Neue Wege in der Leukämieforschung: Genetische Grundlagen im Blick

Die Diagnose Blutkrebs kam lange Zeit einem Todesurteil gleich. Doch inzwischen können über 80 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen geheilt werden. Bei Erwachsenen sind die Überlebenschancen deutlich geringer: Viele von ihnen erkranken im Seniorenalter und vertragen Standardtherapien schlechter. An der Universität Ulm wird deshalb intensiv nach neuen, individualisierten Behandlungsmöglichkeiten gesucht.

Die Forschung zu den häufigsten chronischen und akuten Blutkrebsarten aller Altersgruppen konzentriert sich an der Uni Ulm unter anderem im Sonderforschungsbereich 1074 "Experimentelle Modelle und klinische Translation bei Leukämien". In dem 2012 über 8,8 Millionen Euro bewilligten und 2016 für weitere vier Jahre verlängerten SFB gehen grundlagenorientierte Wissenschaft und klinische Forschung Hand in Hand: Ein besseres Verständnis der Biologie dieser bösartigen Erkrankungen soll zu zielgerichteten Therapien führen.

Fördermittel:
DFG (SFB 1074 und HEIST)
BMBF
Helmholtz-Gemeinschaft
ERC Advanced Grant
Deutsche Krebshilfe

Institute und Kliniken
Institut für Experimentelle Tumorforschung
Prof. Dr. Christian Buske
Institut für Humangenetik
Prof. Dr. Reiner Siebert
Institut für Immunologie
Prof. Dr. Hassan Jumaa
Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Immungenetik
Prof. Dr. Hubert Schrezenmeier
Institut für Medizinische Systembiologie
Prof. Dr. Hans Kestler
Institut für Pathologie
Prof. Dr. Peter Möller
Institut für Pharmakologie und Toxikologie
Prof. Dr. Peter Gierschik, Prof. Dr. Holger Barth, Prof. Dr. Oliver Zolk
Institut für Physiologische Chemie
Prof. Dr. Thomas Wirth, Prof. Dr. Bernd Knöll
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Prof. Dr. Wolfgang Janni
Klinik für Innere Medizin I
Prof. Dr. Thomas Seufferlein

Kooperationen in Ulm
mit verschiedenen weiteren Abteilungen und Kliniken

Kontakt
Prof. Dr. med. Hartmut Döhner | Klinik für Innere Medizin III

Genetische Grundlagen im Blick

In einer ersten Projektlinie erforschen Mediziner und Naturwissenschaftler an experimentellen Modellen wie es zu Blutkrebs kommt. Dabei haben sie genetische Grundlagen im Blick und versuchen herauszufinden, was bei der Krebsentstehung in Zellen passiert.

Zweitens analysieren die Wissenschaftler Patientenproben aus der Ulmer Leukämie Biobank - einer der größten weltweit. In diesen Proben fahnden die Wissenschaftler zum Beispiel nach genetischen und epigenetischen Auffälligkeiten bei verschiedenen Blutkrebsarten. Mit teilweise neuartigen Sequenziermethoden versuchen sie, die Mechanismen der Krankheitsentstehung besser zu verstehen und somit neue therapeutische Zielstrukturen zu finden.

Dahinter steht der Leitsatz: Jeder Patient ist anders und bedarf einer individuellen Behandlung. Die Therapie sollte sich nach der molekularen "Architektur" der Krebserkrankung richten. So könnten therapeutische Fehlschläge und unnötige Nebenwirkungen vermieden werden.

"Am Anfang jeder innovativen Therapie steht die Forschung. Wir wollen die Grundlagen-, die translationale und klinische Forschung sowie die Weiterentwicklung von Therapiestandards eng miteinander verknüpfen", sagt Professor Hartmut Döhner, SFB-Sprecher und Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin III. Döhner zählt zu den "meistzitierten Wissenschaftlern" im Bereich klinische Medizin und leitet die deutsch-österreichischen AML-Studiengruppe. Auf seinen  Empfehlungen beruhen international verwendete Therapie-Leitlinien für die Behandlung der Akuten Myeloischen Leukämien (AML) und der Chronisch Lymphatischen Leukämien (CLL)

Ausgewählte Erfolge des Sonderforschungsbereichs im Überblick:

Dem SFB-Mitglied Professor Hassan Jumaa ist es zudem gelungen, einen ERC Advanced Grant für seine Forschung am B-Zellantigenrezeptor bei der CLL einzuwerben.

Die Aktivitäten des SFB 1074 werden ergänzt durch Projekte einer kürzlich bewilligten überregionalen Forschergruppe (FOR 2674) "Alterungs-bedingte epigenetische Remodelierung der akuten myeloischen Leukämie", bei der insgesamt 11 Gruppen der Universität Ulm, des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg (DKFZ) und der Universität Freiburg zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht die Erforschung von Alterungs-bedingten Entstehungsmechanismen dieser Leukämieform.

Eine weitere Bereicherung der Ulmer Krebsforschung ist der von der DFG mit 12,1 Millionen Euro geförderte Sonderforschungsbereich 1279 "Nutzung des menschlichen Peptidoms für die Entwicklung neuer antimikrobieller und anti-Krebs-Therapeutika". Dazu kommt das Graduiertenkolleg "Heterogenität und Evolution in soliden Tumoren: Molekulare Charakterisierung und therapeutische Konsequenzen" (HEIST). "Ziel des Graduiertenkollegs ist es, intratumorale und intertumorale Heterogenität, sowie die natürliche und die durch spezifische Therapien entstehende ,Evolution' einer Tumorerkrankung besser zu verstehen", erklärt der HEIST-Sprecher und Ärztliche Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin I, Professor Thomas Seufferlein. Durch ein besseres molekulare Verständnis von soliden Tumoren kann Patienten in Zukunft eine passgenauere und auf die spezifische Situation des Tumors ausgerichtete Therapie ("personalisierte Therapie") angeboten werden.

Im Zentrum steht die Forschung zu "soliden" Tumorerkrankungen wie Pankreas-, Darm- oder Brustkrebs. Durch eine gezielte Berufungspolitik in der Frauenheilkunde, in der Urologie, sowie in den Bereichen Gastroenterologie HNO und Humangenetik konnte die Ulmer Expertise zu soliden Tumoren weiterhin ausgebaut werden.

Gebärmutterhals-Tumorzelle
Gebärmutterhals-Tumorzelle

Vom Labor ans Krankenbett

Im Comprehensive Cancer Center Ulm (CCCU) profitieren Patientinnen und Patienten von neuen Forschungsergebnissen. Für jeden Krankheitsfall arbeitet ein interdisziplinäres Ärzteteam den bestmöglichen Therapieplan aus.

Eine Gutachterkommission der Deutschen Krebshilfe hat dem Zentrum am Ulmer Universitätsklinikum erneut eine hervorragende Patientenversorgung und onkologische Forschung bescheinigt. Das CCCU darf sich "onkologisches Spitzenzentrum" nennen - als eines von deutschlandweit nur 13 ausgezeichneten und geförderten Exzellenzzentren. Ein weiterer wichtiger Vorteil des CCCU: Patientinnen und Patienten können an klinischen Studien teilnehmen.

Seit einiger Zeit ist auch Big Data in der universitären Krebsmedizin angekommen: Auf den genetischen Profilen von 1500 Patienten der deutsch-österreichischen AML-Studiengruppe basiert eine Wissensdatenbank: Bei neuen Patienten können Alter, genetisches Profil und klinische Daten eingegeben werden. So erhalten ihre Ärzte Überlebensanalysen unter verschiedenen Therapien. Zudem ist die Ulmer Universitätsklink an der Entwicklung einer Datenbank mit mehr als 10 000 Sätzen beteiligt. Das Projekt HARMONY  mit 51 Partnern aus 11 Ländern wird mit insgesamt rund 40 Millionen Euro von der Innovative Medicine Initiative gefördert.

Leukämieforschung mit Tradition und Zukunft

Forschung zum blutbildenden System und zu Leukämien hat einen besonderen Stellenwert an der Universität Ulm. Ihre Gründungsväter, allen voran die Professoren Theodor Fliedner und Hermann Heimpel, haben die Knochenmarktransplantation am Ort etabliert, die Bedeutung der Stammzellen für die Blutbildung nachgewiesen und seltene Bluterkrankungen erforscht.

Dieses Erbe führt auch das Institut für Transfusionsmedizin fort. Die aktuellen Schwerpunkte sind "Stammzellen und Zelltherapie" sowie "Molekulare Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie". Die "Routinetätigkeiten" rund um die Versorgung mit Blut- und Stammzellprodukten laufen im eng verbundenen Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Immungenetik, einer gemeinsamen Einrichtung des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg-Hessen  und des Universitätsklinikums Ulm.

Heute tragen jedoch nicht nur ausgewiesene Hämatologen zur Bedeutung des Standorts in diesem Bereich bei. Eng verknüpft ist zum Beispiel der Schwerpunkt Alternsforschung. Am Institut für Molekulare Medizin  wird zur Stammzellalterung geforscht - assoziiert unter anderem mit "Altersleukämien" oder Blutarmut. Darüber hinaus diagnostizieren Spezialisten am Zentrum für seltene Erkrankungen ungewöhnliche Krankheiten des blutbildenden Systems.