Aktuelles zum 50-jährigen Jubiläum der Universität Ulm

Zukunftsforum "Uni-Topia" im Kornhaus
Von der Bürgeruniversität zur Uni der Herzen

Universität Ulm

Seit ihrer Gründung im Jahr 1967 hat sich die Universität Ulm von einer medizinisch-naturwissenschaftlichen Hochschule zur internationalen Forschungsuniversität entwickelt. Erfolge der vergangenen 50 Jahre wurden im laufenden Jubiläumsjahr ausgiebig gewürdigt. Doch wie geht es mit der jüngsten Landesuniversität weiter? Wo steht die Uni Ulm in zehn oder gar in 50 Jahren? Dieses Gedankenexperiment wagten Mitte Oktober hochkarätige Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung, Politik und Wirtschaft beim gemeinsamen Zukunftsforum der Ulmer Universitätsgesellschaft (UUG) und der Universität Ulm im Kornhaus.

Es ist eine mitreißende Vision für das Jahr 2067, die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer zum Abschluss des Zukunftsforums der Universität entworfen hat: "Wie heute gibt es eine Festveranstaltung. Doch der Anlass ist ein anderer: Die Universität hat einen großen Wettbewerb gewonnen, sie ist `Uni der Herzen´ geworden. Denn mit ihrer Forschung war es ihr gelungen, konkrete Lösungen für drängende gesellschaftliche Probleme zu finden!". Der Applaus der mehr als 250 Zuhörer für diese schmeichelhafte Zukunftsbeschreibung war natürlich groß.

Und genau um solche Visionen ging es beim Zukunftsforum "Uni-Topia", das als dritte große Veranstaltung im Jubiläumsjahr der Universität im Ulmer Kornhaus stattfand. Veranstaltet wurde die prominent besetzte Veranstaltung ganz bewusst an diesem historischen Ort. So erinnerte der UUG-Vorstandsvorsitzende Hans Hengartner bei der Begrüßung an den Gründungsakt, der am 25. Februar 1967 im Kornhaus stattfand, und blickte zurück auf die besondere Vorgeschichte: "Vor fünfzig Jahren haben sich Bürger, Politik und Wirtschaft die Universität gegen den Widerstand der Landesregierung erkämpft", so Hengartner. Den Bogen in die Zukunft spannte schließlich Moderator Dr. Jan-Martin Wiarda mit den Leitfragen zur Veranstaltung. Wie werden sich die Universitäten in Deutschland entwickeln? Welche Erwartungen werden Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an sie stellen? Mit welchen Herausforderungen wird konkret die Universität Ulm konfrontiert sein? Die Antworten dazu fielen vielfältig und mitunter kontrovers aus.

Forschung, Lehre und Wissenstransfer bilden das Kerngeschäft der Universität

So waren sich die Wissenschaftsratsvorsitzende Professorin Martina Brockmeier und die Präsidentin der Berliner Humboldt-Universität Professorin Sabine Kunst mit dem Ulmer Unipräsidenten Professor Michael Weber einig darüber, dass Universitäten auch in Zukunft einen ganz bestimmten Auftrag zu erfüllen hätten. Dieser bestehe konkret darin, Wissen zu generieren und an die Gesellschaft weiterzugeben, wobei - in unterschiedlicher Stärke - drei Säulen zum Tragen kämen: die Forschung, die Lehre und der Wissenschaftstransfer. Ein funktional ausdifferenziertes Bildungssystem, an dessen einen Ende die Berufs- und Praxisorientierung stehe und am anderen die Spitzen- und Grundlagenforschung, mache deshalb auch in Zukunft Sinn. Dr. Ulrich Simon, Leiter Unternehmensforschung und Technologie bei der Carl Zeiss AG, hingegen prognostizierte eine gewisse Nivellierung im Bildungsbereich. Die Universitäten agierten ja nicht im luftleeren Raum und müssten sich allesamt stärker nach den Bedürfnissen der Wirtschaft ausrichten. Denn die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt seien durch die rasanten technologischen Entwicklungen dramatisch. "In Zukunft werden wohl auch Schreiner an der Universität studieren", meinte Simon. Dies wollten seine Mitdiskutanten so aber nicht stehen lassen. Schließlich hätten sich die unterschiedlichen Formate wie die duales Studium, Hochschule und Universität ja durchaus bewährt. "Und wir tun ja dem Schreiner keinen Gefallen damit, wenn wir ihn im Grundstudium mit höherer Mathematik beglücken", sagte Weber.

Die Menschen brauchen Orientierung durch die Wissenschaft

Doch natürlich müssen sich die Universitäten auf einschneidende Veränderungen einstellen. Die Wissenschaftsratsvorsitzende Brockmeier betonte die zunehmend größere Bedeutung der Forschung für die Gesellschaft. Deshalb müsse die Wissenschaft auch mehr Verantwortung übernehmen. Landesministerin Bauer wies den Universitäten zudem eine gewisse Kompassfunktion zu: "Die Menschen brauchen Orientierung durch die Wissenschaft. Sie werden sonst absaufen im See des Wissens. Es geht darum zu vermitteln, wie man mit diesen ungeheuren Mengen an neuen Erkenntnissen sinnvoll umgeht, um nicht närrisch zu werden." Die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin Kunst betonte in diesem Zusammenhang die neue Rolle der Lehrenden. Diese müssten dabei helfen, Quellen zu bewerten und aufzeigen, dass es viele parallele Welten und Wahrheiten in den Wissenschaften gibt. Vor diesem Hintergrund warnte die Wissenschaftsratsvorsitzende vor der Verfestigung der Disbalance zwischen Forschung und Lehre: "Anders als gute Forschung bedeutet gute Lehre meist nur mehr Arbeit, nicht mehr Reputation", kritisierte sie. Die Wissenschaftspolitik sei sich zwar einig, dass man der Lehre einen größeren Stellenwert einräumen müsse, doch herrsche weiterhin Dissens darüber, welchen Weg man dabei beschreiten solle.

Tobias Dlugosch, der ehemalige Vorsitzende der Verfassten Studierendenschaft der Uni Ulm, wünscht sich für die Zukunft vor allem mehr Breite im Wissen als auch mehr Spielraum im Studium zur Persönlichkeitsentwicklung. "Wissen ist heute überall und universal verfügbar. Wir wollen aber nicht nur Fachwissen, sondern auch lernen, kritisch zu denken und unser Wissen, in der Praxis anzuwenden", so der E-Technik-Student, der gerade an seiner Masterarbeit sitzt. Dlugosch wünschte sich ein Grundstudium in Form eines "Studium Generale" und war damit gar nicht so weit weg von seinen Podiumspartnern. Alle waren sich einig, dass eine breitere fachliche Basis insbesondere dem Bachelor-Studium guttue. Eine Spezialisierung solle erst später mit dem Master erfolgen. Begrüßt wurde dies auch von Dr. Simon, der hervorhob, dass man in der Wirtschaft Persönlichkeiten brauche und nicht nur Fachwissen. "Unsere Mitarbeiter bei Carl Zeiss müssen alle drei Monate mit neuen Inhalten und Projektformaten arbeiten. Da sind Menschen gefragt, die gelernt haben, immer wieder neu zu lernen", sagte Simon.

Die Universität als Experimentierkasten und Versuchslabor

Im zweiten Teil der Veranstaltung, in dem es konkret um die Universität Ulm ging, war natürlich besonders die Meinung von Oberbürgermeister Gunter Czisch gefragt. Die Uni Ulm sei klein aber fein, und er sei stolz auf die geleistete Spitzenforschung. Der OB betonte insbesondere den engen Austausch mit den Wirtschaftsunternehmen in der Wissenschaftsstadt. Doch Czisch sieht durchaus Spielräume für weitere Verbesserungen: "Die Universität und die Stadt sind noch immer zu sehr getrennt. Wir brauchen in Zukunft mehr Schnittschnellen hin zur Stadtgesellschaft und Kraftzentren, wo sich Bürger- und Wissenschaft begegnen", regte das Stadtoberhaupt an. In Zukunft werde man auf dem Eselsberg leben, arbeiten und lernen, er denke dabei aber auch an kreative Begegnungsräume überall in der Stadt und ist dabei ganz nah an der Vision von Student Dlugosch, der die Uni gerne zum Experimentierkasten und Versuchslabor machen würde. Dort könnten Menschen im persönlichen Austausch voneinander lernen. Und dass die heutige Studierendengeneration noch immer politisch interessiert und engagiert ist, demonstrierten Studenten und Studentinnen gerade bei der Diskussion, in der sie Ministerin Bauer zur Rolle der Verfassten Studierendenschaft im geänderten Landeshochschulgesetz befragten.

Essstäbchen auf dem Eselsberg und andere Visionen

Entlassen zum Empfang wurden die Veranstaltungsgäste schließlich mit den ganz konkreten Visionen der Podiumsteilnehmer. "Was sehen Sie, wenn Sie an die Uni Ulm in fünfzig Jahren denken?", fragte Moderator Dr. Jan-Martin Wiarda, der mit seiner gewitzten Art und freundlichen Beharrlichkeit zum Gelingen des Zukunftsforums beitrug. Uni-Präsident Weber sah sich dabei mit einem emissionsfreien autonom steuernden Fahrzeug vom Bahnhof zum Campus auf dem Eselsberg fahren, der mit mehr als fünfzig Prozent an ausländischen Studierenden noch viel internationaler geworden ist. "In der Mensa wird es Essstäbchen geben, weil viele der Studierenden aus China kommen", glaubt die Berliner Professorin Sabine Kunst. OB Gunter Czisch und der Zeissianer Dr. Ulrich Simon waren sich einig, dass sich die Uni als exzellenter Forschungsstandort international behaupten werde. Ältere und jüngere Menschen würden dort gemeinsam lebenslang Lernen. Professorin Martina Brockmeier machte ihre Vision am Ulmer Münster fest und sagte, auch die Uni werde einmal weltweit Spitze sein. Und der jahrhundertelange Bau des weltweit höchsten Kirchturms habe ja gezeigt, dass man dabei auch mal eine Pause machen könne.

Text: Andrea Weber-Tuckermann

Fotos: Carola Gietzen

 

 

Mehr als 250 Zuhörer waren zu Gast beim Zukunftsforum "Uni-Topia"
Auf dem Podium (v.l.): Tobias Dlugosch, OB Gunter Czisch, Ministerin Theresia Bauer, Prof. Michael Weber (Präsident Uni Ulm), Moderator Dr. Jan-Martin Wiarda, Prof. Sabine Kunst (Humboldt-Universität), Prof. Martina Brockmeier (WR-Vorsitzende) und Dr. Ulrich Simon (Carl Zeiss AG)
Die UUG war Mitgastgeber des Zukunftsforums. Im Bild (1. Reihe v.l.): UUG-Geschäftsführer Dietrich Engmann und UUG-Vorstandsvorsitzender Hans Hengartner;
v.l.: Tobias Dlugosch, Gunter Czisch und Theresia Bauer
Tobias Dlugosch, Gunter Czisch und Theresia Bauer
v.l. Prof. Michael Weber (Uni-Präsident) mit Dr. Jan-Martin Wiarda (Moderator)
v.l. Moderator Dr. Jan-Martin Wiarda mit Prof. Sabine Kunst und Prof. Martina Brockmeier
Offensichtlich findet das Gesagte auch bei den Zuhörern aus Wissenschaft und Politik Gefallen
Ulmer Studierende äußern ihren Unmut über die Neubewertung der politischen Rolle der StuVe im Zuge der Novellierung des Landeshochschulgesetzes
Gäste beim Empfang im Foyer