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Gleichstellungsbericht 2016

Universität Ulm

Wie stellen Sie sich eigentlich eine glückliche Kindheit vor? Würden Sie als Kind gerne als letzte aus der nur schwach von Randgruppen besuchten nachmittäglichen Betreuung abgeholt wer­den? Würden Sie es mögen bei mindestens der Hälfte der 60 Ferientage vor die Frage gestellt zu werden: „Was machen wir denn mit dir?“ Würden Sie gern alleine vor Hausaufgaben sitzen, die Lehrkräfte mit der Gewissheit einer kompetenten nachmittäglichen Nachhilfe aufgegeben haben?

In Baden-Württemberg besucht etwa ein Viertel aller Kinder eine Ganztagsschule, weniger sind es deutschlandweit nur in Bayern. Der Rest sitzt nachmittags bei Mama. Hier gibt es ein warmes Essen, Nachhilfe in sensationellen Betreuungsrelationen und eine umsichtige Sorge um die kindlichen Sozialkontakte oder die Ausbildung von Hobbys. Das ist nur möglich, wenn Mama nachmittags zu Hause ist. Das wiederum ist nur finanzierbar, wenn Papa ganztags ar­beitet. Das politische Argument für dieses Modell heißt „Wahlfreiheit“.

Stellen wir uns vor, Frauen wären gleichgestellt: Sie hätten mehrmals wöchentlich Termine bis spät in die Abendstunden. Die Männer müssten also wissen, was im Kühlschrank lagert, feh­lende Dinge für Abendessen und Frühstück noch eben schnell auf dem Heimweg einkaufen, alles rechtzeitig auf den Tisch bringen, dabei natürlich entspannt und offen sein für die Ge­schichten um die emotionalen Wirren, die ein kindlicher Alltag mit sich bringt. Vorher ist Zeit einzuplanen für eine Notbeladung der Waschmaschine, für ein dringendes Besorgen eines Ge­schenks, für die Abholung vom Trainingsort, für Abstimmungen mit anderen Eltern zur Orga­nisation des nächsten Tages. Zudem wären die Frauen regelmäßig für ein paar Tage dienstlich unterwegs. An diesen Tagen erledigen Männer auch die morgendlichen Aufgaben, machen Betten und Vesper, richten den Frühstückstisch und kümmern sich um das Mittagessen wie die Tagesorganisation – bevor sie morgens das Haus verlassen.

Ich bin sicher, in diesem Szenario hätten wir längst die flächendeckende Ganztagsbetreuung mit warmem Essen und einer Hausaufgabenbetreuung, die für alle Kinder in der Schule statt­findet. Tatsächliche Wahlfreiheit für Frauen und Männer würde bedeuten, dass ein solches Angebot für die Kinder eine attraktive Möglichkeit darstellt. Drei Nachmittage in der Schule zu verbringen wäre sicherlich in Ordnung, wenn die Freunde dort sind. Dann bliebe für jedes El­ternteil ein Nachmittag, den man im Alltag mit den eigenen Kindern verbringt. Eine solche oder ähnliche Option scheint mir durchaus förderlich und erstrebenswert, für alle Beteiligten.

Wer, wenn nicht wir, und wann, wenn nicht jetzt? Die großpolitische Lage scheint angeraten, nun Fakten zu schaffen. Lassen Sie uns Gleichstellung jetzt umsetzen. Wir fördern dadurch die Verdienstmöglichkeiten von Frauen, was wiederum auch Männern mehr Freiheiten gibt. Und Vorbilder, die bereits die Kindheit prägen, werden unseren Kindern zu Gute kommen.

Ihre
Prof. Dr. Anke Huckauf | Gleichstellungsbeauftragte der UUlm