Uni Ulm - knapp bei Kas­se trotz Dritt­mit­tel­re­kord

Präsident Weber zum neuen Hochschulfinanzierungsvertrag

Die Rektoren der baden-württembergischen Universitäten und Hochschulen schlagen Alarm: Wird der Landeszuschuss nicht erheblich erhöht und die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen beendet, droht der Abbau von Studienplätzen. Weiterhin befürchtet die Landesrektorenkonferenz, dass die Universitäten in der Forschung den Anschluss an die Weltspitze verlieren könnten.

Der Ulmer Uni-Präsident Professor Michael Weber erläutert im Interview, warum die Ulmer Uni trotz Drittmittelrekord knapp bei Kasse ist, und wo die Finanzierungslücken besonders aufklaffen.

Die Verhandlungen zum neuen Hochschulfinanzierungsvertrag sind in vollem Gange, doch schon jetzt gehen die Rektoren der baden-württembergischen Universitäten auf die Barrikaden. Wovor haben Sie Angst?

Prof. Weber: „Wir befürchten, dass der Hochschulfinanzierungsvertrag I ausläuft und es keinen Nachfolgevertrag gibt, der den Bedürfnissen der Universitäten und Hochschulen gerecht wird. Seit Jahren sind wir chronisch unterfinanziert – obwohl wir die Fach- und Führungskräfte von morgen ausbilden und maßgeblich zur Innovationsfähigkeit des Landes beitragen. Um diesen Aufgaben weiterhin gerecht zu werden, benötigen wir mindestens eine dreiprozentige Dynamisierung des Grundhaushalts, um Preissteigerungen entgegenzuwirken. Dazu kommen die Überführung noch vorhandener Zweitmittel in den Grundhaushalt sowie Mittel für zusätzliche Aufgaben. Diese Herausforderungen reichen von der Digitalisierung bis zur wissenschaftlichen Weiterbildung.“

Universitätspräsident Prof. Michael Weber am Schreibtisch
Universitätspräsident Prof. Michael Weber

Sie fordern also eine Erhöhung des Landeszuschusses für Universitäten und Hochschulen. Dabei könnte man denken, dass die Universität Ulm finanziell gut aufgestellt ist. Immerhin haben Sie 2018 einen Drittmittelrekord aufgestellt und ein millionenschweres Exzellenzcluster eingeworben.

„Unterfinanziert sind wir leider trotzdem. Man muss differenzieren zwischen sogenannten Drittmitteln, die projektbezogen im vergangenen Jahr wirklich in exorbitanter Höhe eingeworben worden sind, und der Grundfinanzierung, die für uns die Lehre und die grundlegende Forschung finanziert. Und eben in diesen Bereichen gibt es große Engpässe. Das schlägt sich im Betreuungsverhältnis in den Studiengängen nieder, aber auch bei der Instandhaltung der Infrastruktur. Meist bekommen wir nur anfangs Mittel um Labore oder Gebäude aufzubauen, die dann nicht modernisiert werden können.“

gefüllter Hörsaal der Uni Ulm

Laut LRK sind die Landesmittel pro Studierendem seit 1998 um mehr als 2700 Euro im Jahr zurückgegangen. Was hat sich konkret an der Uni Ulm verschlechtert?

„Wenn man die heutigen Zuwendungen mit denen von vor 20 Jahren vergleicht, dann haben wir heute kaufkraftbereinigt in etwa ein Drittel weniger Geld pro Studierendem als damals. Neben dem bereits erwähnten schlechteren Betreuungsverhältnis spiegelt sich dies in einer weniger praxis- und forschungsorientierten Ausbildung wider. Dann werden beispielsweise in Praktika statt fünf Versuchen nur noch vier gemacht und die Studierenden können nur noch 80 Prozent von dem lernen, was wünschenswert wäre.“

Forschergeist oder Geisterforschung?

Um weiterhin gute Lehre anbieten zu können, wollen die Landesrektoren eine Überführung zeitlich begrenzter Mittel, sogenannter Zweitmittel, zum Ausbau von Studienplätzen in den Grundhaushalt der Universitäten erreichen. Ist der große Ansturm auf die Hochschulen im Zuge des doppelten Abiturjahrgangs und der Abschaffung der Wehrpflicht nicht vorbei?

„Entgegen der Annahmen von vor fünf bis acht Jahren prognostiziert die Kultusminister-Konferenz, dass die Studierendenzahl künftig nur minimal abnimmt und bis 2030 auf einem ähnlichen Niveau wie heute bleibt. Zudem geht die Übergangsquote von der vierten Klasse aufs Gymnasium nach oben – und eine große Anzahl dieser Abiturientinnen und Abiturienten schreibt sich dann an Universitäten und Hochschulen ein. Dadurch wird aber auch der Wissensstand immer heterogener, wodurch wir künftig noch mehr in Studieneinstiegsprogramme investieren müssen.“

Trifft der bisherige Sparkurs der Landesregierung die medizinisch-naturwissenschaftlich und technisch ausgerichtete Uni Ulm denn besonders hart?

„Die Einsparungen betreffen die Universität Ulm tatsächlich besonders stark, da unsere Fächer experimentell arbeiten, wir also Labore und kostspielige Geräte brauchen. Gerade bei diesen Geräten werden die Innovationszyklen immer kürzer und wir tun uns bei der Instandhaltung und Erneuerung unserer Infrastruktur zunehmend schwer. Doch nur mit einer modernen Ausstattung sind wir auf internationalem Niveau wettbewerbsfähig. Dies gilt neben der Wissenschaft eben auch für die forschungsnahe Lehre.“

 

Einige Rektorenkollegen drohen bei weiteren Kürzungen im Bereich Hochschulfinanzierung sogar mit einem massiven Abbau von Studienplätzen. Ist dies auch für die Uni Ulm ein denkbares Szenario?

„Fakt ist, dass wir an der Universität Ulm in einigen Studiengängen eine massive Überlast von bis zu 200 Prozent und teils sogar darüber hinaus haben. Diese Belastung, auch der Lehrkräfte, lässt sich nicht dauerhaft aufrechterhalten. Auf längere Sicht bleibt uns nur eine Reduktion der angebotenen Studienplätze oder – was wir bevorzugen würden – die Einstellung von zusätzlichem Personal. Dazu müsste allerdings zunächst eine Finanzierung dieser Stellen gesichert sein.“

Neben Forschung und Lehre – welche weiteren Bereiche der Uni Ulm haben mit finanziellen Engpässen zu kämpfen?

„Die Unterfinanzierung macht sich zum Beispiel auch in der Verwaltung bemerkbar. Aufgrund der mangelhaften Grundfinanzierung sind Universitäten zunehmend auf Drittmittel angewiesen, doch solche Einwerbungen erfordern sogenannte Overheads, um den Verwaltungsapparat zu finanzieren. Diese Overheads betragen derzeit maximal 20 Prozent, obwohl anerkannt 40 Prozent nötig wären. Bisher haben wir diese Unterfinanzierung bis zu einem gewissen Grad kompensiert. So entstehen allerdings Überlastsituationen und zeitliche Engpässe, bis wir eines Tages sagen müssen: Wir können uns keine zusätzlichen Drittmittel mehr leisten. In den Anträgen verpflichten wir uns ja auch, Räume und Infrastruktur zur Verfügung zu stellen – und auch hier sind wir am Anschlag. Dies ist gewissermaßen der Fluch des Erfolgs.“

1,2 Mrd. = 0815?

Immerhin haben Bund und Länder im Juni den Zukunftsvertrag Studium und Lehre geschlossen, in dem Bundeszuschüsse zur Verbesserung der Hochschulfinanzierung vorgesehen sind. Helfen diese Mittel dabei, die Finanzierungslücke im Land zu schließen?

„Wir freuen uns über die zusätzlichen Bundesmittel. Diese müssen jedoch auch an der Universität ankommen und in Maßnahmen umgesetzt werden. Derzeit ist aber noch unklar, wie diese Mittel in welcher Höhe auf die Landesunis verteilt werden. Wenig geholfen wäre uns, wenn das Land die Mittel an Projektförderungen bindet, wodurch sie wieder nur zweckgebunden eingesetzt werden könnten.“

 

In ihrem Positionspapier schreibt die Landesrektorenkonferenz, dass die baden-württembergischen Unis wettbewerbsfähig bleiben müssen. Sieht es mit der Hochschulfinanzierung in anderen Bundesländern denn so viel besser aus?

„Hier lohnt sich ein Blick in die Statistik: Es gibt eine nicht mehr ganz aktuelle, aber sehr interessante Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2014, die sich auf den Zeitraum ab dem Jahr 2000 bezieht. Diese Erhebung belegt, dass es in Baden-Württemberg von 2000 bis 2011 bei den Aufwendungen pro Studierendem ein Minus von etwa 20 Prozent gab, während es in anderen Ländern wie Nordrhein-Westfalen umgedreht lief: Dort haben deutliche Zuwächse stattgefunden. Die baden-württembergische Landesregierung hat erst ab 2011 gegengesteuert, aber nur so viel, dass die Preissteigerung ausgeglichen wurde.“

Lehrstuhl oder Leerstuhl?

Nehmen wir an, die Landesregierung würde Ihren Forderungen nachgeben. Welche Löcher würden Sie mit diesem Geld zuerst stopfen?

„Wenn unsere Forderungen umgesetzt würden, hätten wir nach langer Zeit wieder eine adäquate Finanzierung in den Bereichen, in denen wir jetzt Überlast fahren. Darüber hinaus streben wir die Entfristung von dauerhaft benötigten Stellen und eine Verbesserung der Infrastruktur sowie eine Vermeidung von Überbuchungen in Studiengängen an. Weiterhin könnten wir mit zusätzlichen Mitteln Aufgaben wie die Digitalisierung oder die Etablierung einer Start-Up-Kultur schneller vorantreiben.“

Nachgefragt: Wie funktioniert eigentlich Hochschulfinanzierung?

Die Finanzierung deutscher Hochschulen stützt sich im Wesentlichen auf drei Säulen: Auf Erst- und Zweitmittel, die vom Land stammen, sowie auf Drittmittel für wissenschaftliche Projekte. Diese Gelder sind in den allermeisten Fällen zweckgebunden. Das bedeutet: Drittmittel für ein Forschungsvorhaben können nicht einfach für die Begleichung von Heizkosten oder Baumaßnahmen eingesetzt werden. So kann die Universität zwar einen Drittmittelrekord einfahren und trotzdem in anderen Bereichen, etwa in der Lehre, knapp bei Kasse sein.

  1. Mit Erstmitteln ist der Landeszuschuss gemeint: Jede Universität erhält jährlich im Rahmen des Staatshaushaltsplans ein Budget, aus dem die Grundfinanzierung der Hochschule erfolgt. Der überwiegende Anteil dieser Mittel wird für Personalausgaben aufgewendet. Weiterhin werden die Etats der Uni-Einrichtungen und Institute sowie etwa die Hausbewirtschaftungs- und Energiekosten aus Erstmitteln finanziert. 2018 betrug der Landeszuschuss für die Universität Ulm 198,7 Millionen Euro. Darüber hinaus erzielte die Universität 2018 Einnahmen in Höhe von 25,6 Millionen Euro. Darunter fallen beispielsweise Gelder für die Weiterleitung von Energie an Dritte und Leistungsverrechnungen mit der Medizinischen Fakultät beziehungsweise dem Universitätsklinikum Ulm.
  2. Unter „Zweitmittel“ werden Sonder- und Einzelprogramme des Landes gefasst: Die Universität kann sich mit konzeptionellen Anträgen um diese Mittel bewerben. Beispiele sind die Ausbauprogramme Hochschule 2012 und Master 2016, das Forschungsschwerpunktprogramm oder Sonderprogramme für die Lehre wie beispielsweise der Fonds „Erfolgreich Studieren in Baden-Württemberg“. Im Jahr 2018 betrugen die Zweitmittel 28,2 Millionen Euro.
  3. Im vergangenen Jahr hat die Universität Ulm einen Drittmittelrekord über 105,4 Millionen Euro aufgestellt. Um Drittmittel für ihre Forschungsprojekte zu erhalten, müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler meist umfangreiche Anträge schreiben, die von einem Expertengremium beurteilt und für einen begrenzten Zeitraum bewilligt werden. Wichtige Drittmittelgeber sind die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Europäische Union, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) oder auch die Industrie. Ein Beispiel für ein großes Drittmittelprojekt ist das 2018 gemeinsam mit dem KIT und weiteren Partner eingeworbene Exzellenzcluster „Post Lithium Storage“ (POLiS): Für zunächst sieben Jahre werden die beteiligten Batterieforscherinnen und -forscher mit rund 45 Millionen Euro gefördert.
  • Dazu kommt das Körperschaftsvermögen und die Stiftung der Universität, in die Stiftermittel und Nachlässe vereinnahmt werden. Da es in Deutschland – anders als beispielsweise in den USA – keine gewachsene Stifter- und Spendenkultur gibt, tragen das Körperschaftsvermögen und die Stiftung der Universität nicht wesentlich zur Hochschulfinanzierung bei. Das Vermögen beläuft sich derzeit auf etwa 2,2 Millionen Euro.
Finanzierung deutscher Hoschulen stützt sich auf drei Säulen
Die Mittel der Universität Ulm werden in den Abteilungen von Dezernat IV Finanzen (Leitung Petra Kirsinger) verwaltet. Vom neuen Hochschulfinanzierungsvertrag wünschen sich das Finanzdezernat und Kanzler Dieter Kaufmann neben einer Erhöhung der Grundfinanzierung vor allem Planungssicherheit.

Prof. Michael Weber, Präsident der Uni Ulm, zur Debatte über den Hochschulfinanzierungsvertrag in BW

External content

To use this content (Source: www.xyz.de), please click to Accept. We would like to point out that by accepting this iframes data to third parties transmitted or cookies could be stored.

You can find further information in our Privacy policy.

Interview: Annika Bingmann

Fotos: 123RF/strelok, Elvira Eberhardt

Grafiken: LRK

Video: Daniela Stang