Dr. biol. hum. Miriam Rassenhofer

Dr. biol. hum. Miriam Rassenhofer
Medizinische Fakultät
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie /-psychotherapie

»Sexueller Missbrauch – Partizipative Modelle der gesellschaftlichen Aufarbeitung und Innovationen in der therapeutischen Versorgung Betroffener«

Sexueller Missbrauch ist ein traumatisches Kindheitserlebnis mit häufig schwerwiegenden und weit reichenden Folgen, die in vielen Fällen bis ins Erwachsenenalter andauern. Betroffene haben ein höheres Risiko psychische Störungen sowie körperliche Beeinträchtigungen oder Erkrankungen zu entwickeln. Weiterhin zeigen sich in der Folge eines sexuellen Missbrauchs häufig auch soziale Einschränkungen wie niedrigere Bildungsabschlüsse und ein insgesamt geringerer Lebensstandard. Aufgrund des großen Dunkelfeldes in diesem Bereich kann auf die Frage, wie häufig sexueller Missbrauch vorkommt, keine exakte Antwort gegeben werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die Prävalenz in Europa auf 9%. Übertragen auf Deutschland sind dies über eine Million betroffene Kinder und Jugendliche. Sexueller Missbrauch hat somit die Dimension einer Volkskrankheit, wie etwa Diabetes. Weiterhin handelt es sich um ein Phänomen, das quer durch alle Schichten und Ethnien vorkommt. Am häufigsten geschieht Missbrauch innerhalb der Familie. Ein weiterer häufiger Kontext sind Institutionen wie Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, Schulen, Vereine etc. Missbrauch durch Fremdtäter*innen kommt eher selten vor.

Trotz der beschriebenen Dimension und der weitreichenden Folgen war Missbrauch lange Zeit ein Tabuthema. Nachdem im Winter 2010 vielzählige Missbrauchsfälle in kirchlichen und pädagogischen Institutionen bekannt wurden, rückte das Thema des sexuellen Missbrauchs jedoch erstmalig in die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit. Die Politik reagierte mit der Einrichtung des Runden Tisches sowie der Einsetzung der Unabhängigen Beauftragten mit dem Ziel der Aufarbeitung der vergangenen Fälle, der Verbesserung der Situation Betroffener sowie der Ausweitung und Optimierung von Präventionsmaßnahmen. Zu diesem Zweck sollten von den beiden Stellen Empfehlungen an die Politik formuliert werden. Um den politischen Aufarbeitungsprozess zu großen Teilen auf die Basis der Beteiligung Betroffener zu stellen, richtete die Unabhängige Beauftragte eine Anlaufstelle für Betroffene sowie deren Angehörige und Umfeld ein, wohin sich mit politischen Botschaften, Wünschen und Erfahrungen bezüglich sexuellen Missbrauchs gewandt werden konnte. Die vorliegende Arbeit beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit der Konzeption und Begleitforschung zu dieser Anlaufstelle. Es wurde untersucht, ob die groß angelegte Beteiligung Betroffener am politischen und gesellschaftlichen Aufarbeitungsprozess im Rahmen eines Beschwerdemanagementsystems gelungen ist, und welche fachlichen, politischen sowie gesellschaftlichen Auswirkungen sich daraus ergeben haben.

Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass die Beteiligung Betroffener am Aufarbeitungsprozess machbar und sinnvoll war. Es wurden knapp 5.000 Betroffene erreicht und hierdurch, mit Hilfe eines webbasierten Erhebungsrasters, eine bis dato einzigartige Datensammlung zu sexuellem Missbrauch erstellt. Die Erkenntnisse aus diesen Daten erweiterten das Wissen über sexuellen Missbrauch und lieferten die Grundlage für die Empfehlungen der Unabhängigen Beauftragten an die Politik – und somit auch für konkrete politische Veränderungen, wie beispielsweise die Einführung eines Bundeskinderschutzgesetzes im Jahr 2012. Aus der Empfehlung der Unabhängigen Beauftragten, Betroffenen schnell und unbürokratisch traumaspezifische therapeutische Angebote zur Verfügung zu stellen, ergab sich ein Folgeprojekt, das ebenfalls zur vorliegenden Arbeit gehört. Die Ergebnisse dieses Projekts zeigen, dass die traumatherapeutischen Frühinterventionen einen deutlich reduzierenden Effekt auf die posttraumatische Stresssymptomatik hatten.

Abbildung: Schematische Darstellung des partizipativen Ansatzes der gesellschaftlichen Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs ab 2010.

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