Carmen Stadelhofer, Leiterin des Wissenschaftlichen Sekretariats des ZAWiW |
Seit Herbst 1997 hat sich am Zentrum für
Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) der Universität Ulm eine
Gruppe Seniorstudierender zusammengefunden, die im Sinne des Forschenden Lernens
"Zeitzeugenarbeit" betreiben. Die TeilnehmerInnen möchten ihre eigenen
Lebenserfahrungen im Kontext gesamtgeschichtlicher Zusammenhänge reflektieren und (neu)
bewerten, zugleich haben sie sich zum Ziel gesetzt, durch eigene anschauliche Berichte
"der Geschichte ein Gesicht" geben und damit beizutragen, jungen Menschen
geschichtliche Ereignisse zu erschließen. Dabei haben sich mittlerweile mehrere
Untergruppen herausgebildet, die jeweils zum später gewählten Thema erzählen und
recherchieren. In Form von Erzählcafés, Besuch in Schulklassen und zunehmend auch durch
virtuelle Kommunikation geben sie ihr Wissen weiter und suchen das Gespräch mit Menschen
aller Generationen, besonders aber mit SchülerInnen.
Das hier vorgestellte Projekt "Ehrung für Dr. Hugo Neuhaus" ist in diesem
Projektzusammenhang entstanden. Eine Teilnehmerin der Gruppe, Frau Elfi Böller (Jahrgang
1925), erzählte im Frühjahr 1999 die Geschichte des deutschen Kinderarztes jüdischer
Herkunft, Dr. Hugo Neuhaus, der ihr als Kind das Leben gerettet hat und dann sich und
seine Familie selbst vor der Verfolgung der Nationalsozialisten retten mußte. Frau
Böller wurde von den Gruppenmitgliedern aufgefordert, diese Geschichte aufzuschreiben und
über die näheren Umstände seiner Vertreibung und über seinen Verbleib im Archiv der
Ulmer Stadtbibliothek zu forschen. Gleichzeitig konnte mithilfe eines englischen
Seniorstudenten und dem Internet sehr schnell die Adresse des Sohnes von Hugo Neuhaus,
Herr Gottfried Neuhaus, in den USA, ermittelt werden. Von ihm erfuhren wir, daß Dr.
Neuhaus 1959 in den USA gestorben war. Es wurde weiter deutlich, dass er als Arzt und vor
allem als Mensch Außerordentliches geleistet hat. Er nahm seinen hippokratischen Eid
ernst, für ihn war humanitäres Handeln wichtiger als Rassen- oder
Religionszugehörigkeit. Dies galt für ihn auch noch, als er bereits von den
Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Herkunft drangsaliert wurde. So entstand die
Idee, diesem vielen UlmerInnen unbekannten Arzt im Internet eine Ehrung zukommen zu
lassen.
Dem unermüdlichen Einsatz von Elfi Böller ist es zu verdanken, dass diese Idee
realisiert werden konnte. Sie wurde von Mitgliedern der Projektgruppe
"Zeitzeugenarbeit" und dem ZAWiW hierbei ermutigt und unterstützt. Durch einen Presseartikel in der Ulmer Südwest Presse vom 1.9.1999 und durch
mehrere Aufrufe im Rahmen der Herbstakademie des ZAWiW konnten eine Reihe von
ZeitzeugInnen gefunden werden, die Herrn Dr. Neuhaus aus ihrer Kindheit kannten und bereit
waren, ihre Erinnerungen in kurze Berichte zu fassen. Die vorliegenden Webseiten möchten
diese positiven Erinnerungen an den sehr beliebten jüdischen Kinderarzt öffentlich
machen und ihm mit diesen Seiten eine posthume Ehrung zukommen lassen. Es kann mit
Sicherheit keine Wiedergutmachung des ihm und der Familie zugefügten Unheils sein.
Die vorliegenden Webseiten sind eine Ehrung aus der subjektiven Sicht der Erinnerungen
früherer PatientInnen als Kinder. Das Portrait des Menschen Hugo Neuhaus wird erweitert
durch einen Kurzbericht zur Familiengeschichte der Familie Neuhaus. Es wird ergänzt durch
einen Bericht zur Familiengeschichte, der von Barbara Neuhaus, der in Amerika lebenden
Tochter von Hugo Neuhaus, für diese Internet-Seiten freundlicherweise zur Verfügung
gestellt wurde.
Die Projektgruppe dankt vor allem den Kindern Gottfried und Barbara Neuhaus für ihre
freundliche Aufnahme des Kontaktes mit Elfi Böller, ihre Offenheit und Aufgeschlossenheit
dem Projekt gegenüber. Mögen sie und ihre Familien es als kleine Geste der dankbaren
Würdigung eines Menschen verstehen, dessen menschliche Leistungen älteren und jungen
Menschen heute ein Vorbild sein können.
Bei der redaktionellen Gestaltung des Projektes "Ehrung von Dr. Hugo Neuhaus im
Internet" fand Elfi Böller starke Unterstützung durch den Journalisten Heinz
Görlich, Mitglied der Gruppe "Zeitzeugenarbeit", sowie durch ihren Sohn, Herrn
Dr. Winfried Böller, und Herrn Seemüller vom Stadtarchiv Ulm. Für die Aufbereitung der
Seiten für das Internet ist in besonderer Weise Herrn Fritz Seyffert vom Arbeitskreis
"SeniorInnen und Internet" des ZAWiW zu danken sowie Alfons Scherr und seiner
Frau.
Diese Ausführungen sind als lebendige Zeitzeugnisse zu verstehen und als Ergänzung zu
wissenschaftlichen Forschungen über jüdische Ärzte im Nationalsozialismus, wie sie
umfangreich von Herrn Prof. Dr. Eduard Seidler an der Universität Freiburg vorgenommen
worden sind. Sein im Mai 2000 im Bouvier-Verlag Bonn erscheinendes Buch "Kinderärzte
1933-1945, entrechtet - geflohen - ermordet" enthält eine Zusammenfassung der
Lebensdaten zu Dr. Neuhaus.
Die "Projektgruppe Dr.Hugo Neuhaus" unter wissenschaftlicher Begleitung von
Dipl.Pädagogin Ruth Fichtner hat sich nun zur Aufgabe gemacht, die bisherigen Berichte zu
Herrn Dr. Neuhaus als humanem Arzt in einen historisch-gesellschaftlichen Hintergrund
einzubetten durch Recherchen zur Situation der Medizinversorgung und zur Situation von
Kinderärzten in der Weimarer Republik und zu Beginn des Nationalsozialismus allgemein.
Carmen Stadelhofer Ulm, den 26.3.2000 |