Mastzell-Carboxypeptidase A - Neue physiologische Funktionen und Perspektiven
Das Immunsystem besteht aus einer Vielzahl verschiedener Zellen. Mastzellen sind Teil des evolutionär “älteren” angeborenen Immunsystems. Wie alle blutbildenden Zellen stammen Mastzellen von hematopoietischen Stammzellen ab, und haben ihren Ursprung daher im Knochenmark. Dort findet man im gesunden Organismus allerdings keine reifen Mastzellen. Vielmehr wandern Vorläuferzellen über das Blut in verschiedene Gewebe, in welchen die Mastzellen reifen. Mit Hilfe einer Vielzahl von Rezeptoren können Mastzellen Veränderungen in ihrer Umgebung wahrnehmen, auf diese mit der Freisetzung von Faktoren reagieren, sowie mit anderen Zellen des Immunsystems interagieren und diese regulieren. Mastzellen speichern in ihren zahlreichen Granula unterschiedliche Mediatoren und Enzyme. Die physiologische Funktion vieler ist jedoch weitgehend unbekannt. Die meisten Menschen nehmen Mastzellen durch deren pathophysiologische Rolle bei Allergien wahr. Bei Kontakt mit einem Allergen werden Mastzellen stark aktiviert und schütten ihre Granulainhalte aus. In der Folge kommt es zu Symptomen wie Rötung, Schwellung und Juckreiz.
Ein Protein, welches bereits sehr früh in der Mastzellentwicklung gebildet wird, ist Mastzell-Carboxypeptidase A (Mc-cpa). Die Untersuchung der strukturellen und enzymatischen Rolle dieser Protease war das Zentrum meiner Dissertation. Mc-cpa wird wird stark und kontinuierlich in Mastzellen gebildet, in deren Granula in Komplexen mit anderen Granulakomponenten gespeichert und übt seine katalytische Aktivität nach Freisetzung in die Zellumgebung aus. In einer, meiner Dissertation vorausgegangenen, Arbeit im Institut für Immunologie unter Leitung von Prof. Hans-Reimer Rodewald wurde bereits eine mutante Maus hergestellt, in welcher Mastzellen dieses Protein nicht bilden (knock-out). Mastzellen dieser Tiere zeigten diverse Veränderungen in der Zusammensetzung der Granulainhalte, sowie der Morphologie der Zellen auf. Aufgrund des komplexen Phänotypes der Zellen war es Ziel meiner Dissertation, eine mutante Maus herzustellen, welche keine Mc-cpa Aktivität aufweist, gleichzeitig aber phänotypisch normal ist. Diese Mäuse sind dann geeignet, um die physiologische Rolle von Mc-cpa zu untersuchen. Zu diesem Zweck habe ich zwei Bausteine des Proteins derart verändert, dass das Protein gebildet wird, aber seine katalytische Funktion nicht ausüben kann. Somit können strukturelle von enzymatischen Funktionen der Protease unterschieden werden.
Auf ihrer Oberfläche tragen Mastzellen neben vielen anderen auch den Rezeptor für Endothelin, den stärksten bekannten Blutdruckregulator. Interessanterweise sind Mastzellen unter anderem auch entlang der Blutgefässe zu finden. Welche Funktionen sie dort ausüben, ist nicht bekannt. In meiner Dissertation konnte ich zeigen, dass Endothelin, welches die Gefässmuskulatur kontrahiert, Mastzellen sehr stark aktiviert. In der Folge schütten die Zellen ihre Granulainhalte in die Umgebung aus. Freigesetztes Mc-cpa baut das Peptid Endothelin enorm schnell ab und unterbindet somit dessen gefäss-kontrahierende Wirkung. In Zusammenarbeit mit Dr. Lars-Alexander Schneider deckten wir den zugrundeliegenden Mechanismus im Detail auf: Mc-cpa bindet Endothelin und spaltet am Ende des Peptides Aminosäuren ab. Dabei ist das Entfernen einer einzelnen Aminosäure bereits ausreichend, um Endothelin vollständig zu inaktivieren. Es ist denkbar, dass es sich um einen sehr effizienten Mechanismus handelt, um die Aktivität eines sehr potenten Blutdruckregulators zu kontrollieren.
Interessanterweise könnte dies ein evolutionär “alter” Mechanismus sein. Eine Gruppe von Schlangengiften, die sogenannten Sarafotoxine, sind den Endothelinen sehr ähnlich. Wir konnten zeigen, dass diese Schlangengifte ebenfalls auf identische Weise von Mc-cpa inaktiviert werden. Mc-cpa stellt somit ein körpereigenes Gegengift dar.
Dieses neue Wissen um die Wirkung einer Mastzellprotease ist ermutigend weitere physiologische Funktionen von Mc-cpa und anderen Mastzellenzymen mit ähnlichen Maussystemen zu untersuchen, und somit die Mastzellen aus der 'Allergie-Nische' in einen physiologischen Kontext zu stellen.
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