17. Jahrgang
Baumeister Verlag
August 2005
Einzelpreis 1.50 €
Die
Ulmer Weiterbildungsexpertin Carmen Stadelhofer unterstützt
selbstgesteuertes Lernen durch Aktives und Forschendes Lernen in Teams

Besonders beliebt sind die Jahreszeitakademien. Für die Herbstakademie vom
26. - 30. September empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung
Foto: zawiw
SENIORENZEITUNG:
Senioren
belegen an Universitäten häufig Vorlesungen, bei denen sie die Rolle
des passiven Gasthörers übernehmen. Dagegen setzt Ihr Institut auf das
aktive Lernen. Wie leicht fällt den Senioren und Seniorinnen das
selbstgesteuerte Lernen?
CARMEN STADELHOFER:
Keine Frage: Der
klassische Senior-Studierende bekommt in der Regel Angebote und
Seminare, wo er letzten Endes - von wenigen Ausnahmen abgesehen - den
Lerninhalt rezeptiv aufnimmt. Ältere sind jedoch
durchaus bereit, aktiv neue Wege zu gehen und sich mit Themen
auseinanderzusetzen, die ihnen klassischer Weise nicht zugeschrieben
werden. Das sind die Naturwissenschaften, auch Bereiche wie die
Medizin und Informatik. Das haben wir hier in Ulm gezeigt.
SZ: Wodurch unterscheidet sich Ihr Institut denn eigentlich von anderen Weiterbildungsein-richtungen für Ältere?
STADELHOFER: Zu uns kommen in der Regel weiterbildungsinteressierte Senioren und Seniorinnen, die sich in ihrer Freizeit bereits früher weitergebildet haben, neugierig sind und die sich
lernoffen zeigen. Ich glaube, sie sind deshalb an unserem Angebot des
aktiven Lernens interessiert, weil sie die Kombination aus neuen
Erfahrungen, dem Erwerb von Wissen und dem Einbringen eigener
Kompetenzen und Erfahrungen anspricht.
SZ: Was kann ein Senior-Student am Ulmer ZAWiW erwarten?
STADELHOFER:
Die soziale Komponente halte ich für außergewöhnlich. Der
Senior-Student arbeitet in einer Gruppe mit anderen Senior-Studierenden
zusammen, die unterschiedliche berufliche und private Erfahrungen
mitbringen.
Daher
kommt eine Synergie an Ideen und Know-how zustande, die im Berufsleben
und im Familien- sowie Freundeskreis so meist nicht vorkommt. Die
große Herausforderung des Lernens ist also nicht nur der Stoff, son-
dern auch der soziale Prozess.
SZ: Da tun sich Männer ja meistens schwer.
STADELHOFER: Richtig. Der
soziale
Prozess ist vor allem für Männer eine große Herausforderung im
nicht-hierarchischen Lernen. Viele Männer kommen aus Berufsbereichen,
wo jeder weiß, der ist oben und der ist
unten, das gibt es in den Gruppen Forschendes Lernen nicht. Alle
Teilnehmer sind gleichberechtigt. Manchmal arbeiten auch ehemalige
Chefs mit ehemaligen Mitarbeitern zusammen. Das ist offensichtlich
eine ganz große Herausforderung, sich plötzlich ganz anders
wahrzunehmen, zu sehen, dass der andere in bestimmten Bereichen mehr
Kompetenzen hat als ich.
SZ: Sie begleiten Ihre Projekte auch wissenschaftlich. Welchen Forschungsansatz haben Sie am ZAWiW gewählt?
STADELHOFER:
Wir sind der Aktionsforschung stark verbunden. Und deswegen entwickeln
und überprüfen wir zusammen mit den Betroffenen unsere Projekte.
Dadurch haben die Ergebnisse auch ihren Sitz im Leben, weil die
Senior-Studierenden unsere Ideen am besten korrigieren können - von
Anfang an.
SZ: Wie reagieren Altere darauf, ihre in Vergessenheit geratenen und unbearbeiteten Forschungsthemen aufzugreifen?
STADELHOFER:
Es gibt zwei unterschiedliche Wahlrichtungen. Die einen gehen in die
Richtung, wo ihr früherer Beruf lag und wo sie das Thema jetzt
interdisziplinärer und ganzheitlicher betrachten möchten. Die
andere Gruppe möchte sich bereits ein Leben lang einem bestimmten Thema
widmen; Aus verschiedenen biografischen Gründen hatte sie das jedoch
bisher nicht tun können, jetzt findet sie Zeit dazu.

Die Senior Online Redakteure haben gelernt, im Team am PC zu arbeiten.
Foto: zawiw
SZ: Viele Studenten wollen ihr Wissen auch an Jüngere übermitteln. Wie ist das bei Ihnen?
STADELHOFER: Unsere
Befragungen
zeigen, dass die Senioren-Studenten es als sehr wichtig erachten, ihr
Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben: Gemeinsam Wissen
erarbeiten, gemeinsam reflektieren, und dann dieses Wissen in Form von
Broschüren, Ausstellungen oder Vorträgen zu vermitteln, das hat einen
großen Wert. - Das hat auch einen gesellschaftlichen Nutzen. Diese
Studenten wollen gar keine Zertifikate, sie wollen
eine Anerkennung. Diese bekommen sie, wenn sie eine Broschüre mit hoher
Auflage erstellen bzw. verkaufen und zu Vorträgen eingeladen werden, um
ihre Inhalte vorzustellen. Sie gehen oft in Schulen, um über ihre
Ergebnisse zu berichten.
SZ: Das sind also Berichte von Zeitzeugen.
STADELHOFER:
Ja, es gibt aber auch andere Themen wie die Solarenergie. Eine Gruppe
hat z.B. zwei Jahre lang an diesem Thema gearbeitet und dann eine
Broschüre über ihre Resultate erstellt. Jetzt gehen die
Senioren-Studenten in verschiedene Schulen, um Schüler und Lehrer bei
der Wartung von Solaranlagen zu beraten. Sie machen auch bei dem "Tag
der offenen Tür" mit, basteln mit den Schülern an technischen Geräten,
und das gibt ihnen auch eine gewisse Position als Senior Experten. Sie
selbst haben dann das Gefühl, ich werde ja noch gebraucht im Alter.

Carmen Stadelhofer: Lernen ohne Hierarchien ist vor allem für Männer eine große Herausforderung.
Foto: zawiw
SZ:
Lassen Sie uns noch über Ihr Projekt SOR, die Senior Online-Redaktion,
sprechen. Viele Ältere beschäftigen sich erstmalig mit dem
Journalismus. Wie beurteilen Sie das?
STADELHOFER: Zunächst
einmal: Viele derjenigen, die beim Projekt mitgemacht haben, sind
nicht schreibunkundig gewesen. Sie haben bestimmte Vorerfahrungen
mitgebracht - aus dem Beruf oder aus dem Bereich der Seniorenarbeit, wo
sie Artikel geschrieben haben. Was diese Gruppe interessiert, sind zwei
Dinge. Erstens: Wie schreibt man für das Web? Und zweitens: Wie
schreibe ich für die eigene Online-Zeitschrift "LernCafe"? Hier wählen
sie selber die Interessenschwerpunkte und beleuchten diese aus
gesellschaftlicher, politischer
oder kultureller Perspektive.
SZ: Zum Beispiel?
STADELHOFER:
In einer der letzten Ausgaben haben die Senior-Studierenden ihre
eigene Position innerhalb der Wirtschaft zum Thema gemacht:
"Marktfaktor älterer Mensch". Wie sehen wir uns selber? Und lassen wir.
uns verwirtschaften? (lacht) Oder wollen wir selber mitgestalten?
SZ: Dann gibt es noch den Senior-Internet-Helfer. Wie läuft das?
STADELHOFER:
Hier bauen wir ein ehrenamtliches Netzwerk von
Senior-Internet-Helfern und -Helferinnen auf und arbeiten dabei mit
Institutionen vor Ort zusammen. Ziel ist es, Seniorinnen und Senioren
für die Vermittlung ihres Internet-Wissens an Internet-Einsteiger zu
qualifizieren und ihnen bei technischen und inhaltlichen Fragen des Web
zu helfen. Im ländlichen Raum sehen wir allerdings noch einen großen
Bedarf. Hier fehlen uns noch Senior-Internet-Helfer, aber auch
Institutionen, wo Senioren mitmachen können, so dass Helfergruppen
entstehen. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, dass es wichtig ist, sogenannte service points, d.h. Anlaufstellen vor Ort zu haben.
SZ: An wen können sich Interessierte richten?
STADELHOFER:
Interessierte können sich einfach bei uns melden. Wir organisieren die
Qualifizierung dann vor Ort oder bringen sie mit anderen Interessierten
aus der Region zusammen. Auf unserer Webseite
www.zawiw.de erfahren Interessierte auch Näheres über die anderen oben genannten Aktivitäten.