INTERVIEW mit Prof. Kazda: Einzigartige Vielfalt

Warum sich der Mensch im Wald wohlfühlt

Oben Wärme, Licht und Gezwitscher, unten kühler Schatten - so etwas gibt es nur im Wald, sagt Marian Kazda, Botanik- Professor an der Universität Ulm. Auf den Menschen wirkt dieses Klima beruhigend.
 
PATRICK GUYTON
Was ist das Einzigartige am Wald?
 
MARIAN KAZDA: Die Bäume, die nach oben ragen. Sie wachsen zum Licht, das sehr stark im oberen Bereich der Pflanzen aufgenommen und bestens genutzt wird. Ein kleiner Vorsprung bedeutet wesentlich mehr Lichtgenuss. Der Unterschied zwischen dem Wald und einer Wiese oder einem Acker besteht darin, dass sich das meiste in der Höhe abspielt. Dort blüht es, viele Insekten und Vögel leben oben. Unten hingegen ist es schattig.
 
Welche Faszination übt der Wald auf die Menschen aus?
 
KAZDA: Der Mensch ist fasziniert, weil der Wald ihn umgibt. Auf einer Wiese hat man die Füße im Gras und den Kopf in der freien Luft. Der Wald aber hüllt den Menschen ein. In 30 Metern Höhe zwitschert es, unten im Schatten hat man hingegen andere Lebewesen und Pflanzen. Der Wald ist sehr vielfältig - oben verschafft er mit Licht und Wärme ganz andere Bedingungen als unten, wo es schattig und kühl ist.
 
Wie steht der Mensch zum Wald?
 

KAZDA: Heutzutage hat der Wald eine beruhigende Wirkung. Doch in der Geschichte hat sich das sehr gewandelt. Früher war der alte Urwald undurchdringlich, man hatte Angst vor ihm. In den Märchen gibt es dort gute und böse Wesen, man kann sich verirren. Das ist sehr gut nachzufühlen, wenn man einmal selbst im Urwald war. In der Geschichte hat der Mensch versucht, sich den Wald untertan zu machen. Er wurde vom Feind zum Freund.
 
Was ist das Freundschaftliche am Wald?
 
KAZDA: Man fühlt sich dort wohl, der Wald hat ein angenehmes Klima. Man zieht viel Nutzen aus ihm - ob es Pilze sind, Beeren oder das Holz.
 
Was lernen Kinder im Wald?
 
KAZDA: Im Botanischen Garten in Ulm etwa gibt es das "grüne Klassenzimmer" im Wald. Man zeigt den Kindern dort die Vielfalt und lässt sie die Faszination des Waldes erleben - für viele ist das ein kleines Abenteuer. So etwas wirkt ganz lange nach.
 
Viele Menschen gehen in den Wald, weil es dort angeblich so still ist. Stimmt das überhaupt?
 
KAZDA: In den Tropen herrscht ein gewaltiger Krach, im Vergleich dazu sind unsere Wälder leise. Doch sie sind alles andere als still: Man hört etwa den Wind oder die Vögel. Der Mensch empfindet den Wald als still, weil die dortigen Geräusche gedämmt sind und natürliche Frequenzen haben, im Unterschied beispielsweise zum Stadt- oder Autolärm. Im Wald herrscht ein Klangbild der Natur.
 
Wie muss sich der Mensch verhalten, damit es dem Wald gut geht?
 
KAZDA: Man muss mit und nicht gegen die Natur arbeiten. Das haben auch die Förster und Waldbewirtschafter erkannt. Sie schauen etwa, wo welche Bäume gut passen würden. Mit einer Monokultur beispielsweise aus Nadelwald, die schnell viel Holz bringt, hat man langfristig keine Freude. Die Gefahr ist groß, dass der Borkenkäfer kommt, man muss ständig die Bäume kontrollieren. Auch sind die Risiken bei Stürmen groß.
 
Was ist vom Waldsterben übriggeblieben?
 
KAZDA: Der Wald. Nein, Spaß beiseite: Die Veränderungen im Wald, dem es nicht gut geht, werden in der Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen. Die Forstwirtschaft hat sich auf einen kränklichen Wald eingestellt, sie geht damit anders um. Wo die Bäume absterben, werden sie schnell gefällt, damit man sie noch ordentlich verwerten kann. Deshalb merkt man wenig vom Waldsterben. Die schnelle Entfernung nennt man dann "außerplanmäßige Nutzung".
 
Was genießen Sie im Wald?
 

KAZDA: Es ist einfach schön, dort zu sein. Der Wald hilft mir, nicht ständig an die Arbeit zu denken.

 

Erscheinungsdatum: Freitag 19.09.2008
Quelle:Südwest Presse