Ein virtuelles chemisches Labor im Computer: Untersuchung der Dissoziation von molekularem Sauerstoff auf Aluminium(111)-Oberflächen
Chemische Reaktionen an Oberflächen spielen in zahlreichen industriellen, technologischen und wissenschaftlichen Anwendungen eine herausragende Rolle. Das bekannteste Beispiel hierfür ist sicherlich die Nachbehandlung der Abgase von Verbrennungsmotoren, bei der unter anderem Kohlenmonoxid in Kohlendioxid und Stickoxide in molekularen Stickstoff umgewandelt werden. Wesentlich für die Entwicklung und die Verbesserung einer solchen Technologie ist es, ein möglichst akkurates Verständnis der ablaufenden Prozesse zu erringen. Dies ist aber eine ungeheuer aufwändige und komplexe Aufgabe: Messungen erlauben es zwar, den Anfangs- und den Endzustand einer Reaktion genau zu charakterisieren; auf die in der Zwischenzeit stattfindenden Prozesse muss dann aber auf indirektem Wege geschlossen werden. Der genaue Reaktionsablauf kann nämlich im Allgemeinen nicht experimentell beobachtet werden, da die Bewegung der Atome sowie die Bildung und der Bruch von chemischen Bindungen auf mikroskopisch kleinen beziehungsweise mikroskopisch kurzen Längen- und Zeitskalen stattfindet.
Die moderne theoretische Chemie erleichtert die Beantwortung dieser Fragestellung ungemein: Mit Hilfe von Hochleistungsrechnern lassen sich solche Prozesse simulieren, analysieren und am Bildschirm visualisieren. Kennt man nämlich die Position und die Geschwindigkeit der Atomkerne zu einem gewissen Zeitpunkt t, lassen sich die Kräfte berechnen, die in dieser speziellen Geometrie auf die Atome wirken. Dazu wird die energetisch günstigste elektronische Konfiguration, der so genannte Grundzustand, für diese Anordnung bestimmt. Aus den daraus resultierenden Kräften lassen sich dann die Positionen und die Geschwindigkeiten der Kerne zu einem späteren Zeitpunkt t+Δt berechnen, wobei aus numerischen Gründen ein relativ kurzer Zeitschritt Δt gewählt werden muss. Wiederholt man dieses Verfahren jedoch ausreichend oft, lässt sich die Bewegung der individuellen Reaktionspartner auf mikroskopischer Ebene während der ganzen chemischen Reaktion verfolgen. Dabei wird angenommen, dass sich die Elektronen zu jedem beliebigen Zeitpunkt im momentanen Grundzustand befinden. Diese als adiabatische Näherung bekannte Approximation wird in verschiedensten Bereichen der Atom-, Molekül- und Festkörperphysik verwendet und hat sich bisher in der überwältigenden Mehrheit der Fälle als gültig erwiesen.
In dieser Doktorarbeit wurde diese Technik verwendet, um den Bruch der Sauerstoff-Sauerstoff Bindung bei der Adsorption von O2 auf Aluminium-Oberflächen zu untersuchen. In der Chemie des Sauerstoffs spielen so genannte Spinauswahlregeln eine große Rolle und tragen zur Stabilität der uns umgebenden Atmosphäre bei, die zu einem beträchtlichen Teil aus Sauerstoff besteht. Es konnte gezeigt werden, dass bei der Reaktion von O2 mit Aluminium die adiabatische Näherung zur Behandlung der Spinfreiheitsgrade versagt. Mit adiabatischen Simulationen ist es nämlich nicht möglich, die Ergebnisse der experimentellen Messungen wiederzugeben und zu erklären. Dies wird in Abb. 1 deutlich, in der die Wahrscheinlichkeit für die Adsorption von O2 in Abhängigkeit der Einschussenergie E des Sauerstoffmoleküls dargestellt ist. Insbesondere bei geringen Werten von E unterscheiden sich die Ergebnisse der adiabatischen Rechnungen drastisch von denen des Experiments. Gibt man die adiabatische Näherung hingegen auf, kann man in so genannten nicht-adiabatischen Simulationen die experimentellen Ergebnisse qualitativ reproduzieren, wie ebenfalls in Abb. 1 gezeigt. Zu diesem Zweck müssen aber auch angeregte elektronische Zustände, die anderen Spinzuständen entsprechen, und Übergänge zwischen diesen Zuständen bei der Simulation der Reaktionsdynamik explizit berücksichtigt werden. Die in dieser Doktorarbeit zu diesem Zweck entwickelten Techniken und Computerprogramme ermöglichen es dann aber auch, die charakteristischen Unterschiede zwischen einem nicht-adiabatischen und einem adiabatischen Reaktionsverlauf zu bestimmen. Dies hat es erlaubt, Messungen vorzuschlagen, mit denen sich der nicht-adiabatische Charakter dieser Reaktion und damit die Bedeutung der Spinauswahlregeln nun auch experimentell eindeutig nachweisen lässt. Diese Ergebnisse wurden unter anderem in der renommierten internationalen Fachzeitschrift Physical Review Letters veröffentlicht.
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