DIE ZEIT


06/2004

Leben in Deutschland (18)

Wie man sich in Deutschland kleidet

Kleidung soll vor allem »praktisch« sein. Dass Mode eine Sprache ist und als solche sehr viel über ihre Träger verrät, wird gern übersehen. Daraus folgen jede Menge rührende und entsetzliche Missverständnisse

Von Jens Jessen

Kleidung in Deutschland ist ein heikles Thema. Denn ihre Kleidung ist etwas, mit dem sich Deutsche vom Rest der Welt besonders deutlich unterscheiden, mit dem sie besonders schnell und fast überall identifiziert werden und mit dem sie niemals und nirgendwo eine gute Figur machen. Der Deutsche, der nichts lieber hat, als auf Reisen einzutauchen und unerkennbar unterzugehen in fremden Kulturen, sticht in Wahrheit in der Fremde besonders deutlich hervor. Er ist leider nicht nur gezeichnet durch die Verbrechen der Nazizeit, die ihm über alle Generationen hinweg zugerechnet werden, sondern auch durch seine Herrensandalen, Frotteesocken und kantigen Designerbrillen, die er nur allein sich selbst zurechnen kann. Er wird nicht geoutet, er outet sich selbst, weiß aber nicht, wodurch.

Die schreckliche und rührende modische Unbewusstheit des Deutschen hat vor allem einen Grund: Er weiß nicht, dass Mode eine Sprache ist, das heißt, immer ein Ausdruck von etwas. Noch viel weniger ahnen wir, dass Mode auch dann als Ausdruck von etwas gelesen wird, wenn ein solcher Ausdruck gar nicht angestrebt wurde; jedenfalls nicht von uns. Der Deutsche denkt zum Beispiel, dass Kleidung auch unter rein praktischen Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Fragte man einen deutschen Mann, warum er Sandalen trage, würde er antworten: Weil es so angenehm sei, wenn die Füße gekühlt werden.

Angehörige romanischer Völker würden sich bei einer solchen Antwort schaudernd abwenden; schon deshalb, weil damit ein Bild schwitzender Füße, ganz allgemein ein Bild hässlicher Kreatürlichkeit, heraufbeschworen wird, von dem Mode ihrem Verständnis nach gerade ablenken soll. Italiener oder Portugiesen würden sich aber noch aus einem anderen Grunde verwundern: weil ihnen der Gedanke gänzlich fremd ist, Schuhe zu Zwecken besserer Transpiration zu wählen. Schuhe sollen ihrer Meinung nach schön sein, das heißt, dem Ansehen des Trägers vorteilhaft, seine erotische Wirkung und soziale Stellung heben und die unvorteilhaften Seiten der menschlichen Natur unterschlagen.

Die Natürlichkeit, die der Deutsche unter den praktischen Aspekten seiner Kleiderwahl gern betont, ist den romanischen Völkern kein Kriterium; darum ihr Entsetzen über die unrasierten Frauenbeine oder Achselhöhlen, die von manchen Deutschen als Beweis der erfolgreichen Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen gefeiert werden. Dazu gehört auch der verbreitete Verzicht auf Make-up und Lippenstift – man spaziere nur einmal, des Kontrastes halber, durch ärmere Viertel Mexico Citys oder São Paulos, um zu beobachten, worauf andere Frauen auch unter erbärmlichen Lebensumständen demonstrativ nicht verzichten. Deutsche Frauen haben offenbar besondere Angst davor, als Sexualobjekt gesehen zu werden, was aber nicht heißt, dass sie deswegen in anderen Bereichen reüssierten. Das Gegenteil ist leider der Fall. Nirgendwo in Europa sind Frauen im Beruf so wenig erfolgreich wie in Deutschland. Möglicherweise verhindert das übermäßige Augenmerk auf die Symbole der Emanzipation die tatsächliche Emanzipation – das nur nebenbei bemerkt.

Es ist nämlich keineswegs so, dass jene Deutschen, die das Praktische, Natürliche und Gesunde in der Mode bevorzugen, damit die gesellschaftliche Seite der Mode erfolgreich abgeschüttelt haben. Auch wir sprechen durch unsere Kleidung, aber es ist ein ideologischer, kein ästhetischer Diskurs. Der unrasierte und luftdurchlässig gewandete Deutsche will ein Bekenntnis ablegen: zum Beispiel gegen die Diktatur von Schönheitsidealen, die Herrrschaft des Kommerzes, vielleicht auch die Überschätzung von Äußerlichkeiten. Seine Mode ist Antimode. Es gibt eine mehr als 100-jährige Tradition in der Verachtung äußerer Konventionen, die darüber selbst wieder zur Konvention geworden ist. Seit der Jugendbewegung der vorletzten Jahrhundertwende, vielleicht aber auch schon seit den Pietisten des 18. Jahrhunderts wird sie in regelmäßigen Wellen aktuell; zuletzt in der linksalternativen Bewegung der achtziger Jahre, die jede Form von Eleganz für eine Art Sünde hielt.

Der Tugendbegriff der Antimode ist so eingewurzelt, dass er in seinem ideologischen Charakter längst nicht mehr durchschaut wird. Der Kreuzberger Hausbesetzer, der in monatelangem Ehrgeiz seine Rastalocken filzte und färbte, bis sie an das schwarz-gelbe Fell junger Schäferhunde erinnerten, wird wohl kaum ein Bewusstsein davon gehabt haben, dass er damit kein politisches, sondern ein modisches Bekenntnis ablegte.

Zur Unkenntnis des gesellschaftlichen Zeichencharakters gehört auch die verbreitete Meinung, in der Kleidung nichts weiter als seinen individuellen Geschmack zeigen zu können. Der Deutsche, wenn er die Sandalen nicht praktisch begründen will, würde wahrscheinlich stattdessen sagen: »Ich trage gerne Sandalen« – in völliger Verkennung des Umstands, dass dieses Ich damit nicht allein steht, erstens, und dass es zweitens in der Mode nicht um das geht, was man »gern« tut, nach Maßgabe einer inneren Empfindung, sondern um einen sozialen Ausdruck, der sich allgemeiner Zeichen bedienen muss, um verstanden zu werden. In die gesprochene Sprache wird, wer verstanden werden will, auch keine privatsprachlichen Ausdrücke einführen – es sei denn, in der Familie.

Aber das ist es wohl, dass der Deutsche denkt, er sei in der Familie oder könne sich doch so benehmen wie daheim. Er hat keinen Begriff vom gesellschaftlichen Raum. Kleidung in Deutschland muss mutmaßlich nicht als ästhetisches, sondern als soziales Problem beschrieben werden. Die Ausreden, warum Kleidung nicht aus eigentlich modischen, sondern aus praktischen, medizinischen oder rein individuellen Präferenzen gekauft werde, sind zu zahlreich, um nicht verdächtig zu sein. Manches spricht dafür, dass die Zeichen der Mode durchaus gelesen werden können, aber nicht gelesen werden sollen: aus Angst vor einer sozialen Wahrheit, die in dem Klassencharakter der modischen Signale steckt.

Zur Modeabstinenz gehört beispielsweise auch die Schutzbehauptung: »Ich kann es mir nicht leisten, viel Geld für Kleidung auszugeben.« Tatsächlich wird aber für anderes, für Hobbys oder für Autos, unbekümmert Geld ausgegeben. Auch schlägt sich die soziale Hierarchie der modischen Attribute keineswegs im Preis nieder – der Blazer ist nicht teurer als die Bikerjacke, eher umgekehrt. Tatsächlich braucht es nur wenig Beharrlichkeit, um auf eine Angst zu stoßen, die sich am ehesten mit den Worten umschreiben lässt: »Ich bin ein kleiner Mann mit kleinem Einkommen, es kommt mir nicht zu, einen Blazer zu tragen.«

Die Gesellschaft maskiert sich als uniforme Masse

Eine solche Haltung wäre in romanischen Ländern undenkbar. Mit anderen Worten: Es fehlt in Deutschland der Stolz, mit dem der italienische Kioskbesitzer sich selbstverständlich wie ein Graf zu kleiden versteht. Weit davon entfernt, eine klassenlose Gesellschaft zu sein, bildet Deutschland eine Gemeinschaft ängstlicher Untertanen, die sich auch modisch wegducken: nämlich vor dem Zusammenhang von Mode und Gesellschaftsstruktur, der dem deutschen Egalitarismus widerspricht. Selbst der erfolgreiche Aufsteiger muss wenigstens in seinen Lebensgewohnheiten – mindestens in dem, was er auf dem Leib trägt – noch im alten Milieu Bodenhaftung halten; sonst würde ihm übel werden vom Höhenschwindel. Daher haben Aufsteiger oft einen gesteigerten Klassenhass auf »die da oben« – weil ihnen dort oben, wo sie inzwischen angekommen sind, nicht wohl zumute ist. Ballonseide am Steuer des Luxuswagens, Trainingshosen im Garten der frisch erworbenen Villa im Berliner Nobelstadtteil Grunewald sind Ausdruck jener Sehnsucht, die persönlich verlorene Volksverbundenheit – und mit ihr das soziale Gewissen – wenigstens noch einmal im Medium der Kleidung herzustellen.

Gründe dafür sind leicht zu finden. Sie liegen in der politischen Entmutigung durch den Egalitarismus, der die Unterschiede, wenn er sie schon nicht beseitigen kann, dann wenigsten nicht zur Anschauung gebracht haben will. Sie liegen in der konfessionellen Entmutigung, in protestantischem Moralismus, pietistischer Innerlichkeit, einer stets neu gepredigten Verachtung des falschen Scheins; vielleicht auch in einem Mangel an ästhetischer Erziehung. Unterschätzt wird allerdings oft, dass es nicht nur einen klassenkämpferischen Affekt gegen die Zurschaustellung von Luxus gibt, sondern auch ein recht delikates bis offen maliziöses Understatement der alten Eliten, die mit einer Art finsterer Genugtuung die Merkmale ihres Status verbergen. Alles zusammengenommen führt zu einer Heuchelei des modischen Ausdrucks, zu einem undeutlichen Flüstern und Murmeln der Kleidungsstile, wo diese in romanischen Ländern sich offen und laut artikulieren.

Wer sich an eine beliebige großstädtische Straßenecke stellt, um einen Eindruck von den unterschiedlichen Milieus und Stilen zu gewinnen, wird statt ihrer nur einen überwältigenden Eindruck von Konformität gewinnen. Es gibt kleine Zählapparate, die auf Tastendruck reagieren, man kann mühelos zwei bis drei auf einmal bedienen; aber was erfährt man dabei an einem Hamburger U-Bahn-Ausgang im Herbst? Das Verschwinden von Kleid und Rock (getragen von drei Frauen unter 900 Passanten), das Verschwinden von Anzug und Krawatte (zehn Träger), das Ende des langen Stadtmantels (18) und des Straßenschuhs (34). Die gleichen Zählungen wurden in einer Berliner Einkaufsstraße wiederholt; und an beiden Orten noch einmal bei winterlichen Temperaturen. Die Verschiebungen waren minimal. Die überwältigende Mehrzahl beiderlei Geschlechts trägt: Sportschuhe, Hosen, Hemd oder Bluse, darüber eine kurze oder halb lange Jacke.

Die deutsche Gesellschaft, während ihre Einkommensunterschiede dramatisch zunehmen, maskiert sich in der Öffentlichkeit perfekt als uniforme Masse. Um den Kleidungsstilen der tatsächlich weit auseinander strebenden sozialen Milieus nachzuspüren, muss man sie an ihren Orten aufsuchen; aber selbst dort, im großbürgerlichen Salon wie im Sportverein oder in der Theaterkantine, wird man zu großen Teilen auf die nämliche Uniform stoßen, Sportswear, adidas-Streifen, Joggingschuhe; keine Anzüge zusammen mit Krawatte, keine Röcke oder Kleider. Die Statistik des Textilhandels weist für 2002 einen Rückgang von 18 Prozent bei Kleidern und 16 Prozent bei Röcken gegenüber dem Vorjahr aus; außer Jacken und Jeans gerieten überhaupt alle klassischen Teile der Damenoberbekleidung ins Minus.

Diese offenbar gesuchte Uniformität macht es schwierig, das spezifisch Deutsche anders als im Gegensatz zum international Üblichen, nämlich durch eigene Differenzen, zu beschreiben. Selbst die wenigen erkennbaren Milieustile lassen sich nur als Abweichung vom nationalen Mainstream charakterisieren, die konsequenten Schwarzträger, wie sie, ihrerseits uniformiert, seit mehr als 20 Jahren die intellektuellen Bezirke dominieren, die grauen Anzugwelten der Büros, aus denen die gelben Schlipse der Junganwälte und Makler mit der gewünschten Dynamik hervorleuchten, die Blousons der verbitterten alten SED-Kader und der weltreisenden Westrentner, zu denen unbedingt der Herrenschnitt der Gattin gehört, die damit übrigens einmal nicht international isoliert ist. Denselben Herrenschnitt, dazu die fußbequemen Wildlederschuhe trägt die französische Grundschullehrerin auf ihren Busstudienreisen. Weitgehend internationalisiert ist auch die Tweed- und Cord-Mode, die von der Anglomanie vergangener Zeiten auch in Deutschland übrig geblieben ist; sie hat den Charme, im Abstieg des britischen Empire den eigenen sozialen Abstieg, ob er nun schon stattgefunden hat oder noch bevorsteht, unauffällig zu spiegeln.

Eine echte Spezialität dagegen, international wie national gesehen, sind die Ton in Ton Gekleideten, die entweder ganz als Frosch (Grün in Grün) oder als Herbstlaub (Braun in Braun) unter uns wandeln; es sind Sektierer, die mit beispiellosem Ehrgeiz bei Jacke, Hemd, Krawatte und Hose nur Farbvarianten des einen Grundtons dulden, also etwa von Bordeauxrot (das Sakko) über Rosé (das Hemd), Burgunder (die Krawatte) zu Vintage Port (die Hose) eine ganze Weinkarte spazieren tragen. Seine schwierig zu erlangende Erfüllung findet dieser Kleidungsstil in den farblich passenden Schuhen; aber nirgends stehen die Chancen so gut wie hierzulande, einen hellgrauen, cremefarbenen oder türkisfarbenen Herrenschuh zu finden. Wie man denn überhaupt sagen muss, dass zu den unveränderlichen Kennzeichen, an denen der deutsche Mann im Ausland erkannt wird, die hellen Anilinlederschuhe gehören, die bei anderen Völkern nur in der Damenmode vorkommen.

Wieder muss man staunen, mit welcher kindlichen Unbewusstheit hierzulande Missverständnisse in der Mode produziert werden. Die Nähe der pastellfarbenen Schuhe (in Italien auch Nudistenschuhe genannt) zu bestimmten erotischen Signalen, des Herrentäschchens zur Schwulenmode, der stumpf geschnittenen Fingernägel zur Lesbenwelt kann nur in Deutschland unbemerkt bleiben. Nur der deutsche Mann kann glauben, mit einem leuchtend weißen Seidenschal als eine Art Johannes Heesters die Frauenherzen im Sturm zu erobern. Am erstaunlichsten aber ist die Neigung gesetzter Damen zu Nappa- und Reptillederhosen oder knappen Lackoberteilen; als wüssten sie nicht, dass sie dabei auf einer schiefen Ebene zur Lack-Leder-Gummi-Szene unterwegs sind. Die Weltfremdheit, die darin zutage tritt, kann den Beobachter unversehens auf eine Zeitreise in das romantische Butzenscheibendeutschland schicken, wie es mit seiner trauten Unschuld Madame de Staël oder Stendhal beschrieben haben.

Es ist deshalb schwierig, die Unterscheidung zwischen unbewusst und bewusst gewählten Kleidungsstilen zu treffen, die notwendig wäre, um einen allgemeinen Zeitstil von Individualstilen und Milieustilen zu trennen. Am ehesten lässt sich die soziale oder persönliche Abweichung noch historisch bestimmen. Ein Beispiel ist die biografische Treue zu einer Mode über lange Zeit hinweg. Es gibt liebenswerte ältere Damen, die sich noch nach 40 Jahren komplett als Hippiemädchen tragen, während sich bei anderen die starke Zugehörigkeit zu einer verflossenen Jugendmode nur noch durch winzige, sprechende Details verrät, den verschämten Gebrauch von Patchouli-Parfüm oder eine gehäufte Versammlung von kettenförmig organisierten Naturprodukten rund um das Dekolleté. Manche Männer sind seit den späten Sechzigern dem Rollkragenpullover treu geblieben und wurden dafür belohnt, indem das geliebte Stück plötzlich wieder Mode wurde.

Der Rollkragenpullover als Triumph der Aufklärung

Dem echten deutschen Rollkragenträger wird diese Pointe selbstverständlich verborgen bleiben. Vielmehr wird er die Rückkehr des zwischenzeitlich stark vermissten Stücks als Akt später Einsicht, wenn nicht gar als Triumph der Aufklärung begrüßen; unter anderem, weil der Rollkragen den praktischen Vorteil hat, das Hemd zu sparen. Die spezifische Delfinbewegung der Mode, mit der bestimmte Stile auftauchen, verschwinden und wieder hochkommen, aber nicht mehr am selben Ort, gehört zu den wenigen Möglichkeiten, nationale Abweichungen historisch zu bestimmen. Es gibt die internationalen Kleidungsstile, die nur in nationaler Abschwächung oder Dramatisierung auftreten, und die nationalen Kleidungsstile im engeren Sinne, die wiederum international nicht oder nur schwach verbreitet sind. Beispiele für das eine sind der Blazer, der in Deutschland vorhanden, aber längst nicht so einschlägig wie in Spanien ist, und das Sweatshirt, das umgekehrt nirgends auf der Welt so selbstbewusst auftritt.

Beispiele für nationales Sondergut ist ebenfalls das starkfarbige Sakko oder die deutsche Brille. Wissen die deutschen Intellektuellen, die etwas Kantiges, futuristisch aus Draht Gebogenes auf der Nase tragen, dass dieses Designerstück (vorzugsweise aus Titan) international als deutsche Brille bekannt ist und zu den untrüglichen Identifizierungsmerkmalen gehört? Solche Brillen werden auch in Japan oder Kalifornien gefertigt, aber dort tauchten sie nur für eine Saison auf, während sie in Deutschland auf Dauer gewannen. Auch das brombeerfarbene Sakko hat nur hier überlebt, vergleichbar dem Lodenmantel, der eines Tages nach Frankreich gelangte und sich dort für Jahre festsetzte.

Das periodische Wiederauftauchen bestimmter Elemente und ihre nationale Anverwandlung dürfen nicht mit langfristigen und kontinuierlichen Änderungen verwechselt werden. Das eine liegt gewissermaßen im ewigen Fundus der Mode und kann von dort immer bezogen und anschließend wieder weggeräumt werden wie die Trachtenkleidung der Alpenländer. Das andere bedeutet eine unwiderrufliche Verschiebung im System wie das Vordringen der Freizeitkleidung in den Alltag, in dem vor zwei Generationen noch der mit Krawatte getragene Anzug, Kostüm und Rock dominierten. Sie sind von der Selbstverständlichkeit zu Zeichen des beruflichen Ernstes oder der Festlichkeit geworden. Man kann sie unterschiedlos bei den verschiedensten gesellschaftlichen Anlässen tragen. An ihrer Stelle rückten die alten Festroben auf, der Smoking wird heute getragen, wo früher nur der Frack möglich war, dieser dagegen, von der Ausnahme traditioneller Kreise abgesehen, ist ins Abseits der Berufskleidung von Musikern, Kabarettisten und Zirkusleuten geraten.

Zu den unwiderruflichen Veränderungen, gerade bei festlichen Gelegenheiten, gehört auch die Durchsetzung des amerikanischen Musters: dass Männer schlechter gekleidet sein müssen als die Frauen, also etwa das Hawaiihemd als Äquivalent zum langen Kleid bei der Grillparty durchgeht. Das gilt in allen Schichten, mit Ausnahme des Adels; dort ist es umgekehrt.

Nur periodisch zur universalen Mode wird dagegen die Cordhose, die sich dann allerdings bis zum kompletten Anzug auswachsen kann. Aber wenn sie nicht mehr Mode ist, überlebt sie doch in Reservaten, die mit dem Lebensstil des englischen Landadels kokettieren. In die Gentry ist die Cordhose übrigens seinerzeit aus dem klassischen Arbeitermilieu vorgedrungen; aber das wiederum war einer jener langfristigen Prozesse, die sich der Umschichtung gesellschaftlicher Leitbilder verdanken.

Damals, als Rive gauche von L’air du temps verdrängt wurde

Auch das ideologische Ländliche, das bei den Nazis kulminierte, kann zu der Vorgeschichte des Natürlichen gerechnet werden, das den Kernbestand deutscher Vorstellungen ausmacht. Die Natürlichkeit als ein fiktives Jenseits der Mode ist etwas anderes als die Mode der Natürlichkeit, die sich periodisch in der Bevorzugung knitternder Stoffe, Naturfarben und absatzloser Damenschuhe, körperferner Schnitte und einlagenfreier Jacketts niederschlägt. Kommt eine solche Mode, wird auch der Italiener zu Elementen von Tracht und Bauernkleidung greifen und von »Natürlichkeit« sprechen. Natürlichkeit in diesem Sinne ist aber keine Überzeugung, sondern ein Stil. Sie wird mühsam hergestellt, verlangt bestimmte Körperhaltungen, bestimmte Parfüms, die nach Seife und frischer Wäsche duften, und eine Anstrengung der Fantasie, die an der Vorstellung jungmädchenhafter Unschuld arbeitet.

Laura-Ashley-Kleider Ende der siebziger Jahre, die Wiederentdeckung von Twinset und Ballerinas, dazu L’air du temps von Nina Ricci bildeten seinerzeit einen solchen Natürlichkeitskomplex. Studenten in Brasilien küssten zur Begrüßung der Dame ihres Herzens auf die Stirn; jedenfalls in Gegenwart der Eltern. Das bedeutete nicht die Rückkehr keuscher Tugend; nur die Geste war à la mode. Man muss nur einmal zum Vergleich an Yves Saint Laurents Rive gauche schnuppern, das damals gerade im Schwinden war, um den ganzen Umschlag von sinnlicher Süße in Zartheit und Kühle zu ermessen.

Die Deutschen sind nicht Gestalter, sondern Opfer der Mode

Solche Moden gelangen auch nach Deutschland; meistens mit großer Verspätung. Es fällt hierzulande schwer, wenn eine Mode nicht ideologisch lesbar ist, dass System darin vorwegzunehmen. Wir kaufen die neuen Sachen zwar, widerwillig, gehorsam oder auch mit Freude. Es gibt aber selten jene blitzartige Intuition, mit der eine Französin im Schaufenster eine neue Art von Schuhen sieht und vor ihrem geistigen Auge sofort das ganze Set kommender Farben und Formen hat, das zwingend dazugehören wird. Es kann sogar sein, dass sie darob eine leichte Schwäche anwandelt. Ein einziger, ungewohnter Schuhabsatz sagt ihr, dass sie ihr ganzes Leben ändern muss.

Über die Deutschen kommt dagegen die Mode wie eine Naturkatastrophe. Offenbar, sagt sich der Mann, der nach dem Einkauf zu Hause die Hose anzieht, ist das jetzt Mode, dass der Bund nicht zur Taille reicht. Es zwickt ihn auf den Hüften, er ist unglücklich, weil der neue Schnitt nicht zu dem alten Sakko passt, so viel erkennt er gerade noch. Aber er nimmt es hin, er weiß, dass ihm nur Resignation bleibt, etwas anderes gibt es in den Geschäften nicht mehr. Die Deutschen fühlen sich als Opfer des modischen Wechsels, sie wissen nicht, woher er kommt und wohin er strebt, sie würden ihn gern verzögern oder vermeiden, aber der Einzelhandel lässt ihnen keine andere Wahl.

Verweigerer der Mode gibt es in allen, selbst den romanischen Ländern. Jedoch der Mut, selbstbewusst zum Schneider zu gehen oder nur die keineswegs unerschwingliche Maßkonfektion zu wählen, ist bei uns selten. Die wenigsten ahnen, dass sie es sich durchaus leisten könnten, auf klassischen Schnitten zu beharren. Aber selbst jene, für die Geld keine Rolle spielt, unterwerfen sich oft resigniert der Konfektion, nur dass sie die Demütigung ihres Geschmacks in Geschäften der Haute Couture inszenieren lassen. Der Unterschied besteht darin, dass zu dem Kleid, dessen Muster nicht gefällt, dort ein Kaffee gereicht wird.

Die Deutschen sind nicht Gestalter, sondern Opfer der Mode. Sie wissen seit alters, dass Kleidung und Geschmack in anderen Ländern entworfen werden. Es sind Länder, die man früher nicht ohne Erfolg mit Krieg überzog, aber das änderte nichts daran, dass dort diktiert wurde, was der Deutsche zu machen hatte, wenn er gerade keine Uniform trug. Die Demutshaltung gegenüber Italien und Frankreich, abgeschwächt auch gegenüber England, ist erhalten geblieben seit der italienischen Renaissance, der Frankophonie des 18. und der Anglomanie des 19. Jahrhunderts.

Es ist kein Zufall, dass stets die romanischen Länder als Referenz genannt werden, an der sich die deutsche Besonderheit erkennen lässt. Heute gibt es nur noch zwei weltbeherrschende Modesysteme, die sich zwar austauschen, aber Souveränität bewahren. Das eine ist das romanische Imperium, das von Frankreich und Italien geführt wird, aber die ganze iberische Welt umfasst, darunter bedeutende Taktgeber wie Brasilien. Der englische Stil ist darin aufgesaugt; die besten Flanells und Tweedjacken kommen heute aus Italien. Das andere Imperium, aber in seinem Einfluss auf T-Shirts, Jeans und Pop beschränkt, ist das amerikanische. Aus den USA werden die Trends der Jugendkultur nach Italien verschleppt und von dort, veredelt, domestiziert und um die schlimmsten Übertreibungen gekürzt, wieder in die Welt gestreut. Umgekehrt folgt der elegante Amerikaner fast willenlos den Vorgaben aus Paris und Mailand.

In dieser einträchtig geteilten Welt gibt es nur eine große Nation, die über eine beachtliche Bekleidungsindustrie verfügt und doch nicht den geringsten Einfluss hat: das ist die deutsche. Das heißt nicht, dass es hierzulande keine Modemacher gibt. Doch ist noch keiner aufgetreten, der einen Trend geprägt hätte. Deutsche können im besten Fall, wie der Erfolg von Jil Sander beweist, eine spezifische nationale Modifikation in Umlauf bringen. Die feinen, schlichten, elegant unauffälligen Schnitte folgen der italienischen Tugend: die andernorts wild ins Kraut schießenden Trends aufs gefällige Maß zurückzustutzen.

Nahezu alle übrigen etablierten Firmen bieten Mainstream mittlerer Verarbeitungsqualität; oder hätte Boss jemals die internationale Modewelt verblüfft? Die deutsche Bekleidungsindustrie teilt das Schicksal des deutschen Kunden: Opfer, nicht Agenten der Mode zu sein. Besonders bitter trat dies zutage beim Aufstieg der fast vergessenen adidas-Streifen; auch sie wurden nicht von Deutschland aus neu lanciert, sondern im Zuge des internationalen Sportmodentrends zum Erfolg. Sollte sich die Ton-in-Ton-Kleidung international wieder durchsetzen, wird der Deutsche gewiss abermals nicht davon profitieren, jahrzehntelang an dem Prinzip festgehalten zu haben. Zur unfreiwilligen Konjunktur haben es, wenn nicht alles täuscht, schon die skurril-hässlichen Birkenstock-Sandalen gebracht: weil es in London Leute gibt, die aus Ironie den Reiz der deutschen Gesundheitsbizarrerie propagierten.

Freilich sind nicht alle Deutschen ohne Geschmack, ohne Ironie und Spieltrieb. Der »ironische Deutsche« (Thomas Mann) ist nicht ausgestorben; aber doch fast. Die Minderheit der kreativen Modemacher, winzige Läden in den Nischen der großen Städte, und die Minderheit der eleganten oder auch nur selbstbewusst originell gekleideten Leute müssen ohne öffentliche Aufmerksamkeit leben. Es gibt die zwei Berliner Modistinnen, die an Witz den Londoner Hutmachern in nichts nachstehen; sie könnten berühmt sein, aber berühmt bei wem? Es gibt auf den Bällen des Adels immer eine oder zwei Damen, die nicht dem bewährten Tantenstil der deutschen Aristokratie folgen, es sind überwältigend elegante Frauen, aber wer wäre es, der ihrem Charme erläge?

Es ist eine alte Geschichte (doch wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei): Mode und Stil können nicht ohne Bewunderer und Publikum sein. Der Ehrgeizigste wird an seinem Ehrgeiz irre, wenn ihn niemand würdigt. Auch die elegante Brasilianerin, die jeden Tag anders gewandet und anders chic an ihrem deutschen Arbeitsplatz erschien, resignierte nach einem halben Jahr und kam in Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen. Ihre Kolleginnen begrüßten den Schritt als überfälligen Abschied von dem, was sie für Arroganz gehalten hatten. Endlich war sie eine von ihnen, Gleiche unter Gleichen, glanzlos unter Glanzlosen, demütig unter Gedemütigten.