DIE ZEIT


47/2003

Leben in Deutschland (7)Reine Luxusgeschäfte, die ihr Erbe verprassen, sind selten.Die meisten versuchen, ihr Vermögen zu mehrenCollage: Jochen Klein für DIE ZEIT Leben

Wie man in Deutschland reich wird

Die meisten großen Vermögen sind über mehrere Generationen entstanden. Durch harte Arbeit kann man es auch heute zu Geld bringen – aber richtig reich werden hierzulande vor allem die Erben

Von Mark Spörrle

Reich werden, das geht manchmal ganz einfach, ohne jahrelanges Rackern und Plagen, wenn man einfach nur Glück hat. Es ist zwar laut Statistik viermal wahrscheinlicher, vom Blitz erschlagen zu werden, als sechs Richtige zu tippen. Aber rund 300 Lottomillionäre gibt es jedes Jahr. Reich werden kann man auch schon durch ein bisschen Wissen und wenn man sich nicht dadurch irritieren lässt, dass Günther Jauch bei Wer wird Millionär? zweifelnd grinst: »Sind Sie sicher?« Die Million, schnell und unkompliziert, das ist die Hoffnung von Millionen.

Für Sabine Steffen, 37, war es am 2. November vergangenen Jahres so weit. Sie saß in den Bavaria-Film-Studios in München in der Show der Süddeutschen Klassenlotterie Millionär gesucht, Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht ließen die Glückskugel rollen, und Sabine Steffen zwang sich, nicht weiterzudenken. Daran, dass sie nur hergekommen war, weil zu Hause, in Moosburg bei Freising, ein Telefonverkäufer der SKL angerufen und darauf beharrt hatte, sie möge doch ein Los nehmen. »Na gut«, hatte sie schließlich geantwortet, »aber nur das billigste.«

Sie hatten ihr Leben schon eingerichtet. Sabine Steffen, ihr Mann, die Kinder Hannah und Lennart und Sabine Steffens Mutter wohnten zur Miete in einer hübschen Doppelhaushälfte. Jürgen Steffen arbeitet bei einem Wachdienst und fährt jeden Tag die 60 Kilometer nach München und zurück, Sabine Steffen wollte nach einer längeren Babypause gerade wieder anfangen zu arbeiten, als Informatikkauffrau. Sie hatten liebe Freunde, es war eigentlich genug Geld da, nur für Sabine Steffens Herzenswunsch reichte es nicht: ein eigenes Haus. Da war ein schönes Grundstück, an dem sie beim Spazierengehen mit Mischlingshündin Jeanny immer vorbeikam, mit Blick auf eine Pferdekoppel und die Amperauen. Schade, dachte Sabine Steffen dann jedes Mal, aber wir sind auch so zufrieden.

Dann kam der Brief der Süddeutschen Klassenlotterie: Sie sei Kandidatin für die SKL-Show bei RTL, mit Günther Jauch. Und nun saß sie im Studio, vor sich die Bahn, auf der die Glückskugel rollte, rollte, und genau vor ihr liegen blieb. Nein, dachte Sabine Steffen, nein, aber neben ihr flüsterte schon eine Assistentin: »So, jetzt gehen wir nach vorn.« Die Spielregeln, sagt Frau Steffen, habe sie bis heute nicht ganz begriffen. Irgendwann saß sie auf der Couch zwischen Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht, ein weiteres Mal rollte die Glückskugel, und noch ehe sie ganz still lag, sagte Günther Jauch leise: »Jetzt haben Sie sie schon, die Million.«

Der Traum vom Reichtum ist wohl der am häufigsten geträumte Traum überhaupt. Geld steht für Freiheit, Glück, Erfolg und Einfluss. Geld mache attraktiv und begehrenswert, glaubt auch der Psychologe, Betriebswirt und Buchautor Wolfgang Krüger (Die Faszination des Geldes). Die Macht des Geldes ist umso größer, je mehr jeder daran glaubt.

Dass die mächtigste Geldmaschine der vergangenen Jahrzehnte, die Börse, abgeschmiert ist; dass in den Buchhandlungen die Anlage- den Psychoratgebern Platz gemacht haben – das stört den großen Traum nicht. Auch nicht Erhebungen wie jene der London School of Economics, wonach Spitzenverdiener weltweit die Liste der Depressiven und Selbstmörder anführen. 53 Prozent aller Deutschen zeigten sich in einer Umfrage des GfM-Getas-Instituts überzeugt, dass mehr Geld auch einen Mehrgewinn an Glück bringt.

Sabine Steffen kann nicht sagen, dass sich in ihrem Leben viel verändert hat. Außer dass man, geht die Familie zum vierten Mal im Monat essen, nicht mehr überlegt, ob das wirklich sein muss. Sabine Steffen hat sich einen Ford Focus gekauft, »Du hättest wenigstens ein Cabrio nehmen können«, wunderte sich eine Freundin, und in Moosburg gab es Menschen, die ihr eine Zeit lang nicht in die Augen schauen konnten. Ach, und auf dem Grundstück, an dem sie so oft vorbeikam, entsteht jetzt ihr Traumhaus, mit zwei Zimmern für jedes Kind, großer Küche, Sauna, Whirlpool, in den Keller kommt eine Hundedusche, sagt Frau Steffen lächelnd. Macht Geld nun glücklich? »Glück«, sagt Sabine Steffen, »Glück, das heißt für mich: Familie, Freunde, Gesundheit. Das kann man doch nicht kaufen.« Die Steffens hoffen, dass ihnen niemand den schönen Blick auf die Amperauen verbauen wird. Für das Grundstück hinter ihrem hätte das Geld nicht gereicht: »So viel ist eine Million auch nicht.«

Wann ist man reich?

Reichtum ist relativ. In den fünfziger Jahren war eine Million unerreichbar. Ein Millionär, so malte man sich aus, badete in Champagner, besaß eine Yacht, ein großes Haus nebst Swimmingpool, vielleicht eine eigene Landebahn. Solche Fantasien relativierten sich mit steigenden Grundstückspreisen und einer steten Vermehrung der Millionäre. 1960 wurde deren Zahl in Deutschland auf 14000 geschätzt, 1978 auf 217000, 1998 dann bereits auf 1,5 Millionen. Durch den Euro relativierte sich einerseits die Zahl der Millionäre wieder. Andererseits wird mancher heutzutage schon durch ein geerbtes Haus in guter Lage quasi über Nacht zum Millionär.

Fest steht zudem: Jeder hat ein anderes Empfinden von Reichtum, und gefühlter Reichtum hängt davon ab, mit wem man sich vergleicht. Ein Milliardär, der als Einziger unter lauter 30-Meter-Yacht-Besitzern nur ein 20-Meter-Schiff hat, kann sich so ärmlich fühlen wie der Golf-Fahrer, bei dessen Nachbar plötzlich der Mercedes vor dem Haus steht. Fragt sich also: Wann ist man reich?

In der Wissenschaft sucht man eindeutige Definitionen beispielsweise über das Einkommen. In Deutschland gilt als arm, wer weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens verdient. Dann, so definiert der Bochumer Politologe und Reichtumsforscher Ernst-Ulrich Huster, sei derjenige reich, der mehr als das Doppelte des Durchschnitts verdient. Allerdings, räumt Huster ein: »Wenn man diese Grenze zugrunde legt, ist Reichtum ein Massenphänomen« (siehe Wer ist der Reichste im Land? ).

Es gibt andere wissenschaftliche Definitionen, die Einkommensreichtum höher ansiedeln, aber dann fehlen Fakten. In der letzten amtlichen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 1998 sind Personen mit einem Monatseinkommen über 35000 Mark nicht erfasst. An freiwilligen Erhebungen nehmen Großverdiener nicht teil, die freundliche Befragerin könnte ja kriminell oder vom Finanzamt sein. »Man redet eher über Sex als über Geld«, seufzt Reichtumsforscher Huster.

Aus der Bunten oder Gala erfährt man vielleicht noch, dass Heidi Klum sich ein Haus mit Pool in der Nähe von New York kauft, Udo Jürgens in einem Millionärswohnort namens Zumikon bei Zürich lebt und Dieter Bohlen mit seinen goldenen Schallplatten in Deutschland bleiben und sein Anwesen einbruchsicher machen lassen will, damit man ihm nichts mehr aus der Garage klaut. Doch trotz Klatsch und Tratsch: die Masse der richtig Reichen bleibt im Dunkeln, jener Leute, die früher Mercedes S-Klasse fuhren und jetzt E-Klasse, der Stimmung wegen.

Auch der 2001 verabschiedete Armuts- und Reichtumsbericht, der erste Versuch einer deutschen Regierung, ein umfassendes Bild der sozialen Unterschiede zu zeichnen, widmet lediglich rund 30 von über 290 Seiten den Vermögenden, er differenziert Vielverdiener nur nach Geschlecht, Alter und beruflicher Stellung. Kaum ein Wort über Herkunft und Auswirkungen großen Reichtums. Reiche seien als relative Minderheit statistisch nicht relevant, sagen manche Forscher. Sind sie doch, widersprechen andere, weil Geld Privilegien, Prestige und Macht bedeuten. »Wie leben Reiche, wie wohnen Reiche, wie gebildet sind sie, wie gesund sind sie? Es fehlen Daten«, kritisiert auch Ernst-Ulrich Huster. »Oder: wieso kriegt jemand wie der Fürst von Thurn und Taxis zwei Spenderherzen hintereinander, und andere sterben, während sie auf ihr erstes Spenderherz warten?« Genau ist auch nicht untersucht, wie man am ehesten reich wird. Die Antwort auf diese Frage interessierte in einer Umfrage der evangelischen Kirche 63 Prozent der Deutschen mehr als die Antwort darauf, ob es Gott wirklich gibt. Einige schaffen es tatsächlich durch Fleiß und harte Arbeit.

»Ich habe mir alles erkämpft«

Würde man seine Eltern fragen, sagt Thomas Hannes, sie wären stolz und würden sagen, dass sie ihm seinen Wohlstand ermöglicht hätten. »Fakt ist«, so der 34-Jährige, »ich habe mir alles alleine erkämpft.« Die Steuerkanzlei mit 25 Angestellten in Berlin-Wilmersdorf, in den Büros stehen Computer mit edlen Flachbildschirmen, Designerschreibtische und Herbert-Miller-Stühle, von denen der Kenner weiß, dass sie zweieinhalbtausend Euro pro Stück kosten. Das Haus, den BMW, den Porsche Carrera Cabrio, die Rolex, die Urlaube auf Sylt. Es gebe keinen Wunsch, sagt Hannes, den er sich nicht erfüllt habe. 21 Jahre ist es her, seit er beschloss, reich zu werden, so reich wie der Steuerberater seines Vaters. Der hatte ein schönes Haus, ein großes Auto, war ein angesehener Mann. In seiner eigenen Familie dagegen, sagt Hannes, »war man gewohnt, zu arbeiten«. Der Vater war Dachdecker, sie lebten im sozialen Wohnungsbau, Hannes teilte sich ein Zimmer und die Hosen mit seinem Bruder. In den Schulferien schleppte er auf Vaters Baustellen Dachpappe. Wochenende oder Weihnachten gab es nicht, auch dann wurde gearbeitet. »Ich wusste«, sagt Hannes, »das wollte ich anders machen.«

Aus- und Ruhezeiten wie jeder andere habe er sich nie gegönnt. Seine Karriere ging schnell voran: Abitur, vier Jahre bei der Finanzverwaltung mit Fachhochschulstudium, dann fing er bei einem Steuerberater an, als leitender Angestellter mit Anfang zwanzig, das war früh, sagt er, die ersten drei Jahre habe er keinen Urlaub gemacht. 1996 die Steuerberaterprüfung, 26 war er da, damals jüngster Steuerberater Deutschlands. Schließlich bot ihm sein Chef eine Beteiligung an der Firma an, die Hannes sich, »ich hatte ja nichts«, über Umsatz und Gewinn erarbeiten konnte. Bis zu zehn Jahren hätte er Zeit gehabt, er schaffte es in fünf. Dieses Jahr ist der Partner ausgestiegen, die Kanzlei gehört ihm.

Pausen macht er noch immer kaum. Im Büro esse er nichts, sagt er, »wenn Sie sehr angespannt sind, dann merken Sie solche Bedürfnisse gar nicht«. Zu Hause arbeitet er weiter, wenn er die Kinder ins Bett gebracht hat. Mit Gutenachtgeschichte, das sei ihm wichtig, sagt er, genauso wichtig, wie sie morgens nach dem Frühstück zur Schule zu fahren. Zwischen 70 und 75 Stunden arbeite er jede Woche, ohne das Verständnis und die Unterstützung seiner Frau gehe das nicht.

Wichtig sei ihm auch, dass er seinen Kunden, darunter viele mittelständische Unternehmer, »auf gleicher Augenhöhe« begegnen könne. Er kennt sich aus mit den Dingen, über die man spricht, mit Zigarren, Theater, Uhren. Er weiß, was beim Segeln wichtig ist, er hat noch nie Golf gespielt, aber er kennt die Regeln.

Die Kanzlei läuft, gegen den allgemeinen Trend, von der Gewinn- und Ertragslage her so gut, dass man sie auch auf die Hälfte ihrer Größe reduzieren könnte. Doch Hannes möchte noch zwei oder drei solcher Kanzleien haben. Er wolle sich beweisen, sagt er, dass alles kein Zufall war, nicht nur Glück: »Ich habe mit null angefangen. Ich hatte die Möglichkeit, mir nur durch Fleiß und Intelligenz etwas aufzubauen. Und ich habe es getan.«

Die Regel ist das nicht, sagt Michael Hartmann. Richtig reich, so der Soziologe und Elitenforscher aus Darmstadt, werde man durch eigene Arbeit eher selten. Richtig reich sei jemand, der nicht mehr rechnen müsse, »der sagen kann: Ich mache den Job, oder ich mache ihn nicht. Ich kaufe das Haus – oder ich vergesse es. Ich ziehe in diese Stadt – oder ich lasse es bleiben.«

Für so viel Unabhängigkeit braucht man gute Reserven, ein großes Vermögen. Etwa eine Million Euro, schätzen Ökonomen, sind nötig, um eine kleine Familie von den Zinsen so gut leben zu lassen, dass sie vom Einkommen her als reich gelten. Um in absehbarer Zeit so viel Geld anzuhäufen, meint Michael Hartmann, müsse man schon siebenstellig verdienen. Als Angestellter hat man dazu kaum eine Chance, es sei denn, man bewegte sich im obersten Management, wo Boni und Aktienoptionen zum Salär gehören. So wie Jürgen E. Schrempp von DaimlerChrysler, dessen Jahreseinkünfte das manager magazin für 2002 auf 10,8 Millionen Euro schätzt, oder wie SAP-Chef Henning Kagermann mit 7,5 Millionen Euro.

»100 Millionen, das wäre mein Ziel«

Oder man ist einer jener Aktieneigner aus der New Economy, denen es gelang, so rechtzeitig zu verkaufen, dass sie von dem Erlös nun gut leben können. Manche haben sich dabei wegen Balancierens am Rande der Legalität Prozesse eingehandelt. Mitte der neunziger Jahre, schätzte die Deutsche Steuergewerkschaft, waren bis zu 800 Milliarden deutsche Mark in ausländischen Steueroasen geparkt. »Reichtum nur als Ergebnis von Fleiß, das ist ein Mythos«, bestätigt Ernst-Ulrich Huster. »Reichtum ist auch das Ergebnis von Steuerhinterziehung.«

Die besten Chancen auf das große Geld hat man als Selbstständiger oder als Unternehmer. Und noch ein bisschen bessere dort, wo die alten Familienunternehmen sind, in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg. In den Gründerjahren und den Phasen des Wiederaufbaus nach den beiden Weltkriegen war es leichter, viel Geld zu verdienen. Zuerst kamen Familien aus dem produzierenden Gewerbe wie Thyssen oder Krupp, wie die Quandts oder die Flicks. Nach 1945, als Axel Springer und Max Grundig ihre Imperien begründeten, die Wirtschaft am Boden lag und der Markt noch nicht verteilt war, hatten auch Newcomer eine gute Chance, es gab, so Michael Hartmann, »eine größere soziale Durchlässigkeit«.

In den sechziger und siebziger Jahren kam die Zeit der Handelsunternehmer. Metro-Gründer Otto Beisheim, Theo und Karl Albrecht von Aldi oder der Schraubenverkäufer Reinhold Würth legten die Grundsteine zu ihren Vermögen. Später profitierten auch kleinere und mittelständische Selbstständige von den Auswirkungen einer Bildungsexpansion und einer Sozialgesetzgebung, die versuchte, soziale Differenzen zu verringern. Dann kamen mit der Computer- und Unterhaltungsindustrie die SAP-Gründer und die Medienmoguln. »Seit den achtziger Jahren«, sagt Hartmann, »ist die Chance, aufzusteigen deutlich geringer geworden.« In den Listen des deutschen Geldadels tauchen die alten Namen und Firmen, die Gründer und ihre Erben noch immer ganz oben auf. Auch sonst bleibt das aussichtsreichste Erfolgsrezept, sagt Hartmann, ein kleineres Vermögen zu einem größeren zu machen.

Nicolas Rauenbuschs Mutter sagt manchmal, wenn sie sehe, was ihr Sohn heute besitze, davon hätte sie in seinem Alter, mit gerade 30, nicht mal geträumt. Er erwidert dann, er wisse, wie hart das erarbeitet sei, er werde es nicht aufs Spiel setzen, im Gegenteil, er wolle vermehren, was sein Vater aufgebaut hat. »100 Millionen«, sagt Rauenbusch, »das wäre die Zielmarke, eine fixe Idee.« Er meint das ernst.

Nicolas Rauenbusch und sein Vater kaufen große alte Mietshäuser, sanieren sie und verkaufen die einzelnen Wohnungen wieder. Zwei bis drei Wohnungen pro Objekt, das ist die Faustformel, bleiben als Gewinn. Klaus-Dieter Rauenbusch ist 60, studierter Architekt, und in den 35 Jahren, seit er in München als einer der Ersten begann, Dachgeschosse auszubauen, hat er etliche Häuser und Wohnungen angesammelt. Ein paar sind auf den Fotos zu sehen, die in der Musterwohnung eines Altbaus im Berliner Westend, die auch als Verkaufsbüro dient, an den Wänden hängen. Zu jedem Haus gibt es eine Geschichte, Vater und Sohn erzählen, wie zufrieden man auch nach Jahren ist, wenn man an einem der renovierten Häuser vorbeigeht. Die zwei sprechen darüber wie andere über ein schönes Hobby, eine Leidenschaft. Nicolas Rauenbusch sagt: »Es ist jedes Mal wieder eine Herausforderung.«

Feiern im Dracula-Club von St. Moritz

Als er etwas Ähnliches vor ein paar Jahren zum ersten Mal sagte, wusste sein Vater, dass er gewonnen hatte. Schon immer war es sein größter Wunsch gewesen, den einzigen Sohn als Nachfolger in die Firma zu holen, aber er sagte es nie, er wollte ihm die Entscheidungsfreiheit lassen. Vorsichtig brachte er ihm sein Leben und seinen Beruf so nahe, wie er konnte. Er nahm Nicolas mit, seit der 12, 13 war. Zuerst zum Skifahren, zum Squash, zum Tennis, zum Golfen. Dann in die Firma, auf den Bau, zu Gesprächen mit Banken, Behörden, Kunden. Er verwöhnte ihn nicht, er habe kein exorbitantes Taschengeld bekommen, sagt Rauenbusch junior, und mit 18 kein Auto. Aber der Vater übertrug ihm Verantwortung. Als Kind dafür, dass der Hotelpage sein Trinkgeld bekam. Mit 18 für Vaters Porsche. Später für einen Hauskauf, zum Preis von 3,6 Millionen Mark.

»Es hätte für mich Scheitern bedeutet, hätte ich sein Vertrauen enttäuscht«, sagt Rauenbusch junior. Und als Rauenbusch senior 1999 ein Objekt in Berlin-Dahlem kaufen wollte, der Sohn hatte gerade sein Studium als Wirtschaftsingenieur beendet, und ihn fragte: »Steigst du mit ein?«, sagte er ja. Seitdem sind sie Partner, gleichberechtigt.

Sie arbeiten viel, auch wochenends, aber in der Freizeit, sagt Nicolas Rauenbusch, müsse man sich auch etwas gönnen. Nicht so wie jener Bekannte, ein Selfmademan mit Lamborghini, Hubschrauber, Jet und Yacht, »aber der nutzt das gar nicht«. Nicolas Rauenbusch freut sich schon wieder auf St. Moritz. Sie fahren jeden Winter dorthin, sein Vater und er sind Mitglieder im exklusiven Cresterclub, der vor 125 Jahren von Engländern gegründet wurde mit dem Zweck, auf flachen Schlitten bäuchlings mit dem Kopf voran eine Eisbahn hinunterzurasen. 68 Fahrten hatte er im letzten Winter, erzählt Nicolas Rauenbusch. Und für danach gebe es den legendären Dracula-Club, den Gunter Sachs mitbegründet hat. »Wir leben intensiver als andere«, sagt Nicolas Rauenbusch. Sich etwas gönnen für das, was man geleistet hat: Deshalb fährt der Vater auch Ferrari. »Irgendwann«, sagt der Sohn, »möchte ich auch einen.« Da lacht der Vater: »Du kannst doch jetzt schon meinen nehmen.«

Wenn Nicolas keinen Sport gemocht hätte, sagt die Mutter heute manchmal zum Vater, und deine Strategie wäre nicht aufgegangen, was wäre dann aus der Firma geworden?

Wer die Gnade der richtigen Geburt hat, sagt Michael Hartmann, profitiere oft gleich doppelt. Aus den Lebensläufen von Inhabern lukrativer Jobs – Chefärzten, Geschäftsführern – liest er ab, dass diese in der Regel aus Familien kommen, in denen schon der Vater Professor oder Vorstandsvorsitzender war. Der Filius bewegt sich von Kind an in den Kreisen, in die andere erst mühsam und oft vergeblich versuchen müssen aufzusteigen. Und als Startkapital für späteren Reichtum bekommt er Vaters Villa und das Wertpapierdepot.

Wer viel hat, der kriegt noch mehr

Noch nie hatten Erben in Deutschland die Möglichkeit, so schnell so reich zu werden. Die Generation ihrer Eltern erlebte eine einzigartige Phase des wirtschaftlichen Wachstums, und sie hat ihr Geld zusammengehalten. Jeder zweite Seniorenhaushalt verfügt über Wohnungen, Häuser oder Grundstücke. Ein Viertel aller Familienunternehmen, die einen Nachfolger brauchen, steht zum Verkauf. Bis zum Jahr 2010, schätzen Finanzexperten, wird Vermögen in Höhe von zwei Billionen Euro vererbt werden.

Dieser Batzen wird ungleich verteilt. Westdeutsche erben häufiger und größere Summen als Ostdeutsche, Hauptschüler erben seltener als Akademiker, und, natürlich, Kinder von Reichen kriegen am meisten. Und da man in den oberen Schichten auch bei der Partnerwahl gern unter sich bleibt, kommen auf einen Bessergestellten-Haushalt oft gleich zwei erkleckliche Erbschaften: Wer hat, der kriegt.

Doch die Zahl derer, die nun die Sau rauslassen und Omas Haus verprassen, ist auch in dieser Generation gering, berichten Anlageberater. Man spart und mehrt das Vermögen. Ökonomen warnen, dass diese Kapitalkonzentration auch zu immer mehr Macht in wenigen Händen führt.

Oder dazu, sich aus der Verantwortung zu ziehen. »In Deutschland sind im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts die Ränder der sozialen Schichten auseinander gerückt«, bilanziert die Studie Reichtum und Armut als Herausforderung für kirchliches Handeln der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. »Reiche wurden reicher, Arme ärmer.« Der Faktor Kapital, so die Verfasser, trage »immer weniger zur Finanzierung gesellschaftlicher Aufgaben bei«, und die »dem Volksmund mehr als geläufige ›Herrschaft des Geldes‹« werde in der Forschung vernachlässigt.

Während manche Politiker nun auf einen einheitlichen europäischen Quellensteuersatz für Vermögenserträge hoffen, den andere Politiker umso heftiger bekämpfen, werden Reiche nach amerikanischem Vorbild zu Philantropen. Ohne Stiftungen wie die Volkswagen-Stiftung oder den Stifterverband der deutschen Wirtschaft hätte es manches Hochschulprojekt schwer. Privatleute unterstützen zunehmend ihre örtliche Kirche, Greenpeace oder attac.

Vor allem Frauen machen es sich mit ihrem Erbe nicht leicht. Buchautorin Marita Haibach (Frauen erben anders) hat mit anderen das Pecunia Erbinnen-Netzwerk gegründet, um Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu Spenden und Stiftungen anzuleiten. »Die Erbschaftswelle«, so Haibach, »ist eine der Ursachen für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland. Es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen.«

»Eigentum verpflichtet«, dieser Satz, sagt Julia Braun, habe in ihrer Familie schon immer Tradition gehabt. Eigentlich heißt Julia Braun anders. Aber sie stammt aus einem Großunternehmen, das ihren Nachnamen trägt, und dieser Name ist auf den Listen der Superreichen zu finden. Auch Entführer können lesen, sagt Julia Braun. Man sieht ihr die Multimillionärin nicht an. Sie trägt Jeans und Pullover und fährt einen VW-Bus. Und sie lebt in einem Haus, das zwar groß ist, aber einfach eingerichtet, ohne Designerküche, ohne Couch von Rolf Benz.

In Julia Brauns Familie hat man sich das Geld nie sonderlich anmerken lassen. Die Kinder gingen in die Waldorfschule, »aber äußerlich lebten wir unter Standard«, sagt sie. Sie habe sogar abgelegte Kleider ihrer Schwester getragen. Der Vater fuhr Peugeot, man hatte Segelboote statt einer Yacht, und es gab zwar mehrere Ferienhäuser auf den Grundstücken der Familie, aber die waren im Grunde einfache Jagdhütten. Bescheidenheit war Familientugend. Nicht zu sehr auf das ganze Geld zu bauen und nicht darüber zu sprechen, aus Sicherheitsgründen und auch falscher Freunde wegen.

Julia Braun rührte ihr Millionenkonto lange kaum an. Sie studierte Musik, ging nach Berlin, jobbte als Briefausträgerin und beim Radio, spielte in einer Band E-Gitarre. Wenn ihre Freunde, die sich als Musiker und Künstler durchschlugen, auf die Reichen schimpften und darüber, dass Geld die Welt regiere, saß sie still dabei. Die anderen bekamen erst mit, dass sie Geld hatte, als man überlegte, zusammen ein Haus in Kreuzberg zu kaufen.

Heute redet sie mit Freunden offen über ihr Geld. Besser, als sich zu isolieren, sagt sie. Auch wenn es immer wieder Leute gibt, die dann nicht mehr wissen, wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollen. Viele können sich nicht vorstellen, dass jemand Probleme haben kann, der reich ist und leben kann, wie er möchte. »Die Freiheit zu meistern, das ist die größte Herausforderung«, sagt Julia Braun. Sie geht heute auch anders mit ihrem Geld um, verleiht ab und zu etwas an Freundinnen, manchmal verschenkt sie auch eine kleine Summe. Und sie spendet, mehrere hunderttausend Euro im Jahr.

Geld für gute Zwecke anzulegen hat in ihrer Familie Tradition. Beim Studium in den USA lernte Julia Braun erst die Friedensbewegung, dann die Lesbenszene kennen. In ihrem Arbeitszimmer hängt eine Weltkarte mit vielen bunten Fähnchen. Jedes markiert ein Lesbenprojekt, das Julia Braun unterstützt. Viele sind in Dritte-Welt-Ländern, in einigen steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Für die New Yorker Lesbenstiftung Astraea Lesbian Foundation hat sie einen Spendenplan für die nächsten fünf Jahre aufgestellt. Und 2001 gründete sie zusammen mit acht anderen vermögenden Frauen »Filia. Die Frauenstiftung«. Diese versteht sich als Lobby für Frauen. Aus ihren Mitteln werden Therapien für kriegstraumatisierte Mütter und Kinder aus Ex-Jugoslawien bezahlt; unterstützt wird zudem ein Theaterprojekt gegen Rassismus und Sexismus. Einige Stunden jeden Tag sitzt Julia Braun mittlerweile am Schreibtisch, telefoniert, organisiert, schreibt Briefe und Mails.

Natürlich, sagt sie, man habe eine gewisse Macht, wenn man die Mittel habe, Organisationen zu unterstützen. Mehr und direktere Macht als ein Politiker, der darauf angewiesen ist, erst Mehrheiten zusammenzubringen. Julia Braun will diese Macht des Geldes weiter nutzen. »Wenn ich mal sterbe«, sagt sie, »dann möchte ich keine Millionärin mehr sein.«

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