Die Märchen

Die Gang aus der Gärtnerei

Kennt ihr das Ruhrgebiet? Nein, nicht? Dann kennt ihr auch Oberhausen nicht. Das liegt mitten drin. Früher, in den 60er Jahren nannte man es auch Kohlenpott. Darüber habe ich mich immer geärgert.

Jetzt aber zur eigentlichen Geschichte. Großgeworden bin ich mit meinen Brüdern in einer Friedhofsgärtnerei. Es gab viele Gärtnereien rund um den Friedhof und Nachbarhäuser und in jedem wohnten viele Kinder. Da wir alle fast in einem Alter waren, so 1962 bis 1965 geboren, konnten wir toll miteinander spielen. Früher hatten wir noch keinen Fernseher, und als wir einen haften war er abschließbar. Es gab keinen Computer, keinen Gameboy und andere technische Spielzeuge. So mussten wir uns etwas einfallen lassen. In den Gärtnereien gab es genug Dinge die wir gebrauchen konnten. Leider manchmal zum Arger unserer Eltern. Meistens sah man nur das Ergebnis unserer Taten.

Beim Durchstöbern der Schuppen, fanden wir mal ein weißes Pulver. Mit Wasser vermischt wurde es schön hart. So haben wir unsere Puppen eingegipst. Es funktionierte ganz gut. Da wir nicht immer so gerne in die Schule gingen, wollten wir uns ein paar freie Tage verschaffen und ,,gipsten“ uns Arme, Füße und Hände ein. Schulfrei gab es aber trotz allem nicht.

In unserem Keller gab es einen ungenutzten Raum. Den funktionierten wir Mädchen kurzerhand zu unserem Clubzimmer um. Natürlich nur für Mädchen zugelassen. Da kam uns der Eimer Farbe den wir bei den Nachbarn fanden ganz Recht. Wir brauchten einen ganzen Nachmittag, dann war der Raum fertig und wir waren so gesprenkelt, als ob wir die Röteln und Windpocken hätten. Dass er schweinchenrosa war fand mein Vater nicht so toll. Der leere Raum sollte nämlich als Pausenraum für unsere Gärtner eingerichtet werden, nur unsere Gärtner standen nicht unbedingt auf rosa. Leider durften wir den Raum nicht nutzten und er wurde wieder weiß gestrichen.

Ist euer Taschengeld auch immer zu knapp? Bei uns hat es auch immer nicht gereicht. Aber wir waren ja nicht umsonst Kinder von Geschäftsleuten. Unsere Eltern verkauften ja auch Blumen im Geschäft warum also auch nicht wir. Auf dem Kompost landete so manche Blume, die wir noch in Ordnung fanden. Wir banden sie zu kleinen Sträußchen und bauten uns einen Stand aus Kisten am Friedhofseingang. Dort verkauften wir dann unsere Gebinde und auch ein paar Töpfe, zum Beispiel Stiefmütterchen aus den Gewächshäusern oder vom Feld. Einige ältere Leute kauften uns ein Sträußchen ab, obwohl es fast verwelkt war. Aber als unsere Eltern es mitbekamen, dass wir auch Töpfe verkauften, und dabei viel preiswerter waren als sie im Geschäft, mussten wir unsere frühzeitigen Geschäfte aufgeben.

In der Gärtnerei stand bei uns ein Plumpsklo. Wisst ihr was ein Plumpsklo ist? Es ist ein kleines, schmales Holzhäuschen. Dort drin ist eine Art Bank, ganz mit Holz eingekleidet. In der Bank ist auf der Sitzfläche ein großes Loch, auf dem Loch liegt ein Deckel. Musste man mal, so nahm man den Deckel beiseite, setzte sich auf das Loch und erledigte was man erledigen wollte. Und es plumpste ganz tief weg. Es gibt dort keine Wasserspülung. Denn das Häuschen stand auf einem tief ausgehobenem Loch. Damit der Geruch verschwand gab es ein kleines Schiebefenster und in der Tür war ein ausgesägtes Herz. Ein Schloss gab es auch nicht. Innen und außen gab es Haken. Manchmal haben wir unseren Gärtner darin eingesperrt, wenn er uns geärgert hatte. Das Häuschen war ca. 2 m hoch. Es eignete sich auch gut als Mutprobe. Wer traute sich da rauf zu klettern und runter zu springen?

Aus Kisten und Stangen bauten wir Buden und Zelte. Töpfe und Latten wurden unsere Hindernisse für den Hürdenlauf. Wir veranstalteten eine Kinderolympiade. Die bestand aus Rollschuhlaufen, Hindernis laufen, Rennen, Radfahren, Weitsprung und Topfweitwurf. Die Medallien haben wir vorher selber gebastelt. Gold, Silber, Bronze, dann folgten Rot, Grün, Blau, Gelb, keiner ging leer aus.

Der Friedhof liegt am Rhein-Herne-Kanal. Früher haue er noch kleine Sandbuchten, und wir konnten da Burgen bauen und herrlich spielen. Leider ist er jetzt begradigt und steile Wände säumen den Kanal ein. Heute dürften wir als Kinder dort bestimmt nicht mehr alleine spielen. So leicht ins Wasserfallen und dann ertrinken. Aber die Schleuse ist immer noch so interessant wie früher. Nur ist sie modernisiert worden. Heute gehen meine Nichte und Neffen gerne hin wenn sie zu Besuch sind und sehen beim durchschleusen gerne zu. Auch ist die nächste Generation ist die Gärtnerei immer noch ein Abenteuer. Nur ganz so unbeschwert kann man nicht mehr spielen, denn ein Autobahn direkt vor der Tür ist dazu gekommen.

Ich könnte noch viel von unseren Streichen berichten. Wollt ihr noch ein einen hören ? Kennt ihr den?Eine Geldbörse an einen unsichtbaren Faden knoten, sie auf einen Weg legen, versteckt euch, und wenn sich jemand danach bückt, schnell wegziehen. Dann müsst ihr aber manchmal auch ganz schnell weglaufen. Ich könnt noch viel berichten, von auf Torfsäcken springen, Regenwürmer essen, heimlich im Linienbus mit wegfahren um dann von der Polizei nach Hause gebracht zu werden und, und, und. Aber Blödsinn auf dem Friedhof machten wir nicht.

Lange ist es nun her. Je älter wir wurden, bekamen wir mehr Pflichten. Nun sind wir alle Erwachsen, und viele haben eigene Kinder. Kaum noch jemand wohnt hier. Wir sind verstreut in ganz Deutschland. Vielleicht ist ja einer deiner Nachbarn ein Kind aus unserer Gang. Jetzt träumt mal schön, was ihr alles hier angestellt hättet. Mehr darf ich auch nicht verraten, denn alles ist bis heute nicht bekannt geworden.