Preismarathon und Antrittsvorlesungen
Dies academicus mit neuem „Gastgeber“

Preis- und Amtsträger sowie weitere Akteure beim Dies academicus: 1. Reihe v.l.: Prof. Eberhart Zrenner (Retina-Implant), Dr. Walter Wrobel (Retina-Implant), Dr. Sandra Klinger (Retina Implant), Dekan Prof. Werner Smolny, Barbara Körner, Prof. Irene Bouw (Vizepräsidentin für Lehre und Internationales), Universitätspräsident Prof. Michael Weber, Uni-Kanzler Dieter Kaufmann; 2. Reihe v.l.: Prof. Hugo Hämmerle (Retina Implant, Institutsleiter NMI Tübingen), Dr. Dr. Florian Kuchenbauer, Prof. Hartmut Döhner, Prof. Albrecht Rothermel, Prof. Jan Beyersmann, Prof. Anke Huckauf, Prof. Kerstin Leopold, Prof. Wolf-Georg Forssmann (Pharis Biotec Geschäftsführer), Prof. Peter Dürre; 3. Reihe v.l.: Prof. Wolfgang Schleich, Simon Lüke, Maximilian Franke (Vertretung Prof. An Chen), Prof. Jan Münch, Prof. Frank Kirchhoff, Prof. Marcus Fändrich und Prof. Fedor Jelezko

Mit dem Dies academicus 2016 eröffnete Professor Michael Weber die erste große universitäre Festveranstaltung seiner Präsidentschaft. In seiner Begrüßung sprach der Informatiker traditionsgemäß über die Erfolge der letzten Monate. In der Forschung umfasst  dies die Förderung eines Zentrums für Traumaforschunghttps://www.uni-ulm.de/home2/presse/pressemitteilung/article/koerperliche-und-seelische-traumata-verstehenbrland-foerdert-zentrum-fuer-traumaforschung-mit-rund.html, in dem Wechselwirkungen zwischen physischen und psychischen Traumata untersucht werden. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) unterstützt den Aufbau mit drei Millionen Euro. Am gleichen Januartag und ebenfalls durch das MWK mitfinanziert, wurde das Tech Center a-drive zur Erforschung des automatisierten Fahrens eingeweiht, in dem die Universität Ulm ihre Kompetenzen mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem FZI Forschungszentrum Informatik bündelt. Insgesamt erhalten die Forscher 7,5 Millionen Euro vom Land und von der Daimler AG. Zudem verwies der Präsident auf das hervorragende Abschneiden der Universität Ulm bei der PublikationsanalyseHighly Cited Researchers des Medienkonzerns Thomson Reuters: Mit den Professoren Heiko Braak, Hartmut Döhner, Fedor Jelezko sowie Dr. Dr. Kelly Del Tredici-Braak arbeiten vier der weltweit meistzitierten Forscher ihres Gebiets an der Universität Ulm. Dazu kommen die Weiterförderung des Comprehensive Cancer Center Ulm (CCCU) als Onkologisches Spitzenzentrum durch die Deutsche Krebshilfe sowie zwei Emmy Noether-Nachwuchsgruppen für hervorragende Wissenschaftlerinnen.

Uni-Präsident Prof. Michael Weber

Auch aus den Bereichen Lehre und Doktorandenausbildung gab es Positives zu vermelden: Die Universität Ulm, an der mittlerweile rund 10 700 Studierende eingeschrieben sind, erhält im Zuge des Programms „Master 2016“ zum Wintersemester 2016/17 und zum kommenden Studienjahr 125 zusätzliche Masterplätze in besonders nachgefragten und neuen Studiengängen – darunter Chemical Engineering, Industrielle Biotechnologie sowie Wirtschaftswissenschaften. Weiterhin bauen Universität und Hochschule Ulm ein gemeinsames Promotionskolleg mit zunächst 12 Stipendien zur Entwicklung selbstlernender technischer Systeme auf. Und auch in der wissenschaftlichen Weiterbildung ist die Uni Ulm mit der School of Advanced Professional Studies (SAPS) hocherfolgreich. „Auf diesen Erfolgen und Perspektiven baut die Arbeit des neuen Präsidiums auf. Es warten große Herausforderungen auf die Universität Ulm, darunter die Positionierung in der anstehenden Ausschreibung der Exzellenzinitiative“, so Weber. Die Exzellenzinitiative werde die deutsche Forschungslandschaft in der nächsten Dekade prägen. Umso wichtiger sei der Erfolg der Universität Ulm mit ihren Forschungsschwerpunkten im Wettbewerb um Exzellenzcluster – gegebenenfalls im Verbund.
Das Format Graduiertenschule werde es nicht mehr geben, weshalb die mit Exzellenzmitteln geförderte und hocherfolgreiche Internationale Graduiertenschule für Molekulare Medizin mit Hilfe der Landesregierung verstetigt und zu einem Dach der Doktorandenausbildung ausgebaut werden solle.

Sieben Preisverleihungen beim Dies

Einblicke in Forschung, Lehre und Gleichstellung an der Universität Ulm ermöglichten sieben Preisverleihungen und zwei Antrittsvorlesungen. Zwei Kooperationspreise Wissenschaft – Wirtschaft 2015 à 4000 Euro gingen an die AIDS-Forscher Professor Frank Kirchhoff und Professor Jan Münch sowie an Professor Albrecht Rothermel, der mikroelektronische Systeme für subretinale Implantate für blinde Menschen entwickelt.

Seit mehr als 15 Jahren arbeiten die Professoren Kirchhoff und Münch vom Institut für Molekulare Virologie mit der Pharis Biotec GmbH zusammen. Das Unternehmen unter Leitung des Ulmer Seniorprofessors Wolf-Georg Forssmann stellt aus großen Mengen menschlicher Körperflüssigkeiten so genannte Peptidbibliotheken her. Im menschlichen Peptidom suchen die Virologen dann nach Virenverstärkern und –hemmern, analysieren ihre Wirkmechanismen und wollen sie letztlich für therapeutische Anwendungen weiterentwickeln. Die Ulmer HIV-Experten haben zusammen mit Forssmann eine Vielzahl von Fachartikel über anti- und provirale Peptide in renommierten Journals wie Nature oder Cell veröffentlicht sowie mehrere Patente angemeldet. Zu ihren größten Erfolgen zählt die Entdeckung und Charakterisierung des HIV-Hemmers VIRIP. Ein Derivat dieses „Ankerinhibitors“ wurde bereits in einer klinischen Studie an HIV-Patienten getestet und konnte die Virenlast um 99 Prozent senken. Zudem identifizierten die Forscher Amyloidfibrillen im menschlichen Sperma, die die Infektiosität des AIDS-Erregers verstärken und für die Virusausbreitung wichtig sein könnten. An der Universität Ulm konzentriert sich ihre Forschung am Kompetenzzentrum „Ulm Peptide Pharmaceuticals“ (UPEP).

Blinde wieder sehend zu machen, ist das Fernziel von Professor Albrecht Rothermel vom Ulmer Institut für Mikroelektronik und der Retina Implant AG aus Reutlingen. Seit 2006 entwickelt der Wissenschaftler mikroelektronische Schaltungen für subretinale Implantate, die von dem Unternehmen hergestellt werden. Diese Implantate – sie greifen in die Netzhaut und stimulieren diese – werden seit 2014 Blinden eingesetzt, die oft unter der Krankheit Retinitis Pigmentosa leiden. Ein Patient der Tübinger Augenklinik trägt das Implantat seit einem Jahr im Auge und kann Streifen auf einem Monitor erkennen beziehungsweise ihre Richtung angeben. Aktuell arbeitet Rothermel an mikroelektronischen Lösungen zur Verbesserung der Lebensdauer der Chips und einem noch größeren Patientennutzen. Doch schon jetzt erreicht kein Mitbewerber weltweit bessere Sehergebnisse.

Dr. Dr. Florian Kuchenbauer hat mit seinen Arbeiten zu einem besseren Verständnis der Akuten Myeloischen Leukämie (AML) beigetragen, dem häufigsten Blutkrebs im Erwachsenenalter. Dafür erhielt der Arzt und Wissenschaftler an der Universitätsklinik für Innere Medizin III den Franziska-Kolb-Preis zur Förderung der Leukämieforschung 2015 (8000 Euro). Kuchenbauer untersucht vor allem die Rolle von microRNAs bei der gesunden Blutbildung und bei der AML. Diese nicht-codierenden RNAs werden keineswegs in Proteine umgewandelt, haben aber Einfluss darauf, ob Signalwege ein- oder ausgeschaltet sind. Zu Kuchenbauers Erfolgen zählen die Messung von microRNAs bei der gesunden Blutbildung und der erstmalige Einsatz von „Next Generation Sequencing“ zur Detektion von MicroRNAs in Leukämien. Aktuell untersucht er in murinen Transplantationsmodellen für AML die Rolle von microRNAs in der Leukämieentstehung. Sein Fernziel sind neue Therapien zur Beeinflussung von microRNAs, die gestörte Blutzellen bei der AML „reparieren“. Außerdem forscht der Mediziner am Einsatz nicht-codierender RNAs als neue diagnostische Marker. Professor Hartmut Döhner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin III, stellte den Preisträger vor: Nach Studium und Promotion in München erlangte Florian Kuchenbauer einen weiteren Doktortitel (PhD) an der University of British Columbia (Kanada) und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in das Max Eder Nachwuchsgruppen-Programm (2011-2015) aufgenommen. Im Sonderforschungsbereich 1074 „Experimentelle Modelle und klinische Translation bei Leukämien“ ist er Projektleiter.

Professorin An Chen, Leiterin des Instituts für Versicherungswissenschaft, baut interkulturelle Brücken und ebnet Studierenden den Weg zum deutsch-chinesischen Doppelabschluss. Bis zu fünf angehende Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsmathematiker der Uni Ulm können für ein Jahr an der renommierten Fudan University in Shanghai studieren und einen Master in „World Economics“ abschließen. Danach folgt die zweite Masterarbeit in Ulm. Zwei von ihnen erhalten sogar ein Stipendium, um die immerhin 10 000 Euro Studiengebühren jährlich zu bezahlen. Auf der anderen Seite dürfen bis zu zehn Studierende aus Shanghai einen zusätzlichen „Master of Finance“ in Ulm machen. Für ihren Einsatz rund um das Double Degree-Programm, ihre hervorragenden Lehrveranstaltungen und ihr Engagement in der Studierendenbetreuung erhielt Chen den Lehrpreis der Universität Ulm 2015 über 4000 Euro. Beim Dies stellte Maximilian Franke, der das Double Degree-Programm mit aufgebaut hat und die Wissenschaftlerin vertrat, den Austausch vor.

Als Professorin am Institut für Analytische und Bioanalytische Chemie steht Kerstin Leopold für die Spurenanalytik und untersucht beispielsweise Gewässer- und Bodenproben mit hochgenauen Messinstrumenten auf Schadstoffe. Ihre wissenschaftliche Arbeit verbindet die in Forschung, Lehre und Selbstverwaltung überaus engagierte Mutter einer Tochter mit ihren Familienpflichten. Und dies in einem Fach, in dem Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Deshalb wurde Professorin Kerstin Leopold von der Gleichstellungsbeauftragten Professorin Anke Huckauf mit dem Mileva Einstein-Marić-Preis 2015 und 2500 Euro ausgezeichnet.

Um die Förderung begabter Naturwissenschaftlerinnen haben sich auch die Professoren Wolfgang Schleich und Fedor Jelezko verdient gemacht. Im Sonderforschungsbereich/TRR 21 „Kontrollierte Wechselwirkung maßgeschneiderter Quantenmaterie“ haben sie eine Juniorprofessur eingerichtet, die sich gezielt an Forscherinnen richtet und mittlerweile mit Ana Predojević besetzt ist. Das Engagement der Physiker wird mit dem Gleichstellungspreis 2015 und 2500 Euro honoriert.

Und auch studentisches Engagement wurde gewürdigt: Für ihren Einsatz rund um die Wiedereinführung der verfassten Studierendenschaft erhielten Barbara Körner und Simon Lüke den Ulmer Universitätssonderpreis für herausragendes studentisches Engagement 2015, dotiert mit 500 Euro. Das Gesetz zur Einführung einer Verfassten Studierendenschaft trat Mitte 2012 in Kraft. Seither können sich diese demokratisch  gewählten Vertretungen auf gesetzlicher Grundlage für die Studierenden einsetzen. Die Psychologin und der Elektrotechniker haben sich zudem in der Studierendenvertretung (StuVe) der Uni Ulm und in ihrer Fakultät weit überdurchschnittlich engagiert. Gemäß der Laudatorin Professorin Irene Bouw, Vizepräsidentin für Lehre und Internationales, sind die beiden „Vollprofis im Uni-Betrieb.“

Antrittsvorlesungen zu Proteinen und einer rechnenden Krankenhausreformerin

Neben den Preisverleihungen hielten Professor Marcus Fändrich (Institut für Proteinbiochemie) und Professor Jan Beyersmann, Leiter des Instituts für Statistik, Antrittsvorlesungen.

Professor Fändrich widmet sich Proteinen, die sowohl Bausteine des menschlichen Körpers als auch Krankheitsauslöser sind. „Strukturell ähnelt ein typisches Protein einem Wollknäuel: Es ist ein langer, aber kompliziert aufgewickelter Faden. Verklumpen mehrere solcher Fäden entstehen Aggregate, die schwerwiegende Folgen haben können. Sie führen womöglich zum Absterben von Körperzellen und Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson und Creutzfeld Jacob“, so der Biochemiker. Fändrichs Arbeitsgruppe untersucht den strukturellen Aufbau dieser Aggregate und die Mechanismen ihrer Bildung in Zellen. Ziel ist ein tieferes Verständnis der molekularen Grundlagen von Aggregationsreaktionen und den daraus resultierenden Krankheiten.

Auf eine der Wegbereiterinnen der modernen Krankenpflege, die auch noch mathematisch begabt war, besann sich Professor Beyersmann. Florence Nightingale (1820-1910) nutzte statistische Argumente, um die Krankenversorgung zu verbessern. Mit dem Mathematiker William Farr berechnete sie Inzidenzdichten der Krankenhausmortalität – und erntete heftige Kritik. Die Diskussion über Krankenhaushygiene ist noch immer aktuell und die Debatte um die „beste“ Methodik ist es auch. In seinem Vortrag zeigte Beyersmann, wie Konzepte der modernen biostatistischen Überlebenszeitanalyse diese Kritikpunkte auflösen und den Zusammenhang zwischen Inzidenzdichte und -proportion herstellen. Weiterhin präsentierte er aktuelle Forschungsprojekte seines Instituts – etwa zur Antibiotikaresistenz und Arzneimittelsicherheit während der Schwangerschaft. Dabei setzt er auf fortgeschrittene mathematische Methoden wie stochastische Prozesse und die so genannte Martingaltheorie.
Im Studiengang Mathematische Biometrie betreut Beyersmann übrigens Florence Nightingales Erbinnen: Knapp 90 Prozent der Studierenden sind weiblich – für ein MINT-Fach eine Traumquote.

Beim Dies academicus warf das 50-jährige Jubiläum der Universität Ulm seine Schatten voraus. Die Planungen für 2017 sind längst angelaufen: Feierlichkeiten sollen über das Jahr verteilt unter Einbeziehung von Stadt und Region stattfinden. Doch weitere „Vorschläge und Beiträge zum Jubiläum sind herzlich willkommen“, betonte Universitätspräsident Weber.

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

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