Artikel vom August 2005 aus Seniorenzeitung Baden-Württemberg

„Die neue Herausforderung ist der soziale Lernprozess"

 Seniorenzeitung-Titel
17. Jahrgang   Baumeister Verlag   August 2005   Einzelpreis 1.50 €

"Die neue Herausforderung ist der soziale Lernprozess"

Die Ulmer Weiterbildungsexpertin Carmen Stadelhofer unterstützt selbstgesteuertes Lernen durch Aktives und Forschendes Lernen in Teams

Ob der bekannteste Seniorenstudent der Republik, der langjährige Ministerpräsident Baden-Württembergs, Erwin Teufel, ab Oktober Vorlesungen oder lieber Seminare besucht, wissen wir nicht Klar ist hingegen, dass Ältere in der Regel an deutschen Universitäten die Lerninhalte lediglich "aufnehmen". Das Zentrum für Allgemei­ne Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm (ZAWiW) geht neue Wege und praktiziert seit Jahren Aktives und Forschendes Lernen. Mit. der Direktorin des Ulmer Institutes, Carmen Stadelho­fer, hat Dr. Stefan Raab über das Lernen im Alter gesprochen.

Akademiewoche Besonders beliebt sind die Jahreszeitakademien. Für die Herbstakademie vom 26. - 30. September empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung        Foto: zawiw
SENIORENZEITUNG:
Senioren belegen an Univer­sitäten häufig Vorlesungen, bei denen sie die Rolle des passiven Gasthörers über­nehmen. Dagegen setzt Ihr Institut auf das aktive Ler­nen. Wie leicht fällt den Se­nioren und Seniorinnen das selbstgesteuerte Lernen?
CARMEN STADELHOFER:
Keine Frage: Der klassische Senior-Studierende bekommt in der Regel Angebote und Seminare, wo er letzten Endes - von wenigen Ausnahmen abgesehen - den Lerninhalt rezeptiv aufnimmt. Ältere sind jedoch durchaus bereit, aktiv neue Wege zu gehen und sich mit Themen auseinanderzuset­zen, die ihnen klassischer Weise nicht zugeschrieben werden. Das sind die Naturwissenschaf­ten, auch Bereiche wie die Me­dizin und Informatik. Das haben wir hier in Ulm gezeigt.
SZ: Wodurch unterscheidet sich Ihr Institut denn eigentlich von anderen Weiterbildungsein-richtungen für Ältere?
STADELHOFER: Zu uns kom­men in der Regel weiterbil­dungsinteressierte Senioren und Seniorinnen, die sich in ihrer Freizeit bereits früher weiterge­bildet haben, neugierig sind und die sich lernoffen zeigen. Ich glaube, sie sind deshalb an unserem Angebot des aktiven Lernens interessiert, weil sie die Kombination aus neuen Erfah­rungen, dem Erwerb von Wissen und dem Einbringen eigener Kompetenzen und Erfahrungen anspricht.
SZ: Was kann ein Senior-Student am Ulmer ZAWiW erwarten?
STADELHOFER: Die soziale Komponente halte ich für außer­gewöhnlich. Der Senior-Student arbeitet in einer Gruppe mit anderen Senior-Studierenden zusammen, die unterschiedliche berufliche und private Erfahrun­gen mitbringen. Daher kommt eine Synergie an Ideen und Know-how zustande, die im Berufsleben und im Fa­milien- sowie Freundeskreis so meist nicht vorkommt. Die gro­ße Herausforderung des Lernens ist also nicht nur der Stoff, son- dern auch der soziale Prozess.
SZ: Da tun sich Männer ja meistens schwer.
STADELHOFER: Richtig. Der soziale Prozess ist vor allem für Männer eine große Herausfor­derung im nicht-hierarchischen Lernen. Viele Männer kommen aus Berufsbereichen, wo jeder weiß, der ist oben und der ist unten, das gibt es in den Gruppen Forschendes Lernen nicht. Alle Teilnehmer sind gleichberechtigt. Manchmal arbeiten auch ehemalige Chefs mit ehemaligen Mitarbeitern zusammen. Das ist offensicht­lich eine ganz große Herausfor­derung, sich plötzlich ganz an­ders wahrzunehmen, zu sehen, dass der andere in bestimmten Bereichen mehr Kompetenzen hat als ich.
SZ: Sie begleiten Ihre Projek­te auch wissenschaftlich. Wel­chen Forschungsansatz haben Sie am ZAWiW gewählt?
STADELHOFER: Wir sind der Aktionsforschung stark verbun­den. Und deswegen entwickeln und überprüfen wir zusammen mit den Betroffenen unsere Pro­jekte. Dadurch haben die Ergeb­nisse auch ihren Sitz im Leben, weil die Senior-Studierenden un­sere Ideen am besten korrigieren können - von Anfang an.
SZ: Wie reagieren Altere dar­auf, ihre in Vergessenheit gera­tenen und unbearbeiteten For­schungsthemen aufzugreifen?
STADELHOFER: Es gibt zwei unterschiedliche Wahlrichtungen. Die einen gehen in die Richtung, wo ihr früherer Beruf lag und wo sie das Thema jetzt interdisziplinärer und ganzheitli­cher betrachten möchten. Die andere Gruppe möchte sich bereits ein Leben lang einem bestimm­ten Thema widmen; Aus verschiedenen biografischen Gründen hatte sie das jedoch bis­her nicht tun können, jetzt findet sie Zeit dazu.
SOR-Schulung Die Senior Online Redakteure haben gelernt, im Team am PC zu arbeiten.    Foto: zawiw
SZ: Viele Studenten wollen ihr Wissen auch an Jüngere über­mitteln. Wie ist das bei Ihnen?
STADELHOFER:           Unsere Befragungen zeigen, dass die Senioren-Studenten es als sehr wichtig erachten, ihr Wissen an die jüngere Generation weiterzu­geben: Gemeinsam Wissen erar­beiten, gemeinsam reflektieren, und dann dieses Wissen in Form von Broschüren, Ausstellungen oder Vorträgen zu vermitteln, das hat einen großen Wert. - Das hat auch einen gesellschaftlichen Nutzen. Diese Studenten wollen gar keine Zertifikate, sie wollen eine Anerkennung. Diese bekommen sie, wenn sie eine Broschüre mit hoher Auflage erstellen bzw. verkaufen und zu Vorträgen eingeladen werden, um ihre Inhalte vorzustellen. Sie gehen oft in Schulen, um über ihre Ergebnisse zu berichten.
SZ: Das sind also Berichte von Zeitzeugen.
STADELHOFER: Ja, es gibt aber auch andere Themen wie die Solarenergie. Eine Gruppe hat z.B. zwei Jahre lang an diesem Thema gearbeitet und dann eine Broschüre über ihre Resultate erstellt. Jetzt gehen die Senioren-Studenten in ver­schiedene Schulen, um Schüler und Lehrer bei der Wartung von Solaranlagen zu beraten. Sie machen auch bei dem "Tag der offenen Tür" mit, basteln mit den Schülern an technischen Geräten, und das gibt ihnen auch eine gewisse Position als Senior Experten. Sie selbst haben dann das Gefühl, ich werde ja noch gebraucht im Alter.
Carmen Stadelhofer Carmen Stadelhofer: Lernen ohne Hierarchien ist vor allem für Männer eine große Herausforderung. Foto: zawiw
SZ: Lassen Sie uns noch über Ihr Projekt SOR, die Senior Online-Redaktion, sprechen. Viele Ältere beschäftigen sich erstmalig mit dem Journalis­mus. Wie beurteilen Sie das?
STADELHOFER: Zunächst ein­mal: Viele derjenigen, die beim Projekt mitgemacht haben, sind nicht schreibunkundig gewesen. Sie haben bestimmte Vorerfah­rungen mitgebracht - aus dem Beruf oder aus dem Bereich der Seniorenarbeit, wo sie Artikel geschrieben haben. Was diese Gruppe interessiert, sind zwei Dinge. Erstens: Wie schreibt man für das Web? Und zweitens: Wie schreibe ich für die eigene Online-Zeitschrift "LernCafe"? Hier wählen sie selber die Interessenschwer­punkte und beleuchten diese aus gesellschaftlicher, politischer oder kultureller Perspektive.
SZ: Zum Beispiel?
STADELHOFER: In einer der letzten Ausgaben haben die Se­nior-Studierenden ihre eigene Position innerhalb der Wirt­schaft zum Thema gemacht: "Marktfaktor älterer Mensch". Wie sehen wir uns selber? Und lassen wir. uns verwirt­schaften? (lacht) Oder wollen wir selber mitgestalten?
SZ: Dann gibt es noch den Se­nior-Internet-Helfer. Wie läuft das?
STADELHOFER: Hier bauen wir ein ehrenamtliches Netz­werk von Senior-Internet-Hel­fern und -Helferinnen auf und arbeiten dabei mit Institutionen vor Ort zusammen. Ziel ist es, Seniorinnen und Senioren für die Vermittlung ihres Internet-Wissens an Internet-Einsteiger zu qualifizieren und ihnen bei technischen und inhaltlichen Fragen des Web zu helfen. Im ländlichen Raum sehen wir allerdings noch einen großen Bedarf. Hier fehlen uns noch Senior-Internet-Helfer, aber auch Institutionen, wo Senioren mitmachen können, so dass Hel­fergruppen entstehen. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, dass es wichtig ist, sogenannte service points, d.h. Anlaufstellen vor Ort zu haben.
SZ: An wen können sich Interessierte richten?
STADELHOFER: Interessierte können sich einfach bei uns melden. Wir organisieren die Qualifizierung dann vor Ort oder bringen sie mit anderen Interessierten aus der Region zusammen. Auf unserer Webseite www.zawiw.de erfahren Interessierte auch Näheres über die anderen oben genannten Ak­tivitäten.

Kontakt: ZAWiW Universität Ulm, 89069 Ulm, Tel.: 0731/ 50-23193,
Fax: 0731/ 50-23197, E-Mail: info@zawiw.de
www.zawiw.de   www.gemeinsamlernen.de    www.vile-netzwerk.de