschwammen. Mit ein wenig Einbrenne hat man die Suppe trüb gemacht und das alles ohne Salz und Fett. Trinkwasser gab es nur am Morgen und am Abend. Brot gab es auch ein kleines Stückchen aus Mais- oder Gestenschrot, auch ohne Salz. Zum Essenfassen haben wir Kinder uns zwei- bis dreimal angestellt (bis uns die Aufsicht erkannt hat und aus der Reihe holte). Wenn das Essen schon schlecht war, dann sollte es mindestens etwas mehr sein. Wenn jemand unter der Zeit Wasser geholt hat, mußte er bis zu drei Stunden in der Sonne stehen und dabei in die Sonne schauen. Dazu wurde er an einen Pfahl gebunden (gefesselt) und ein Stück Holz wurde zwischen Unterkiefer und Brustbein eingeklemmt, damit der Kopf nicht nach vorne geneigt werden konnte. In den ehemaligen Wehrmachtsbaracken waren die Fenster mit Brettern zugenagelt, auf den Etagenbetten und auf dem Holzfußboden ohne Unterlagen oder (Woll)Decken mußten wir schlafen. Wanzen, Flöhe und Läuse gab es massenhaft. Ich bin an der Ruhr erkrankt und zum Skelett abgemagert. Das Ungeziefer auf der Bretterpritsche setzte mir arg zu. In den dunklen Baracken kamen vor allem die Wanzen überfallartig aus den Holzfugen heraus. Beim ständigen Durchfall war der Weg zur Latrine am schlimmsten. Die einzige sanitäre Einrichtung im ganzen Todeslager. Klopapier war ein Fremdwort. Es gab ja nicht einmal Wasser, um sich die Hände zu waschen. Durch die Schwächung mußte ich sehr aufpassen, um auf dem "Donnerbalken" nicht das Gleichgewicht zu verlieren und rückwärts in die Latrine zu fallen. Viele haben so ihr Leben verloren, sie erstickten in der Kloake. Wie soll man ohne Hygiene gesund werden?

Bub, bleibe nicht in der Baracke, geh an die Sonne, sagte meine Mutter - das tat ich auch. Zu der Ration aß ich Grashalme und Blätter vom Maulbeerbaum. Vater war von uns getrennt und wurde von den Bauern zur Arbeit abgeholt. Manchmal konnte er uns eine rohe Kartoffel, Zwiebel oder ein Stückchen Brot mitbringen, das er uns durch den Stacheldraht durchreichte. Mein Ende war nah, ich glaubte nicht, daß ich das Todeslager Walpach überleben würde.

Die Lagerleitung suchte sieben Familien zur Arbeit auf einer Ziegelei in Donji Miholjac. Die Ausgewählten waren alle aus unserem früheren Heimatort. Alle wollten nur weg vom Internierungslager. Mein Vater hat auch mich mit vierzehneinhalb Jahren als Arbeitskraft gemeldet. Ohne Stacheldraht, Bewachung, gutem Wasser und freier Luft zum Atmen, ging es uns "gut". Die Verpflegung war um einiges besser. Es wurde mit Salz gekocht und es gab auch etwas Zucker. Wir konnten in sauberem Wasser baden und es gab kein Ungeziefer. Von Haus zu Haus ging auch ich mit den anderen Kindern zum Betteln. Von den Frauen bekamen wir meistens etwas, die Männer dagegen haben die Hunde auf uns gehetzt. Am wichtigsten war für uns Milch für die Kinder. Ein Cousin von mir (elf) und zwei Kinder meiner Cousine (zwei und vier Jahre alt) lagen auf der Strohunterlage und wimmerten nur. Es dauerte Wochen, bis sie sich langsam erholten. Ihr Vater war in englischer Kriegsgefangenschaft. Als ich mich langsam erholte, mußte ich zur Arbeit. Zwei kroatische Ziegeleiarbeiter haben die Backsteine gestampft und ich mußte sie als Piccolo, so nannte man mich, aus der Form herauskippen.

Plötzlich wurden wir wieder ins Lager Valpovo zurückgeschickt. Mit der früheren Schmalspurbahn "Gutmann" ging die Reise zurück. Im Lager Valpovo waren nur noch sehr wenige Menschen. Die Lagerleitung hatte zwischenzeitlich einen großen Eisenbahntransport mit etwa 1.800 Personen über Österreich auf den Weg nach Deutschland gebracht, um sich so der Schwaben zu entledigen. Uns tat es sehr leid, nicht dagewesen zu sein. Bei diesem Transport gab es bereits am ersten Tag, (24. Juli 1945) viele Tote durch Hitze Durst und Hunger in den geschlossenen Wagons. Bei einem Zwischenhalt in Novska, um die Toten auszuladen, mußte auch eine Cousine von mir ihren toten zweijährigen Sohn neben die Gleise legen. Als alle Toten ausgeladen waren, fuhr der Zug weiter. Als der Transport in Laibach (Ljubljana) ankam, haben ihn die britischen Besatzungsbehörden in Österreich wieder zurückgewiesen.

Der Zug wurde nach Neu Pisanic (Nova Pisanica) bei Bjelovar umdirigiert. Hier sammelten sich etwa 6.000 Personen aus drei Transporten. Bei Sommergewitter, unter freiem Himmel und erbärmlicher Ernährung, kamen sie wieder teils zu Fuß teils mit der Bahn ins Lager Valpovo zurück. Die Kindersterblichkeit setzte ein. Es starben innerhalb von drei Tagen etwa 35 Kinder im Alter bis zu vier Jahren. Es waren keine Särge oder Kisten vorhanden, so wurden sie ohne Särge begraben. Danach erlaubte der Lagerkommandant den Frauen, für ihre Kinder zum Betteln zu gehen, um sich so Nahrungsmittel und vor allem Milch zu beschaffen. Der Lagerkommandant (sein Name ist bekannt) hatte panische Angst vor ansteckenden Krankheiten. Er selbst betrat das Lager nur auf dem Rücken seines Schimmels. Anfang August 1945 wurden wir vom Lager zu Fuß in das etwa 40 Kilometer entfernte Lager Kerndia (Krndija) gebracht. Krndija war ein rein deutsches Dorf mit 1.670 Einwohner. Das Dorf wurde im Jahre 1882 vom Bischof von Djakovo, Josef Georg Stroßmayer, mit deutschen Siedlern gegründet. Die Deutschen wurden 1944 evakuiert und das ganze Dorf war bis auf das Letzte ausgeraubt und geplündert. Sogar die Fenster und Türen waren verschwunden. Nach dem Krieg hatte das geplünderte Dorf eine neue Bestimmung erhalten, es wurde zum Todeslager für die Deutschen. 17 Menschen aus meinem früheren Heimatort verhungerten dort. Die Lagerinsassen mußten den Stacheldrahtzaun um das Dorf ziehen und drei- bis viertausend Menschen wurden von etwa 20 Partisanen bewacht. Der Fraß war der gleiche wie in Valpovo, zum Frühstück gab es Schlehendornen und Eichenrindentee ohne Zucker, das war gegen den Durchfall, zum Mittagessen Kartoffelsuppe, Bohnen oder Erbsensuppe mit einer sehr kleinen Ration Maisschrothbrot. Am Abend gab es meist eine Einbrennsuppe und das alles ohne Fett und Salz. Die Wachmannschaften sagten zu uns, "wir bringen euch nicht um, der Kessel wird euch umbringen", also der Hunger. Trotzdem gab es immer wieder Erschießungen. Uns, die größeren Kinder, haben sie oft zusammengeholt, wir mußten Schlehenreisig und Eichenrinden im Wald holen. Mit Gewehren haben sie uns begleitet, wir mußten marschieren und singen: "Wir sind kleine slawonische Partisanen, wir lieben unser Heimatland". Durch diese Waldgänge entwickelte sich ein Zutrauen zu den Wachmannschaften, wir kamen zu ihnen in ihren Speiseraum, nachdem sie gegessen hatten, durften wir die Reste aufessen und die Teller ausschlecken. Eines Tages stellten sie uns an die Wand, luden die Gewehre durch, sechs Posten zielten auf sechs Buben und sagten: "Jetzt werdet ihr erschossen". Wir schauten tieftraurig drein. Als sie von uns abließen, dachten wir, es war Spaß, doch als sie sich wieder an die Tische setzten und einer mit dem Abzug hängen blieb, löste sich ein Schuß und durchschlug seine Wehrmachtsschildmütze, da war der Spaß für mich zu Ende, ich ging nie wieder zu den Posten. Nach dem Gesetz waren wir rechtlos und vogelfrei und waren Eigentum des Staates, es konnte jeder mit uns machen, was er wollte.

Mein gleichaltriger Cousin und ich verlegten uns jetzt auf das Betteln in den umliegenden Dörfern und bis in unseren etwa 30 Kilometer entfernten Heimatort, der Hunger hat uns getrieben. Wir blieben manchmal bis zu vier Tage weg, ohne daß unsere Eltern wußten, wo wir waren. Manchmal konnten wir mehr, manchmal weniger zum Essen in das Lager einschmuggeln. Eines Abends bei Sonnenuntergang wollten wir auch zurück ins Lager und kamen bis zu einer Hausruine. Da wollten wir sehen, wo die Posten gehen und stehen. Wir haben das über zwei Meter hohe Unkraut stark bewegt, die Posten schossen sofort in unsere Richtung. Im Schutze der Ruine zogen wir uns in den Laubwald zurück, suchten uns eine tiefe Mulde, trugen viel Laub zusammen und übernachteten im Wald. Gezittert haben wir am ganzen Leib vor Angst und Kälte. Am Morgen kamen wir dann ohne Schwierigkeiten ins Lager. Wir Buben sind wir jeden Morgen durch den ganzen Ort gelaufen, um die Toten zu zählen und um zu sehen, ob jemand von den Verwandten und Bekannten aus unserem Heimatort dabei war. Es gab täglich zehn bis fünfzehn Tote. Diese mußten am Morgen gleich vor das Haus auf die Straße gelegt werden, von wo sie mit einem Pferdefuhrwerk abgeholt und ohne Särge in einem Massengrab verscharrt wurden. Eines Tages war auch meine Großmutter unter den Toten. Siebzehn Tote hatte unser Dorf in diesem Lager zu beklagen.

Mein Vater war immer in der Nähe des Haupttores, an welchem die örtlichen Bauern die Lagerinsassen zur Arbeit abholten. Er bekam zu essen und konnte auch uns, in den Ärmeln der Jacke versteckt, etwas mitbringen.

Anfang September 1945 kamen vier Abgesandte des Volksbefreiungsrates aus Mrzovic, unserem alten Heimatort, in das
Internierungslager Krndija. Sie sprachen beim Lagerkommandanten vor, denn sie benötigten dringend Arbeitskräfte für ihre
Hanffabrik. Fünf Familien, die bereits vor Kriegsende Angehörige in der Fabrik hatten, wurden ausgesucht und konnten so auf Zeit dem Todeslager entrinnen. Meine Familie war auch dabei, bei einem Ratsmitglied wurde ich aufgenommen und mußte alle anfallenden Arbeiten in Hof, Feld und Stall erledigen. Mit dem Bauern, der Bäuerin und der Tochter durfte ich am Tisch essen. Schlafen mußte ich im Stall oder der Scheune, nur im Winter dagegen auf dem Sofa in der Küche. Ab Frühling 1946 mußte ich auch im Weinberg und in der Baumschule mitarbeiten. Meine früheren kroatischen Freunde nahmen mich in ihrem Kreis auf und wir zogen oft abends singend durch die Straßen. Meine Eltern und Geschwister wohnten bei einem Cousin meiner Mutter. Der konnte in seinem Elternhaus bleiben, weil seine Frau eine Serbin war. In Essegg, wo er früher wohnte, kannte man ihn sehr gut, weil er Pilot bei der deutschen Luftwaffe war. Deshalb zog er aufs Land.

Ab Mitte 1946 kamen regelmäßig Pakete von meinem Onkel aus Buenos Aires, der Anfang der Dreißiger Jahre ausgewandert ist. Auch vom Onkel mütterlicherseits aus Chicago, der bereits 1910 ausgewandert ist, kamen Lebensmittel und Kleiderpakete. Für uns war das eine höchst willkommene Hilfe, denn wir besaßen nur das, was wir auf dem Leib trugen, und das war zerschlissen. Zu kaufen gab es nichts und außerdem hatten wir kein Geld. Durch unseren Aufenthalt in der Steiermark und weil man mit ihnen zuvor nur deutsch gesprochen hatte, konnten meinen kleinen Schwestern nicht kroatisch. Auf der Straße sprach eine Partisanin meine Eltern an und fragte sie, ob sie nicht wissen, daß wir nicht mehr "schwäbisch" reden dürfen. Sie fügte noch hinzu, das hat euch euer Hitler gegeben. Prompt kam die Antwort von meinem Vater, das war nicht unser Hitler, aber wir werden schon noch sehen, was euch euer Tito bringt. Sie zeigte ihn sechs Wochen später bei der jugoslawischen Geheimpolizei (OZNA) an. Es war zu spät und ein Glück für meinen Vater.

Mein Vater arbeitete in der Hanffabrik und ich beim Bauern ohne Entlohnung. Es ging nur ums nackte Überleben. Anfang April 1946 hat uns das Todeslager Krndija wieder zurückgerufen, doch da gab es Kroaten, die sich was dachten, denn sie haben ja gesehen, was in Krndija los war. Mein Bauer, dessen Sohn ein Agraringenieur war, war Verwalter des landwirtschaftlichen Gutes Nuschtar. Der Bauer nahm mit seinem Sohn sofort telefonisch Kontakt auf. Dieser schickte zwei Pferdefuhrwerke und noch am selben Abend waren die "Schwaben" von der Hanffabrik verschwunden. Die Kroaten nannten uns verächtlich die "Schwaben", damals wußte ich noch nicht, daß es ein Gebiet Schwaben gibt. Meine Eltern und Geschwister waren in Nuschtar und ich aber blieb noch ein ganzes Jahr bei meinem Bauern in Mrzovic. Ende November 1946 half mein Hausherr seinem Schwager beim Schweineschlachten. Ich ging auch mit und half beim Brühen und putzen. Ein mit der Familie befreundeter Partisan kam (die Partisanen nannten sich Kämpfer), dieser trug immer eine Maschinenpistole mit zweiundsiebzig Schuß in der Trommel um den Hals. Er kam nur zum Schnaps trinken. Als er betrunken war, machte er das Küchenfenster auf und wollte mich, den kleinen Schwabo, erschießen, doch die Hausfrau war schneller und schlug das Fenster zu, er riß das Fenster wieder auf, sie schlug es wieder zu, da gab mir mein guter Hausherr eine Arbeit und schickte mich ganz schnell nach Hause. So entkam ich nur knapp meinem "beinahe-Mörder". Kein jugoslawisches Gericht hätte ihn für eine solche Tat belangt, er hätte nur im Sinne des sowjetischen Dichters Ilja Erenburg gehandelt. An diesem Tag war ich dem Tode näher als dem Leben.

Am 5. März 1947 gab mir mein Bauer die Möglichkeit, auf das landwirtschaftliche Gut Nuschtar, wo meine Familie lebte, zu wechseln. Als Landarbeiter wurde ich dort sofort eingestellt. Nach einigen Monaten wurde ich mit der Lohnabrechnung betraut. Auf diese Aufgabe wurde ich in einem vierwöchigen Vollzeitseminar, in Erdut an der Donau, ausgebildet und vorbereitet. Außer den ständigen Arbeitern gab es auf dem ca. 3.000 Hektar großen Gut von Frühjahr bis Herbst bis zu 400 Saisonarbeiter. Angebaut wurden in der traditionellen Fruchtfolge der Dreifelderwirtschaft Hackfrüchte wie Sonnenblumen, Mais, Rüben und Kartoffel, sowie Sommer- und Wintergetreide. Auch wir Deutschen bekamen Lohn und waren somit den kroatischen Landarbeitern gleichgestellt. Ein Deputat aus Naturalien bekamen wir auch. Zu essen gab es ausreíchend und die Hungerzeit hatte für uns ein Ende. So ein Staatsgut ist nicht einfach vom Himmel gefallen, es bestand aus den enteigneten Ländereien des Grafen von Khuon sowie dem Grundbesitz vertriebener deutscher Bauern rund um Vinkovci. Im Schloß des Grafen war die Direktion eingerichtet. Auf dem Schloßareal befanden sich ein großes Getreidemagazin, ein großer Weinkeller eine Schnapsbrennerei, eine Gärtnerei, ein großer Pferdestall sowie mehrere Wohnungen für die Bediensteten.

Gegen Ende Juli 1949 wurde ich in die Direktion von Nuschtar versetzt, dadurch konnte ich auch das ganze Schloß und die
dazugehörenden Gebäude inspizieren. Im Schloß fand ich, vom Keller bis in den ersten Stock, nur noch leere, ausgeplünderte Räume. Nur in einem Flügel des Schlosses gab es Büromöbel der Direktion, diese stammten nicht aus dem Schloß. Die Familiengruft in der Schloßkirche war zerstört, die Särge aufgebrochen und ausgeraubt. Der Raum diente jetzt als Getreidelager. Die Hauptdirektion der Staatsgüter von Kroatien befand sich in Vukovar. So kam auch ich des öfteren dienstlich in das barocke Schloß des Grafen zu Elz und Vukovar.

Beim Durchzug der Front gab es auch hier viele Tote, die bei einem Aussiedlerhof beerdigt wurden. Die Serben und Kroaten haben ihre Toten nach Kriegsende in ihre Heimatorte überführt. Etwa 20 Gräber von Wehrmachtsangehörigen sind geblieben, die mit Holzkreuzen und Namen gekennzeichnet waren. Eines Tages - 1948 - gab der Geschäftsführer des Staatsgutes den Arbeitern die Anweisung, Stroh auf das Gräberfeld zu fahren, mit Stangen einzupferchen und die Kühe hineinzutreiben. Das Gräberfeld wurde zum Misthaufen. Mit dieser Anweisung wurde ein Dekret des kroatischen Innenministeriums von 1945 ausgeführt.

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1950, mit 20 Jahren

Anfang 1950 kam ein Aufruf, der Jahrgang 1930 solle sich zu Musterung melden. Ich als Deutscher meldete mich nicht. Dann kam eine Aufforderung zur Musterung mit dem Hinweis, sollte ich nicht erscheinen, werde ich vor das Militärgericht gestellt. Am 20. Oktober 1950 wurde ich in die JNA nach Kumanovo bei Skoplje in Makedonien einberufen. Nach der Grundausbildung erfolgte die Funkerausbildung, mit Morsezeichen und Sprechfunk. Alle Geräte und Waffen waren deutscher oder sowjetischer Herkunft. Als Nationalität habe ich in der Kaserne "Kroate" angegeben, denn es war zu dieser Zeit nicht von Vorteil, ein Deutscher zu sein. Griechenland und Bulgarien hatten zu dieser Zeit ein gespanntes Verhältnis zu Jugoslawien, zweimal wurde ich mit einem Bataillon über Nacht zu Fuß an die 80 Kilometer entfernte bulgarische Grenze verlegt. Wie wichtig die Angelegenheit war, zeigte die Anwesenheit von Milovan Djilas, Oberbefehlshaber der Armee und Alexandar Rankovic als Innenminister, beide damals (noch) im Zentralkomitee der jugoslawischen Kommunisten, die ja das Sagen hatten. Nach zweijähriger Dienstzeit wurde ich am 20. Oktober 1952 aus der Armee als einfacher Soldat wieder entlassen.

Nach kurzer Arbeitslosigkeit wurde ich vom Staatsgut Vinkovci, dem ehemaligen Staatsgut Nuschtar, als Betriebskassier wieder eingestellt. Meine Aufgabe war die Abrechnung der Gehälter und Löhne sowie die Auszahlung derselben in bar.

Eine weiterführende Schule zu besuchen hatte ich bisher nie die Gelegenheit. Anfang 1953 war es für mich dann möglich, das Abendgymnasium Vinkovci bis zu meiner Ausreise im August 1954 zu besuchen. Dort absolvierte ich drei Klassen. Meine Mitschüler am Abendgymnasium waren beruflich erfolgreich und in leitenden Positionen in den Staatsbetrieben der Region. Obwohl die überwiegend benötigte Fremdsprache russisch war, lernten wir damals noch deutsch.

Bereits Ende 1952 war ich in der deutschen Botschaft in Belgrad und habe dort die Ausreiseanträge für die ganze Familie gestellt. Um die Ausreise bei den jugoslawischen Behörden zu beschleunigen, mußten wir einen Anwalt nehmen, der "wohlwollend" mit den Behörden verhandelte. Auf der Paßstelle wurde am 8. Mai 1954 festgestellt, daß ich nicht Staatsbürger der Föderativen Volksrepublik Jugoslawiens bin, aber zwei Jahre Soldat sein, das durfte ich. Man schrieb mich einfach in die Staatsbürgerliste ein, und ich mußte 12.000 Dinar für die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft bezahlen. Das entsprach etwa vier Monatsgehältern. Als ich meinen staatenlosen Paß hatte und den Zug in Richtung Deutschland bestieg, war ich froh, mein geliebtes Heimatland, in dem ich geboren wurde, aufgewachsen bin und gelitten habe, mit meinen Eltern und Geschwistern zu verlassen. Alles haben uns die jugoslawischen Behörden abgenommen, bis auf den letzten Dinar. Das Leben haben sie uns gerade noch gelassen.

Am 23. August 1954 kam unsere Familie im Grenzdurchgangslager Piding bei Bad Reichenhall an. Von dort kamen wir am 28. September 1954 in das Landesdurchgangslager II in der Ulmer Sedankaserne an. Eine kurze schwierige Phase folgte. Keine Arbeit ohne Zuzugsgenehmigung und keine Zuzugsgenehmigung ohne Arbeit. Bald hatte ich beides. Während einer kurzen Arbeitslosigkeit erledigte ich alle erforderlichen Formalitäten wie Besuche beim Arbeitsamt, der Krankenkasse, ließ die erforderlichen Dokumente übersetzen und lernte nebenbei die Stadt Ulm kennen. Einen ganzen Tag nahm ich mir Zeit, um die Beschriftungen auf der neu renovierten Rathausfassade zu lesen und den Münsterturm zu besteigen. War ich doch ein Nachkomme der mutigen Auswanderer von denen dort auch berichtet wird. Polizeilich anmelden mußten wir uns auf dem Neuen Bau, dort war die Meldebehörde. Für die Anmeldung der ganzen Familie war ich verantwortlich. So suchte ich fast zwei Stunden lang den neuen Bau auf dem Münsterplatz, denn ich wußte nicht, daß dieser "alte Bau" der "Neue Bau" war. Ab 7. Januar 1955 arbeitete ich drei Jahre bei der Pflugfabrik Gebr. Eberhardt in Ulm, Während dieser Zeit fand ich in Ulm keine Weiterbildungsmöglichkeit. Deshalb besuchte ich die Akkordeonschule Theo Reisch in der Wengengasse. Unser Abschlußkonzert gaben wir in Ulm im Mohrensaal am Weinhof. Ab 24. März 1958 arbeitete ich 33 Jahre als technischer Angestellter bei den Wielandwerken in Vöhringen. Berufsbegleitend besuchte ich zweieinhalb Jahre die Technikerschule. Der Unterricht fand in der Ingenieurschule am Michelsberg statt.
 

Wo leben die Menschen aus meinem früheren Heimatort Mrzovic heute?

Die Ortsgemeinschaft ist längst zerfallen und ihre ehemaligen Bewohner und deren Nachkommen leben in aller Welt zerstreut. In Jugoslawien, Österreich, Deutschland, Frankreich, England, Australien, Brasilien, Venezuela, Vereinigte Staaten von Amerika und Canada.



Stefan Schwob, März 1999