Ad orientem lux – ex oriente lux? Eine Kulturgeschichte des medizinischen Wissenstransfers von der Antike bis in die Neuzeit

Dieses Forschungsprojekt ist der Geschichte des multiplen medizinischen Wissenstransfers zwischen Europa und der islamischen Welt gewidmet, der von der griechischsprachigen ostmediterranen Welt der Antike ausging. Der Untersuchung dieser Wechselbeziehungen gehen grundsätzliche Überlegungen zur Dichotomie von Orient und Okzident voraus, die den imaginären Charakter dieser ideologisch motivierten Grenzziehung darlegen.

Die griechische Medizin der Antike beruhte auf empirisch überprüfbarer Naturbeobachtung.  Auf ihrer Grundlage entwickelten sich im Orient ab dem 9. Jahrhundert Traditionen einer gräko-islamischen Medizin. Diese wurde vorzugsweise über die arabische Sprache vermittelt. Die Beiträge dazu kamen jedoch auch von zahlreichen christlich-syrischen, jüdischen, iranischen und indischen Ärzten. Seit dem 11. Jahrhundert wurden Werke der gräko-arabischen Medizin gezielt ins Latein übersetzt. Damit setzte der Transfer arabisch vermittelten medizinischen Wissens nach Westeuropa ein. Beginnend mit der Renaissance und ihrer Betonung der originären antiken Quellen wurden gräko-arabische und westliche Medizin zunehmend als Gegensätze wahrgenommen. Mit der wachsenden wissenschaftlichen Ausgestaltung der westeuropäischen Medizin vom 16. bis 19. Jahrhundert verschärfte sich dieser Gegensatz. Ein Blick auf die Geschichte des medizinischen Wissenstransfers macht diese komplexen Prozesse der gegenseitigen Durchdringung westlicher und orientalischer Medizin deutlich. So führte der Buchdruck mit beweglichen Lettern im 16. Jahrhundert zur Verbreitung der klassisch-islamischen medizinischen Lehrwerke von Avicenna, Rhazes und Haly Abbas im Westen wie im Osten.

Ab dem 18. Jahrhundert entstanden Reformbewegungen in Ägypten und Persien, die unter anderem eine Modernisierung der Medizin zum Ziel hatten. Die zunehmend biologisch fundierte europäische Medizin des 19. Jahrhunderts wurde in die islamische Welt exportiert. Damit war eine Konfrontation der islamischen Welt mit der weiter entwickelten Medizin auf antiker griechischer Grundlage verbunden. Auf diesen Quellen beruht letztendlich auch die islamische Medizintradition. Den Apologeten einer Wiederbelebung traditioneller Medizin in Ländern wie Indien, Pakistan oder dem Iran sind diese gemeinsamen Wurzeln im Corpus Hippocraticum oder in den Schriften von Galen und Avicenna durchaus bewusst. Das zeigt zum Beispiel die Bezeichnung Țibb-i Yunani – „Medizin der Ionier“ – in Südasien.

 

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Florian Steger
Projektmitarbeit: Dr. Frank Kressing
Laufzeit: seit 2019

Kolorierte Zeichnung des menschlichen Skeletts aus dem Tašrīḥ-i badan-i insān „Die Anatomie des menschlichen Körpers“. Manṣūr ibn Muḥammad ibn Aḥmad ibn Yūsuf Ibn Ilyās (14./15. Jahrhundert), ca. 1450. Bildquelle: U.S. National Library of Medicine, Bethesda https://www.nlm.nih.gov/hmd/arabic/p19.html (abgerufen am 10.2.2020)