Das philosophische Herz der Universität Ulm

Zur Geschichte des Humboldt-Studienzentrums (HSZ)

Initiator und geistiger Ziehvater des Humboldt-Studienzentrums war Mitte der 1980er Jahre Universitätsrektor Professor Theodor Fliedner. Inspiriert durch einen Vortrag des Gießener Philosophen Professor Odo Marquard über die „Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften“ [1], die dieser 1985 auf der Westdeutschen Rektorenkonferenz in Bamberg hielt, betrieb der damalige Rektor die Gründung eines geisteswissenschaftlichen Zentrums an der damals medizinisch-naturwissenschaftlich geprägten Universität Ulm.

Marquard wies in seiner viel beachteten und äußerst kontrovers diskutierten Rede auf die Notwendigkeit einer geisteswissenschaftlichen Orientierung in Zeiten des beschleunigten Wandels hin. Denn die Geisteswissenschaften würden Kompensationsleistungen bieten, mit denen sie den lebensweltlichen Verlust, den die exakten Wissenschaften mitverursacht hätten, ausgleichen könnten. Ihm ging es dabei nicht um die „Heilung“, sondern um die Linderung von Modernisierungsschäden.

Unter dem Leitmotiv „Universität in der Universität“  wollte Fliedner ein philosophisches und geisteswissenschaftliches Zentrum mit einem besonderen Bildungsauftrag schaffen. Dieser richtete sich primär an die Studierenden anderer Fachrichtungen, die zu ihrem Fachstudium dazu die Grundzüge des philosophischen und geisteswissenschaftlichen Wissens, Denkens und Argumentierens beherrschen sollten. Auch Fragen der Ethik des technischen Fortschrittes und der Verantwortung im Kontext eines politisch-sozialen Handelns sollten dort ihren Platz finden.

Beauftragt mit der Ausarbeitung eines detaillierten Gründungskonzeptes wurden dann im Januar 1986 von Fliedner die Professoren Richard Brunner, Peter Pauschinger und Klaus Giel, etwas später stieß Professor Peter Novak hinzu. Ihre Mission: eine Brücke zu bauen zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften.

Namensgebende Schutzpatrone wurden schließlich die Gebrüder Humboldt, also der Naturwissenschaftler Alexander als auch der Sprachforscher Wilhelm. Und nach vier Monaten die Vision zur Wirklichkeit. So wurde mit Hilfe von Lehrimporten aus Augsburg und Stuttgart im Sommersemester 1986 der Lehrbetrieb aufgenommen, wobei insbesondere die Vorlesungsreihe „Was ist Philosophie?“ bei Studierenden und Gasthörern großen Zulauf fand.

War die Lehre zu anfangs noch eingebunden in ein Sonderprogramm des Studium Generale wurde diese 1987 schließlich überführt in ein reguläres geisteswissenschaftliches Begleitstudium mit dem Schwerpunkt Philosophie. So wurde die am 23. April 1987 vom Senat beschlossene Prüfungsordnung am 10. Juni 1987 per Erlass durch das Ministerium für Wissenschaft und Kunst genehmigt. Getragen wurde das breite Lehrangebot dabei sowohl von außerordentlichen und ordentlichen Dozenten, darunter sowohl vielversprechende Nachwuchsphilosophen als auch weltweit renommierte Natur- und Geisteswissenschaftler sowie zahlreiche Fachvertreter benachbarter Universitäten. Das viersemestrige Begleitstudium, auch „Ulmer Philosophikum“ genannt kam dabei einem regulären Grundstudium der Philosophie gleich. Die Ulmer Philosophieausbildung fußt dabei auf drei Säulen: der Erkenntnistheorie und Wissenschaftslehre, der Ethik sowie der Vermittlung hermeneutischer und analytischer Kompetenzen als wissenschaftspraktischer Fähigkeiten. Ein darauf aufbauender berufsqualifizierender Bachelor-Studiengang Philosophie, der 2003 eingerichtet worden war, wurde allerdings 2009 bereits wieder geschlossen. Heute bietet Humboldt-Studienzentrum Philosophie-Lehrangebote im Rahmen eines Nebenfach-Studiengangs an, als Ethisch-Philosophisches Grundlagenstudium sowie für den Erwerb sogenannter Additiver Schlüsselqualifikationen.  

„In einer globalisierten Welt, deren komplexe und dynamische Struktur zunehmend alle Ebenen von Gesellschaft, Technik und Wissenschaft durchdringen, ist es wichtig, neben einem fundierten Fachwissen auch in der Lage zu sein, übergeordnete Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, um eigenes Denken und Handeln adäquat ausrichten zu können“
Professor Dieter Bschorner, ehemaliger Sprecher des HSZ anlässlich des 20-jährigen Bestehens des HSZ

Lehreinrichtung, Akademie und Forum

Von Anfang an wurde das Humboldt-Studienzentrum aber auch als Akademie konzipiert, wo unter einem gemeinsamen Nenner der fruchtbare Austausch zwischen Vertretern unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen stattfinden kann. Im Sinne einer Hermeneutik des Weltverstehens geht es dabei um die Offenlegung grundlegender gemeinsamer philosophischer oder erkenntnistheoretischer Gehalte. Nicht zu vergessen, die Funktion eines öffentlichen Forums, die die geisteswissenschaftliche Bildungseinrichtung mit ihrer Vielzahl an regelmäßigen Veranstaltungen in der Stadt Ulm wahrnimmt. Neben den mehrtägigen Ulmer Humboldt-Colloquien sind dies nicht nur die Philosophische Salons und Ringvorlesungen, sondern dies sind nicht zuletzt die seit 2008 stattfindenden „Ulmer Denkanstöße“. Mit ihren hochkarätigen Referenten und gesellschaftlich bedeutsamen Themen entfalten die Denkanstöße nicht nur eine enorme überregionale Strahlkraft, sondern sie verkörpern im besten Sinn auch einen weiteren bedeutsamen Brückenschlag – nämlich den zwischen Universität und Bürgerschaft.

 

Andrea Weber-Tuckermann, Pressestelle Universität Ulm 

[1] hier finden Sie den vollständigen Vortrag von Odo Marquard "Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften"

Mehr zur Entstehungsgeschichte des Humboldt-Studienzentrums finden Sie in unserem Archiv.