Die Märchen

EIN FARNTAFELMÄRCHEN

Die drei Freunde

Am Rande einer kleinen Stadt neben einem Wald lebte ein kleiner Junge. Alle mochten ihn, überall war er beliebt. Er hatte einen festen Freund, alles unternahmen sie gemeinsam. Und er hatte auch eine jüngere Schwester, die anders war, wie andere. Sie sagten immer sie sei behindert. Irgendwann, an einen warmen Abend, kamen die drei, der kleine Junge, sein Freund und seine jüngere Schwester vom Beerenpflücken nach Hause. Aus den Beeren machten sie sich herrliche Beerenlimonade. Sie lebten alle drei zusammen in dem kleinen Häuschen, hoch oben auf dem Hügel am Rande der Stadt, dort wo der Wald anfängt. Der kleine Junge ging nochmals am warmen Abend los, um noch schnell die Meerschweinchen auszuführen. Danach wollten sie gut zu Abend essen.

Der kleine Junge ging in den Wald zu seinen Lieblingsplatz und ließ die Meerschweinchen umherlaufen und schlief dabei ein. Sein Freund und seine jüngere Schwester machten sich langsam Sorgen und Gedanken, wo er nur bliebe. Sie wollten ja gemeinsam zu Abend essen. Sie machten sich auf den Weg, um ihn zu suchen.

Doch an seinem Lieblingsplatz war er nicht. Sie suchten ihn und fragten alle, die ihn kannten oder nicht kannten. Aber niemand hatte ihn gesehen. Er war einfach unauffindbar. Da dachte der Freund und sagte zur jüngeren Schwester: „Vielleicht ist er im Land Farntafel. Das sind kleine Zwerge, die unten im Wald lebten.“

Es wurden nimmer mehr, die ihn suchten, die sich über den kleinen beliebten Jungen Sorgen machten. Sie suchten in der Stadt. Sie durchstreiften den Wald. Aber sie fanden keine einzige Spur von ihm. Nicht der kleinste Hinweis. Noch nicht einmal die Meerschweinchen fanden sie.

Viele Jahre sind nun vergangen und der Freund und die jüngere Schwester suchten immer noch. Jeden Tag gingen sie in den Wald und immer tiefer hinein. Dort wo der Farn meterhoch war, dort wo es dunkel war, hörten sie ein leises Quieken. Sein Freund und seine jüngere Schwester erkannten das Quieken. Es waren ihre Meerschweinchen. Sie beeilten sich um dort hinzukommen, wo das Quieken herkam, so schnell sie konnten, so groß war ihre Freude. Ganz schnell schob sein Freund die jüngere Schwester zu der Stelle, wo das Quieken herkam. Im meterhohen Farngestrüpp fanden sie neben abgefällten Bäumen die Meerschweinchen. Einige Meerschweinchen fraßen vergnügt vom grünen Gras. Andere waren so voll und rundum sattgefressen, das sie nur noch so dalagen.

Das Gras war kniehoch. Sie suchten weiter im kniehohen Gras und fanden ihn endlich. Er lag dort neben einem Baumstumpf und schlief tief und fest. Seine jüngere Schwester beugte sich über ihn und rüttelte an ihrem Bruder. Aber er wurde einfach nicht wach. Er schlief einfach tief und fest weiter. Und schnarrte dabei laut und stark. Erst als ein Freund ein wenig fester und stärker an ihn rüttelte, öffnete er nach einiger Zeit seine Augen und sah sich verwirrt um. Er schreckte hoch. Sah die beiden ihn fragend an. Er stammelte wirres Zeug, Wortfetzen, die sie nicht verstanden. Er murmelte Sätze, die keinen Sinn zu erscheinen gaben. Niemand verstand ihn. Bis plötzlich seine Schwester sagte, daß es eine uralte Sprache sei, die nur die Farntafel sprechen. Langsam kam der kleine Junge zu sich und allmählich bekam er wieder klare Worte sodass er erzählen konnte, was passiert war.

Er war in den Wald gegangen , den er sehr gut kannte, um zur saftigen Wiese zu kommen, wo die Meerschweinchen gerne sich satt aßen und herumtollten: Dort hatte er sich verirrt im dichten Farndickicht. Er wusste einfach nicht, wie das passieren konnte. Er wusste einfach nicht mehr, wo er war und lief ziellos umher, bis er in einem total unbekannten Wald war, so schien es ihm. Denn bekannt kam ihn wirklich gar nichts mehr vor.

Doch plötzlich, sah er im Dunkeln ein kleines Licht und dachte, das muss es sein. Sein Zuhause, da, wo sie auf mich warten, um gemeinsam zu Abend zu essen. Er ging auf das Licht zu und nach und nach hörte auch leise Musik. Er eilte zu dem Licht hin, die Meerschweinchen alle hintendrein. Auf einmal schreckten die Meerschweinchen zurück und fingen zu quieken an. Wollten einfach nicht weiter, sagte er. Hatten große Angst. Er glaubt, sie hätten große Furcht. Er sagte den Meerschweinchen, sie sollen dort bleiben, er ginge alleine weiter, um zu schauen. So ging er alleine weiter.

Das Licht und die Musik kamen immer näher. Oh wie schön, schwärmte er, hat er gedacht, wie wunderschön es hier aussieht, als er beim Licht war. Alles so zierlich geschmückt. Und so viele Leute waren da. Sie aßen und tanzten, unterhielten sich. Sie winkten ihn zu ihrem langen Tisch, an dem sie saßen und aßen und tanzten. Sie waren lauter kleine Leute. Dünn und kleine Leute, mit schmächtigen Beinchen und Ärmchen. Und alle waren gleich angezogen. Spitze Stiefel mit Umschlag, grüne Mützen, grüne Hosen und Hemden. Alle lachten und waren fröhlich. Sie feierten. Wie sonderbar, dachte der kleine Junge. Alles so klein, die Leute, die Tische, die Stühle. Ja sogar die Teller, Gläser, Tassen, von denen sie aßen und tranken. Dann war da noch eine Gruppe, die Musik machten. Wunderbare Klänge mit viel Rhythmus wozu sie innig tanzten. Einige zanten alleine, andere zusammen, andere wieder sprangen und hüpften, wirbelten und trippelten, schlugen ihre Beinchen hinter sich, drehten um sich. Ihm wurde ganz schwindelig, als er sie immer länger beobachtete. So schnell bewegten sie sich beim Tanzen.

Und neben all dem schnellen, beherzten, saß auf einem riesigen Stuhl ein kleiner uralter Mann, mit einem langen braunen Bart. Als er sich gefangen hatte, lief er auf die Gesellschaft der kleinen Leute zu, wollte mit feiern und mit tanzen.

Nun wurde er entdeckt und alle schauten zu ihm und einer sprach mit dem uralten Mann einige Worte und ging danach auf ihn zu. Sein Herz pochte vor Aufregung. Das kleine Wesen nahm seine Hand und flüsterte zu ihm, er sei herzlich eingeladen, mit zu feiern. Auf einmal hörte er seine Schwester, ganz leise immerhin. Sie sagte zu ihm, er solle sich hüten und nicht noch weiter in das Licht gehen, mit den kleinen Leuten mitfeiern. Sie wollen ihn für immer bei sich behalten, den Menschen. Sie wollten, dass er ein Farntafel werden solle. Mit ihnen in die unterste Welt gehen, das sollte er. Eine nicht feine Sache. Er solle nicht von ihren Heidelbeersaft trinken, auch nicht tanzen nach ihrer Musik. Sie werden ihn verzaubern und er wird die Menschenwelt vergessen und für immer da bleiben müssen.

Doch dies hörte der Junge nicht, er war so fasziniert. Denn er tanzte für sein Leben gerne. Er liebte Musik über alles. Und einen riesigen Hunger und einen riesigen Durst hatte er auch. Er aß von den Kuchen, von den herrlichen Suppen und vom köstlichen Obst. Und er trank vom köstlichen Heidelbeersaft.

Langsam vergaß er seinen Freund, seine kleine Schwester. Vergaß alles, wo er herkam, wer er war. Und merkte nicht, das er dort schon über dreißig Jahre war.

Doch sein Freund und seine kleine Schwester vergaßen ihn nicht. An einem Wochenende gingen sie zu der Stelle, wo sie die Meerschweinchen fanden. Riefen immer wieder seinen Namen. Und suchten an sämtlichen Gestrüpp. Seine kleine Schwester und Rollstuhl und sein Freund. Er könnte ja irgendwo hier hingefallen sein, zwischen den Farnwurzeln oder in ein Loch gefallen sein. Ja oder gefangen von den Farntafeln, den Gogabonen, den Erdbibberle. Und das wäre schrecklich. Sie würden ihn für immer bei sich in ihrer Welt behalten und er würde einer von ihren werden. Ja, das dachten sie und deshalb vergaßen sie ihn nicht. Denn das war ungeheuer wichtig, um ihn vielleicht retten zu müssen. Denn wenn sie ihn vergessen würden, hätten sie ein einfaches Spiel. Und so, so hätten sie noch eine Chance ihn zurückzugewinnen.

Während sie Gestrüpp umhersuchten und wählten, entdeckte die kleine Schwester ein winziges, kleines Loch neben einem alten morschen Baumstamm. Es war kaum zu sehen, so winzig war es. Doch sie fand es. Die jüngere Schwester beugte sich aus dem Rollstuhl so weit nach vorne, dass sie samt ihn umfiel. Das machte ihr nichts. So aufgeregt war sie, das sie vergaß, welche Gefahren sich dort verbergen konnten. Sie rief den Freund, er solle doch hier herkommen, sie habe etwas gefunden, ein winziges Loch. Dort könnte der Bruder sein. Sie riefen in das Loch seinen Namen. Riefen und riefen. Der Junge hörte auf zu tanzen und horchte auf. Plötzlich erinnerte er sich langsam wieder daran, wo er herkam.

Plötzlich wusste er, wer er war. Die Farntafel wollten ihn bewegen, dass er wieder mit ihnen tanzte und feierte. Doch, er bekam immer mehr sein Menschenleben zurück, wusste, das er nicht hierher gehörte.

Und schaute, wo das Rufen herkam. Er entdeckte dabei hoch oben ein winziges kleines Lichtlein, wo das Rufen herkam. Das muss ein Loch sein, dachte er. Das ist seine Schwester und sein Freund, die dort nach ihm riefen, laut und freudig. Und so kam er hier neben dem Baumstamm. Und an mehr konnte sich der kleine Junge, der ja eigentlich kein Junge mehr war, erinnern.

Nach dem Erzählen gingen sie alle nach Hause, dort oben auf dem Hügel, wo sie neben dem Wald am Rande der Stadt wohnten. Aber oft, wenn der kleine Junge, der ja eigentlich schon erwachsen war, alleine war und tief in Gedanken, dann kamen ihm Erinnerungen über köstlichen Heidelbeersaft und herrlichen Suppen und fröhlichen Tagen, wo er tanzte, feierte und lachte. Doch er wusste einfach nicht, woher diese Gedanken und Erinnerungen kamen. Aber ihr wisst es.

Oder?