ERC Advanced Grant für Leukämieforschung - Wie "Körperpolizisten" zu Krebszellen werden

Mehr als 2,25 Millionen Euro für Professor Hassan Jumaa: Der Leiter des Instituts für Immunologie  hat einen ERC Advanced Grant erhalten. Mit dieser Förderung des Europäischen Forschungsrats will der Biologe in den kommenden fünf Jahren Mechanismen am B-Zellantigenrezeptor bei der Chronisch Lymphatischen Leukämie (CLL) untersuchen.

Prof. Dr. Hassan Jumaa
Prof. Dr. Hassan Jumaa

Autonomous CLL-BCRs

Forschungsprojekt

Role of autonomous B cellreceptor signalling and external antigen in the pathogenesis of chronic lymphocytic leukaemia (CCL)

Projektleitung

Prof. Dr. Hassan Jumaa

Fördervolumen

2,25 Millionen Euro

Fördereinrichtung

Advanced Grant des European Research Council (ERC)

Förderdauer

2016 - 2021

Kontakt

Prof. Dr. Hasan Jumaa
Institut für Immunologie

Ungehemmte Vermehrung von B-Lymphozyten

Bei der CLL handelt es sich um eine der häufigsten Blutkrebserkrankungen im Erwachsenenalter. Symptome dieser lebensbedrohlichen Krankheit umfassen geschwollene Lymphknoten, Erschöpfungszustände und eine hohe Infektanfälligkeit. Lediglich eine Stammzelltransplantation kann die CLL eventuell heilen. Die wissenschaftliche Arbeit im Zuge des ERC Advanced Grants soll den Weg zu neuen Therapien ebnen.

Professor Jumaas Forschungsschwerpunkt sind seit jeher B-Lymphozyten: Als Teil der körpereigenen Abwehr bekämpfen diese weißen Blutkörperchen Erreger. Dazu bilden sie spezifische Rezeptoren an ihren Oberflächen aus, mit denen sie Viren oder etwa Bakterien nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip erkennen und die Antikörper-Produktion starten. Im Fall einer CLL kommt es zu einer ungehemmten Vermehrung von B-Lymphozyten, die ihre Funktion als „Körperpolizei“ aufgeben.

Ganz grundlegend untersucht Jumaas Arbeitsgruppe, wie sich B-Lymphozyten normalerweise aus blutbildenden Zellen entwickeln. Dieser Prozess wird durch Signale des B-Zellrezeptors gesteuert und kann bei Störungen zur Entartung der Zellen führen –  die Folgen reichen von einer Immundefizienz bis hin zu Krebserkrankungen wie der CLL. Die zentrale Frage, was den B-Zellrezeptor anregt, ist jedoch nicht abschließend beantwortet.

 

 

Rezeptoren aktivieren sich gegenseitig

Die bisher gängige Annahme: Leukämische B-Zellen erhalten ihre Aktivierungssignale aus dem Zusammenwirken des Rezeptors mit körpereigenen Substanzen. Im Experiment konnte Jumaa jedoch bereits zeigen, dass die Rezeptoren auf der Oberfläche der Leukämiezellen ständig miteinander interagieren: „Benachbarte Rezeptoren derselben Zelle aktivieren sich offenbar gegenseitig und senden Signale aus, die zur Umwandlung der Immunzellen in Krebszellen führen. Wie diese Erkennung genau funktioniert, muss noch untersucht werden“, so der Forscher.

Im Zuge der ERC-Förderung will Professor Jumaa seiner Beobachtung weiter nachgehen und so die Immunbiologie von CLL-Lymphozyten im Zusammenhang mit der Signalgebung des B-Zellrezeptors besser verstehen. Neben transgenen Tiermodellen arbeitet Professor Jumaas Gruppe mit einer besonderen, eigens entwickelten Zelllinie, in der die Rezeptoren einzeln kontrolliert und charakterisiert werden können.

„Ein tieferes Verständnis des B-Zellrezeptor-Signalwegs wird uns womöglich dabei helfen, Moleküle zu designen, die die Interaktion der Rezeptoren hemmen. So könnten wir gezielt krebsfördernde Signale unterbinden“, beschreibt Jumaa eine klinische Anwendung seiner Forschung. Eine solche Therapie könnte nebenwirkungsarm in einem frühen Krankheitsstadium eingesetzt werden.

Untersuchung blutbildender Zellen
Untersuchung blutbildender Zellen

Weitere Stärkung der Ulmer Hämatologie

Professor Jumaa, der in Freiburg beim Nobelpreisträger Professor Georges Köhler promoviert hat und sich am gleichen Ort habilitierte, ist aufgrund der starken hämatologischen Forschung nach Ulm gewechselt. Nach eigenen Angaben profitiert er vom Sonderforschungsbereich 1074 "Experimentelle Modelle und klinische Translation bei Leukämien" sowie von wissenschaftlichen Arbeiten zur CLL an der Universitätsklinik. Der ERC Advanced Grant des gebürtigen Syrers trägt dazu bei, das Forschungsfeld weiterhin zu stärken.

Hassan Jumaa ist der zweite Wissenschaftler an der Uni Ulm, der einen ERC Advanced Grant erhält. 2013 ging ein erster Grant über 1,9 Millionen Euro an den AIDS-Forscher Professor Frank Kirchhoff. Das Förderinstrument richtet sich an etablierte, auf ihrem Fachgebiet führende Wissenschaftler. Das zu fördernde Projekt soll gleichzeitig wegweisend und risikoreich sein. Insgesamt wurden fast 2000 Anträge eingereicht, nur rund 270 davon waren erfolgreich.