Zeitzeugenarbeit im und durch das Internet

Carmen Stadelhofer

Stand: 09.12.2003

Die sogenannten "jungen Alten" waren Kinder, als der Krieg ausbrach, ihre Erfahrungen und Blickwinkel sind oft anders als die der Elterngeneration. Gerade der Vergleich unterschiedlicher persönlicher Erfahrungen innerhalb einer Altersgruppe oder zwischen unterschiedlichen Altersgruppen zum gleichen Ereignis ist von großer Bedeutung, um historische Ereignisse durch authentische Berichte "mit Leben" zu füllen. Aber auch Bauten, Gegenstände, und vieles mehr können "Zeitzeugen" sein, die in Bezug gesetzt und sichtbar gemacht werden können durch die Erinnerungen der Menschen. In Deutschland gibt es viele Projekte und Orte, in denen Zeitzeugenarbeit" in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichen Zielsetzungen betrieben wird. In dieser Ausgabe sollen beispielhaft einige Projekte und Materialien vorgestellt werden. 


Ziele der Zeitzeugenarbeit

Ziel der Zeitzeugenarbeit ist es, in einer schnelllebigen Zeit die Lebensumstände und -erfahrungen älterer Menschen - als Zeitzeugen und Zeitzeuginnen - in verschiedenen Zusammenhängen zu sammeln, zu dokumentieren und einer größeren Öffentlichkeit zugängig zu machen. Zeitzeugenarbeit soll vor allem auch jüngeren Generationen die Möglichkeit zu geben, geschichtliche Ereignisse durch Berichte über individuelle und kollektive Lebensumstände, Handlungen und Erfahrungen besser zu verstehen und - gemeinsam mit den Älteren - Schlussfolgerungen für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. "Arbeit" ist diese Betätigung in dem Sinne, dass diese Erfahrungen auf ihre Relevanz für andere, besonders für jüngere Menschen, reflektiert werden und dem pädagogischen Prozess der Vermittlung dieser Erfahrungen Aufmerksamkeit geschenkt wird.

 
Aktualität der Zeitzeugenarbeit 

Zeitzeugenarbeit kann auch dazu beitragen, Älteren selbst die Angst vor den Veränderungen und Neuerungen durch die rapiden Entwicklungen in Technik, Wissenschaft und Wirtschaft zu nehmen, indem sie die vielen gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen und Veränderungen in ihrer eigenen Lebensgeschichte in Erinnerung ruft und gegenwärtig macht, welche Bedeutung es hat, sich in gesellschaftliche und politische Prozesse einzumischen und sie verantwortlich mitzugestalten. Auch jüngere Menschen sind Zeitzeugen - eben ihrer Zeit, ihrer Werte, die älteren oft nicht mehr einfach verständlich sind. Von daher steht das dialogische Prinzip des gleichberechtigten Austauschs von Erfahrungen und Einstellungen sowie Offenheit für und Interesse am jeweils anderen im Mittelpunkt einer offenen Zeitzeugenarbeit.


Formen der Zeitzeugenarbeit

Es gibt bereits viele erprobte Formen der Zeitzeugenarbeit: Erzählcafes, Arbeit in Schulen, Theaterarbeit, Stadtführungen, Biographisches Schreiben, Dokumentationsarbeit. Auch gibt es mittlerweile viele Dokumentationen von Zeitzeugenarbeit in Form publizierter Bücher und Kataloge, Filme, Ausstellungen, u.v.m. Bei der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung von Computer und Internet stellt sich nun die Frage, inwieweit sie für ältere Menschen, die sich für Zeitzeugendokumente und die Zeitzeugenarbeit interessieren, von Nutzen sein können, um sich über bereits vorhandene "Spuren der Zeitzeugenarbeit" zu informieren bzw. selbst "Spuren zu legen". Diese Ausgabe des "LernCafes" widmet sich in besonderer Weise diesem Thema und will beispielhaft gelungene Praxisbeispiele und neue Lernwege aufzeigen.

Um dies herauszufinden, habe ich einen Spaziergang im Internet unternommen, um mich über diese Möglichkeiten zu informieren und möchte Ihnen im folgenden meine Vorgehensweise kurz dokumentieren. Ich möchte vorab feststellen, dass ich auf für mich persönlich sehr interessante Inhalte gestoßen bin und seither immer wieder neue interessante Dinge zu dieser Fragestellung im Internet finde, dass ich aber auch festgestellt habe, dass sich Internet-Inhalte (v.a. Ergebnisse bei Suchmaschinen) und auch Internet-Adressen schnell ändern können und dass es auch bei diesem Thema notwendig ist, die angelegte Liste der "Internet-Lesezeichen" zu überprüfen bzw. zu aktualisieren.

Zunächst wollte ich feststellen, was sich im Internet insgesamt finden lässt, wenn ich den Begriff "Zeitzeugen" eingebe. Im weiteren war ich interessiert zu erfahren, was ich zu dem Thema Nachkriegszeit finden kann, mein besonderes Interesse gilt hierbei vor allem der Situation der Frauen in der Nachkriegszeit. Gemeint ist eine Generation von Frauen, die - in verschiedenen Altersgruppen und Lebenslagen befindlich - nach 1945 durch ihren unermüdlichen physischen und psychischen Einsatz im öffentlichen, wirtschaftlichen und privaten Bereich entscheidend dazu beigetragen haben, dass Deutschland "überleben" und in den 50er Jahren zu einem "Wirtschaftswunderland" werden konnte. Sie hatten vieles zu bewältigen in einer fast "männerlosen" Zeit nach Kriegsende und waren weit mehr als nur "Trümmerfrauen" - aus Mangel an männlichen Arbeitskräften waren Frauen in fast allen Wirtschaftsbereichen beschäftigt, gleichzeitig waren sie verantwortlich für die Organisation ihres Lebens und das ihrer Kinder und oft auch unterstützungsbedürftiger Familienangehörigen. Diesen "Zeitspuren" nachzugehen war das Ziel meiner Recherche im Internet.

Um mir einen Überblick zu verschaffen, gab ich in mehrere Suchmaschinen den Begriff "Zeitzeugen" ein, u.a.:

 

o       http://www.google.de

o       http://www.fireball.de

o       http://www.altavista.com

später benutzte ich einen Metacrawler, http://meta.rrzn.uni-hannover.de, der 11 Suchmaschinen nach dem von mir gewünschten Begriff absuchte (die nur zum Teil identisch waren mit den von mir benutzten). Ich konnte feststellen, dass ich auf eine Fülle von Informationen zu diesem Thema stieß. Ich fand Web-Links zu: 

·                     unterschiedlichsten geschichtlichen Themen, z. B.:

·                     Biographien von Zeitzeugen, z.B.:

·                     Bauten als Zeitzeugen, z.B.:

·                     Verweise zu Presseartikel, Medienlisten oder vorhandene Medien zu diesem Thema, z.B.:

·                     Projekte von Schulklassen, z.B.:

·                     Suche-Biete-Zeitzeugen, allgemein oder auch zu konkreten Themen, z.B.:

und vieles mehr.

Es lohnt sich also, bei einer ersten Suche verschiedene Suchmaschinen zu benutzen.

Es gibt viele Informationen über Zeitzeugengruppen, Zeitzeugencafes, Zeitzeugenbörsen etc. und deren Aktivitäten, z.B.:

o       Berliner Zeitzeugenbörse

o       Ulmer Arbeitskreis ZeitzeugenArbeit

o       Gedenkstätte Bautzen

o       goest (Freie Altenarbeit)

o       Göttinger Zeitzeugen

o       Zeitzeugenbörse Regensburg

o       Erzählcafé Speyer

o       SeniorenNet Hamburg

Die Nutzung des Internets als Erzählcafé wird vom Seniorenbüro Main-Lahn erprobt, und in großem Maße in Ulm.

Das Internet bietet für viele ältere Menschen Möglichkeiten der kommunikativen Begegnung, aber wir befinden uns in Deutschland erst am Anfang ihrer Nutzung. Im Netzwerk Learning in Later Life (LiLL), sind schon einige interessante Projekte beschrieben, LiLL, wie auch andere Netzwerke  bieten eine gute Plattform für Berichte von Zeitzeugen und den Austausch zwischen Zeitzeuginnen, wenn diese ihre Hemmungen und Vorbehalte gegenüber den neuen Technologien überwinden und sie für ihr Anliegen produktiv nutzen.

Dann interessierte mich, welche Bücher über den Buchhandel zum Thema "Zeitzeugen" zu finden sind und ich suchte unter dem Stichwort "Geschichte + Zeitzeugen" im Verzeichnis lieferbarer Bücher (http://www.buchhandel.de) und fand eine Menge Angaben mit ISBN-Nr. und Preis sowie auf Anklicken weitere Angaben und Verweise. Unter der Adresse der virtuellen Buchhandlung suchte ich nach Büchern zum Thema "Nachkriegszeit", speziell "Frauen und Nachkriegszeit" und fand eine Menge interessanter Literaturangaben, z.B. 
Fuchs, Susanne: Frauen bewältigen den Neuaufbau, am Beispiel Bonn, oder 
Hosseinzadeh, Sonja: Trümmerfrauen und Amiliebchen? Stuttgarterinnen in der Nachkriegszeit, die ich mir auch gleich in den Warenkorb legen und bestellen konnte.

Es gibt viele Online-Büchereien zum Beispiel:

Meine Recherchen in den Katalogen verschiedener Bibliothekssysteme war ebenfalls erfolgreich, z.B. im Katalog des Bibliotheksverbunds Bayern (http://www-opac.bib-bvb.de/) oder des Südwestverbundes der Universität Konstanz (http://www.swbv.uni-konstanz.de).

Mich interessierte auch, an welche Funde ich durch die Recherche im Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher kommen würde, da ich davon ausging, dass manche interessante Literatur nicht mehr im Buchhandel erhältlich ist. Dem war so.

In dieser Zeit las ich in der Zeitung, dass es im Haus der Geschichte in Bonn eine Ausstellung gäbe zum Thema "Jeder ist ein Fremder – fast überall". Meine Recherche im Internet unter http://www.hdg.de ergab, dass es sich um eine europäische Wanderausstellung handelte (19.11.2003 – 15.2.2004). Der Ausstellungsinhalt war kurz beschrieben, das war genau ein Thema meines Interesses, und ich beschloss, diese Ausstellung zu besuchen. In ganz kurzer Zeit stellte ich mir eine mir passende Zugverbindung nach Bonn mit Hilfe der Internet-Bahnauskunft zusammen, alternativ dazu ermittelte ich mir Weg und Fahrzeit für die Fahrt mit dem Auto nach Bonn über die  Falk Routenplanung online und schaute gleich einmal im Bonner Stadtplan nach, wo sich das Haus der Geschichte befindet und wie ich am besten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln/Auto dorthin käme.

Auch interessierte mich, was das Deutsche Historische Museum in Berlin zu diesem Themenbereich zu bieten hat und war wirklich erstaunt, wie viele Informationen mir das Internet in kürzester Zeit zu dem gewünschten Themenbereich bieten konnte, z.B.:

Deutschland im Kalten Krieg 1945-1963,
eine Ausstellung von 1992, mit informativen Texten und einem Gesamtverzeichnis der Ausstellungsstücke, die zum Teil bei Anklicken vergrößert werden können, Zeittafeln mit den wichtigsten Ereignissen des Kalten Krieges und vieles mehr.

Aufbau West - Aufbau Ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit mit Texten und Bildern im Vergleich, einer ausführlichen Einführung und einem Katalog, den man online bestellen kann, wie viele Kataloge und andere Angebote des Deutschen Historischen Museums

Ende und Anfang. Photographen in Deutschland um 1945, eine Fotoaustellung von 1995

Für meine persönliche "Spurensuche" brachte mir das DHM eine Linkliste aller Museen in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt, die über Internet zu erreichen sind, darunter auch ein Verzeichnis aller Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg , so dass meinem Entdeckerinnendrang keine Grenzen gesetzt wurden. Da ich zu diesem Zeitpunkt aus einem anderen Grund nach Berlin mußte, beschloß ich, mir bestimmte Ausstellungen gleich vor Ort anzuschauen und ermittelte Öffnungszeiten etc. Daß ich mir auch über das Internet eine Flugverbindung und ein Hotelzimmer (http://www.berlin.de, http://www.berlin-info.de) heraussuchen und im gegebenen Fall auch buchen kann, vereinfacht vieles an Vorbereitung.

Übrigens fand ich über die Linkliste des DHM auch Adressen von virtuellen Museen, darunter eine für mein Themenbereich ebenfalls interessante virtuelle Ausstellung: 100 Jahre Frauenstudium.

Bei meiner Recherche stieß ich auf drei Projekte, die ich besonders bemerkenswert finde: Im Projekt "Erlebte Geschichte. Zukunft hat Vergangenheit. 50 Jahre Rheinland-Pfalz" der Landesbibliothek Rheinland-Pfalz werden Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, zu bestimmten Themen ihre Erinnerungen aufzuschreiben, die dann über das Internet einer größeren Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. Die eingereichten Texte sind geordnet nach chronologischen Daten (bis 1933,1933-1945, 1945-1948, etc), Orten und Regionen (wo kommen die Geschichten her?), Themen (Kindheit, Stadt und Land, Frauenschicksale, etc) und sind in jeder Rubrik noch einmal in thematische Gruppen unterteilt. Eine spannende Lektüre! Ein neues Projekt, dass Er-Erinnerungen von Menschen aus den letzten 100 Jahren sammelt und dokumentiert, heißt "Zeitenwende". (http://www.sdr.de/zeitenwende/index_d.html oder http://www.100deutschejahre.de)

Das englische Projekt "The Chatback Trust" wurde 1986 eröffnet und hat zum Ziel, per elektronischer Post ca. 100 Schulen in Großbritannien, Europa und Übersee mit SchülerInnen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen einen neuen Kommunikationsweg zu eröffnen Ziel ist, dass die Kinder und Jugendlichen untereinander korrespondieren, aber durch die elektronische Post auch mit älteren Menschen und deren Lebensgeschichte in Berührung kommen. In der Rubrik "Memories of the 1940s" beschreiben ältere Menschen ihren Alltag vor 50 Jahren, unterteilt nach verschiedenen Gesichtspunkten (Kindheit, In Uniform, Kriegsopfer, .....) jeweils in einer kurzen Geschichte, versehen mit einem Bild der betreffenden Person aus der entsprechenden Zeit und einer E-Mail Adresse, so können die interessierten Kinder/Jugendlichen ihre (Nach-Fragen) unmittelbar an die betreffenden Personen richten. Ein anderes Projekt heißt "Granny's Kitchen" (Großmutters Küche) und es geht um Geschmäcker früher und heute. In "A View of my Window" (Ein Blick aus meinem Fenster" sind die SchülerInnen aufgefordert, ihre Sicht aus dem Fenster zu beschreiben, was (nicht nur) die Älteren ihrerseits zu (Nach-)Fragen verursachen soll. Diese Form von kommunikativer Nutzung des Internets hat mir besonders gut gefallen.

Bei all meinen Recherchen bin ich auf interessante Dokumente der Zeitzeugenarbeit gestoßen, aber nur wenige befassten sich mit der Geschichte von Frauen und Frauen-Geschichte. Zu dem von mir gewählten Thema "Nachkriegszeit" fand ich viele interessante Hinweise und Informationen, aber die Sicht der Frauen und der Blick auf Frauen waren kaum vorhanden. Da gibt es noch viel zu tun im Internet und durch das Internet! 

 

Stand: 09.12.2003