Patienteninformation
Beschreibung der Erkrankung

Akute Leukämien sind durch eine unkontrollierte Vermehrung von unreifen weißen Blutkörperchen im Knochenmark gekennzeichnet. Je nachdem welche Art von weißen Blutkörperchen betroffen ist, unterscheidet man die akute myeloische Leukämie (AML) von der akuten lymphatischen Leukämie (ALL).

Häufigkeit und Erkrankungsalter

Akute Leukämien sind weniger häufig als sogenannte solide Tumoren wie zum Beispiel bösartige Lungen- oder Darmtumoren. In Deutschland wird pro Jahr bei vier von 100 000 Erwachsenen die Diagnose einer akuten Leukämie gestellt. Das Risiko an einer akuten Leukämie zu erkranken nimmt mit steigendem Lebensalter zu; das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei mehr als 60 Jahren. Im Erwachsenenalter sind etwa 80% der akuten Leukämien akute myeloische Leukämien (AML). Ca. 20% sind akute lymphatische Leukämien (ALL), die häufigste Leukämieform bei Kindern.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen der Entstehung von akuten Leukämien sind nur zum Teil geklärt. Allerdings gibt es eine Reihe von Faktoren, die das Erkrankungsrisiko erhöhen. Hierzu zählen eine Schädigung des Knochenmarks durch radioaktive Strahlung und bestimmte Chemikalien wie zum Beispiel Benzol. Darüber hinaus sind auch eine Chemo- und/oder Strahlentherapie einer anderen bösartigen Erkrankung und die langjährige Einnahme von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden. Sehr selten liegen der Entwicklung einer akuten Leukämie Erbkrankheiten zugrunde, die mit einem erhöhten Leukämierisiko assoziiert sind. Hierzu zählt zum Beispiel das Down-Syndrom. Schließlich gibt es mehrere Bluterkrankungen wie zum Beispiel die sogenannten myelodysplastischen Syndrome und die myeloproliferativen Syndrome, die in eine AML übergehen können. In diesem Zusammenhang spricht man von einer sekundären AML.

Krankheitsanzeichen

Die Beschwerden bei akuten Leukämien sind in der Regel direkt auf eine Infiltration des Knochenmarks durch die Leukämiezellen und die hieraus resultierende Verdrängung der normalen Blutbildung zurückzuführen. Typische Symptome sind Müdigkeit, Blässe, Kurzatmigkeit (durch Verminderung der roten Blutkörperchen), Infektionen (durch Verminderung der normalen weißen Blutkörperchen) und Blutungsereignisse (durch Verminderung der Blutplättchen). Die Infiltration von anderen Organen und Geweben wie Leber, Milz, Lymphknoten, Knochen, Zahnfleisch, Haut und zentralem Nervensystem kann unterschiedliche Symptome und Befunde zur Folge haben (Vergrößerungen von Leber, Milz oder Lymphknoten, Knochenschmerzen, Zahnfleischschwellung etc.). Sehr hohe Leukämiezellzahlen im Blut können zu Sehstörungen und anderen zentralnervösen Ausfallserscheinungen sowie zu Blutungsereignissen führen.

Untersuchungen

Besteht der Verdacht auf eine Tumorerkrankung, wird der behandelnde Arzt neben einem ausführlichen Gespräch auch noch mehrere Untersuchungen vornehmen.

Zu den wichtigsten Untersuchungen zum Nachweis einer Akuten Leukämie gehören die Anamnese und körperliche Untersuchung, Laboruntersuchungen und die Knochenmarkuntersuchung.

Zur Beurteilung der Funktion der wichtigsten Organe sowie zur Erkennung von Begleiterkrankungen und Komplikationen sind eine Röntgenuntersuchung und gegebenenfalls eine Computertomographie der Brustorgane, eine Ultraschalluntersuchung der Bauchorgane, eine Prüfung der Lungenfunktion, eine EKG-Untersuchung sowie eine Ultraschalluntersuchung des Herzens erforderlich. Wenn ein Befall durch die Leukämie außerhalb des Knochenmarks oder des peripheren Bluts vorliegt, wird dieser ebenso wie das Knochenmark feingeweblich untersucht.

Klassifikation und Stadieneinteilung

Zur Abschätzung der Prognose eines individuellen Patienten und zur Festlegung der am besten geeigneten Therapie muss jede akute Leukämie möglichst genau beschrieben werden. Hierzu stehen unterschiedliche Einteilungssysteme der Weltgesundheitsorganisation, die sogenannte WHO-Klassifikation, zur Verfügung. Diese Systeme berücksichtigen Veränderungen der Erbsubstanz der Leukämiezellen, das mikroskopische Aussehen und bestimmte Färbeeigenschaften der Leukämiezellen, den Nachweis bestimmter Eiweißmoleküle auf der Oberfläche der Leukämiezellen, und die medizinische Vorgeschichte des Patienten, insbesondere, ob die Leukämie aus einer anderen Bluterkrankung hervorgegangen ist oder sich im Anschluss an eine Chemo- und/oder Strahlentherapie einer anderen bösartigen Erkrankung entwickelt hat.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Auswahl der Therapie einer akuten Leukämie richtet sich nach der exakten Diagnose (AML oder ALL), den zusätzlichen Merkmalen der Leukämiezellen (siehe oben), dem Alter des Patienten, seinem Allgemeinzustand und eventuellen Begleiterkrankungen. Folgende Behandlungsformen kommen in Betracht: Kurative Therapie, palliative Therapie, experimentelle Therapie, supportive Therapie, Beobachtung.

Krankheitsverlauf, Rückfall

Unter einem Rezidiv versteht man das Wiederauftreten einer akuten Leukämie, nachdem durch eine kurative Therapie zunächst eine vollständige Rückbildung aller Krankheitszeichen erreicht werden konnte. Das Vorgehen bei einem Rezidiv (erneute kurative Therapie, palliative Therapie, experimentelle Therapie, supportive Therapie, Beobachtung) richtet sich wiederum nach den spezifischen Merkmalen der Leukämie, dem Alter des Patienten, seinem Allgemeinzustand, eventuellen Begleiterkrankungen sowie dem Wunsch des Patienten und wird von Fall zu Fall festgelegt.

Prognose

Derzeit wird insbesondere an der Entwicklung neuartiger Medikamente geforscht, die eine zielgerichtete Therapie akuter Leukämien unter gleichzeitiger Schonung nicht erkrankter Organe und Gewebe ermöglichen. Solche Medikamente stehen zum Teil im Rahmen von experimentellen Therapieprotokollen (siehe oben) bereits zur Verfügung; ihr endgültiger Stellenwert in der Behandlung akuter Leukämien kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend bewertet werden.

Autoren: Erstellung (2005) Dr. Schmid / Klinik für Innere Medizin III,Universitätsklinikum Ulm
1. Überarbeitung 11/2007: Dr. Greiner, CCCU/Klinik für Innere Medizin III, Universitätsklinikum Ulm
2. Überarbeitung 11/2008: PD Dr. Greiner, PD Dr. Schmid, CCCU/Klinik für Innere Medizin III, Universitätsklinikum Ulm

Teilnahme an einer klinischen Studie

Patientinnen und Patienten nehmen aus verschiedenen Gründen an Therapiestudien teil: Normalerweise hoffen sie, dass ihnen selbst dadurch geholfen wird. Sie hoffen, vielleicht von Krebs geheilt zu werden, länger zu leben oder sich besser zu fühlen. Oft möchten sie Forschungsanstrengungen unterstützen, die später auch anderen helfen werden.
Auf der Basis von Laborversuchen und früheren Studien wird eine Therapiestudie entwickelt, die zeigen soll, ob die neue Behandlungsweise besser ist als eine alte. Die Hoffnung ist, dass sie es sein wird. Durchgeführt wird eine Therapiestudie immer nur dann, wenn diese begündete Hoffnung besteht. Häufig verwenden die Forschenden Bausteine der Standardtherapien und versuchen, daraus bessere Therapien zu entwickeln.
Oft haben Studien gezeigt, dass eine neue Therapie besser ist als eine alte, manchmal auch, dass sie nicht so gut oder jedenfalls nicht besser ist. Während eine Therapiestudie geplant und durchgeführt wird, gibt es immer wichtige Gründe anzunehmen, dass die neue Therapie ebensogut oder sogar besser ist als die alte. Trotzdem kann es passieren, dass die neue Therapie eine Enttäuschung ist.
Die Patienten, die an Therapiestudien teilnehmen, sind die ersten, die eine neue Behandlung erhalten. Wie die neue Behandlungsweise genau wirken wird, kann man nicht vorhersagen. Sogar erprobte Standard Therapien wirken nicht bei allen Menschen gleich. Ob Sie an einer Standardtherapie oder einer Therapiestudie teilnehmen wollen, sollten Sie erst entscheiden, wenn Sie beide Seiten kennen: die möglichen Risiken und die möglichen Vorteile. Darüber kann Sie Ihre Ärztin oder Ihr Arzt aufklären.
Wird in einer Therapiestudie gezeigt, dass eine neue Behandlung besser ist als eine alte, dann sind die Patienten, die an dieser Studie teilnehmen, auch die ersten, die von der neuen Therapie profitieren. Alle Patienten werden sorgfältig beobachtet und begleitet, auch über das Ende der Studie hinaus. Sie werden Teil des Netzes von Therapiestudien, die in ganz Deutschland und Österreich durchgeführt werden. In dieses Netzwerk geben Ärzte und Ärztinnen sowie die Forschenden gemeinsam ihre Ideen und Erfahrungen. Das Wissen vieler Spezialisten fließt ein, um Therapiestudien zu gestalten und auszuwerten. Die Vorteile, die diese Erfahrung mit sich bringt, genießen die Patienten der Therapiestudien.