Horváth-Stiftungsprofessor Mathias Klier
Qualitätsmanager der Datenflut

Universität Ulm

Die Forschung von Mathias Klier, seit September Horváth-Stiftungsprofessor für Betriebswirtschaftliches Informationsmanagement, könnte aktueller kaum sein. Klier beschäftigt sich vor allem mit der Qualitätssicherung im Bereich Big Data und mit der Analyse sozialer Medien.

Big Data ist in aller Munde: Die intelligente Auswertung riesiger Datenberge soll bei der Entscheidungsfindung helfen - zum Beispiel im Kontext von Industrie 4.0. Doch die Qualität der verwendeten Datensätze hinterfragt fast niemand. Hier setzt Mathias Klier, Stiftungsprofessor am Institut für Technologie- und Prozessmanagement (ITOP), an: "Damit die abgeleiteten Ergebnisse valide und wertstiftend sind, ist es unabdingbar, die Qualität der zugrundeliegenden Daten zu messen und sicherzustellen", erklärt Klier. Als Beispiel nennt der Wirtschaftsmathematiker mit Stationen in Augsburg, Innsbruck und Regensburg eine Studie mit einem Mobilfunkanbieter, der zwar Kundendaten für Marketingzwecke speichert, diese aber nur bedingt aktuell hält. So erreichten Kampagnen für Studierende auch Kunden, die schon längst im Berufsleben stehen und somit nicht mehr zur Zielgruppe gehören. Das Forschungsgebiet mag neu sein, die Methodik ist es nicht: Der 36-Jährige kombiniert Wahrscheinlichkeitstheorie, mathematische Modellierung und quantitative Modelle. Im Fall des Mobilfunkanbieters hat er eine spezielle Metrik entwickelt. So lässt sich ermitteln, mit welcher Wahrscheinlichkeit die gespeicherten Daten noch aktuell sind.

Facebook, Twitter und damals vielleicht auch noch studiVZ: Studierende und ihre Vorliebe für soziale Medien haben den Wirtschaftsmathematiker zu seinem zweiten Forschungsschwerpunkt gebracht. "Vermehrt wurde ich angefragt, Abschlussarbeiten im Bereich Social Media zu betreuen. Und so fing ich selbst an zu untersuchen, wie Unternehmen die Netzwerke für sich nutzen können", erläutert Klier. Welche Facebook-Mitglieder müssen von einem Produkt überzeugt werden, damit sich die entsprechende Marketingkampagne viral verbreitet? Und wie verteilen sich Informationen in Firmennetzwerken? Um solche Fragen vor einem mathematischen Hintergrund zu erforschen, hat Klier noch in Regensburg zusammen mit Professorenkollegen eine Technologietransfer-Allianz "Mobile Business und Social Media" gegründet und rund drei Millionen Euro öffentliche Förderung eingeworben. In Kooperation mit der Agentur für Arbeit suchen die Forscher beispielsweise nach Wegen, um mit sozialen Medien die Jugendarbeitslosigkeit zu verringern. Dazu wurden Schüler auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ergänzend zum normalen Beratungsangebot in so genannte JobFinding-Communities eingeladen, im Modellversuch realisiert auf Basis des Chatdienstes WhatsApp. Für die Fragen und Diskussionen der jeweils rund 20 Schülerinnen und Schüler hielt sich in jeder JobFinding-Community ein professioneller Berufsberater bereit. Erste Untersuchungsergebnisse - die Forscher haben nicht nur die Kommunikation in den Gruppen analysiert, sondern auch Befragungen durchgeführt - sind vielversprechend: "Jugendliche, die die JobFinding-Communities nutzten, waren viel aktiver und erfolgreicher als die Kontrollgruppe und haben sich gegenseitig bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt. In diesem Fall greift wohl auch der sogenannte ,Peer Group Effect': Niemand möchte untätig sein und als letzter ohne Stelle dastehen", erklärt Klier, der sich aber auch mit traditionellen Forschungsfeldern der Wirtschaftsinformatik wie Prozessmanagement und Customer Relationship Management (Kundenbeziehungsmanagement) beschäftigt.

Diese Kombination scheint sich perfekt in die Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften einzufügen: "Nach meinem Dienstantritt habe ich eine Vorstellungsmail an die Fakultätskolleginnen und -kollegen geschrieben und zahlreiche Rückmeldungen bekommen: Viele wenden ähnliche Methoden an und können sich eine Zusammenarbeit sehr gut vorstellen", so Klier. Und auch der Stifter, Professor Horváth, ist glücklich über die Personalie: "Mit Professor Mathias Klier hat die Universität Ulm einen jungen exzellenten Wissenschaftler berufen, der die von mir gestiftete Professur ideal vertritt. Das hochaktuelle Forschungs- und Lehrgebiet ,Betriebswirtschaftliches Informationsmanagement' ist durch ihn bestens vertreten."

An seiner früheren Station ist Klier, damals als Professor für Wirtschaftsinformatik im Rahmen des BMBF-Projekts "Qualität in der Regensburger Lehre" (QuiRL), mehrfach für seine didaktischen Fähigkeiten ausgezeichnet worden. Denn Frontalunterricht war noch nie seine Sache: In seinen Vorlesungen stimmen Studierende per Smartphone-App über die richtige Antwort ab, was oft zu regen Diskussionen führt. Fallstudien sind stets anwendungsnah und basieren auf realen Datensätzen. Von diesen Lehrmethoden profitieren an der Universität Ulm nicht nur junge Menschen in Bachelor- und Masterstudiengängen, sondern auch Berufstätige, die sich für das neue Weiterbildungsangebot Business Analytics einschreiben.

Insgesamt freut sich der neue Stiftungsprofessor auf mathematisch anspruchsvolle, jedoch wirtschafts- und anwendungsnahe Projekte an der Uni Ulm.

Zum Hintergrund

Anfang 2014 überraschte Professor Péter Horváth, Stuttgarter Emeritus und Aufsichtsratsvorsitzender der Horváth AG, die Universität Ulm mit einem ungewöhnlichen "Geschenk". Der Controlling-Experte übertrug der Uni nicht nur die Hälfte des "International Performance Research Institute" (IPRI), sondern stiftete auch eine Professur für Betriebswirtschaftliches Informationsmanagement - finanziert für zunächst fünf Jahre mit einer Million Euro. Seit September 2015 forscht und lehrt Stiftungsprofessor Mathias Klier am Institut für Technologie- und Prozessmanagement (ITOP).

Text und Medienkontakt: Annika Bingmann

Prof. Mathias Klier
Prof. Mathias Klier (Foto: Eberhardt/kiz)