Der Bildungsprotest geht weiter

Im vergangenen Juni waren im ganzen Land Hunderttausende auf die Straße gegangen, um für bessere Bildung zu protestieren. Anfang November folgten viele deutsche StudentInnen dem Beispiel österreichischer KommilitonInnen und besetzten Hörsäle. Der Protest weitete sich europaweit aus. Gleichzeitig ging der bundesweite Bildungsstreik mit einer Aktionswoche in die nächste Runde: Allein am 17.11.2009 demonstrierten über 85.000 SchülerInnen und StudentInnen in vielen deutschen Städten, darunter etwa 300 in Ulm. Auch bei der landesweiten Großdemonstration in Stuttgart am 21.11.2009 beteiligten sich Ulmer BildungsstreiklerInnen. Darüber hinaus gab es lokale Aktionen. So wurde in ironischer Überspitzung ein in 24 Stunden zu absolvierender Turbobachelor-Studiengang angeboten, der zum Tragen des Grades „Bachelor of Nothing“ berechtigt. DozentInnen aus der Biologie, Chemie, Informatik, Philosophie sowie der Physik unterstützten die Anliegen der StudentInnen mit Vorlesungen. Außerdem konnten die Studierenden sowohl intern als auch mit dem Präsidium der Universität in Person von Herrn Stadtmüller, Vizepräsident für Lehre, diskutieren.

Doch was haben die bisherigen Proteste gebracht? Sind die studentischen Forderungen von den verantwortlichen PolitikerInnen aufgegriffen worden? Henry Tesch, der 2009 der Kultusministerkonferenz (KMK) vorstand, gestand in der Tagesschau Verständnis für die Forderung nach einer Reform des Bachelor- und Mastersystems ein.

StudentInnen beklagen unter anderem Verschulung, zu hohe Prüfungsbelastungen und zu restriktive Zulassungsbedingungen zum Masterstudium: Da der Bachelor oftmals nicht berufsqualifizierend ist, soll das Masterstudium allen BachelorabsolventInnen offen stehen. Die Mobilität zwischen verschiedenen Hochschulen ist bereits innerhalb von Baden-Württemberg nicht gegeben – sie europaweit zu gewährleisten war eines der Hauptziele des Bologna-Prozesses.

Am 10.12. änderte die KMK die „ländergemeinsamen Strukturvorgaben“ zum neuen Bachelor/Masterstudium. Allerdings nicht, um auf die Belange der Studierendenschaft einzugehen. Vielmehr wurden modische Phrasen gedroschen, die mitunter an dadaistische Gedichte erinnern – „Mobilitätsfenster integrieren“, „Arbeitsbelastung flexibilisieren“, „Master-Zugang flexibilisieren“. Und wie kommt man der Prüfungsflut bei? Nichts einfacher als das:„Der Prüfungsumfang ist [...] auf das notwendige Maß zu beschränken.“

Auch das Land Baden-Württemberg hat die Forderungen seiner Studierenden keineswegs erfüllt. Nach wie vor werden für das Erststudium pro Semester 500 EURO erhoben. Dem Willen der Protestierenden entsprechend, sollte der Staat statt Geld von den StudentInnen zu holen, mehr Mittel in Bildung und Forschung stecken – als Investition in die Zukunft.

Bei der Demokratisierung der Hochschulen liegt im Ländle ebenso einiges im Argen: Es gibt etwa keine verfassten Studierendenschaften, die sich politisch äußern dürften.


Nun scheint das Vorschieben von Verständnis ein Verhaltensmuster von Verantwortlichen im Bildungsbereich zu sein: Demnach ist es zwar schön, dass sich die Jugend wieder engagiert, aber in Ulm ja alles gar nicht so schlimm wie anderswo.
Zu hohe Hürden beim Masterstudium? Vizepräsident Stadtmüller ist überzeugt, das werde sich mit der Zeit einpendeln – falls die MasterstudentInnen ausblieben, könne man ja immer noch an der Regelung nachjustieren. StudentInnen können sich aber solch zynischen Fatalismus nicht erlauben – sie studieren schließlich heute und nicht in einer hoffentlich besseren Zukunft.
Deswegen ist auch weiterhin Widerstand, Protest und konstruktive Kritik nötig – Bildungsstreik. Den gibt es auch in Ulm. Denn es ist wichtig, Vorschläge für bessere Bildung dort einzubringen, wo etwas geändert werden kann: So läge es an der Universität Ulm, alternative Prüfungs- und Lehrmethoden einzuführen, Leistungspunktgrenzen abzuschaffen, mehr Wahlmöglichkeiten für StudentInnen zu bieten, den Masterzugang offener zu gestalten oder für Vielfalt statt Spezialisierung bei den Fachbereichen zu sorgen – alles Forderungen des Ulmer Bildungsstreiks.
Um darauf aufmerksam zu machen, wird ein weiterer „24 Stunden Turbobachelor“-Marathon im Mai 2010, eingebettet in eine bundesweite Aktionswoche, geplant. Aber schon vorher gibt es gemeinsame Fahrten zu Demonstrationen, wie der bundesweiten Demonstration am 30.01.10 in Frankfurt am Main und Aktionen, die zum Nachdenken aufrufen: Gibt es vielleicht Werte, die bei der aktuellen Hochschulreform auf der Strecke geblieben sind?

Informationen zum Ulmer Bildungsstreik gibt es über unseren Newsletter stuve.bildungsstreik(at)lists.uni-ulm.de  

Der Arbeitskreis Bildungsprotest