Sektion Phoniatrie und Pädaudiologie

Prof. Dr. H. S. Johannsen

Dr. S. Brosch, Dipl.-Psych. A. Häge, Dipl.-Psych. D. Rommel

Stichworte: Stottern, Kinder, Längsschnitt, Entwicklung, Stimmstörungen

Längsschnittstudie zu Entstehung und Verlauf kindlichen Stotterns. Stottern bei Kindern ist ein ätiologisch inhomogenes Störungsbild, das dem momentanen Forschungsstand entsprechend nur einzelfallorientiert (=idiographisch) gesehen werden kann. Danach ist Stottern ein multifaktorielles, multimodales Phänomen; jedes stotternde Kind hat individuelle Faktoren oder Faktorenkombinationen aus dem physiologisch-organischen, dem psycholinguistischen und dem psychosozialen Bereich, die für die Entstehung, die Aufrechterhaltung und den Verlauf seines Stotterns in über die Zeit unterschiedlicher Gewichtung verantwortlich sind. Daraus leitet sich ab, daß solche Einflußgrößen im Einzelfall nur durch eine sorgfältige und umfangreiche Diagnostik herausgearbeitet und dann gegebenfalls therapeutisch umgesetzt werden können. Eine entscheidende, bisher noch nicht beantwortbare Forschungsfrage betrifft die sichere und nicht allein auf der klinischen Erfahrung des Untersuchers beruhende Unterscheidung zwischen beginnendem chronischem Stottern und entwicklungs-unflüssigem Sprechen bei sehr jungen Kindern in möglichst engem zeitlichen Bezug zum Beginn ihrer Sprechunflüssigkeit. Darüber hinaus ist für die Gruppe der Kinder, die für einen chronischen Verlauf ihrer Redeflußstörung gefährdet sind, zu klären, welche in den Folgejahren remittieren und welche überdauernd stottern werden. Diese aufgezeigten Forschungsfragen werden in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Längsschnittstudie über 5 Jahre an 100 stotternden Kindern ("Ätiologie und Verlaufsbedingungen des kindlichen Stotterns”) erstmalig für den deutschen Sprachraum und in ihrer Breite insgesamt erstmalig untersucht.

Multicenterstudie zu Stottern und Medikamenten. Die beim Stottern gestörten Abläufe in der Bewegungs-koordination von Respiration, Phonation und Artikulation können auch in pharmakologischen Studien untersucht werden. In einer multizentrischen Studie in Kooperation mit der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Max-Planck-Institut, Heckscher Klinik in München wurde der Frage nachgegangen, ob und in welcher Weise quantitative und qualitative Aspekte der Stottersymptomatik durch Medikamente beeinflußt werden können, um darüber Grundannahmen über den Zusammenhang von Sprache und Motorik und spezifische Annahmen bezüglich der Heranbildung des Stotterns zu überprüfen.

Stimmstörungen. Einen weiteren Forschungsschwerpunkt der Sektion stellen Stimmstörungen nach Intubation und insbesondere nach Langzeitintubation dar. Nach früherer Beschreibung von Cricoarytaenoidankylose, Interarytaenoidfibrose und Aryknorpelluxation und deren differentialdiagnostischer Abgrenzung gegenüber neurogen bedingten Stimmlippenstillständen wurden jetzt erstmalig zwei Patienten mit Aryknorpelnekrose dargestellt und Therapiemöglichkeiten diskutiert. Auch die zentrale Steuerung der kommunikativen Kehlkopfleistung wurde am Beispiel einer Kehlkopfapraxie erörtert.

  1. Johannsen, H.S., Schulze, H., Rommel, D.: Bedingungen des Erfolgs bzw. Mißerfolgs einer Behandlung des kindlichen Stotterns, demonstriert an einer erfolgreichen und einer nicht-erfolgreichen Intervention. In: H.S.Johannsen & L.Springer (Hrsg.): Stottern, Münster 1993. Tagungsbericht der Jahresfortbildungsveranstaltung des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie und der wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, 18. - 22.5.1993, S.198-205.
  2. Johannsen, H.S. & Schulze, H. (Hrsg.): Praxis der Beratung und Therapie bei kindlichem Stottern. - Werkstattbericht - Phoniatrische Ambulanz der Universität Ulm, Ulm 1993. ISBN 3-9801394-5-X.
  3. Rothenberger, A., Johannsen, H.S., Schulze, H., Amorosa, H. & Rommel, D.: Stottern und Medikamente. Wirkung von Tiapridex auf das Stottern bei älteren Kindern und Jugendlichen. Phoniatrische Ambulanz der Universität Ulm, Ulm 1994. ISBN 3-9801394-4-1
  4. Rothenberger, A., Johannsen, H.S., Schulze, H., Amorosa, H. & Rommel, D.: Effect of Tiapride on stuttering in children and adolescents. Perceptual and Motor Skills 79, 1163-1170 (1994)
  5. Hägge, A., Rommel, D., Schulze, H. & Johannsen, H.S.: Kindliches Stottern: Ätiologie und Verlaufsbedingungen. Erste Ergebnisse einer fünfjährigen Längsschnittstudie. Folia phoniatrica 46, 298-304 (1994)
  6. Johannsen, H.S., Schulze, H., Rommel, D. & Häge, A.: Stuttering in childhood: a five year longitudinal study in progress. Folia phoniatrica 46, 241-249 (1994)
  7. Brosch, S., Ripberger, R. & Johannsen , H.S.: Arytenoid cartilage necrosis - a rare complication of prolonged intubation. Brit. J. Anesth. (in press)
  8. Rommel, D., Johannsen, H.S., Schulze, H., Moldaschel, S. & Müller, M.: Psycholinguistische Merkmale des Sprechverhaltens stotternder Kinder unterschiedlichen Alters in verschiedenen Sprechsituationen. Sprache Stimme Gehör (im Druck)

Zurück zur Homepage