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ULM LECTURE mit Prof. Bert Hölldobler
Vom Ameisenstaat über das menschliche Sozialverhalten lernen

Universität Ulm

Einen spannenden und kurzweiligen Überblick über sein weites Forschungsfeld gab Professor Bert Hölldobler bei seiner ULM LECTURE Anfang Juni im Ulmer Stadthaus. Seit rund 50 Jahren forscht der Soziobiologe über die „Evolution von Sozialverhalten“. Dabei sind das bevorzugte Objekt seiner Forschung Ameisen, weil diese soziale Insekten Staaten bilden und Arbeitsteilung betreiben. Inzwischen tragen sogar sieben neu entdeckte Arten den Beinamen „hoelldobleri“. Für Biologen eine ganz besondere Ehre, wie Professor Harald Wolf, der Leiter des Instituts für Neurobiologie der Universität Ulm, in seiner Einführung betonte.

In seinem rund eineinhalbstündigen Vortrag umriss Hölldobler im gut besetzten Stadthaus sein Forschungsfeld, für das er sich bereits als Jugendlicher interessierte. „Meine Mutter durfte wegen der Ameisenfarm in meinem Zimmer nur zu bestimmten Zeiten staubsaugen“, erzählte der heute 81-Jährige. Unter dem Titel „Kommunikation und Kooperation im Superorganismus“ zeigte er die Vorteile der Arbeitsteilung auf, wie sie im Ameisenstaat mit Arbeiterinnen, Soldatinnen und Königinnen üblich ist.

Außerdem stellte Hölldobler, der seit seiner Emeritierung als Forschungsprofessor an der Arizona State University in Tempe (USA) forscht, verschiedenen Ameisenarten und deren besondere Lebensweise vor. Von Blattschneiderameisen, die eine regelrechte Landwirtschaft mit Pilzen betreiben, bis hin zu Honigameisen, die ihre Schwestern als lebende „Honigtöpfe“ halten. Überdies sind allein 200 Ameisenarten bekannt, die Sklaverei praktizieren: als Larven geraubte „Beute-Arbeiterinnen“ kümmern sich später um Königin und Brut.

Besonders anschaulich beschrieb Hölldobler das raffinierte Territorialverhalten der Honigameisen-Art Myrmecocystus, die bei Streitigkeiten mit anderen Mymecocystus-Völkern regelrechte „Schaukämpfe“ veranstaltet. Bei diesen „Turnieren“ zählen die ausgesandten Ameisen die Teilnehmer und schätzen so die gegnerische Stärke ab. Bei Unterzahl werden neue „Kämpfer“ aus dem Nest rekrutiert.

Solch aggressives und diskriminierendes Verhalten schlummert laut Hölldobler auch im Menschen, was evolutionsbiologisch durchaus verständlich ist. Es darf aber niemals fehlgeleitetes fremdenfeindliches Verhalten rechtfertigen. Das betonte der Soziobiologe auch in der Diskussion nach seinem Vortrag und beantwortete mehrere dementsprechende Fragen aus dem Publikum. Auf die Frage danach, was der Mensch von den Ameisen lernen kann, zog der „Ameisen-Papst“ ein klares Resümee. „An Ameisen können wir die Effizienz ihrer egalitären Arbeitsteilung bewundern. Es ist allerdings auch zu erkennen, dass, wo immer in der Natur soziale Kooperation entstanden ist, damit auch Diskriminierung von Artgenossen einhergeht. Schon Kinder zeigen diese Verhaltensweisen, indem sie andere bewusst ausgrenzen. Diese, in archaischer Vorzeit nützlichen Anlagen, die noch in uns „schlummern“, verführen leider in unserer Zeit allzu häufig zu sinnloser Fremdenfeindlichkeit.

Hölldobler plädierte eindringlich dafür, dieses evolutionsbiologische Erbe zu erkennen und diesem durch Erziehung entgegenzuwirken. „Wir müssen unseren Kindern bereits im Kindergarten die Wertschätzung der Vielfalt des Lebens und der Menschen vermitteln“, so der Forscher.

 

Weitere ULM LECTURE im Jubiläumsjahr:

Montag, 6. November, 18:00 Uhr, Stadthaus Ulm:
Professor Dr. William E. Moerner - Stanford University, USA - Träger des Nobelpreises für Chemie 2014: "What can you learn from watching single molecules? From super-resolution imaging to nanoscale probes of 3D dynamics in cells" – Vortrag in englischer Sprache

Der Eintritt ist frei!

 

Text und Medienkontakt: Daniela Stang

 

 

Prof. Bert Hölldobler hielt die 1. ULM LECTURE im 2. Halbjahr (Foto: Elvira Eberhardt)
Prof. Harald Wolf, Leiter Institut für Neurobiologie, Prof. Bert Hölldobler und Prof. Michael Debatin, Vizepräsident Uni Ulm (Foto: Elvira Eberhardt)
Zuhörer im Stadthaus Ulm (Foto: Elvira Eberhardt)