Finanzdienstleistungen: Alternde Gesellschaft und systemische Risiken

Wie lege ich bzw. meine fondsgebundene private Rentenversicherung meine "Rentenbeiträge" optimal an?
Wie lege ich bzw. meine fondsgebundene private Rentenversicherung meine "Rentenbeiträge" optimal an?

Finanzdienstleistungen – dazu gehören beispielsweise die Dienstleistungen von Banken, Versicherungen und Kapitalanlagegesellschaften – sind ein zentraler Bereich der modernen Wirtschaft. Sie gewinnen nicht nur an gesamtgesellschaftlicher Relevanz, sondern auch die Bedeutung für den Einzelnen wird größer; nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels. Denn die Alterung der Gesellschaft hat dramatische Auswirkungen auf Altersvorsorge und Gesundheitskosten. Die Folge: Das Risiko der Altersarmut wächst. Deshalb sollte es dem Einzelnen ermöglicht werden, im Rahmen aller drei Säulen – also gesetzlich, betrieblich und zunehmend auch privat – vorzusorgen. Der Staat muss hierfür entsprechende Anreize und Rahmenbedingungen schaffen, und Aufgabe der Unternehmen ist es, passende Dienstleistungsprodukte anzubieten und abzusichern.

Ulmer Wissenschaftler helfen dabei, die systemischen und individuellen Risiken einzuschätzen und zu kontrollieren, um das System stabil zu halten. Welche Folgen hat das Handeln zentraler Akteure wie Individuen und Unternehmen? Welche Rolle spielen finanzpolitische und staatliche Rahmenbedingungen, wie sie beispielsweise durch die Zinspolitik der Zentralbanken oder durch die gesetzliche Regulierung und Besteuerung gesetzt werden? Welche innovativen neuen Finanzdienstleistungen können dabei von Nutzen sein? Ein besonderes Anliegen der Ulmer Wissenschaftler ist es, Finanzdienstleister selbst in die Lage zu versetzen, Geschäftsprozesse und Risiken zuverlässig zu erfassen und erfolgreich zu kontrollieren. Denn nur ein professionelles Risikomanagement sichert die stabile Entwicklung des Finanzdienstleistungssystems.

Fördermittel:
u.a. DFG, BMWI, verschiedene Stiftungen
Werner-Kress-Stiftungsprofessur „Strategische Unternehmensführung und Finanzierung“
Péter-Horvath-Stiftungsprofessur für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt betriebswirtschaftliches Informationsmanagement
Stiftungsprofessur (Stadt Ulm) „Nachhaltiges Wissen, nachhaltige Bildung, nachhaltiges Wirtschaften“

Institute
Institut für Finanzmathematik
Prof. Dr. Robert Stelzer, Prof. Dr. Alexander Lindner, Prof. Dr. Mitja Stadje
Institut für Finanzwirtschaft

Prof. Dr. Gunter Löffler
Institut für Nachhaltige Unternehmensführung
Prof. Dr. Sebastian Kranz, Prof. Dr. Martin Müller
Institut für Numerische Mathematik
Prof. Dr. Karsten Urban, Prof. Dr. Stefan Funken, Prof. Dr. Dirk Lebiedz
Institut für Optimierung und Operations Research
Prof. Dr. Dieter Rautenbach, Prof. Dr. Henning Bruhn-Fujimoto
Institut für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung
Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, Prof. Dr. Heribert Anzinger
Institut für Statistik

Prof. Dr. Jan Beyersmann, , Prof. Dr. Markus Pauly
Institut für Stochastik

Prof. Dr. Evgeny Spodarev, Senior-Prof. Dr. Volker Schmidt
Institut für Strategische Unternehmensführung und Finanzierung
Prof. Dr. Andre Güttler
Institut für Technologie- und Prozessmanagment
Prof. Dr. Leo Brecht, Prof. Dr. Matthias Klier, Prof. Dr. Mischa Seiter
Institut für Versicherungswissenschaften
Prof. Dr. An Chen, Prof. Dr. Hajo Zwiesler
Institut für Wirtschaftswissenschaften
Prof. Dr. Georg Gebhardt, Prof. Dr. Sandra Ludwig, Prof. Dr. Gerlinde Fellner-Röhling

Kooperationen:
Beteiligung NETSPAR (niederl. Pensionsversicherungsforschungsverbund

Kontakt
Prof. Dr. An Chen, Institut für Versicherungswissenschaften

Artikel in der Jubiläumsausgabe von uni ulm intern (Februar 2017)
Themendossier  "Risikomanagement und Versicherung. Analyse-Beurteilung-Entscheidung."

Interdisziplinäre Kompetenz und fachübergreifende Kooperation

An der Universität Ulm hat die interdisziplinäre Forschung in diesem Bereich eine besonders lange und erfolgreiche Tradition. So wurde mit der Wirtschaftsmathematik im Jahr 1977 ein Studiengang geschaffen, der nicht nur die Mathematik und Wirtschaftswissenschaften verbindet, sondern auch Fachwissen aus den Bereichen Computerwissenschaften und Datenverarbeitung vermittelt. Dieser Studiengang ist ein fest etabliertes, nationales wie international sichtbares Markenzeichen der Universität Ulm.

Zudem ist er Ausdruck des wissenschaftlichen Anspruchs der Ulmer Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, gesellschaftsrelevante ökonomische Fragen auf mathematisch-methodisch höchstem Niveau zu bearbeiten. Mit einem aktuarwissenschaftlichen Schwerpunkt der Universität, in dessen Rahmen Fachleute für die Beurteilung und das Management finanzieller Risiken ausgebildet werden, setzen die Ulmer professionelle Standards für die Früherkennung und erfolgreiche Bewältigung finanzwirtschaftlicher Krisen.

Hilfe für die Aufsichtsbehörden bei der Kontrolle von Finanzmärkten und -akteuren

Eine weitere wissenschaftliche Herausforderung, mit der sich die Ulmer Forscher befassen, ist die Entwicklung und Untersuchung von Methoden und Werkzeugen, mit deren Hilfe Regulierer und Aufsichtsbehörden – wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und die Zentralbanken – Finanzmärkte und Finanzinstitutionen wirkungsvoll kontrollieren können; und zwar mit möglichst geringem Aufwand und unter Berücksichtigung der Grundprinzipien der Marktwirtschaft. Damit soll die Entstehung neuer Finanzkrisen langfristig verhindert und nicht zuletzt die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt nachhaltig gesichert werden.

Mathematik und Wirtschaftswissenschaften liefern das wissenschaftliche Werkzeug

Der Forschungsschwerpunkt Finanzdienstleistungen wird an der Universität Ulm getragen von den Fachbereichen Finanzmathematik und Finanzwirtschaft, Versicherungsmathematik und Versicherungswirtschaft sowie von weiteren Bereichen der Fakultät.

  • Dazu gehören die Stochastik und die Statistik, die geeignete Verfahren zur Verfügung stellen und dabei helfen, mathematische Modelle grundlegend zu untersuchen. Beispielsweise ist die Extremwerttheorie und -statistik optimal für die Beurteilung von Risiken geeignet. Typischerweise sind es nämlich die extremen und sehr seltenen Ereignisse, die mit den gefährlichsten Risiken verbunden sind, und genau diese sind aufgrund ihrer - eigentlich erfreulichen - Seltenheit schwer zu verstehen.
  • Die räumliche Statistik wird benutzt, um bei diversen Sachversicherungsfragen die räumliche Verteilung von Schäden zu verstehen. Häufig sind die resultierenden mathematischen Modelle äußerst komplex, und um in akzeptabler Zeit zu guten Ergebnissen zu kommen, bedarf es modernster Berechnungs- und Auswertungsverfahren, wie sie die Numerik bereitstellt und untersucht.
  • Die Volkswirtschaft als wissenschaftliche Disziplin wiederum liefert wichtige Erkenntnisse zur Regulierung von Märkten. Sie unterstützt damit nicht zuletzt die Politik bei der Schaffung  gesetzlicher Vorgaben und Regelungen, die dabei helfen sollen, massive Krisen und Verwerfungen auf dem Finanzmarkt in Zukunft zu verhindern.
  • Die Verhaltensökonomik kümmert sich um darüber hinaus weisende wissenschaftliche Fragestellungen: Denn Akteure an Finanzmärkten handeln keineswegs immer rational. Warum dies so, und welche grundlegenden Faktoren das menschliche Entscheidungsverhalten prägen, untersucht das "Ulm Laboratory for Economics and Social Sciences" (ULESS).
  • Das mathematische Fachgebiet Optimierung liefert Antworten auf Fragestellungen zu den wechselseitigen Beziehungen - oft hochkomplexen Netzwerken - von Finanzmärkten.
Im Tradingroom können sich die Studierenden in die Rolle von Börsenhändlern und Risikomanagern versetzen.

Risiken vermeiden heißt Risiken verstehen

Die weltweite Finanz- und Bankenkrise des letzten Jahrzehnts hat gezeigt, wie wichtig es ist, Finanzmärkte, ihre Funktionsweisen und die damit verbundenen Risiken tiefgehend zu verstehen. An der Universität Ulm forschen daher Finanz- und Versicherungsexperten gemeinsam mit Mathematikern an der Entwicklung komplexer Modelle und Methoden, mit deren Hilfe systemische Risiken erfasst und kontrolliert werden können. Damit solche Krisen auch in Zukunft der Vergangenheit angehören.