Institute of the History, Philosophy and Ethics of Medicine
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- Oberstabsarzt Leopold Müller mit Studenten der medizinischen Fakultät der Kaiserlichen Universität Tokio (um 1873). In: Kraas, E.; Hiki, Y.: „300 Jahre deutsch-japanische Beziehungen in der Medizin“ Tokio 1992, Abb. 4.
Modernisierungsideologien und Narrative in der Geschichtsschreibung des deutsch-japanischen Wissenschaftstransfers
Mit der internationalen Öffnung Japans nach 300 Jahren der Abgeschiedenheit begann Mitte des 19. Jahrhunderts für das Land eine Zeit extremen Wandels. Die Modernisierungsideologie der Meiji-Regierung (1868-1912) erstreckte sich auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens und führte binnen weniger Jahrzehnte zu einem „top-down“ verordneten Paradigmenwechsel in den Wissenschaften. Dies betraf auch – und in besonderem Maße – das Gebiet der Medizin: Durch die Implementierung eines Curriculums und Staatsexamens nach deutschem Vorbild wurde die seit fast 1500 Jahren etablierte chinesisch geprägte Heilkunde Japans („Kanpô-Medizin“) zugunsten des westlichen Modells verdrängt.
Dieser von der Meiji-Regierung forcierte deutsch-japanische Wissenstransfer in der Medizin wurde im 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum breit rezipiert. Dabei weist der Querschnitt der Rezeption eine starke Konzentration auf eine sehr selektive Quellen- und Themenauswahl auf, weshalb sich in der rekonstruktiven Analyse die Frage stellt, warum in der Narration immer wieder zu verschiedenen Zeitpunkten in der wechselvollen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts die gleichen Schwerpunkte gesetzt und andere Aspekte völlig vernachlässigt wurden.
Modernisierungsideologien in Wissenschaft, Staat und fördernden Institutionen lassen sich anhand einer Historiographie des deutsch-japanischen Wissenschaftstransfers ebenso nachweisen wie Ideologien wissenschaftlichen Fortschritts und Strategien der Glaubhaftmachung und Relevanzerzeugung.
Ansprechpartner:
Maria Schmitz, M.A., Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Ulm
