Die Un­ter­finan­zie­rung von For­schung und Leh­re muss be­en­det wer­den

Verhandlungen zum Hochschulfinanzierungsvertrag

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Studierendenzahl an der Universität Ulm verdoppelt. Die Grundfinanzierung seitens des Landes hält mit dieser Entwicklung in Ulm und an den anderen Landesuniversitäten jedoch nicht Schritt. Jetzt wollen die baden-württembergischen Universitäten und Hochschulen diese Unterfinanzierung nicht länger hinnehmen. Im Zuge der Verhandlungen zum neuen Hochschulfinanzierungvertrag fordern sie die Landesregierung auf, die seit der Jahrtausendwende aufklaffende Finanzierungslücke zu schließen.

Vergleicht man den jährlichen Zuschuss für jeden Studierenden an den baden-württembergischen Universitäten, hat sich dieser seit 1998 um mehr als 25 Prozent pro Kopf verringert - und zwar von 10 610 Euro auf 7890 Euro. Unter Berücksichtigung des aktuellen Geldwerts beträgt die Finanzierungslücke sogar 3540 Euro. Eine solche Unterfinanzierung geht direkt zu Lasten von Studium und Lehre: Auswirkungen reichen von einer schlechteren Betreuungsrelation von Lehrenden zu Studierenden, bis zu Engpässen bei der grundfinanzierten Forschung. Weiterhin sorgen der Sanierungsstau - das Hauptgebäude der Universität Ulm stammt aus den 1970er-Jahren - steigende Betriebskosten und notwendige Neuerungen, etwa im Zuge der Digitalisierung, für finanzielle Engpässe. Diese chronische Unterfinanzierung könnte sich in Zukunft fortsetzen, denn der bisherige Hochschulfinanzierungsvertrag läuft 2020 aus. Gleichzeitig verlangt das Finanzierungsministerium Einsparungen im Hochschulbereich.

Universitäten wollen Innovationstreiber bleiben!

Die baden-württembergischen Universitäten und Hochschulen bilden nicht nur die Fach- und Führungskräfte von morgen aus. Mit ihren Innovationen sind sie maßgeblich für den Wohlstand im Land verantwortlich. Darüber hinaus tragen sie zur Beantwortung drängender Fragen bei – etwa in den Bereichen Klima- und Energieforschung, Mobilität, Digitalisierung oder Gesundheit. „Sollten die Investitionen in die Landesuniversitäten und Hochschulen stagnieren oder sogar gekürzt werden, drohen wir den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren. Auch Studierende und Forschende lassen sich nur dann für ein Studium oder eine Mitarbeit an den baden-württembergischen Universitäten gewinnen, wenn wir ihnen konkurrenzfähige Bedingungen bieten können. Dies gilt insbesondere auch für internationale Talente“, sagt Professor Michael Weber, Präsident der Universität Ulm.

Daher fordern die Landesuniversitäten eine Fortführung des 2020 auslaufenden Hochschulfinanzierungsvertrages sowie einen jährlichen, auch inflationsbedingten Aufwuchs von drei Prozent. In nächster Zeit bleibt die Studierendenzahl auf hohem Niveau, denn immer mehr Abiturienten nehmen ein Studium auf: In Baden-Württemberg ist die Studierendenzahl in den letzten zehn Jahren um 100 000 gestiegen. Um diesen jungen Menschen eine hochwertige Ausbildung bieten zu können, fordern die Landesuniversitäten, zeitlich begrenzte Ausbauprogramme wie "Hochschule 2012" in den Grundhaushalt der Hochschulen zu überführen. Weiterhin sollen sogenannte Zweitmittel, wie sie im Zuge der Exzellenzinitiative projektbezogen an die Universitäten geflossen sind, verstetigt werden. Denn nur auf diese Weise können Universitäten nachhaltig von Strukturen wie Graduiertenschulen oder Exzellenzclustern profitieren, die mit diesen Mitteln geschaffen werden.

no science = no future

Die Forderungen der Landesrektorenkonferenz im Überblick

✘ Die Erhöhung der Grundausstattung aller Hochschulen um mindestens 1000 Euro je Studierendem und Jahr, unter anderem zur...
- Verbesserung der Betreuungsrelationen und Sicherung der Studienqualität
- Digitalisierung von Forschung und Lehre
- Verbesserung der Infrastruktur
- Finanzierung neuer Aufgaben, wie Innovation, Förderung der Gründerkultur, Weiterbildung, Transfer, Internationalisierung

✘ Die Überführung der Ausbauprogramme in die Grundhaushalte der Hochschulen

✘ Die jährliche Dynamisierung der Etats um drei Prozent zum Ausgleich der allgemeinen Kostensteigerung, insbesondere beim Personal, den die außeruniversitären Forschungsinstitute im Land bereits seit Jahren erhalten

✘ Eine transparente und gerechte Weitergabe aller Mittel aus dem kürzlich zwischen Bund und Ländern geschlossenen „Zukunftsvertrag Studium und Lehre“ an die Hochschulen nach den vereinbarten vertraglichen Kriterien, ohne Sonderabzüge durch das Land

Hochschulautonomie beim Einsatz der Mittel, um die Hochschulen in der Weiterentwicklung ihres Studienangebots und ihrer gesellschaftsrelevanten Leistungen zu stärken

Zudem setzen sich die Landeshochschulen insbesondere für eine einmalige Erhöhung der Grundfinanzierung pro Studierendem um mindestens 1000 Euro ein. Denn auch an der Universität Ulm haben Einsparungen bereits zu Qualitätseinbußen in der Lehre geführt: Aufgrund finanzieller Engpässe mussten beispielsweise naturwissenschaftliche Praktika verkürzt und Betreuungspersonal reduziert werden. Und dies, obwohl der Fachkräftemangel vor allem in den Natur- und Technikwissenschaften anhält.

Landesuniversitäten in Zahlen

Mehr Aufgaben, weniger Geld

Kurzum: In Forschung und Studierendenausbildung stellen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft immer höhere Ansprüche an die Landeshochschulen. Doch um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden und um strategiefähig zu bleiben, muss die Unterfinanzierung der Universitäten beendet werden! „An der Universität Ulm sind wir fest davon überzeugt, dass der Schlüssel zu einer positiven Entwicklung unseres Landes in der bestmöglichen Ausbildung unserer Studierenden und in der Forschung zum Wohle unserer Gesellschaft liegt. Daher kämpfen die Landesuniversitäten gemeinsam für eine  angemessene Hochschulfinanzierung“,  bekräftigt Universitätspräsident Weber.

Positiv sei immerhin zu bewerten, dass Bund und Länder bereits im Juni den Rahmen für Bundeszuschüsse zur Verbesserung der Hochschulfinanzierung gesteckt haben. Die genaue Umsetzung in den Ländern ist allerdings noch offen. Zudem macht das Nachbar-Bundesland Bayern vor, wie es geht: Die Landesregierung hat gerade ein zwei Milliarden schweres Programm für Forschung und Innovation vorgestellt, das auch neue Studienplätze und Professuren vorsieht.

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"Die Bildung zu Grabe tragen" - Motto der Demonstration in Ulm zu den Verhandlungen zur Hochschulfinazierung

Studierende kritisieren Verhandlungen zum Hochschulfinanzierungsvertrag

"Investitionen in die Lehre sind auch Investitionen in die Zukunft"

Rebecca Blum und Julius Schürrle
Rebecca Blum, studentisches Mitglied im Universitätsrat und Julius Schürrle, StuVe
3.500€ Real ist egal?

Forschung und Lehre sind zwei gleichberechtigte Säulen einer Universität. Die Universität Ulm hat diesen Umstand durch das Leitbild Lehre jetzt auch unmissverständlich in ihrem Selbstverständnis verankert. Deshalb scheint es bei der Diskussion um den Hochschulfinanzierungsvertrag II dringend notwendig, dieses Konzept der zwei Säulen gegenüber der Landesregierung zu unterstreichen.

Bleibt beim neuen Hochschulfinanzierungsvertrag ein mutiger Schritt in Richtung einer langfristigeren und solideren Finanzierung der Hochschulen aus, so werden absehbare Qualitätseinbußen für die Lehre an den baden-württembergischen Universitäten folgen. Wir brauchen eine entschlossene Trendwende in der Hochschulfinanzierung, hin zu mutigen Ausgaben sowie Investitionen und weg von bloßen Sparvorgaben und vermeintlich erreichten Effizienzsteigerungen. Aus studentischer Sicht handelt es sich bei dem Rückgang der Landesmittel von 3540 Euro pro Studierendem im Zeitraum von 1998 bis 2017 keineswegs um eine Effizienzsteigerung. Vielmehr gehen diese Einsparungen zu Lasten der Lehr- und Lerninfrastruktur und der Innovationskraft der Lehre.

Konkret drohen vor allem weitere Einsparungen bei der praktischen Ausbildung: Größere Tutorien und Seminargruppen sowie ein spürbar schlechteres Betreuungsverhältnis wären die Folge. Dabei ist es doch gerade das persönliche Betreuungsverhältnis, das die Lehre an der Universität Ulm auszeichnet! Bei vielen Lehrangeboten geht es nicht mehr nur um die Frage, in welcher Form sie weitergeführt werden können, sondern vielfach, ob sie überhaupt weiter existieren werden. So sind beispielsweise Projekte zum erfolgreichen Studienstart wie „Pro MINT und MED“ sowie „PASST!“ oder die aus studentisch verwalteten Qualitätssicherungs-Mitteln finanzierten Repetitorien und Tutorien an der Universität Ulm so tief verankert, dass sie kaum mehr wegzudenken sind. Aktuell hat sich in vielen Bereichen ein System konzertierter Maßnahmen etabliert – finanziert aus unbefristeter Grundfinanzierung und befristeten Projekten. Durch eine Kürzung der Mittel für die Lehre ist gerade dieses Zusammenwirken bedroht.

Darum lautet die eindringliche Bitte an die Landesregierung: Sparen sie nicht bei Wissenschaft und Bildung, sondern erkennen Sie in Zeiten von Rekordsteuereinnahmen, dass Investitionen in die Hochschulen immer Investitionen in die Gesellschaft sind. Investitionen in die Lehre sind immer auch Investitionen in die Zukunft!

Rebecca Blum, Julius Schürrle und Daniel Uhrmann für die Studierendenvertretung (StuVe)

 

Haupttexte: Annika Bingmann

Fotos: Lukas Harsch, LRK, Elvira Eberhardt, Martina Fischer, Andrea Weber-Tuckermann, 123RF/vadim yerofeyev, 123RF/sergofoto

Videos: Daniela Stang