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Announcement - Interdisciplinary Summer School: Perspectives on Global Health in the 21st Century
Part I: Medical Tourism - July 16th to 29th, Ulm University, Germany. For further information and application see more.

 

Global Health und Interkulturalität

Ziel dieses Projektes ist es, an den Schnittstellen von medizinischer Praxis, fachbezogener akademischer Lehre und medizingeschichtlich-kulturwissenschaftlicher Forschung kulturelle Rahmenbedingungen medizinischen Handels zu erschließen und entsprechende Ergebnisse in die
Krankenversorgung und universitäre Lehre zu transferieren. Dazu dienen insgesamt Teilprojekte:

  1. Interkulturelle Transferprozessen in Ritual und Heilung, d.h. die Übertragung von Diagnose-, Therapie und Präventionsmethoden in historischer, ethnologischer und ethischer Perspektive
  2. Die Implementierung eines Studiengangs Global Health im Kerncurriculum des Medizinstudiums
  3. Kultursensible Lehre und Medikale Erinnerungskultur - Eine Studie Vorstellungen von ärztlicher Identität bei Medizinstudierenden vorderasiatisch-nordafrikanischer Herkunft an der Universität Ulm


1. Interkulturelle Transferprozesse in Ritual und Heilung - Die Übertragung von Diagnose-, Therapie und Präventionsmethoden in historischer, ethnologischer und ethischer Perspektive

Dem Ausganspunkt dieses in Vorbereitung befindlichen Projektes stellt der rezente, (post-) moderne multikulturelle medizinische Pluralismus dar, der sich unter anderem im Transfer von Diagnose- und Therapiemethoden über kulturelle Grenzen hinweg sowie in der kulturübergreifenden Auslagerung von medizinischen Heil- und Pflegeleistungen manifestiert. Das Projekt widmet sich einer kritischen Sicht auf die undifferenzierte Übernahme fremdkultureller, größtenteils spirituell gebundener Heilweisen in einen westlichen Kontext und geht dabei folgenden Themenstellungen nach:

  • Die Perzeption fremdkultureller Medizinkonzepte vor dem Hintergrund der historisch gewachsenen Ambivalenz interkultureller Fremdwahrnehmung (Ethnozentrismus, Idealisierung des Fremdkulturellen)
  • Die Analyse von unbefriedigten Gesundheitsbedürfnissen innerhalb westlicher Gesellschaften
  • Kommerzielle Aspekte des Gesundheits-„Outsourcing“
  • Indigenous Knowledge und Indigenous Property Rights

Vorträge

  • Die Ethik des Jenseits – Ein Beispiel aus dem indianischen Amerika. Beitrag zur Tagung des Ethik-Netzwerkes Baden Württemberg am 27. November 2009 in Ulm - Thema: Ethik und Weltanschauung.
  • Schamanismus als medizinische Prävention? Ein Fallbeispiel aus Ladakh (Nordwest-Indien). Vortrag beim 29. Stuttgarter Fortbildungsseminar „Prävention und Gesundheitsförderung in der Geschichte der Medizin“, Robert Bosch-Institut, 28.-30. April 2010
  • Patienten, campesinos, Heiler, Ärzte, Sanitäter – Kontrastive Analyse des Patientenverhaltens in der bolivianischen Kallawaya-Region. 30. Stuttgarter Fortbildungsseminar des Instituts für Medizingeschichte der Robert Bosch-Stiftung, 06.-08.04. 2011

Publikation

Kressing, F. (2011): Schamanismus als medizinische Prävention? Ein Fallbeispiel aus Ladakh (Nordwest-Indien). In: Jütte, R. (Hrsg.), Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Nr. 30, Stuttgart.

Projektbearbeiter

Dr. Frank Kressing, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm

 

2. Die Implementierung von Global Health im medizinischen Curriculum der Universität Ulm

„Globale Gesundheit ist eine Disziplin bestehend aus Praxis, Forschung und Bildung mit einem Fokus auf Gesundheit und die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Faktoren, die sie weltweit
beeinflussen”
-- Schubert; Özbay, Tinnemann: Hier & Dort. bvmd, Globalisation and Health Initiative 2009, S. 4.

Das Projekt zielt darauf ab, Inhalte des Studienfaches Global innerhalb der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm als Wahlpflichtfach im Klinischen Studienabschnitt (ab Sommersemester 2012) sowie in einer Reihe von drei Sommerakademien in den Jahren 2012-2014 zu verankern. Eine Zusage zur Förderung dieser Sommerakademien durch den Deutschen Akademischen Auslandsdienst
(DAAD) liegt vor

Aspekte von Global Health

CLUSTER 1
Politics, Policies and Polity
CLUSTER 2
Individual and Population Health
CLUSTER 3Social and Transborder Determinants of Health
  • Globalisation and Health
  • Global Health-Organisations
  • Trade agreements/drug policies
  • Human rights and Health
  • Developement and Developement Theories
  • Global Health Governance
  • Medical Peace Work
  • Global Health Ethics
  • Global Burden of Diseases
  • Health and Indicators
  • Demographics
  • Non-communicable diseases
  • Infectious Diseases
  • Emergency and Disaster Medicine
  • Mental Health
  • Tobacco and Health
  • Maternal and Child Health
  • Water and sanitation
  • Nutrition
  • Primary Health Care
  • Poverty and Health
  • Health Inequities
  • Health Systems - International Comparison
  • Cross Cultural Medicine
  • International Movement/Migration
  • War, Conflict and Health
  • Refugee Health
  • Environment, Climate Change and Health
  • Health Information
  • Ethnomedicine

-- bvmd, (GandHI). Lehre am Puls der Zeit – Global Health in der medizinischen Ausbildung: Positionen, Lernziele und methodische Empfehlungen. 2009. Bonn 2009, S. 26

Im Zuge aktueller Entwicklungen wie etwa der weltweiten Mobilität medizinischen Personals und seiner Klientel, der Kommodifizierung kulturell gebundener medizinischer Konzepte und der zunehmenden Bedeutung biodiversitätsspezifischer, DNA-basierter Medizin gewinnen Fragen von weltweiter medizinischer Versorgung, Forschung und Gesundheitspolitik zunehmend an Gewicht. Gerade auch von studentischer Seite und von Seiten der Hochschullehrer besteht ein wachsendes, empirisch belegbares Interesse an der Vermittlung von Aspekten der globalen Gesundheitsversorgung. Indizien dafür sind dezidierte Bedarfsanalysen von studentischer Seite bezüglich des Ist-Zustandes und des Ausbildungsbedarfs im Global Health-Bereich (Bozorgmehr et al. 2010/10: 66; Bozorgmehr; Saint & Tinnemann 2011/7:8; Bozorgmehr, Last, Müller & Schubert 2009), Die Gründung einer bundesdeutschen Global Health Allianz im Mai 2011 an der Universität Marburg, die Ausarbeitung eines Konzeptes zur Nachwuchsförderung im Bereich „Globale Gesundheit“ durch die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG) und die Einrichtung eines Panels Teaching Global Health in Medical Training auf dem europäischen Kongress für Tropenmedizin und International Health in Barcelona im Oktober 2011.

Erste Pilotprojekte zur Einführung des Wahlpflichtfaches „Globale Gesundheit“ im zweiten medizinischen Studienabschnitt gibt es bislang an den Universitäten Aachen, Bonn, Heidelberg, Marburg und Münster, außer-curriculäre Angebote bestehen an den Universitäten Frankfurt und Freiburg. Das Modell der Global Health Summer School wird in Berlin sowie am Missionsärztlichen Institut Würzburg verfolgt, im internationalen Bereich „engagieren sich [z.B.] die Harvard Initiative for Global Health […] und das Johns Hopkins Center for Global Health in diesem Bereich“ (Bruchausen 2011). Vor diesem Hintergrund sollen unter dem Oberthema „Gesundheit in globaler Perspektive“ in drei aufeinander folgenden Sommerakademien die folgenden Schwerpunkte einer eingehenden Betrachtung unter Beteiligung eines internationalen Teilnehmerkreises unterzogen werden.

Vorträge

Kressing, F.: Vorstellung des geplanten Wahlpflichtfachs an der Uni Ulm. Global Health Wahlpflichfachtreffen, Bundesvereinigung der Medizinstudierenden (bvmd), Global Health Initiative (GandHI), Philipps-Universität Marburg, 20.05. 2011

Kressing, F.: Global Health an der Medizinischen Fakultät der Universität. Workshop „Global Health an Deiner Uni starten“, bvmd-Bundeskongress Aachen, 03.12.2011

2.1 Medizintourismus

Den Ausgangspunkt dieser Lehr- und Studienveranstaltung bildet die weltweite Auslagerung von Heil- und Pflegeleistungen im Sinne eines global outsourcing, indem einerseits gezielt Angebote von technisch und fachlich aufwändigen Heil- und Pflegeleistungen in westlichen Ländern (USA, Westeuropa, Japan) für eine Klientel aus der südlichen Erdhälfte bereit gestellt werden, andererseits vergleichsweise kostengünstige Dienstleistungen in Bezug auf Alten- und Krankenversorgung (einschließlich von Rehabilitationsmaßnahmen und medizinischer Langzeitbetreuung) mit westlichem Standard in der der südlichen Erdhälfte auf dem inzwischen globalisierten Gesundheitsmarkt angeboten werden (vgl. Beck; Roberts; Scheper-Hughes; Ticktin; Whitmarsh 2011; Body & Society 17; ZDF Auslandsjournal, 02.06. 2010).

Teilthema: Medizintourismus und medizinischer Pluralismus

Im Zusammenhang mit der beabsichtigten Verankerung des Studienschwerpunkts Global Health im Kern-Curriculum des Medizinstudiums an der Universität Ulm werden in diesem Forschungsschwerpunkt kulturspezifische Rahmenbedingungen des Angebots und der Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen mit den Fokus auf Medizintourismus und medizinischen Pluralismus untersucht.

Sowohl Medizintourismus als auch medizinischer Pluralismus beinhalten den Transfer von Diagnose- und Therapiemethoden über geographische wie kulturelle Grenzen hinweg. Die Problematik dieses Transfers soll anhand folgender Themenstellungen untersucht werden:

  • die kulturübergreifende Auslagerung von medizinischen Heil- und Pflegeleistungen unter besonderer Berücksichtigung der kommerziellen Aspekte des Gesundheits-„Outsourcing“
  • die Perzeption fremdkultureller Medizinkonzepte vor dem Hintergrund der historisch gewachsenen Ambivalenz interkultureller Fremdwahrnehmung (Ethnozentrismus/Eurozentrismus versus Idealisierung des Fremden)
  • Analyse von unbefriedigten Gesundheitsbedürfnissen innerhalb unserer Gesellschaft
  • die undifferenzierte Übernahme fremdkultureller (größtenteils spirituell gebundener) Heilweisen in einen westlichen Kontext

2.2  Wechselwirkungen von Biodiversität und Medizin

In dieser Fortbildungsveranstaltung soll die Aufmerksamkeit auf neuere Bezüge und Wechselwirkungen von Medizin und Biodiversität gelenkt werden. „Biodiversität“ bezieht sich dabei sowohl auf die Arten- und Formenvielfalt des pflanzlichen und tierischen Lebens weltweit als auch die menschliche Biodiversität, die bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vornehmlich durch Klassifikationen der so genannten „Rassenkunde“ erfasst wurde. Ethische und historische Aspekte der Diskussion um Biodiversität sollen in dieser Reihe diskutiert werden.

Teilthema: Die Nutzung von Indigenous Knowledge und die Frage von Indigenous Property Rights im medizinischen Bereich

Biologische und kulturelle Ressourcen indigener Völker warden innerhalb der medizinischen Forschung und Therapeutik auf vielfälige Art und Weise genutzt: Sei es in Form des humangenetischen Biomapping und genetisches Sreenings (Human Genome Diversity Project, HapMap Project), der Nutzung pharmazeutischen Wissens indigener Völker, oder der “Medikalisierung von Ritualistik”im Rahmen von Fremd- und Eigenvermarktung. Die entsprechenden Nutzungsstrategien werfen sowohl Fragen bezüglich der humanbiologischen Grundlagenforschung als auch bezüglich der Ethik (Menschenrechte), des Transfers medizinischer Therapie- und Diagnosemethoden und des Erhalts biologischer Diversität auf.

Publikation 

Kressing, F. (2011): Screening indigenous peoples’ genes - the end of racism or postmodern bio-imperialism? in: Berthier, S, Tolazzi, S, Whittick, Sh (Hrsg.): Biomapping or Biocolonizing?: Indigenous Identities and Scientific Research in the 21st Century. Amsterdam, New York

2.3 Radioaktivität und Gesundheit in den verschiedenen Stadien des nuklearen Brennstoffkreislaufs

Die Reaktorkatastrophen von Three Mile Island (1979), Černobyl‘ (ukrainisch Čornobil‘, 1986) und Fukushima (2011) haben die Risiken der zivilen Nutzung der Atomenergie und ihre gesundheitlichen Gefährdungen eindrücklich vor Augen geführt. Abseits ihrer jeweils aktuellen medienpolitischen Präsens werfen diese nuklearen Störfälle weitreichende Fragen nach gesundheitlichen Risiken in den verschiedenen Stadien des nuklearen Brennstoffkreislaufs auf, nämlich bezüglich des Uranbergbau und der nuklearen Endlagerung, sowie bezüglich der Auswirkung militärischer Atomtests. Wie ein Blick auf die geographischen Brennpunkte der internationalen Nuklearwirtschaft zeigt, sind vor allem Regionen des Südens von den Auswirkungen der Nuklearwirtschaft betroffen, so dass sich die gesundheitlichen Risiken der internationalen Atomwirtschaft in den Global Health-Komplex einfügen.

Publikationen (Kressing, F)

Kressing, F. (1991): Atom ohne Grenzen - eine Ethnographie der Opfer, in: Kunze, A, Del Tredici, R (Hrsg.): Bombensicher. Internationale FotografInnen dokumentieren die Atomzeit: ... Hiroshima ... Nevada ... Tschernobyl ... Ein Austellungsprojekt des World Uranium Hearing e.V. Kultur Publik, Hechingen, 138-145

Kressing, F., Krumbholz, E (1992): Uranium Mining, Atomic Bomb Testing and Nuclear Waste Storage on Native Lands - A Global Survey. World Uranium Hearing e. V., München 1992

 

3. Kultursensible Lehre und Medikale Erinnerungskultur - Eine Studie Vorstellungen von ärztlicher Identität bei Medizinstudierenden vorderasiatisch-nordafrikanischer Herkunft an der Universität Ulm

Erfahrungen der universitären Lehre, z.B. in den Kursen zur Medizinischen Terminologie im ersten vorklinischen Semester zeigen, dass Studierende vorderasiatischer und nordafrikanischer Herkunft mit größeren Schwierigkeiten als deutschstämmige, „einheimische“ Studierende, aber auch als andere internationale Studierende und Studierende in der Bewältigung des Studienalltags zu kämpfen haben. Hier soll die These aufgestellt werden, dass diese Schwierigkeiten von Studierenden aus den „Nahen Osten“ keinesfalls nur auf Sprachprobleme und Adaptionsschwierigkeiten an den bundesdeutschen Alltag zurückzuführen sind, sondern auch durch das westliche medizinische Ausbildungssystem bedingt sind und auch durch eine spezifische medikale Erinnerungskultur und kulturspezifische Vorstellungen von ärztlicher Identität bedingt sind (vgl. Elzubeir & Elzubeir 2010).

3.1 Eingrenzung der studentischen Klientel

Das entsprechende studentische Klientel weist dabei einen sehr heterogenen Charakter auf: An der Universität Ulm findet sich ein beträchtlicher Prozentsatz von Medizinstudierenden aus arabisch geprägten Ländern, vor allem aus Palästina und Israel. Hinzu kommen Studierende iranischer Herkunft, die zum kleineren Teil im Iran selbst geboren sind und zum größeren Teil entweder in der Bundesrepublik aufgewachsen sind oder über Migrationsketten (z.B. vorangegangenes Exil der Eltern in den USA) nach Deutschland bzw. zum Studium nach Deutschland gekommen sind, sowie ein beträchtlicher Anteil türkischstämmiger Studierender, von denen der größte Teil hier in der Bundesrepublik auf gewachsen und ein geringer Teil direkt aus der Türkei zum Studium nach Deutschland gekommen ist – so die Vorannahme. Hinzu kommen weitere Studierende mit (teilweise) vorderasiatischem Hintergrund, z.B. aus bosnisch-jordanischen Mischehen.

Auch wenn durch diese Charakterisierung der Untersuchungsgruppe deutlich auf ein vorwiegend moslemisches Umfeld verwiesen ist, soll eine Etikettierung als „moslemisch“ vermieden werden, da (1) einerseits von einem völlig unterschiedlichen Grad der Verwurzelung im islamischen Glauben (von strenggläubig, evtl. fundamentalistisch, bis hin zu atheistisch) auszugehen ist, (2) auch Studierende mit christlichen Hintergrund (z.B. ägyptische Kopten, christliche Libanesen, aramäisch-stämmige Studierende aus der der Türkei, Georgier) und jüdischem Hintergrund (vornehmlich Israelis) mit in diese Studie durchaus mit einbezogen werden sollen, so dass das Herkunftsgebiet der Untersuchungsklientel ganz grob mit dem unspezifischen deutschen Begriff „Orient“ wiedergegeben werden kann.

3.2 Die Lebenssituation internationaler Studierender aus dieser Region

Wie die Auswertung entsprechender Literatur, von Selbstzeugnissen, Internetportalen und „Best Practice“-Beispielen deutscher Hochschulen zeigt, gestaltet sich die Lebenssituationen dieser Studierendengruppe – häufig sowohl im Studien- wie im Heimatland – gleichermaßen prekär und ist geprägt durch politische Unsicherheit (z.B. Syrien, Palästina), familiären Erwartungsdruck in Bezug auf einen erfolgreichen Studienabschluss, z.T. das Gefühl der religiösen, ethnischen und sexuellen Diskriminierung. Die Folgen bestehen in hohen Durchfallquoten unter Studierenden aus dem Nahen Osten, einer hohen Quote von Studienabbrechern, einer hohe Rate von Rückwanderern bei gleichzeitigem Fachkräftemangel in Deutschland, damit verschenkten Potenzialen und nicht zuletzt im internationalen Imageverlust deutscher Hochschulen.

3.3 Die Studie

Die avisierte empirische Studie geht von der Grundthese aus, dass die Schwierigkeiten von Studierenden aus den „Nahen Osten“ mit dem westlichen medizinischen Ausbildungssystem auch durch eine spezifische medikale Erinnerungskultur und kulturspezifische Vorstellungen von ärztlicher Identität bedingt sind. Ziel der Studie ist es, empirische Belege zu eventuell kulturgebundene Vorstellungen von ärztlichem Tun zu ermitteln, deren Kenntnis und Berücksichtigung den interkulturellen Transfer von Heil- und Pflegeleistungen im Krankenhausalltag erleichtern kann.

Vorstellungen zur ärztlichen Identität von arabisch-, iranisch- und türkischstämmigen Medizinstudierenden sollen in verschiedenen Phasen ihres Studiums vor dem Hintergrund ermittelt werden, dass ausgehend von der hellenistisch- islamischen Tradition des Mittelalters gerade in den Ländern des Nahen Ostens Medizin eine sehr hohe Wertschätzung erfährt. Die zugrunde liegende These besteht darin, dass dieser kulturelle Hintergrund auch das Verhältnis der Studierenden aus dieser Herkunftsregion zum Medizinstudium und zum Arztberuf prägt und dass diese im Verlauf des Projektes noch zu ermittelnde Grundeinstellung – bei aller zu berücksichtigenden Heterogenität – zu Konflikten mit vorherrschenden Wertmustern im „westlichen“ medizinischen Umfeld und unter Medizinstudierenden deutscher Hochschulen beitragen kann.

Aufgrund der über narrative Interviews zu ermittelnden Befunde dieser Studie sollen einerseits interkulturelle Transferprozesse, aber auch kulturspezifische Barrieren in der Vermittlung von medizinischen Erkenntnissen und ärztlichem Rollenverständnis ermittelt werden, deren Kenntnis einen Beitrag zur Erleichterung des Lernens und Lehrens im Fach Medizin leisten und zeigen kann, wie kulturgebundene Faktoren medizinisches Tun beeinflussen und unter Umständen auch lenken können. Einer der zugrunde liegenden Thesen besteht allerdings darin, dass ein gleichartiges kulturelles Umfeld von Arzt und Patient noch kein „besseres“ Arzt-Patienten-Verhältnis garantieren muss.

3.4 Methode

Als Methode ist eine kulturell informierte und kultursensible Methode anzuwenden, die am besten der qualitativen ethnographischen Feldforschung in Gestalt von narrativen Interviews gemäß einem allgemein gehaltenen, nicht in jedem Falle verbindlichen Frageleitfaden entspringen sollte. Solche Leitfragen können sein:

  • Können Sie uns etwas aus Ihrer Kindheit berichten?
  • Gab/gibt es in Ihrer Familie Ärzte?
  • Wie kam es zum Ihrem Entschluss, Medizin studieren zu wollen?
  • Warum studieren Sie hier in Deutschland? Gab es andere Alternativen?
  • Einstellung zur Medizin: Gründe für die Wertschätzung
  • Broterwerb – ökonomische Motivation?
  • Welche medizinischen Fachbereiche schätzen Sie am meisten, welche am wenigsten? Warum?
  • Wie beurteilen Sie das Lehrprgramm in Geschichte, Theorie und Ethim der Medizin (für höhersemestrige Studierende, welche die entsprechenden Kurse mitgemacht haben)?

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Als Vergleichsgruppen der Studie sind deutsch-stämmige Medizinstudierende und ausländische Studierende anderer Fächer (Biologie, Physik etc.) mit einzubeziehen, um die fächerübergreifende Übertragbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten. Narrative Interviews können durchaus auch von älter-semestrigen Studierenden bzw. Tutoren geführt werden.

3.5 Medizinhistorisch-wissenschaftsgeschichtliche Einbindung

Das Projekt ist in medizinhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht mehrfach in historisch nachweisbare Transferprozesse medizinischer und medizinrelevanter Vorstellungen eingebunden. Diese betreffen:

  1. Den Transfer medizinischen Wissens und medizinischer Praktiken aus dem griechisch- hellenistischen Umfeld in den arabisch-islamischen Raum. Hierbei wird vorausgesetzt, dass der östliche Mittelmeerraum als „antikes Epizentrum“ der empirischen Medizin definiert werden kann und dieses Wissen als Prozess bewusster Aneignung in frühislamischer Zeit in den zunächst arabisch geprägten entstehenden islamischen Kulturraum übernommen und weiterverbreitet wurde.
  2. Den Transfer von neuzeitlich-medizinischem Wissen und Fertigkeiten vom 18. bis zum 20. Jahrhunderts aus Westeuropa in die islamische Welt, der zu einer teilweisen Übernahme europäischer Medizin, aber zu einer Ko-Existenz mit einheimischen „offiziellen“ und volksreligiös inspirierten paramedizinischen Praktiken führte – so lautet die forschungsleitende These.
  3. Die Konfrontation von Medizinstudierenden, die teilweise von dieser „euro-islamischen“ Medizintradition geprägt sind mit Prämissen, Wertigkeiten und Verfahrensweisen (knowledge, skills, attitudes) der westlichen, mitteleuropäischen Biomedizin des 21. Jahrhunderts.

3.6 Emanzipativ-partizipatorischer Ansatz - Motivation zur Mitwirkung für internationale und deutschstämmige Studierende

Zur Umsetzung der Studie ist der Einsatz studentischer Tutoriums-Gruppen und die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Initiativen vorgesehen, z.B. „Tür an Tür“/Migranet in Augsburg, dem Arabian-German Medical Alumni Network (AGMAN) der Universität Erlangen-Nürnberg, der ArabMed-AG der Charité in Berlin, der German University in Cairo, dem International Office der Universität Ulm, der Global Health Allianz, dem IMECU–Projekt International Medical Culture an der Chirurgischen Klinik und Poliklinik in München und dem Istanbul Health Museum EU Project.

Die Studie versteht sich dementsprechend nicht allein als wissenschaftliche Untersuchung, sondern auch als mögliche Maßnahme zur Stärkung und Nutzung von Potenzialen von internationalen Studierenden und als Beitrag zur Gestaltung eines befriedigenden Studienalltags und über den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn als Beitrag, kultursensibles Lernen als Bestandteil des universitäres Curriculums in der Medizin zu etablieren, indem verstärkter Wert auf die Vermittlung von Inhalten des medizinischen Pluralismus und der außereuropäischen Medizingeschichte gelegt wird. Gemäß den Ansätzen der Aktionsethnologie/Advocacy (Schlesier, Seithel) ist die Studie gemäß bereits bestehender Best Practice-Ansätze eingebunden in eine weitreiche Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten (knowledge and skills) an internationale Studierende und die Maxime, dass sich die Untersuchenden in weitgehender Weise den Forschungspartnern zur Verfügung stellen. Dementsprechend besteht die Motivation zur Mitwirkung an dieser Studie für „einheimische“ Studierenden darin, dass sie anderen Studierenden bei der Bewältigung des Studiums helfen können und Verständnis für die Lage einer größeren Gruppe ausländischer Studierender wecken können.

Vorträge

Tendenzen des Umgangs mit aussichtslosen Prognosen bei Patienten mit islamischem und/oder Migrationshintergrund. Kolloquium Benefit invasiver Maßnahmen bei infausten Prognosen, Prof. Porzsolt, Klinische Ökonomie/ Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm, Villa Eberhard, 30. November 2010.

Kressing, F.:Krankheit und Tod im Islam. Komitee für Klinische Ethikberatung (KEK) der Universität Ulm, Villa Eberhardt, 03.03. 2011

Kressing, F. Orta Doğu’nun tıbbiyelilerin hatırlaması ve özdeşliği Almanya‘da – Commemoration and Identity of Medical Students from Middle Eastern Countries in Germany. Medizinhistorisches Museum Ingolstadt, 02.05. 2011

Kressing, F. Paracelsus und Ibn Sino [sic!] im Spiegel westlicher und orientalischer Erinnerungskultur. GTE-Institutskolloquium, Universität Ulm, 18.05. 2011

Kressing, F. Anmerkungen zum Kulturbegriff. Kurzvortrag beim Zweiten Treffen der Arbeitsgruppe Interkulturalität und Medizin, Institut für Medizingeschichte, Ruhr-Universität Bochum, 23.05. 2011

Kressing, F.: Potenziale internationaler Studierender/ von Studierenden mit Migrationshintergrund nutzen und stärken. Vorstellung des Projektes zur medikalen Erinnerungskultur beim International Office der Universität Ulm, 25.08. 2011

Kressing, F.: Die Inhalte der Tutorien zur Lehrveranstaltung Medizinische Terminologie und das neue E-Learning-Programm zur Terminologie. Tutorenschulung am Institut für Geschichte, Theorie und Geschichte der Medizin, Universität Ulm, 13.10. 2011

Zitierte Literatur

Bozorgmehr, K, Last, K, Müller, A, Schubert, K Lehre am Puls der Zeit - Global Health in der medizinischen Ausbildung: Positionen, Lernziele und methodische Empfehlungen. Zeitschrift für Medizinische Ausbildung (2011)

Bozorgmehr, K, Schubert, K, Menzel-Severing, J, Tinnemann, P: Global Health Education: A cross-sectional study among German medical students to identify needs, deficits and potential benefits. BMC Medical Education (2010) 10/6

Bozorgmehr, K, Victoria, A, Tinnemann, P: The “global health” education framework: A conceptual guide for monitoring, evaluation and practice. Globalization and Health (2011) 7/8.

Bruchhausen, W: „Biomedizin“ in sozial- und kulturwissenschaftlichen Beiträgen. Eine Begriffskarriere zwischen Analyse und Polemik. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 18 (2010): 497-522

Bruchhausen, W: Global Health – Eine Herausforderung für das Medizinstudium. Deutsches Ärzteblatt – Politik - Ausbildung 42 (2011): 1-2

Elzubeir, M A, Elzubeir, K E, Magzoub, M E: Stress and Coping among Arab Medical Students: Towards a Research Agenda. Review Article, Education for Health (2010): 1-16

Seithel, F: Action Anthropology. Eine Darstellung ihrer Grundzüge anhand nordamerikanischer Projekte. Mainz 1986

Seithel, F: Von der Kolonialethnologie zur Advocacy Anthropology. Zur Entwicklung einer kooperativen Forschung und Praxis von EthnologInnen und indigenen Völkern. Hamburg (2000)

Universität Ulm, Universitätsklinikum Ulm, Bundesminsterium der Verteidigung (2011): Verbundantrag PiCS@Uulm – Practical and Communication Skills Concept - UULM PRO MINT & MED, Ulm (2011)

Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland, Global Health Initiative: Lehre am Puls der Zeit – Global Health in der medizinischen Ausbildung: Positionen, Lernziele und methodische Empfehlungen, Bonn (2009)

Schlesier, K H: Zum Weltbild einer neuen Kulturanthropologie. Erkenntnis und Praxis. Die Rolle der Action Anthropology. Vier Beispiele. Zeitschrift für Ethnologie 105/1 (1980): 32–66

Schubert, K, Özbay, J, Tinnemann, P: Hier und Dort – Einblicke in die Globale Gesundheit. Berlin, Leipzig (2009)

Ansprechpartner

Dr. Frank Kressing, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm


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