„Auch in der Online-­Lehre braucht es das Zwischen­mensch­liche"

Juniorprofessor Vasileios Belagiannis und das digitale Sommersemester

Zum Sommersemester wurde die Lehre an der Universität Ulm coronabedingt komplett auf Online-Betrieb umgestellt. Dies geschah in kürzester Zeit und ohne große Vorbereitung. Für viele Lehrende war dies ein Sprung ins eiskalte Wasser. Gut, wenn man dafür so passende Voraussetzungen mitbringt wie Juniorprofessor Vasileios Belagiannis. Der technikbegeisterte und computeraffine Grieche hat Ingenieurwissenschaften und Informatik studiert. Welche Erfahrungen hat er an der Uni Ulm mit der Online-Lehre gemacht?

Der helle Schreibtisch von Dr. Vasileios Belagiannis zuhause in seinem Arbeitszimmer ist aufgeräumt. Hier hat alles seinen Platz: der große Monitor und das Laptop genauso wie die schwarze Computermaus. Die linke Hand des Wissenschaftlers klickt sich mit der Fernbedienung durch die Folien einer Präsentation. Dort festgehalten ist der Stoff für die Vorlesung „Introduction to Deep Learning“. Was es dazu noch zu sagen gibt, spricht der Wissenschaftler in das Mikrophon seines Laptops, und die Kamera an der oberen Kante des Klappbildschirms filmt ihn dabei. So oder so ähnlich haben wohl viele Hochschullehrerinnen und -lehrer das erste digitale Sommersemester an der Uni Ulm verbracht.
 

Juniorprofessor Belagiannis ist seit Ende 2018 Inhaber der vom Daimler-Fonds finanzierten Stiftungsprofessur „Informationsfusion für das automatisierte Fahren“ am Institut für Mess-, Regel-, und Mikrotechnik. Dort forscht und lehrt der 34-jährige Wissenschaftler an Themen der Künstlichen Intelligenz rund um Anwendungen in den Bereichen autonome Systeme, automatisiertes Fahren und medizinische Bildgebung. Zu seinem Spezialgebiet gehört die Nachverfolgung und Vorhersage von Bewegungen sowie die automatische Erkennung menschlicher Gesten. „Was für die Technik eine enorme Herausforderung ist, fällt uns Menschen vergleichsweise leicht. Als soziale Wesen sind wir es gewohnt, aus der Gestik und Mimik anderer Menschen sehr viel Informationen herauszulesen“, so der KI-Forscher. Ein erfahrener Dozent erkennt im Hörsaal beispielsweise sehr schnell, ob die Studierenden ihm noch folgen können oder nicht, ob sie gelangweilt sind oder interessiert. Mit der coronabedingten Umstellung von Präsenz- auf den Online-Betrieb wurde es jedoch für viele Lehrende sehr schwierig, den direkten Draht zu den Studierenden zu halten. Doch das Zwischenmenschliche braucht auch in der OnlineLehre einen festen Platz, findet Belagiannis.

Dr. Vasileios Belagiannis
Dr. Vasileios Belagiannis

Die Diskussion läuft auf der Audio-Spur

Bei der Vorbereitung seiner Online-Vorlesung hat sich der Ingenieur und Informatiker deshalb viele Gedanken darüber gemacht, wie er die jungen Männer und Frauen aus seiner Veranstaltung interaktiv mit einbeziehen kann. Der Experte für Maschinelles Lernen experimentierte mit einer speziellen Kombination von asynchronen und synchronen digitalen Elementen. Für seine Montagsvorlesung lud er das Video zu seiner Veranstaltung samt Folienpräsentation bereits freitags auf der Lernplattform Moodle hoch, um den Studierenden Zeit zu geben, sich mit dem Stoff vertraut zu machen. Zum Vorlesungstermin selbst wurde dann eine Audio-Spur dazu geschaltet, um die Studenten und Studentinnen an einer zweistündigen Live-Diskussion zu beteiligen. Im Vergleich zu reinen Live-Formaten hält sich dabei die Belastung für Netz und Server in Grenzen.

„Technisch hat das alles ganz gut funktioniert. Allerdings ist der Aufwand enorm. Allein für die Aufzeichnung habe ich die doppelte Zeit gebraucht wie für eine Vorlesung im Hörsaal“, erklärt Belagiannis. Online-Lehre bedeutet also nicht nur richtig viel Arbeit, sondern sie macht es auch für Studierende und Lehrende schwerer, sich richtig kennenzulernen. „Ich brauche aber den persönlichen Kontakt und das Feedback“, sagt der Stiftungsjuniorprofessor weiter. „Die meisten Studierenden in meiner Vorlesung antworten in erster Linie lieber schriftlich über die Chat-Funktion, als sich zu melden“. Um den jungen Männern und Frauen in seiner Vorlesung die Möglichkeit zu geben, auf Unterrichtsinhalte zu reagieren, nutzt er Software-Werkzeuge der Lernplattform Moodle wie Quiz-Elemente und Umfrage-Tools. Denn Response und Feedback sind ihm auch in der Online-Lehre wichtig. Aus der hervorragenden Vorlesungsevaluation – die übrigens noch besser war als im Jahr zuvor – weiß der Dozent, dass die Studierenden dieses partizipative Moment sehr zu schätzen wissen. Nicht nur die Mischung aus Vorab-Aufzeichnung und Live-Diskussion kommt laut Auswertungsbericht sehr gut an; die „Hörerschaft“ aus der Vorlesung lobt ihn auch ausdrücklich dafür, dass er sich so um eine aktive Beteiligung der Studierenden bemüht.

 

Was für die Technik eine enorme Herausforderung ist, fällt uns Menschen vergleichsweise leicht. Als soziale Wesen sind wir es gewohnt, aus der Gestik und Mimik anderer Menschen sehr viel Informationen herauszulesen.
Dr. Bellagiannis hält Vorlesung

Multi-Media kommt auch im Hörsaal gut an

Für die – mehr oder weniger coronafreie – Zukunft kann sich Juniorprofessor Vasileios Belagiannis sehr gut vorstellen, digitale Elemente und Instrumente, die sich im letzten Online-Semester bewährt haben, auch vor Ort im Hörsaal einzusetzen. Dazu gehört die Verwendung von Multi-Media-Elementen und Erklärgrafiken. „Wir arbeiten ohnehin viel mit Visualisierungen und Simulationen, die lassen sich auch prima in Präsenzveranstaltungen verwenden“, erläutert der 34-Jährige. Ein großes Problem, das die Online-Lehre nicht einfacher macht, sieht der Lehrende in juristischen Fragen und Themen wie Urheberschaft und Data Privacy. Um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein, nutzt Belagiannis nur Daten, Grafiken und Filme, die er selbst geschaffen hat. Er arbeitet dabei meist mit Open Source-Quellen und -Programmen wie Python und LaTeX. „Mir ist natürlich klar, dass das für weniger technik- und computeraffine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch eine viel größere Herausforderung ist“, meint der Forscher vom Institut für Mess-, Regel- und Mikrotechnik, der sich regelmäßig mit Kollegen über die neuesten Trends und Tools zum digitalen Unterricht austauscht.

Für die Zukunft wünscht sich der Wissenschaftler eine bessere Breitband-Verbindung, um mehr synchrone Veranstaltungen anbieten zu können. Schön fände er auch einen passwortgeschützten Lehrebereich im Uni-eigenen YouTube-Kanal, über den man Lehrvideos breiter zugänglich machen könnte. Was den Blick zurück auf das vergangene Sommersemester angeht, ist sich Juniorprofessor Vasileios Belagiannis allerdings sicher, dass weder er noch die Uni beim Sprung ins digitale Sommersemester baden gegangen sind. Einen großen Anteil daran hat in seinen Augen auch das Kommunikations- und Informationszentrum (kiz) der Uni Ulm. Bei der Umstellung auf den Open Source-basierten Online-Betrieb wurde in seinen Augen extrem gute Arbeit geleistet. „Das ist schon toll, was da an der Universität in kürzester Zeit auf die Beine gestellt worden ist. Zwar ist nicht alles perfekt, doch mit den frei verfügbaren Software-Lösungen lässt sich zu hundert Prozent Lehre machen“, findet Belagiannis. Er selbst ist jetzt für alle Fälle vorbereitet: Das Wintersemester kann kommen, in welcher Form auch immer.

Zur Person Dr. Vasileios Belagiannis

Dr. Vasileios Belagiannis im Homeoffice
Dr. Vasileios Belagiannis im Homeoffice

Dr. Vasileios Belagiannis ist seit Dezember 2018 Juniorprofessor am Institut für Mess-, Regel- und Mikrotechnik der Universität Ulm. Dort hat er die Stiftungsjuniorprofessur „Informationsfusion für das automatisierte Fahren“ inne, die vom Daimler-Fonds im Stifterverband gefördert ist. Der 1986 in Thessaloniki geborene Wissenschaftler hat an „Democritus University of Thrace“ in Xanthi sein Diplom als Ingenieur erworben. Danach wechselte er zur Technischen Universität München (TUM), wo er seinen Master in Informatik machte und danach in diesem Fach auch promovierte. Als Postdoktorand war er zwei Jahre an der Universität Oxford, und im Anschluss daran arbeitete er als Senior Researcher bei OSRAM. Belagiannis forscht an der Schnittstelle zwischen Informatik und Ingenieurwissenschaften zu Fragen der Künstlichen Intelligenz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Deep Learning, Machine Learning und Computer Vision.

Text: Andrea Weber-Tuckermann

Fotos: Elvira Eberhardt, privat

Tipps vom Profi für die Praxis

Online Unterrichten

Es gibt keine Einrichtung an der Universität Ulm, die in der digitalen Lehre so viel Erfahrung hat wie die School of Advanced Professional Studies (SAPS). Seit der Gründung der SAPS im Jahr 2011 wird bei der berufsbegleitenden Weiterbildung auf Blended Learning gesetzt, also auf eine Mischung aus Online- und Präsenzformaten. Der Geschäftsführende Direktor und SAPS-Gründer Professor Hermann Schumacher gehört an der Uni Ulm in Sachen Internet-gestützte Lehre zu den Pionieren der Universität. Vor mehr als 20 Jahren hat der ehemalige Leiter des Instituts für Elektronische Bauelemente und Schaltungen bereits mit multi-modalen und digitalen Lehrelementen experimentiert. Der erfahrene Dozent und Wissensvermittler hat für Online-Neulinge ein paar Tipps für die Praxis!

  • Ob man zuhause vorm Computer sitzt oder an der Uni im Hörsaal, macht für Studierende einen riesigen Unterschied. Online-Formate brauchen mehr Abwechslung als eine Live-Vorlesung. Nach 15 Minuten Folienkino tut ein Methoden- und Perspektivenwechsel gut. Warum nicht ein elektronisches Quiz oder eine Umfrage machen?
     
  • Aufgrund begrenzter Netz- und Serverkapazitäten setzt die Uni vor allem auf asynchrone Formate. Doch was technisch praktisch ist, hat didaktisch manchmal einen Haken: Für Studierende ist diese Form des Online-Lernens eine große Herausforderung, die ein hohes Maß an Selbstdisziplin braucht. Deshalb ist regelmäßiges Feedback besonders wichtig. Treten Sie wenigstens alle zwei Wochen mit Ihren Studierenden in Verbindung, je nachdem wie es zur Veranstaltungsform, Gruppengröße und zur Thematik passt.
     
  • Bevor Sie loslegen, beschäftigten Sie sich mit der Lernplattform! Aus guten Gründen setzt die Uni Ulm hier auf Open Source Lösungen wie Moodle und Big Blue Button (BBB). Lassen Sie sich von den digitalen Tools inspirieren! Das ist immer besser, als eine alte Vorlesung in eine digitale Form zu pressen. Überlegen Sie vorher, welches Werkzeug am besten zu Ihren Lehrinhalten passt.
     
  • Die Online-Lehre kann den Präsenzunterricht nicht ersetzen, aber bereichern! Viele Elemente und Ideen aus der digitalen Didaktik funktionieren auch analog. Etwas mehr Abwechslung und Auflockerung kann auch vor Ort im Hörsaal nicht schaden. Die Gruppengröße und Art der Veranstaltung sollte allerdings dazu passen.
  • Experimentieren Sie mit alternativen Lehrformaten wie Flipped-Classroom. Zuhause bereiten sich die Studierenden Online im Selbststudium auf die Veranstaltung vor, die kostbare Zeit in Präsenz wird genutzt zur Diskussion und thematischen Vertiefung in der Gruppe.
     
  • Suchen Sie Unterstützung! Das Zentrum für Lehrentwicklung (ZLE) hat viele didaktische Tipps für die Online-Lehre auf Lager, eine Übersicht finden Sie auf der Homepage. Im Kommunikations- und Informationszentrum (kiz) können Sie sich über Software Programme und digitale Tools zur Online-Lehre informieren.
     
  • Welche Unterrichtsformen und -materialien eignen sich am besten für welche Lernumgebungen? Mit solchen Fragen befasst sich auch der berufsbegleitende Masterstudiengang „Instruktionsdesign“, der an der SAPS gerade neu aufgebaut wird. Uni-Angehörige können hier auch einzelne Module belegen. Die Kurse sind allerdings kostenpflichtig, da sich die SAPS finanziell selbst tragen muss.

Welche Software wofür?

„Für die Online-Lehre verwende ich als Macbook-Nutzer zum Beispiel den QuickTime Player für die Bildschirm-Aufzeichnung und iMovie fürs Schneiden. Guter Ton ist für mich wichtig, daher nutze ich ein dynamisches Studio-Mikrophon. Big Blue Button funktioniert aktuell am besten mit Chrome als Webbrowser – oder mit der aktuellen Version von Edge. Für Freihandzeichnungen verwende ich Good-Notes 5 auf meinem iPad Pro. Das Tablet nutze ich auch für das BBB-Whiteboard. Für das ,Transcoding‘ von Quicktime-Videos und Datenkompression vor dem Hochladen verwende ich das Open Source Tool Handbrake, das für Windows, Mac und Linux verfügbar ist.“

Prof. Hermann Schumacher

Prof. Hermann Schumacher

Text: Andrea Weber-Tuckermann

Fotos: Elvira Eberhardt