Artikel vom 20.01.2005 aus der Schwäbischen Zeitung, Ausgabe Ulm

Senioren entdecken die Lust am Lernen

Von Susanne Heliosch

ULM - Wissensdurstige Senioren sind an der Uni Ulm gut aufgehoben. Denn hier hat das Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) etabliert, ein Projekt, das auf das Weiterbildungsbedürfnis von Menschen im dritten Lebensalter abgestimmt ist. Eine Einrichtung, die bundesweit mit ihrem naturwissenschaftlichen Angebot einmalig ist.

12 Uhr, es ist Mittagspause. Im Forum der Universität Ulm ist kaum ein Durchkommen. Die aufgestellten Büchertische vor den Vorlesungsräumen sind dicht umlagert - nicht von Studenten, sondern von Menschen jenseits des Berufslebens. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, bevölkern zahlreiche Seniorinnen und Senioren die Ulmer Hochschule. Sie finden sich ein, um an der sogenannten Frühjahrs- bzw. Herbstakademie teilzunehmen. Interessiert belegen sie dann Vorlesungen, nehmen an Diskussionen und Arbeitsgruppen teil, vertiefen sich eine Woche lang in Themen aus den Bereichen Medizin, Informatik. Natur-, Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Blick ins Forum

Nahrung für den Geist

"Für mich sind die Akademiewochen Geistesnahrung, verbunden mit einem Hochgefühl." Es ist das zweite Mal, dass sich Jana Hetzelmann (67) aus Günzburg für eine Akademiewoche an der Uni Ulm eingeschrieben hat. "Während dieser Zeit bekommt man den Kopf so richtig durchgepustet", erzählt sie begeistert. Diesmal will sie sich der Kultur Russlands widmen. Die Themen Kultur und Gesellschaft fesselten sie schon immer. Doch währen des Berufslebens als Diät-Assistentin blieb wenig Zeit dafür.
Auch der ehemalige Volkswirt Karl Tuch (82) aus Ulm ist überzeugter Anhänger der Akademiewochen. Als musisch interessierter Mensch zieht es ihn zu einem Vortrag: Zeitlose Werte in der Musik - Ein Disput unter Enthusiasten. "So halte ich meinen Geist wach", sagt er.
Seit der Gründung vor zehn Jahren gewinnt das ZAWiW zunehmend an Bedeutung, zumal immer mehr ältere Menscher die Lust am Wissen entdecken. Rund 800 Teilnehmer aus ganz Baden-Württemberg und auch aus dem benachbarten Bayern verbucht die Einrichtung inzwischen regelmäßig zu den Jahreszeitenakademien. Die Mehrzahl von ihnen hat einen mittleren Bildungsabschluss, rund ein Drittel Abitur. Fragen wie etwa "Brauchen wir ökonomische Ideale?" werden mit Leidenschaft diskutiert. "Ein derart interessiertes Publikum haben wir sonst das ganze Jahr über nicht", urteilen die unterrichtenden Professoren und Dozenten, die teilweise der Uni zugehörig sind oder von außerhalb kommen.
"Wir wollen wissenschaftlich komplexe Forschungen und Ergebnisse der Universität einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und somit eine Brücke zwischen Wissenschaft und Bürgerschaft schlagen", sagt Carmen Stadelhofer, die Initiatorin und Leiterin des ZAWiW. Diesen Anspruch verstehe man an der Universität Ulm als gesellschaftlichen Auftrag.
Allgemein lässt sich ein Wandel beobachten, wie die ehemalige akademische Oberrätin hervorhebt: "Anfangs kamen die Senioren an die Uni, um ihre Bildungsbenachteiligung zu korrigieren. Jetzt rückt die 68er-Generation nach, die Zeit ihres Lebens aktiv war und auch im Alter gefordert sein will." Seniorennachmittage und Vorträge an der Volkshochschule sind dieser Generation zu wenig.
Daher hat das ZAWiW reagiert und neben den Akademiewochen weitere wissenschaftlich fundierte Bildungsangebote entwickelt. Etwa das gruppenforschende Lernen, bei dem sich die Teilnehmer in wissenschaftlichen Methode üben: Mikroskopieren, Katalogisieren, Archivieren, qualitatives Interview. Besondere Früchte tragen gesellschaftsrelevante und generationsübergreifende Projekte. "Es geht darum, ältere Menschen auf neue Tätigkeiten vorzubereiten", erklärt Stadelhofer. So werden am ZAWiW für ganz Baden-Württemberg Senioren zu Internethelfern ausgebildet. Daneben wird mit Schulen kooperiert. Hier fungieren die Rentner etwa als Zeitzeugen oder sie helfen Hauptschülern, unterstützt von der Agentur für Arbeit, bei der Berufsfindung, indem sie eigene Erfahrungen schildern. Daneben entstanden Erzählcafés und Ausstellungen, die belegen, dass "Schüler am Kontakt zur älteren Generation sehr interessiert sind", wie Stadelhofer darlegt. Mit dem Ergebnis, dass die Jungen ein verändertes Altersbild gewinnen.

Aus Medizin und Technik

"Die Universitäten haben das Potenzial von Menschen im dritten Lebensalter noch gar nicht entdeckt", glaubt Stadelhofer. Zwar hätten bundesweit inzwischen 50 Hochschulen ihre geisteswissenschaftlichen Fächer in Form, von Vorlesungsreihen und Seminaren für das Seniorenstudium geöffnet. Doch Themen aus der Naturwissenschaft, der Medizin und Technik, sowie der pädagogische Ansatz, wie es das ZAWiW in Ulm praktiziert, seien bislang einmalig.
Freilich, räumt Carmen Stadelhofer ein, sei die Finanzierung eines solchen Projektes schwierig. "Das ZAWiW bekommt keinerlei Geld von der Universität. Wir müssen und selbst finanzieren. Lediglich die Räume werden zur Verfügung gestellt." Die Initiatorin hatte Glück, denn vor zehn Jahren fand sie die Stiftung für Bildung- und Behindertenförderung, die bis heute das ZAWiW finanziell stützt.