„Die Zukunft hat keine Lobby“
Philosoph Wolfgang Kersting hält Eröffnungsvortrag der 6. Ulmer Denkanstöße über Generationengerechtigkeit

Der Philosoph Prof. Wolfgang Kersting
Prof. Renate Breuninger begrüßt die zahlreich erschienenen Gäste

Der Philosoph Prof. Wolfgang Kersting

Keine leichte Kost war das, was beim Eröffnungsvortrag der 6. Ulmer Opens external link in new windowDenkanstöße am 14. März im Stadthaus von Professor Wolfgang Kersting präsentiert wurde. Aber dafür umso appetitlicher serviert. Glasklare Gedanken, messerscharfe Analysen und provokante Thesen lieferte der Kieler Gerechtigkeitsphilosoph vor vollem Haus. Zum großen Gefallen des Publikums, das seinen gedankenreichen und dabei doch verständlichen Ausführungen zu Grundfragen der Generationengerechtigkeit auch zu fortgeschrittener Stunde noch aufmerksam folgen konnte.

Wie kann der moderne Sozialstaat dem in ihn gesetzten Gerechtigkeitsanspruch genügen? Sicherlich nicht, indem er heutige Generationen auf Kosten nachfolgender Generationen leben lässt. Schon die antiken Philosophen fanden es haushälterisch unanständig, die Schuldentilgung den im wahrsten Sinne des Wortes Hinterbliebenen aufzubürden. Dort wo die Entfaltungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen durch die heutigen und ihr kurzsichtiges Handeln eingeschränkt werden, hat Generationengerechtigkeit keinen Platz. „Ob Überschuldung, Ressourcenverschwendung oder Umweltzerstörung: die Rechnung zahlen die Nachfolgenden“, sagt Kersting. Das gilt auch für den Einsatz fragwürdiger Technologien mit unbekannten Risiken für die Zukunft.

Ein Gedankenexperiment zum Generationenvertrag bringt die Grundidee auf den Punkt. Eine gerechte Lastenverteilung kann es nur geben, wenn heutige und zukünftige Generationen an einem Tisch sitzen würden. Denkbar wäre so etwas in einer Versammlung der Zeitreisenden. Alle gemeinsam würden dann festlegen, was allgemein anerkennungswürdig ist. Das Problem dabei: da das nicht möglich ist, müssen die Interessen zukünftiger Generationen von den heutigen mitgedacht werden.

„Doch die Zukunft hat keine Lobby“, so Kersting. Vielmehr sorgt die demografische Entwicklung dafür, dass Zukunftsinteressen weiter zurückgedrängt werden. Die „Fernverantwortungsuntauglichkeit“ wird zunehmen, wo ältere Wähler immer mehr werden und damit Beharrungsverlangen und Konservierungsdrang zunehmen. „Die politische Unlust zur Kursänderung wird durch die Alterung der Wähler noch verstärkt“, warnt Kersting.

Kinderunwilligkeit als Vertragsbruch am Generationenpakt
Durch diese Nichtübernahme von Verantwortung für die Zukunft, werden durch die Heute-Lebenden Tatsachen geschaffen, die die Noch-nicht-Geborenen ausbaden müssen. Wie Thomas Paine hält Kersting diese Form des „Regieren-Wollens jenseits des Grabes“ für Tyrannei.

Noch mehr provoziert Kersting mit der Forderung, „Kinderunwillige“ an den gesellschaftlichen Kosten der Kinderlosigkeit zu beteiligen. „Kinderunwilligkeit ist ein einseitiger Vertragsbruch des Generationenpaktes“. Denn die durch Reproduktionsschwäche geprägte demografische Entwicklung gefährde den Generationenvertrag, auf dem Rente und Alterssicherung in Deutschland aufbauten.Die provokante Konsequenz: Kinderunwillige sollten daher privat für ihre eigene Rente vorsorgen. Ein heutiges Grundproblem: die Kollision individueller und kollektiver Rationalitäten. „Während Kinderlosigkeit früher vor allem ein privates Unglück war, ist es heute ein gesellschaftliches“, erläutert der Preisträger des Friedrich-Naumann-Freiheitspreises.

Während Ehe und Familie einem dramatischen gesellschaftlichen Wandel unterlägen und zugleich an personeller Auszehrung litten, gelte doch noch immer der kollektivmoralische Anspruch der Solidarität und des Mitgefühls. Nun sei es Aufgabe der Politik, durch kluges Handeln gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, die diesen Anspruch nachhaltig sicherten.

Wie gelingt nun ein gerechter Ausgleich zwischen den Generationen? Kersting: „Wir sollten den Jungen nicht zur Last fallen, aber zugleich auch die Alten so behandeln, wie wir selbst im Alter behandelt werden möchten.“

Ulmer Denkanstöße als Impulsgeber und inspirierendes Forum
Wie Schirmherrin Annette Schavan bei der Begrüßung bereits betonte, sind die Denkanstöße wichtige Impulsgeber und inspirierendes Forum, in diesem Jahr zu einem Thema, das vielen auf den Nägeln brenne. „Unsere Gesellschaft wird älter, weniger und bunter“, dem gelte es nicht nur in der Politik, sondern auch in der Zivilgesellschaft Rechnung zu tragen.

Oberbürgermeister Ivo Gönner hatte hingegen daran erinnert, wie der Stadtrat das Thema demografischer Wandel vor acht Jahren auf die politische Agenda gehoben hat. Da sei ein Streit darüber entbrannt, ob man Demografie mit f oder ph schreibt. „Iss doch wurscht!“, zitierte er sich von damals. Das Thema sei wichtig. Die Stadt reagiere jetzt endlich darauf. Also: Zuzug fördern, Infrastruktur anpassen und klarmachen: „Die demografische Entwicklung ist keine Landplage, sondern eine Chance!"

Ehrensenator Dr. h.c. Thomas Renner, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Baden-Württemberg, wagte eine Provokation: „Die Alten waren doch schon immer eine Last“. Das sei nichts Neues. Er müsse sich aber die Frage stellen, ob die Verteilungskämpfe zwischen Alt und Jung zwangsläufig seien. „Wir brauchen eine proaktive Alternsdiskussion, die sich von den alten Begrifflichkeiten löst. Denn hier sieht Renner das eigentliche Problem, der Gebrauch hergebrachter Begrifflichkeiten und das Denken in Schubladen. Alt werde automatisch assoziiert mit nutzlos.

Universitätspräsident Professor Karl Joachim Ebeling führte die Universität  als Musterbeispiel für das symbiotische Zusammenspiel von Jung und Alt vor Augen. Sein Fazit: „Ohne die Jungen an der Uni ginge die Lehre ins Leere. Und ohne Wissen, Erfahrung und Güte der Alten wären die Jungen verloren.“

Professorin Renate Breuninger, die als Geschäftsführerin des Humboldt-Studienzentrums (HSZ) der Universität Ulm ins Programm führte, spielte leichter Hand mit den Assoziationen altersbezogener Begriffe. Ob Generation „Glück“, Gerontokratie oder Well-Off-Older-People, genannt Woopies, so erzeugen sie beim Gebrauch doch ganz unterschiedliche Blickwinkel auf das Phänomen der alternden Gesellschaft. Mal wird sie Drohkulisse, mal Elysium. Die Philosophin erinnerte noch einmal an die Kernfrage der 6. Ulmer Denkanstöße, wie ein generationengerechtes Zusammenleben möglich sei. „Leider hört die Solidarität oft da schon auf, wo es nicht mehr nur um die eigenen Enkel geht“, mahnte Breuninger.

Begeistert zeigte sich das Publikum auch vom musikalischen Rahmenprogramm. Anne Hoerder an der Querflöte und Julia Waller am Klavier, beide Bundespreisträgerinnen von „Jugend musiziert“, brillierten mit Stücken von Charles Marie Widor und Bohuslav Martinu.

Die Ulmer Denkanstöße werden vom Humboldt-Studienzentrum der Universität in Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung der Stadt Ulm und der Kulturstiftung der Sparda-Bank Baden-Württemberg organisiert. Die 6. Auflage der Veranstaltungsreihe trägt den Titel „Die Zukunft ist silbern – gelingt Solidarität zwischen Jung und Alt?“. Die Denkanstöße laufen vom 13. bis zum 16. März im Ulmer Stadthaus.

Weiteres zu den Opens external link in new windowDenkanstößen

Verantwortlich: Andrea Weber-Tuckermann

 

Denkanstöße 2013 (Fotos: Rosa Grass)

Dr. hc. Thomas Renner, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank mit Prof. Renate Breuninger, Geschäftsführerin des Humboldt-Studienzentrums

Kulturbürgermeisterin Iris Mann mit Prof. Heiner Fangerau, Sprecher des Humboldt-Studienzentrums

v.l. Iris Mann, Ivo Gönner, Prof. Annette Schavan, Prof. Karl Joachim Ebeling, Dr. h.c. Thomas Renner, Prof. Heiner Fangerau

Anne Hoerder (Querflöte) und Julia Waller (Klavier), Bundespreisträgerinnen "Jugend musiziert", 2012

Prof. Annette Schavan

Prof. Annette Schavan

Oberbürgermeister Ivo Gönner

Dr. hc. Thomas Renner, Vorstandsvorsitzender Sparda-Bank

Prof. Karl Joachim Ebeling

Prof. Renate Breuninger

Prof. Dr. Wolfgang Kersting, Preisträger 2012 der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit, Universität Kiel bei seinem Vortrag: "Gerechtigkeit zwischen Jung und Alt"

Prof. Dr. Wolfgang Kersting, Preisträger 2012 der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit, Universität Kiel bei seinem Vortrag: "Gerechtigkeit zwischen Jung und Alt"

Prof. Dr. Wolfgang Kersting, Preisträger 2012 der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit, Universität Kiel bei seinem Vortrag: "Gerechtigkeit zwischen Jung und Alt"

Prof. Dieter Beschorner

Manuela Fischer, Humboldt-Studienzentrum(li)

Prof. Renate Breuninger

Juniorprof. Jörg Tremmel, Hans-Ulrich Thierer, Patrick Bauer, Prof. Christoph Butterwegge

Juniorprof. Jörg Tremmel, Hans-Ulrich Thierer, Patrick Bauer, Prof. Christoph Butterwegge

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler, Universität Köln

Patrik Bauer, Chefredakteur Neon

Prof. Dr. Dr. Jörg Tremmel, Juniorprofessor für generationsgerechte Politik, Universität Tübingen

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler, Universität Köln

Prof. Dr. Dr. Jörg Tremmel, Juniorprofessor für generationsgerechte Politik, Universität Tübingen

Hans-Ulrich Thierer, Südwestpresse (li), Patrik Bauer, Chefredakteur Neon

Hans-Ulrich Thierer, Südwestpresse (li), Patrik Bauer, Chefredakteur Neon

Juniorprof. Jörg Tremmel, Hans Ulrich Thierer, Patrick Bauer, Prof. Christoph Butterwegge

Prof. Renate Breuninger mit Hans-Ulrich Thierer

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit mit Hans-Ulrich Thierer, SWP

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit mit Hans-Ulrich Thierer, SWP

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit mit Hans-Ulrich Thierer, SWP

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit mit Hans-Ulrich Thierer, SWP

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Dr. Ursula Lehr, CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Prof. Renate Breuninger

JaZz e.V.

Prof. Renate Breuninger mit Bürgermieisterin Iris Mann

Bürgermieisterin Iris Mann

Jazzduo Heinz Sauer & Michael Wollny

Jazzduo Heinz Sauer & Michael Wollny

Jazzduo Heinz Sauer & Michael Wollny

Wolfgang Gründinger, Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (li), Manfred Brock, Geschäftsführer von Erfahrung Deutschland, Gesellschaft für Expertenwissen

Torsten Blümke, SWR Ulm

Prof. Heiner Fangerau (li) mit Torsten Blümke, SWR Ulm

Prof. Heiner Fangerau

Prof. Heiner Fangerau

Wolfgang Gründinger, Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen

Manfred Brock, Geschäftsführer von Erfahrung Deutschland, Gesellschaft für Expertenwissen und Torsten Blümke, SWR Ulm (li)

Wolfgang Gründinger, Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen

Manfred Brock, Geschäftsführer von Erfahrung Deutschland, Gesellschaft für Expertenwissen

Dr. Ralph Skuban, Philosoph und Leiter einer Pflegeeinrichtung für Demenzkranke

Dr. Ralph Skuban, Philosoph und Leiter einer Pflegeeinrichtung für Demenzkranke

v.l. Wolfgang Gründinger, Manfred Brock, Dr. Ralph Skuban, Torsten Blümke

Wolfgang Gründinger, Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen

Bürgermeisterin Iris Mann

Manfred Brock, Geschäftsführer von Erfahrung Deutschland, Gesellschaft für Expertenwissen

Bürgermeisterin Iris Mann und Prof. Renate Breuninger

Prof. Heiner Fangerau

Iris Mann, Cathrin Clausnitzer (Sparda-Bank), Helmut Herzog (Vorsitzender JazZ e.V.), Torsten Blümke

Torsten Blümke, Iris Mann, Cathrin Clausnitzer (Sparda-Bank), Helmut Herzog (Vorsitzender JazZ e.V.),

Torsten Blümke, Iris Mann, Cathrin Clausnitzer (Sparda-Bank), Helmut Herzog (Vorsitzender JazZ e.V.),

Torsten Blümke, Iris Mann, Cathrin Clausnitzer (Sparda-Bank), Helmut Herzog (Vorsitzender JazZ e.V.),

Iris Mann, Cathrin Clausnitzer (Sparda-Bank), Helmut Herzog (Vorsitzender JazZ e.V.), Torsten Blümke

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW), Universität Ulm

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW), Universität Ulm

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW), Universität Ulm

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW), Universität Ulm

Bürgermeisterin Iris Mann

Prof. Renate Breuninger (li), Carmen Stadelhofer (re)

Rosa Grass

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Humboldt-Studienzentrum
Tel. 0731/50-23461