Was
Sandburgen zusammenhält
Arbeitsgruppe: Dimitrios Geromichalos, Andrea Skudelny
Feuchte granulare Materialien spielen eine große Rolle im täglichen Leben, ob man beim Kuchenbacken Mehl und Zucker vermischt, sich ein Müsli macht, oder den Mörtel für den neuen Kaninchenstall anrührt. Und mehr noch: ca. 60% der Ausgangsstoffe aller modernen Chemie und Verfahrenstechnik liegen in der festen Phase, also letztlich in Pulverform vor. Wie sich diese Pulver und Granulate verhalten, wenn sich die Luftfeuchtigkeit verändert, oder wenn man sie mit flüssigen Reaktanden vermischt, ist hochkompliziert und erst in Ansätzen verstanden. In der Abteilung Angewandte Physik der Universität Ulm befassen wir uns unter anderem mit dieser Systemklasse, wobei uns die grundlegenden Mechanismen, die solche Systeme bestimmen, besonders interessieren. Hier gilt es zunächst, Messverfahren zu entwickeln, die wohldefinierte Experimente erlauben, denn die kommerziell erhältlichen Prüfgeräte, wie sie industriell eingesetzt werden, gestatten nur sehr qualitative Charakterisierungen. Im Folgenden geben wir einige Beispiele aus den laufenden Projekten.
Abb.1 Eine Sandburg am Strand Betrachten wir zunächst eine Sandburg als Anschauungsmaterial. Bei dem verwendeten Material handelt es sich um eine Mischung zweier für sich genommen ‚fluider’ Medien: Sand, der immerhin anstandslos durch die Engstelle einer Sanduhr fließen würde, und Wasser. Das Resultat ist jedoch ein regelrechter Feststoff: obwohl er im obenstehenden Bild mit einem zeitlich konstanten Scherdruck aufgrund der Schwerkraft beaufschlagt ist, gibt er keinen Millimeter nach. Die Viskosität dieses Materials scheint unendlich groß zu sein. Und dies obwohl die Kräfte, die hierfür verantwortlich sind, klein sind und von ‚weichen’ Materialien ausgeübt werden: die Oberflächenspannung der winzigen Wasserbrücken nämlich, die sich zwischen den vielen Millionen Körnern gebildet haben, geben dem ganzen die Stabilität. Ob und inwieweit die Topologie dieses Brückennetzwerkes dessen Stabilität mitbestimmt, und welche Rolle die Haftreibung zwischen den Körnern sowie deren Form dabei spielt, ist keineswegs verstanden.
Das Bild zeigt auch, dass es sich um ein sehr abruptes Geschehen handelt:
während der Hang an einer Stelle abrutscht, bleibt er direkt daneben,
also unter nahezu identischen Bedingungen, intakt. Und man sieht noch
mehr: der Weg, der offenbar recht gerade den Hang entlang verlief, ist
nicht etwa einfach parallel verschoben, sondern stark deformiert, zu einer
Art Parabel. Offenbar ist also der Hang nicht als fester Brocken
abgerutscht, sondern er hat sich regelrecht verflüssigt; ‚soil
liquefaction’ nennen das die Geologen. Handelt es sich hier um einen
dynamischen Phasenübergang? Wir wollen einigen dieser Fragen im Folgenden
nachgehen. Wenn man solche
Materialien physikalisch charakterisieren will, muss man wohldefinierte
Kenngrößen bestimmen. Beispielsweise wäre die Viskosität eine solche
Größe: bei einem Phasenübergang fest/flüssig würde sie sich
beispielsweise drastisch ändern. Füllt man jedoch nassen Sand in ein
Scherviskosimeter, so wird man keine sinnvolle Messung erhalten: der Sand
wird als Pfropfen unverschert stehen bleiben, während die bewegten Teile
des Viskosimeters an seiner Oberfläche entlang gleiten. Man muss das
Material zwingen, sich zu deformieren. Deshalb haben wir eine Messzelle
gebaut, die dem Sand (oder dem Modellmedium, das wir verwenden) ein Strömungsprofil
aufzwingt, das dem einer gewöhnlichen Rohrströmung einer Flüssigkeit
sehr ähnlich ist.
Dies wird dadurch
erreicht, dass das zylindrische Rohr, in dem sich das zu untersuchende
Material befindet, auf beiden Seiten mit je einer Gummimembran
abgeschlossen ist (Abb. 3). Daran schließen sich weitere Rohre gleichen
Querschnitts an, die mit Wasser gefüllt sind.
Man kann nun messen, bei welcher Druckdifferenz zwischen der linken
und der rechten Seite man eine Deformation des Materials erhält, und mit
welcher Geschwindigkeit sie vonstatten geht. Das Gummi sorgt hierbei für
ein annähernd parabolisches Geschwindigkeitsprofil. Trägt man nun die
Druckdifferenz gegen die Deformation auf, so erhält man eine
Hystereseschleife, wie in Abb. 4 für den Fall eines trockenen Granulates
aus Glaskugeln mit 175 µm Durchmesser abgebildet. Die mittlere Neigung der beiden
Kurven entspricht der Rückstellkraft durch den Gummi; die wesentliche
Messgröße ist die vertikale Öffnung der Hysterese, die die Steifigkeit
des Granulats angibt. Wie ändert sich nun
diese Steifigkeit, wenn man Wasser zusetzt? Das Ergebnis ist in Abb. 5 für
eine ganze Reihe verschiedener Scherraten zu sehen. Die Abszisse erstreckt
sich vom trockenen Material bis zur vollständigen Sättigung, wenn alle
Luft durch Wasser ersetzt ist. Was man sieht, ist in etwa was man
erwartet: setzt man dem trockenen Material (das aufgrund der Haftreibung
der Partikel schon einen gewissen Widerstand leistet) Flüssigkeit zu, so
steigt die Steifigkeit stark an. Ist das Material mit Wasser gesättigt,
leistet es der Verscherung keinen Widerstand mehr, da keine
Wasser/Luft-Grenzflächen mehr vorhanden sind, die es versteifen könnten.
Das entspricht der Anschauung, die sich den Versuch, eine Sandburg unter
Wasser zu bauen, als recht frustrierend vorstellt.
Interessant
ist auch, die Abhängigkeit dieser Größe von der Scherrate zu
untersuchen. In Abb. 6 ist die Druckdifferenz als Funktion der Scherrate für
verschiedene Feuchtigkeit dargestellt. Man erkennt zunächst, dass das
Material offenbar in einem großen Bereich des Wassergehalts ‚scherverdünnend’
reagiert: Schert man schneller, braucht man weniger Kraft. Dies ist ein
Grund dafür, dass es so aufwendig ist, ein homogenes Scherprofil aufzuprägen:
das Material kann stets ausweichen, indem es die Scherung auf wenige
Bruchzonen konzentriert. Erst wenn der Wassergehalt in die Nähe der Sättigung
kommt, und bei hohen Scherraten, beobachtet man wieder ein ‚viskoses’
Verhalten, d.h. der Druck ist in etwa proportional zur Scherrate. Dies ist
wohl darauf zurückzuführen, dass die Dissipation im System hier nicht
mehr von der Bildung und Zerstörung der Wasserbrücken, sondern vom
viskosen Fluss des Wassers zwischen den Körnern dominiert ist.
Damit
wären wir bei der Frage, was eigentlich mikroskopisch passiert, wenn das
Material verschert wird. Offenbar benötigen wir dazu eine Kraft, und die
wird längs eines Weges ausgeübt, wir stecken also eine Menge Energie in
das System. Wo geht sie hin? Es gibt grundsätzlich drei Kandidaten: den
viskosen Fluss des Wassers zwischen den Körnern, die Reibung zwischen den
Körnern, und die Bildung und Zerstörung der fluiden Brücken, die durch
Benetzung der Körner zustande kommen. Um zu ergründen, welcher
Mechanismus dominiert, haben wir zunächst eine Simulation durchgeführt,
bei der lediglich der dritte Mechanismus verwendet wird, die Reibung
sowohl in der Flüssigkeit als auch zwischen den Körnern aber vernachlässigt
wird. Es
handelt sich um eine Molekulardynamik-Simulation, deren Teilchen zunächst
einfach harte Kugeln sind. Das ist unser Modellgranulat. Dazu kommt nun
als einzige weitere Wechselwirkung zwischen den Kugeln eine attraktive
Kraft, die die flüssigen Brücken darstellen soll: sie wirkt jeweils
zwischen zwei Kugeln und wird angeschaltet, wenn sich die beiden Kugeln
berühren. Dies modelliert das Entstehen einer Brücke zwischen den
Kugeln, die sie aufgrund der Oberflächenspannung des Wassers
zusammenzutreiben sucht. Sie bleibt bestehen, bis sich die Kugeln auf
einen bestimmten vorgewählten Abstand (hier: ein Zehntel des Kugelradius)
wieder voneinander entfernt haben. Wir haben also eine hysteretische
Kraft, und der ‚Flächeninhalt’ der Hystereseschleife ist die Energie,
die bei Bildung und Zerstörung einer Brücke dissipiert wird. Die Frage
ist nun: ist dieses einfache Modell ausreichend, um einen dynamischen
fest/flüssig Phasenübergang bei einer bestimmten kritischen Kraft zu
beschreiben? Unser System besteht aus etwa 10000 Kugeln, die Verscherung geschieht über ein räumlich Cosinusförmig variierendes Schwerkraftfeld. So etwas geht natürlich nicht im Labor, aber der Computer macht’s möglich. Die Amplitude dieses räumlich variierenden Feldes bezeichnen wir mit F: dies ist unser äußerer Parameter. Wir finden nun, dass sich die Kugeln im wesentlichen diffusiv verhalten, d.h. der von jeder einzelnen zurückgelegte Weg ist proportional zur Wurzel aus der verstrichenen Zeit. Daraus lässt sich ein Diffusionskoeffizient bestimmen, der in Abb. 7 als Funktion der äußeren Kraft F dargestellt ist.
Was
wir erkennen ist sehr ermutigend: das System verhält sich praktisch fest
bis zu einer kritischen Kraft Fc ,
oberhalb der die Diffusivität drastisch ansteigt, das System also quasi
flüssig wird. Wir finden einen kritischen Exponenten von etwa 2/3, wofür
wir bislang keine Erklärung haben. Fest steht aber, dass das einfache
Modell sich ganz ähnlich verhält, wie man es von nassem Granulat
erwartet. Wohlgemerkt haben wir hier nur Zweikörper-Kräfte verwendet,
passend zu der Vorstellung, dass in dem Bereich, wo das Granulat besonders
steif ist, der Wassergehalt sehr niedrig ist. In diesem Falle sind die Brücken
sehr klein gegen die Abmessungen der Körner, und es ist sehr
unwahrscheinlich, dass mehrere Brücken zu Flüssigkeits-‚Nestern’
zusammenwachsen. Was in diesem Falle geschieht, wird weiter unten noch
angesprochen. Zunächst
wollen wir weiter auf die Jagd nach Phasenübergängen gehen. Hierzu müssen
wir die Kenngrößen des Systems gut definieren. Eine wichtige Kenngröße
bei der Klassifikation von Phasenübergängen ist die (granulare)
Temperatur, also die mittlere kinetische Energie der Körner. In allen
bisherigen Experimenten war sie relativ schlecht definiert. Beispielsweise
in Experimenten mit um eine horizontale Achse rotierenden Trommeln: hier
wird das Granulat an der Oberfläche sehr ‚heiß’, wann immer es dort
zur Lawine kommt, der Rest (im Bodenbereich) bleibt völlig ‚kalt’.
Wir haben unsere Experimente daher mit Rührvorrichtungen durchgeführt,
wie sie in der Chemie oft üblich sind: hier wird die Probe (bei uns ein
Glasgefäß mit dem feuchten Granulat) in einer um eine vertikale Achse
rotierenden Bewegung im Kreis geführt, dabei aber nicht gedreht. Das
Ergebnis ist eine Bewegung, bei der das Granulat in jeder horizontalen
Richtung und auf jeder Höhe eine sich periodisch bewegende Wand
‚sieht’, wobei auch die Amplitude und Frequenz dieser Bewegung überall
gleich ist. Auf diese Weise sollte sich eine einigermaßen wohldefinierte
granulare Temperatur im System einstellen. In der Tat konnten wir feststellen, dass das Granulat bei einem bestimmten Feuchtigkeitsgehalt, der in charakteristischer Weise von der Größe der Körner (d.h. Glaskugeln) abhängt, zu einer pastosen Masse wurde. Der Übergang geschah recht abrupt und war somit gut im Phasendiagramm zu lokalisieren. Letzteres ist in Abb. 8 gezeigt. Die Bezeichnungen ‚Segregation’ und ‚Mixing’ beziehen sich darauf, dass hier mit Mischungen von kleinen Kugeln (das eigentliche System) und großen Kugeln (5 mm Durchmesser) gearbeitet wurde. Letztere dienten im Wesentlichen als Sonden für die mechanischen Eigenschaften des Systems der kleinen Kugeln. In der pastosen Phase trat nun perfekte Mischung der beiden Kugelsorten ein, während im andern Fall die großen Kugeln an die Oberfläche der Probe segregierten (Paranuss-Effekt).
Das letztere Verhalten ist wohlbekannt und im wesentlichen wohlverstanden für granulare Gase. Wir haben denn auch versucht, das beobachtete Verhalten als Phasenübergang Gas/Flüssigkeit zu beschreiben. Setzt man die zur Bildung und Zerstörung einer fluiden Brücke notwendige Energie der granularen Temperatur gleich, so erhält man in der Tat die durchgezogene schwarze Kurve! Interpretation: wenn die kinetische Energie der Kugeln nicht mehr ausreicht, um die Brücken zu zerstören, ist das Netzwerk topologisch fixiert, und das System kondensiert zu einer Art zäher Flüssigkeit. Was aber geschieht im Falle größeren Feuchtigkeitsgehalts? Die Brücken werden bei weiterer Wasserzugabe immer größer werden, bis sich schließlich benachbarte Brücken zu größeren Objekten vereinigen, die wir Cluster nennen. Die mechanischen Eigenschaften des Systems werden maßgeblich bestimmt sein von der Geometrie dieser Objekte, weshalb wir sie uns etwas näher ansehen wollen. Dazu müssen wir in das Granulat hineinsehen, was wegen des großen Unterschiedes im optischen Brechungsindex der beteiligten Materialen (Glas, Wasser, Luft) nicht möglich ist: das System ist optisch trüb. Wir haben daher die Luft durch eine Flüssigkeit ersetzt, deren Brechungsindex in etwa dem der Glaskugeln entsprach. Hier eignete sich ein Gemisch aus Toluol und Dijodmethan. Es ist mit Wasser nicht mischbar, außerdem werden die Glasoberflächen der Kugeln, wie sich zeigt, auch unter dieser Mischung von Wasser benetzt. Letzteres kann also nach wie vor als das Material für die fluiden Brücken verwendet werden. Man kann sie besonders schön sichtbar machen, indem man der wässrigen Phase einen wasserlöslichen Fluoreszenzfarbstoff (Fluoreszein) zusetzt. Die Brücken leuchten dann unter UV-Beleuchtung hell auf, wie in Abb. 9 gezeigt.
Hier ist der Wassergehalt noch niedrig. Steigt er, so wachsen, wie gesagt, die Brücken zu Clustern zusammen. Will man dies experimentell beobachten, hat man mit dem eben beschriebenen Verfahren Probleme, da die wässrige Phase, die auch den Farbstoff enthält, im Brechungsindex stark von den andern Stoffen abweicht und somit einen tieferen Einblick in die Probe verhindert. Das kann man verbessern, indem man dem Wasser nicht Fluoreszein, sondern Natriumjodid zusetzt, wodurch der Brechungsindex auch in die Nähe dessen des Glases kommt. Da er jedoch nicht genau übereinstimmt, kann man die Grenzflächen schön sehen, wie in Abb. 10 gezeigt ist.
Hier
kann man nicht nur einzelne Brücken auch zwischen solchen Kugeln sehen,
die sich nicht direkt berühren, sondern auch Cluster zwischen mehr als
zwei Kugeln. Dies ist sehr klar zu sehen in Abb. 11, wo ein Cluster zu
sehen ist, das den Raum zwischen vier tetraederförmig angeordneten Kugeln
füllt. Die beiden Bilder zeigen dasselbe Objekt mit leicht versetzten
Fokusebenen, sodass man seine Form erahnen kann.
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last update: December 2002