Ambulantes Assessment in der psychologischen Forschung

September 03, 2017, 14:30 – 18:15 Uhr

Ein Workshop mit Wilhelm Hofmann, Anne Milek, Rebekka Kesberg & Corinna Henne

 

In der wissenschaftlichen Psychologie sind traditionell Experimente unter kontrollierten Bedingungen sowie Fragebogenstudien die vorherrschenden Methoden. Allerdings sind diese Methoden für den Erkenntnisgewinn über das Erleben und Verhalten der Menschen in ihrem Alltag aufgrund verschiedener Faktoren wie retrospektive Einflüsse und künstliche Umgebungsgestaltung nur bedingt geeignet. Die direkte Messung im Feld, das sog. Ambulante Assessment (AA), ist dagegen eine Möglichkeit, alltägliches Erleben und Verhalten zu erfassen. AA beschreibt eine Reihe an Erhebungsmethoden mit gleicher Grundidee und folgenden Merkmalen: (1) das Erheben von Daten in realer oder nahe an realer Zeit, (2) mit meist multiplen Erhebungszeitpunkten und- methoden und (3) aus der alltagsnahen Realität der Menschen in ihrem natürlichen Umfeld. Mit AA können mittels der Erfassung von (kontinuierlichen) physiologischen, behavioralen und Selbstberichtsdaten u.a. Erfahrungen, Verhalten, Kontextfaktoren, körperliche Aktivität, die Peripherphysiologie oder Hormone der Individuen erfasst werden. AA führt u.a. zu hoher ökologischer Validität und erlaubt die Beantwortung von Forschungsfragen über zeitliche Prozesse innerhalb einer Person, aber auch über Unterschiede in diesen Prozessen zwischen Personen (Reuschenbach & Funke, 2011; Trull & Ebner-Priemer, 2013).

 

Das Interesse an alltagsnahen Daten hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Über die Zeit hinweg wurde Ambulantes Assessment zum Goldstandard der Erforschung des alltäglichen Lebens und hat zum Fortschritt in vielen Bereichen der Psychologie, z.B. in der klinischen und der Sozialpsychologie als auch bei der Entwicklung statistischer Analysen, beigetragen. Insbesondere die weitverbreitete Verwendung von Smartphones und anderen Wearables (z.B. Fitnesstracker) erleichtert die Erhebung von Daten im Alltag und ermöglicht neue Erkenntnisse bezüglich psychologisch relevanter Konstrukte. In den letzten Jahren wurde beispielsweise untersucht in welchen Alltagssituationen Macht erlebt wird (Smith & Hofmann, 2016) und wie Kommunikationsmuster und Wohlbefinden zusammenhängen (Mehl, Vazire, Holleran & Clark, 2010).  

 

Im Rahmen des Pre-Conference Workshops möchten wir uns mit der in der (Sozial-) Psychologie vergleichsweise neuen, über die ambulante Selbstberichtsstrategie hinausgehende Verwendung von Ambulantem Assessment, sowie den damit einhergehenden Vorteilen als auch eintretenden Problemen, eingehend auseinandersetzen.

 

Dazu werden Prof. Dr. Wilhelm Hofmann (Universität Köln), Dr. Anne Milek (Universität Zürich), Rebekka Kesberg und Corinna Henne (Universität Ulm) anhand eigener Forschungsprojekte einen Überblick über Vor- und Nachteile von Ambulantem Assessment geben sowie spezifische Methoden, wie z.B. Electronically Activated Recording oder Experience Sampling vorstellen. Sie werden auf den speziellen Nutzen der Methode für die Sozialpsychologie eingehen, aber auch Problematiken aufgreifen, die mit der Erhebung von Daten im Rahmen von Ambulantem Assessment einhergehen, z.B. Anonymisierung der Daten oder Umgang mit „Big Data“. Darüber hinaus können im zweiten Teil des Workshops (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen ihre eigene (geplante) Forschung in Kurzreferaten (8 Minuten; Abstrakteinreichung erforderlich) vorstellen. Zum Abschluss des Workshops wird ausreichend Raum für Diskussion über die Forschungsmethode Ambulantes Assessment sowie über besondere Möglichkeiten, Herausforderungen und Probleme bestehen.

 

Der Workshop ist offen für Teilnehmende ohne eigenen Beitrag. Interessierte wenden sich bis zum 31.07.2017 per Email an rebekka.kesberg@uni-ulm.de. Die Teilnahmegebühr für alle Teilnehmenden beträgt 20 Euro. Dieser Betrag schließt ein kaltes Buffet und Getränke nach dem Workshop mit ein.

 

 

Informationen für Einreichende:

1.       Im Sinne des Workshops wird Ambulantes Assessment in psychologischer Forschung als Oberbegriff für Erhebungsstrategien definiert, welche behaviorale, physiologische oder Selbstberichtsdaten in realer oder nahe an realer Zeit direkt aus dem Alltag der Menschen erfassen, um das Erleben und Verhalten in natürlicher Umgebung zu erforschen.

 

2.       Abstracts sollen eine Länge von 300 Wörtern nicht übersteigen und die folgenden Aspekte beinhalten:

-          Kurze (!) Beschreibung der (geplanten) Forschung inklusive der Art der Umsetzung von Ambulantem Assessment

-          Begründung, warum Ambulantes Assessment für die sozialpsychologische Fragestellung geeignet ist

-          Nennung der für die Art des Ambulanten Assessment notwendigen Analysemethode

 

3.       Für jedes Kurzreferat stehen 10 Minuten (d.h. 8 Minuten Vortrag zzgl. 2 Minuten Diskussion) zur Verfügung.

 

4.       Die Einreichung kann bis zum 31. Juli  2017 per Email an rebekka.kesberg(at)uni-ulm.de erfolgen. Über die Annahme der Kurzreferate wird bis zum 15. August 2017 entschieden. Die Einreichenden werden per Email informiert. Sollte Ihr Beitrag abgelehnt werden, besteht die Möglichkeit einer Teilnahme ohne eigenen Beitrag (s.o.).

 

 

Referenzen

 

Hawkley, L. C., Burleson, M. H., Berntson, G. G., & Cacioppo, J. T. (2003). Loneliness in everyday life: cardiovascular activity, psychosocial context, and health behaviors. Journal of Personality and Social Psychology, 85, 105-120.

 

Hofmann, W., Wisneski, D. C., Brandt, M. J., & Skitka, L. J. (2014). Morality in everyday life. Science, 345(6202), 1340-1343.

 

Mehl, M. R., Vazire, S., Holleran, S. E., & Clark, C. S. (2010). Eavesdropping on Happiness Well-Being Is Related to Having Less Small Talk and More Substantive Conversations. Psychological Science, 21(4), 539-541.

 

Reuschenbach, B., & Funke, J. (2011). Ambulantes Assessment. In L. F. Hornke, M. Amelang, & M. Kersting (Hrsg.), Leistungs-, Intelligenz- und Verhaltensdiagnostik (S. 529–594). Göttingen: Hogrefe.

 

Smith, P. K., & Hofmann, W. (2016). Power in everyday life. Proceedings of the National Academy of Sciences, 201604820.

 

Trull, T. J., & Ebner-Priemer, U. (2013). Ambulatory assessment. Annual Review of Clinical Psychology, 9, 151-176.