„Lindau Spirit“ beflügelt auch Ulmer Forscher

18. Nobelpreisträgertagung für Medizin und Physiologie am Bodensee

Die Nobelpreisträgerkonferenz 2018 Ende Juni in Lindau stand ganz im Zeichen des postfaktischen Zeitalters. Dort ging es nicht nur um die besondere Verantwortung der Wissenschaft im Umgang mit Lügen und Fake-News oder um hochkontroverse Fragen rund um die Gentechnik. Auch wissenschaftsinterne Themen, wie der massive Veröffentlichungsdruck, wurden bei der Bodenseekonferenz heftig diskutiert. Mit dabei waren die Ulmer Medizinerin Dr. Julia Zinngrebe und zahlreiche weitere Forscherinnen und Forscher der Universität Ulm.

Noch nie waren so viele Herkunftsländer vertreten, nämlich 84, und noch nie waren so viele Laureaten mit dabei wie bei der 18. Auflage der Nobelpreisträgerkonferenz für Medizin und Physiologie am Bodensee. Dass der „Lindau Spirit“ in diesem Jahr besonders zu spüren war, lag aber weniger an diesem doppelten Rekord als am erkenntnisfeindlichen Zeitgeist, der gerade weltweit vielen Forschenden ins Gesicht bläst, und dem man in Lindau etwas entgegenzusetzen hatte. So stand die „LiNo18“ ganz im Zeichen der besonderen Verantwortung der Wissenschaft im Kampf gegen Lügen und Fake-News.

„Gerade in Zeiten einfacher Antworten und falscher Nachrichten möchte ich die Stimme der Wissenschaft deutlich hören“, appellierte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek bei der Eröffnung in der neu renovierten Inselhalle an die rund 600 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und die 39 anwesenden Nobelpreisträger.

Ulmer Nachwuchswissenschaftlerin beeindruckt

Live miterlebt hat die ganze Tagung die Ulmer Medizinerin Dr. Julia Zinngrebe. „Die Stimmung während der Konferenz ist wirklich sehr besonders. Sowas habe ich noch nicht erlebt! Die Mischung aus Nobelpreisträgern und fast ausschließlich jungen Wissenschaftlern ist einzigartig. Und man merkt, dass den Laureaten wirklich viel daran liegt, sich mit dem Nachwuchs auszutauschen. Sie waren alle sehr zugänglich und interessiert“, so die 31-jährige Assistenzärztin, die an der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin zur Leukämie im Kindesalter forscht.

Über ein mehrstufiges Auswahlverfahren hat sich die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin für Lindau qualifiziert – sie ist Promotionspreisträgerin der UUG, war Stipendiatin im Else Kröner-Forschungskolleg und wird aktuell im Hertha-Nathorff-Programm gefördert. Die Medizinerin forscht zur akuten lymphatischen Leukämie (ALL) und untersucht dabei insbesondere die Rolle von Fettzellen des Knochenmarks bei der Entstehung dieser Erkrankung.

Besonders beeindruckt hat sie der Vortrag von Sir Richard Roberts. Der Medizinnobelpreisträger von 1993 sprach in Lindau über die Notwendigkeit des Einsatzes gentechnisch modifizierter Organismen (GMOs). Insbesondere die Landwirtschaft in Entwicklungsländern könne davon profitieren, beispielsweise durch den Anbau speziell entwickelter trockenresistenter Arten. Der Mitentdecker der sogenannten Mosaik-Gene gehört zu den mehr als 100 Nobelpreisträgern, die sich vor zwei Jahren in einem öffentlichen Brief für die „Grüne Gentechnik“ ausgesprochen haben. Beim „Bayrischen Abend“ saß Zinngrebe dem Biochemiker und Molekularbiologen am Tisch direkt gegenüber.

Heiß diskutiert wurde auch bei einem speziellen Panel zur wissenschaftlichen Veröffentlichungspraxis. Ins Visier geriet dabei insbesondere die bisherige Praxis des „Publish or Perish“ – veröffentlichen oder untergehen. Besonders in der Kritik stand dabei der immer härtere Kampf um Impact-Faktoren und hochrangige Veröffentlichungen, der auch für den Nachwuchs mehr und mehr zum Problem wird. Doch in der Scientific Community wächst nun der Widerstand, wie in Lindau gut zu hören war.

Wie man Wissenschaft allgemeinverständlich erklärt und die Gesellschaft an neuen Erkenntnissen teilhalben lässt, dazu sprach der in Australien geborene Immunologe und Nobelpreisträger Peter C. Doherty, von dem Zinngrebe ebenfalls sehr beeindruckt war. Sein Rat: „Wenn du deiner Großmutter deine Forschung so erklären kannst, dass sie verstanden hat, was du machst, dann bist du richtig gut im Erklären!“. Schließlich müssten die Wissenschaftler in der Lage sein, der Gesellschaft gegenüber Rechenschaft abzulegen, wofür öffentliche Gelder in der Forschung verwendet würden.

Forschung an Bord

Bei der Ausstellung auf der „MS Sonnenkönigin" zeigte sich schließlich, wie wichtig es auch für etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist, die eigene Forschung verständlich darzustellen.

Auf der Fahrt zur Abschlussveranstaltung auf die Insel Mainau am letzten Tag der Veranstaltung präsentierten sich auf Einladung von „Baden-Württemberg international“ (bw-i) mehr als zwei Dutzend Aussteller aus Forschungseinrichtungen und Universitäten des Landes.

Mit an Bord der „MS Sonnenkönigin“ waren Stammzellforscher, Virologen, Traumaforscher, Medizinhistoriker und Psychologen der Universität Ulm, denen es offensichtlich nicht schwer fiel, ihre Wissenschaft auch an fachfremde Ehrengäste und Landesvertreter zu vermitteln.

Aussteller der Uni Ulm auf der „MS Sonnenkönigin“

Forschungsthema Aussteller / Teilnehmer /Institut

Ethik der Medizin / Geschichte der Medizin:
Antike Medizin, Politischer Missbrauch in der Medizin, Medizin und Kunst

Prof. Dr. Florian Steger, Dr. Maximilian Schochow  - Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

E-Health: Digitale Hilfsmittel für die Diagnose und Therapie psychischer StörungenProf. Dr. Harald Baumeister, Eva Maria Rathner - Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie
Stammzellverjüngung und gesundes Altern Prof. Dr. Hartmut Geiger, Amanda Amoah, Mehmet Sacma - Institut für Molekulare Medizin
Bioaktive Substanzen des Humanen Peptidoms Prof. Dr. Frank Kirchhoff, Dorota Kmiec - Institut für Molekulare Virologie
Transdisziplinäre TraumaforschungPD Dr. Miriam Kalbitz, Birte Weber - Klinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie
Transdisziplinäre TraumaforschungDr. Melanie Haffner-Luntzer - Institut für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik

Text: Andrea Weber-Tuckermann

Fotos: Staatsministerium Baden-Württemberg, Lindau Nobel Laureate Meetings und Dr. Julia Zinngrebe