Die Märchen

JULIUS, DER JUNGE MIT DER DICKEN BACKE

Es war einmal, so fangen alle Märchen an. Diese Geschichte ist zwar ausgedacht, doch sie kann so stattgefunden haben oder vielleicht gibt es sogar Kinder, denen es ähnlich ergangen ist.

Julius hat vor kurzem Geburtstag gehabt. Ganze 9 Jahre alt ist er geworden. Eigentlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn er schon 15 wäre. Dann könnte er nämlich mit dem Mofa durch die Gegend flitzen, so wie sein großer Bruder. Manchmal darf Julius hinten auf dem Rücksitz mitfahren, natürlich mit Helm. Aber selber fahren, das wäre das Größte überhaupt. Denn so einfach ist es nicht, seinem Bruder, den sie alle Danny nennen, -kommt wohl von Daniel, genau weiß das Julius gar nicht-, zu überreden, mitfahren zu dürfen. Außerdem will Danny eine Beteiligung an den Benzinkosten und das geht ins Geld, wie Julius meint. Also heißt es sparen. Bei 3,00 Mark Taschengeld in der Woche ist das aber nicht so einfach. Julius geht in die 2. Klasse.

"Mit 9 erst in die 2. Klasse?" fragt ihr vielleicht jetzt. Nun, Julius ist nicht so ganz gesund wie andere Kinder und musste schon oft ins Krankenhaus. Deshalb hat er sehr viel in der Schule versäumt. Seine Lehrerin Frau Klein meinte, dass es für ihn besser sei, die Klasse zu wiederholen. Julius ist deswegen zwar manchmal traurig. Aber die Kinder in seiner Klasse sind irgendwie netter zu ihm, als das noch in seiner alten Klasse der Fall gewesen ist.

Allerdings hat er ein mulmiges Gefühl, wenn er Sportunterricht hat. Denn Julius musste schon sehr oft operiert werden. Und bei jeder Operation gibt es Narben. Julius hat davon 6 Stück. Am liebsten würde er die Narben vor den anderen verstecken. Doch das ist nicht so einfach. Julius hat schon so oft seinen Mitschüler erklären müssen, wo die Narben den her kämen, dass er immer das Gesicht verzieht, wenn er mal wieder gefragt wird. Seine Mutter hat ihm aber genau erklärt, dass er, wenn er gefragt wird, auch immer antworten sollte, auch wenn es ihm schwer fällt. Denn dass er krank ist, dafür kann Julius ja nichts. Und wie sollen die anderen was verstehen, wenn sie es nicht erklärt bekommen. Aber so genau weiß Julius auch nicht, was er hat.

Was er weiß, ist, dass bei ihm immer wieder Tumore in einer Operation entfernt werden müssen. "Wie heißt denn dass, was Du da hast?" hat ihn neulich wieder einer gefragt. "Irgendwas mit ähm, ähm Neo...Neuro oder so. Ist ja auch egal. Tumore, da weiß ja jeder, was das ist," meint Julius.

Am blödesten findet Julius, wenn er mal wieder, besonders von alten Omas, gefragt wird, ob er denn Zahnschmerzen hätte. "Nein, nein, nein. Ich habe keine Zahnschmerzen, nur weil ich eine dicke Backe habe", denkt Julius. Alle meinen, ich habe was an den Zähnen. Außerdem putzt sich Julius 3 mal am Tag die Zähne. Ja, das mit der dicken Backe, das ist schon sehr seltsam.

Julius Backe ist auch krank. Das heißt, von diesen komischen Tumore ist auch einer davon in seiner rechten Backe drin. Julius findet das an seiner Krankheit auch am schlimmsten, weil es nun mal jeder sehen kann. Tommy, sein Freund aus der Nachbarschaft, hat ihm aber neulich versichert, dass er damit keine Probleme hätte und das er das mit der Backe überhaupt nicht mehr sehen würde. "Weißt du", hat Tommy auf der Geburtstagsfeier von Julius gesagt, "ich sehe das gar nicht mehr, daß deine Backe dicker ist als die andere." Wer’s glaubt, dachte Julius. Aber bei genauer Beobachtung hat Julius festgestellt, dass Tommy andere Kinder genauso behandelt, wie er ihn behandelt. Also muss da ja wirklich was dran sein. Vermutlich ist es Tommy wichtiger, wie sich Julius verhält. Und es stimmt schon, dass, wie man sich verhält, wichtiger ist, als wie man aussieht.

Trotzdem ist es manchmal nicht einfach für Julius, mit seiner Krankheit klar zu kommen, gerade wenn andere ihn hänseln. Aber Julius hat sich da etwas ausgedacht und meistens klappt das auch. Julius guckt sich andere Kinder immer sehr genau an. Dabei ist ihm aufgefallen, dass keiner vollkommen ist. Der eine ist zu dick, der andere hat dicke Brillengläser, wieder ein anderer riecht komisch und es gibt noch viele andere „Macken“, die man so haben kann. Also hat Julius sich angewöhnt, wenn es mal wieder ganz schlimm wurde mit den Hänseleien, auch über die Probleme der anderen seine Meinung zu sagen.

Es ist ja auch so, dass jeder Stärken und Schwächen hat. Julius hat da auch was, wo er der absolut Stärkste ist. Julius kann ganz toll basteln, aber besonders gut malen und zeichnen, eigentlich schon so wie die Großen. Neulich hat Julius an einem Malwettbewerb teilgenommen und den 1. Preis bekommen. Als Preis bekam Julius ein Mountainbike. Man kann sich ja vorstellen, dass alle sehr neidisch waren.

Demnächst muss Julius mal wieder ins Krankenhaus. Obwohl er dort überhaupt nicht hin möchte, wird ihm nichts anderes übrigbleiben. Ein bisschen Angst hat er ja auch immer, wenn er operiert werden muss. Immer die Piekserei und nach den Operationen hat Julius auch oft Schmerzen. Aber die Ärzte sind immer sehr, sehr nett und auch weil seine Mutter bei ihm im Krankenhaus bleibt, nicht nur so zum Besuch, sondern den ganzen Tag und auch über Nacht, ist alles viel einfacher.

Von seiner Lieblingstante wurde Julius neulich gefragt, was er sich denn wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. Julius hat etwas überlegen müssen und dann geantwortet: "Am liebsten wäre mir, wenn ich gesund wäre. Aber," hat Julius dann gesagt, "es gibt Kinder, denen geht es bestimmt schlechter als mir. Und eigentlich komme ich schon ganz gut klar mit meiner Krankheit."