48. Jahrestag mit Antrittsvorlesungen und Festakt
Uni-Geburtstag im Zeichen der Mobilität der Zukunft

Protagonisten beim Festakt: 1. Reihe von Links: Hans Hengartner, Vorsitzender der Ulmer Universitätsgesellschaft, mit den Promotionspreisträgern Dr. John Kauffman, Dr. Malte Steiner, Dr. Vera Gramich, Dr. Florian Schaub und dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, Dr. Volkmar Denner<br>2. Reihe (v.l.): Promotionspreisträger Dr. Lisa-Katharina Maier, Dr. Stephan Fackler, Dr. Stefan Pfattheicher, Dr. Johannes Rausch und Universitätspräsident Prof. Karl Joachim Ebeling

48. Jahrestag mit Antrittsvorlesungen und Festakt Uni-Geburtstag im Zeichen der Mobilität der Zukunft Im 48. Jahr nach ihrer Gründung präsentiert sich die Universität Ulm als forschungsstarke Hochschule, die kürzlich den Titel „beste junge Uni Deutschlands“ im Ranking „THE 100 Under 50“ verteidigen konnte. Am Freitag wurden die Erfolge der letzten Monate beim Jahrestag gefeiert – mit Antrittsvorlesungen und einem Festakt. In seiner Begrüßung hatte Universitätspräsident Professor Karl Joachim Ebeling einige Rekorde zu vermelden: 2014 sind die Drittmittel auf 99,7 Millionen Euro gestiegen und gleichzeitig erreichten die Studierendenzahlen einen Höchststand von über 10 300. Gemäß einer Publikationsanalyse des Medienkonzerns Thomson Reuters gehören zudem mehrere der weltweit einflussreichsten Wissenschaftler ihres jeweiligen Fachgebiets der Uni Ulm an – allen voran der Leukämieforscher Professor Hartmut Döhner, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin III, Physikprofessor Fedor Jelezko sowie Heiko Braak, der als Seniorprofessor an der Uniklinik für Neurologie forscht. Der Universität eng verbunden sind die ebenfalls gelisteten Professoren Jürgen Garche (ehemals Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung/ZSW, Seniorprofessor Uni Ulm) und Bruno Scrosati vom Helmholtz-Institut Ulm für elektrochemische Energiespeicherung (HIU), Honorarprofessor an der Universität.

Als Herausforderungen und Zukunftsperspektiven nannte Ebeling die Profilierung durch Forschungsstärke – vor allem in den bereits exzellenten Bereichen Batterietechnologien, Bioquantensysteme und automatisiertes Fahren. Dazu kommen die vor einigen Monaten durch einen Sonderforschungsbereich geadelte Traumaforschung sowie die wissenschaftliche Arbeit in der Hämatologie/Onkologie sowie Neurologie. „In Zukunft gilt es, außeruniversitäre Forschung in Ulm zu fördern – insbesondere in der Medizin – und sich für die Fortsetzung der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zu positionieren“, sagte der Präsident. Weiterhin nannte er den strategischen Ausbau internationaler Partnerschaften als Ziel. Über das Wirken des Ingenieurs und Industriellen Robert Bosch leitete Ebeling zum Festredner über.

Vortrag zur „Mobilität im Wandel“

Der Festredner Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH
Der Festredner Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH

Neben der Verleihung der Promotionspreise stand nämlich ein Vortrag von Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, im Zentrum der Nachmittagsveranstaltung. Das Thema: „Mobilität im Wandel“. Der promovierte Physiker machte klar: Die Elektrifizierung des Antriebs kommt. Daran werden auch die aktuell niedrigen Rohölpreise nichts ändern. Bosch rechnet damit, dass im Jahr 2025 rund 15 Prozent aller weltweit produzierten Nutzfahrzeuge mindestens einen Hybridantrieb haben. In Europa wird dann sogar mehr als ein Drittel aller Neuwagen zumindest teilelektrisch angetrieben. Bis es so weit ist, müsse vor allem die Batterietechnologie weiterentwickelt werden. Denner, der in der Bosch-Geschäftsführung auch Forschung und Vorausentwicklung verantwortet, erwartet, dass Energiespeicher bis 2020 bei doppelter Energiedichte nur noch halb so viel kosten werden wie heute. „Das vernetzte Elektroauto ist das beste Elektroauto“, sagte der Festredner. Allerdings sei das Laden aktuell noch kompliziert: Als Lösung bietet „Bosch Software Innovations“ eine App an, die das Buchen und Bezahlen an Ladesäulen verschiedener Anbieter entscheidend vereinfacht. Neben der Alltagstauglichkeit spielen laut Denner auch Emotionen und Fahrspaß eine wesentliche Rolle bei der Elektromobilität. Er verwies auf das erfolgreiche Geschäft mit eBike-Antrieben(„Das eBike ist das erfolgreichste Elektrofahrzeug in der Europäischen Union“), durch das ein vermeintlich gesetzter Markt völlig neu definiert wurde. Er betonte, dass es mit dem Elektroauto – unter Mitwirkung von Bosch – ähnlich laufen könnte.

Zuvor hatte Hans Hengartner, Vorsitzender der Ulmer Universitätsgesellschaft (UUG), acht Promotionspreise à 1500 Euro verliehen. Dr. Florian Schaub, der am Institut für Medieninformatik promoviert hat, stellte seine Arbeit exemplarisch vor. Thema der Dissertation ist die dynamische Privatsphären-Anpassung beim Ubiquitous Computing, bei dem physische und virtuelle Welten verschwimmen. Bereits als Doktorand hatte Florian Schaub eine gewisse Bekanntheit erreicht, als er mit Forscherkollegen eine Sicherheitslücke bei Googles Smartphone-Betriebssystem Android aufdeckte und auf weitere Datenschutzprobleme aufmerksam machte – etwa  beim Chatdienst WhatsApp. Inzwischen forscht Schaub an der renommierten US-Universität Carnegy Mellon unter anderem über die „Datensammelwut“ von Apps.

Von der Fakultät für Ingenieurwissenschaften, Informatik und Psychologie wurden weiterhin der Ingenieur Dr. John Gabriel Kauffman und der Psychologe Dr. Stefan Pfattheicher  ausgezeichnet. Dazu kamen Promotionspreise für Dr. Stephan Fackler (Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften) sowie für die Naturwissenschaftlerinnen Dr. Vera Gramich und Dr. Lisa-Katharina Maier. Für seine numerischen Untersuchungen zum Frakturheilungsverlauf wurde Dr. Malte Steiner ebenso ausgezeichnet wie sein Fakultätskollege, der Mediziner Dr. Johannes Rausch.

Antrittsvorlesungen am Morgen

Die Antrittsvorlesungen beim Jahrestag 2015 hielten Prof. Simone Sommer (1. Reihe ganz links), Prof. Frank Kargl (2. Reihe, 2.v.l.) und Prof. Meinrad Beer (1. Reihe ganz rechts), flankiert von den Dekanen Prof. Joachim Ankerhold (2. Reihe ganz links), Pro
Die Antrittsvorlesungen beim Jahrestag 2015 hielten Prof. Simone Sommer (1. Reihe ganz links), Prof. Frank Kargl (2. Reihe, 2.v.l.) und Prof. Meinrad Beer (1. Reihe ganz rechts), flankiert von den Dekanen Prof. Joachim Ankerhold (2. Reihe ganz links), Prof. Tina Seufert (1. Reihe 2.v.r.) und Prof. Thomas Wirth (2. Reihe ganz rechts) sowie vom Universitätspräsidenten Prof. Karl Joachim Ebeling (1. Reihe 2.v.l.)

Am Morgen hatten sich drei Forscherpersönlichkeiten mit Antrittsvorlesungen vorgestellt. Die Themen reichten vom gläsernen Autofahrer bis zu Röntgens Erben.Das arten- und länderübergreifende Konzept Ecohealth erläuterte Professorin Simone Sommer, Leiterin des Instituts für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik. Im Feld und im Labor untersuchen Biologen und Mediziner gemeinsam, wie Umweltveränderungen – und damit verbunden der Verlust der Biodiversität, Veränderungen der Artenhäufigkeit und der Kontaktwahrscheinlichkeit – die Gesundheit von Tier und Mensch beeinflussen. Ein zusätzliches Beispiel: Wird ein Waldgebiet durch Abholzung zerschnitten, können sich die tierischen Bewohner nicht mehr frei bewegen und verpaaren. Die immungenetische Variabilität wird folglich reduziert – mit negativen Folgen für die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheitserregern. „In unserem neuen Labor untersuchen wir Veränderungen der bakteriellen Darmflora, das sogenannte Mikrobiom, den Wurmbefall und die Immungen-Variabilität der Tiere. Unsere medizinischen Kooperationspartner analysieren den Virenbefall. So können wir die Prozesse und Mechanismen der Zunahme und Diversifizierung von Krankheitserregern im Wildtierreservoir verstehen“, sagte die Wissenschaftlerin, die auf neueste Sequenziertechniken („Next Generation Sequencing“) setzt.
Sommer stellte einige Projekte ihres Instituts vor – darunter die Fledermausforschung in Panama, Untersuchungen an Beuteltieren in Brasilien, an Raubtieren im südlichen Afrika, aber auch studentische Arbeiten an Kleinsäugern im Botanischen Garten der Uni Ulm. Die Biologin sprach auch über die Entstehung von Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die die Artenbarriere zwischen Mensch und Tier überschreiten. Prominente Beispiele sind MERS, Ebola oder HIV.

Thematisch griff Professor Frank Kargl, Leiter des Instituts für Verteilte Systeme, dem Festredner vor und sprach über die Privatsphäre der Fahrer im Auto der Zukunft. Denn das Fahrzeug von morgen kommuniziert ständig mit seiner Umwelt – es warnt beispielsweise andere Autos vor Staus und Unfallschwerpunkten, wodurch sich der Verkehrsfluss verbessern kann. Doch auch böswillige Akteure könnten sich für die Informationsflut des Autos interessieren, Fahrzeuge orten, manipulieren und Bewegungsprofile erstellen. „Auf der einen Seite wollen Autofahrer von personalisierten Diensten profitieren, und auf der anderen Seite fürchten sie um ihre persönlichen Daten“, verdeutlichte Kargl das Dilemma.Konkrete Lösungsansätze präsentierte der Prodekan der Fakultät für Ingenieurwissenschaften, Informatik und Psychologie am Beispiel der Elektromobilität. Die Ausgangslage: Der Fahrer muss sich zukünftig an jeder Ladesäule anmelden, weshalb bei häufigen Ladevorgängen relativ genaue Bewegungsprofile entstehen. Um dies zu verhindern, haben Professor Kargl und seine Mitarbeiter ein vom Normierungsgremium ISO standardisiertes Kommunikationsprotokoll mit Hilfe modernster Technologien zum Schutz der Privatsphäre so umgebaut, dass es keine unnötigen Daten mehr herausgibt. Der Fahrer kann also vollständig anonym laden, dennoch laufen Anmeldung und Bezahlung automatisch ab. Kargls Forschung ist in das Zentrum F3 eingebettet, in dem Ingenieure, Informatiker und Psychologen zum intelligenten Auto der Zukunft forschen.

Die letzte Antrittsvorlesung kam von Professor Meinrad Beer, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie. Der Mediziner sprach über die großartigen Möglichkeiten, die Radiologie „Röntgens Erben“ heute bietet – von der Diagnostik via Computer- und Magnetresonanztomographie bis zu radiologischen Verfahren zur Behandlung chronischer Krankheiten. „Röntgenstrahlen sind aus vielen Bereichen in Medizin, Technik, Physik und Biologie nicht mehr wegzudenken. Für die Medizin eröffnen sie faszinierende Einblicke in den menschlichen Körper als Schlüssel um Krankheiten zu entdecken und zu heilen“, betonte der Arzt. Als Herausforderung für die nächsten Jahre nannte Beer die Weiterentwicklung kombinierter Untersuchungs- und Behandlungsmethoden („Hybridverfahren“) in Zusammenarbeit mit angrenzenden Disziplinen und etwa die Digitalisierung mit freiem Austausch von Bilddaten weltweit.

Alle Vortragenden waren von ihren Dekanninen und Dekanen vorgestellt worden. Ein Ensemble des Uniorchesters begleitete den Jahrestag musikalisch.

 

 

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