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"Ratingagenturen: besser als viele denken"

Prof. Dr. rer. pol. Gunter Löffler
Prof. Dr. rer. pol. Gunter Löffler

Ratingagenturen wie Fitch, Moody's oder Standard and Poor's spielen eine wichtige Rolle auf den Kapitalmärkten. Sie bewerten die Zahlungsfähigkeit von Schuldnern und geben damit Anlegern, Banken und anderen Marktteilnehmern wichtige Informationen an die Hand. Doch die Agenturen geraten auch immer wieder in die Kritik. Als es in den Jahren 2001 und 2002 zu einer Welle von Unternehmenspleiten kam, wurde den Agenturen vorgeworfen, sie hätten zu langsam auf die offensichtliche Verschlechterung der Kreditqualität reagiert. Große Unternehmen wie Enron oder Parmalat wurden insolvent, obwohl ihnen die Agenturen wenige Wochen davor noch eine überdurchschnittliche Zahlungsfähigkeit attestierten.
Gunter Löffler nahm diese Kritik als Ausgangspunkt für seine Arbeiten. Dabei berücksichtigte er, was manche Kritiker gerne übersehen. Ratingagenturen geht es gar nicht vorrangig um eine möglichst zeitnahe Einschätzung des Ausfallrisikos. Vielmehr verfolgen sie zwei Ziele: Mit möglichst stabilen Ratings möchten sie möglichst viel über die langfristige Kreditwürdigkeit eines Unternehmens aussagen. Diese Ratingpolitik ist auf die traditionellen Nutzer von Ratings abgestimmt, langfristige Investoren wie Versicherungen oder Pensionsfonds, deren Anlagemöglichkeiten oft an ein Mindestrating gekoppelt sind. Würden sich Ratings häufiger ändern, müssten diese Anleger ihre Bestände häufiger umschichten, was ihre Rendite schmälern würde.

Löffler hat zunächst theoretisch untersucht, wie sich eine solche Ratingpolitik auswirken könnte. Er zeigt zum Beispiel, dass die Langsamkeit von Ratings und ihr relativ schlechtes Abschneiden bei der kurzfristigen Vorhersage von Zahlungsausfällen eine natürliche Folge der Ratingpolitik ist. Das, was man den Agenturen gerne vorwirft, könnten sie also bewusst in Kauf nehmen, um andere Ziele zu erreichen.
Aber erreichen die Agenturen diese anderen Ziele wirklich? Löffler hat dazu unter anderem die Qualität von Ratings mit der von Insolvenzprognosen verglichen, die automatisiert aus Bilanzen und Aktienkursen gewonnen und oft als Alternative zu Ratings eingesetzt werden. Bei kurzfristigen Prognosehorizonten (welche Unternehmen fallen im nächsten Jahre aus, welche nicht?) sind die automatisierten Prognosen tatsächlich den Ratings überlegen. Aber Ratings sind deswegen nicht nutzlos. In einer statistisch optimierten Prognose  (vgl. Abbildung) bekämen die Ratings immerhin ein Gewicht von mehr als 25%. Bei einem Prognosehorizont von fünf Jahren dagegen sind die Ratings überlegen; man sollte ihnen deutlich mehr Gewicht beimessen als den alternativen Prognosen.
Ratings sind somit genau da stark, wo sie nach den Aussagen der Agenturen stark sein sollen. Natürlich beinhalten sie nicht alle relevanten Informationen - wie sollte es auch möglich sein, alles in eine Ratingnote zu packen. Hat man dies verstanden, kann man Ratings und andere Informationen ihren Stärken und Schwächen entsprechend miteinander kombinieren.

In den letzten Monaten sind Ratingagenturen im Zusammenhang mit der US-Immobiienkrise erneut unter Beschuss geraten. Offenbar waren die Ratings von Verbriefungstransaktionen zu optimistisch. Die Ergebnisse Löfflers kann man nicht direkt auf Verbriefungen anwenden. da die Ratingverfahren sich stark unterscheiden. Unternehmensratings beruhen auf der Einschätzung von Ratinganalysten, während Ratings von Verbriefungen mithilfe von statistischen Modellen erstellt werden. Deren Qualität zu untersuchen ist eine neue Herausforderung für die Forschung.

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