Philosoph und Bestsellerautor Peter Bieri alias Pascal Mercier zu Gast im Humboldt-Studienzentrum

Das Humboldt-Studienzentrum der Universität Ulm übertrug im Sommersemester 2010 die Humboldt-Professur an Peter Bieri von der Universität Berlin. Diese Auszeichnung wird an prominente Wissenschaftler und Gelehrte vergeben, so zum Beispiel in der Vergangenheit u.a. an Ernst Ulrich von Weizsäcker, Hans Küng und Paul Ricœur.

Mit Peter Bieri, der breiten Öffentlichkeit besser bekannt als Pascal Mercier, hatte die Universität einen jener ganz großen, wenn nicht den überragenden Schriftsteller der Gegenwart zu Gast. Er ist Autor des Bestsellers "Nachtzug nach Lissabon", der mittlerweile eine Auflage von 3 Millionen Exemplaren erfahren hat und bereits in über 39 Sprachen übersetzt wurde. In Italien erhielt der „Nachtzug nach Lissabon“ 2007 den Premio Grizane Cavour für den besten ausländischen Roman; außerdem wurde er für den Prix Cevennes du Roman Européen nominiert.

Trotz dieser hohen Erwartungen im Vorfeld übertraf der Schriftsteller und Philosoph diese in seinen Vorträgen noch um ein Vielfaches. Mit leiser Stimme und melodischen Sätzen trug Bieri vor. Gekonnt flocht er Anekdoten aus seinem Leben in seine Texte ein, ließ die Kindheit in Bern lebendig und plastisch mit erleben.

Am 22. Juli 10 hielt er in der vom Besucheransturm völlig überrannten Villa Eberhardt (es musste eine Live-Übertragung in den Vortragssaal im Untergeschoß geschaltet werden)
seinen philosophischen Vortrag mit dem Titel: „Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?“ Nicht von ungefähr ist hier vom Vortragenden der Konjunktiv gesetzt, ist es doch in der Realität fast unmöglich, angesichts biographischer, durch Sozialisation und Anlagen bedingter Determiniertheit ein völlig selbstbestimmtes Leben zu führen. Warum es hier geht, ist etwas „Einfaches und Geradliniges“, denn wer möchte nicht in Einklang leben mit seinen Wünschen, Gedanken, Gefühlen, die eigene Stimme hören, Echtheit verspüren, statt das zu leben und zu sagen, was Andere uns vorsagen, vorleben? Der Blick der Anderen, er ist es, der all die tausend Dinge verzerrt, verdunkelt, die mit uns allein zu tun haben, dem wir standhalten müssen. Wer möchte das nicht, sich der Tyrannei der Außenwelt erwehren, der Autor und Dichter des eigenen Lebens sein? Selbstbestimmung ist dann erreicht, wenn eine dem Menschen mögliche Freiheit realisiert werden kann, wenn tief Verschüttetes in uns hervorgehoben wird und im Licht geborgen ist.

Der Autor des philosophischen Bestsellers „Das Handwerk der Freiheit“ zeigte auf, dass hierzu Selbsterkenntnis nötig ist, und auch dies: Die Sprache, das richtige Wort zu finden für das, was wir denken und erleben. Hier gerät der analytische Philosoph an seine Grenzen, und die Arbeit des Dichters und zugleich Psychotherapeuten setzt ein: Unbewusstes soll durch sprachliche Artikulation Bewußtes werden.

Eben hier schloß am folgenden Tag der zweite Vortrag im vollbesetzten Stadthaus mit dem Titel „ Eine Erzählung schreiben und verstehen“ an: Unbewusste Räume sollen erfahrbar gemacht, Dimensionen des eigenen Inneren geöffnet werden. Diese in Sprache auszuloten und dadurch Zugang zur eigenen Tiefe zu finden ist das Ziel, nämlich das, was Bieri das „Heranschreiben an mich selber“ nennt. Das eigene Leben soll durch mögliche Geschichten verdichtet werden.

Ein selbstbestimmtes Leben durch das Schreiben von Erzählungen zu führen – war das die Botschaft des Philosophen und Schriftstellers Peter Bieri? Brauchte es dazu den Konjunktiv „Was wäre ein selbstbestimmtes Leben“?

Selten ist die Frage nach einem gelingenden Leben eindrucksvoller vermittelt worden als durch diese Einblicke in das literarische Schreiben. Gebannt folgten die zahlreichen Zuhörer dem Bestsellerautor auf die spannende Reise vom Aufspüren eines Themas über die Verknüpfung seiner emotionalen Bedeutung mit der Dimension des Möglichen durch Einbildungskraft, Phantasie, bis zum Entscheiden für eine Erzählperspektive und dem Aufbau von Spannung. Durch die Abfolge der Handlung und in einem Verstehen, das sich den Weg in die Tiefen der Figuren bahnt, erkennt der Leser schließlich, welche Möglichkeiten an Glück, Leid und Grausamkeit das menschliche Leben zu bieten hat. Ausdruck findet dies in der Wahl der Worte, im Rhythmus und der Melodie des ganzen Textes. Laut Mercier kämpft ein literarischer Erzähler immer gegen zu einfache, eindimensionale Vorstellungen von menschlichem Tun an.

Die Hörer der tiefsinnigen Thesen des Humboldt-Professors Bieri alias Mercier werden diese Abende wohl nie vergessen und beim Lesen, Schreiben und Verstehen literarischer Erzählungen ganz andere Maßstäbe anlegen als bisher.

Renate Breuninger