Prof. Dr. Tony Debaerdemaeker aus der Sektion Röntgen- und Elektronenbeugung der Universität Ulm und seine Kollegen Prof. Dr. Jean-Paul Declercq (Laboratoire de Cristallographie, Université Catholique de Louvain, Louvain-la-Neuve, Belgien) und Prof. Dr. Helmut König (Abteilung Mikrobiologie der Universität Mainz, vordem Ulm) beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit der Entwicklung mathematischer Methoden für die Röntgenstrukturaufklärung biologischer Moleküle. Ihr Ziel ist, die Struktur der Oberflächenschicht von Archaebakterien aufzuklären.
Extrem thermophile methanproduzierende Archaebakterien und schwefelmetabolisierende Archaebakterien findet man in kontinentalen Solfataren (vulkanischen Ausströmungen von Schwefelgasen) wie in Island, im Yellowstone National Park oder in submarinen vulkanischen Hydrothermalsystemen (ostpazifischer Rücken), halophile Archaea in Solen, Salinen und extrem salzigen Seen wie dem Great Salt Lake oder dem Toten Meer. Über die Mechanismen, die den Archaebakterien das Leben unter Extrembedingungen ermöglichen, weiß man bisher nur wenig. Wie können ihre Zellwände den extremen Außenbedingungen von Temperatur und/oder extremen pH-Werten standhalten?
Als die amerikanische Weltraumbehörde NASA vor einigen Monaten, eher zufällig, von den Plänen der drei Forscher erfuhr, machte sie ihnen spontan das Angebot, Kristallisationsversuche im Rahmen einer der »MIR«-Missionen durchzuführen - wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil auch die NASA-Wissenschaftler gern wüßten, worauf die Stabilität der archaebakteriellen Zellhülle beruht.
Kristallisationsversuche im All haben den Vorteil, daß aufgrund der Schwerelosigkeit keine Strömungen, keine Turbulenzen im Kristallisationsgefäß entstehen können und somit eine viel bessere Keimbildung möglich ist. Außerdem bildet sich kein Sediment. Insgesamt 27 solcher Versuche der Arbeitsgruppe werden im All in einer sogenannten Doppel-Dialysezelle durchgeführt. Bei dieser Versuchsanordnung können kleinere Moleküle durch die Dialysemembran wandern und so die Übersättigung der Proteinlösung herbeiführen, die notwendig ist, um die eigentliche Kristallisation einzuleiten.
Zur Freude der Wissenschaftler hat die NASA ihnen angeboten, mit dem Abholflug eine neue Reihe von Proben mitzunehmen, so daß sie innerhalb weniger Monate gleich zweimal die Möglichkeit erhalten, Kristallisationsversuche in der MIR-Raumstation durchzuführen. Die Ergebnisse dieser Experimente könnten nicht zuletzt zu einem besseren Verständnis des Ursprungs des Lebens auf unserem Planeten beitragen und vielleicht auch Hinweise auf denkbares außerirdisches Leben geben.
Letztlich bezweckt wird die Herstellung und Erforschung neuer, elektrisch leitfähiger organischer Polymere und deren oligomerer Modellverbindungen. Mit der Entdeckung dieser leitfähigen Kunststoffe 1977 war weltweit geradezu ein Boom auf diesem Gebiet ausgebrochen - man hoffte, eines Tages sämtliche Metalle durch Kunststoffe ersetzen zu können. Nach nunmehr fast zwanzig Jahren intensiver Forschung existieren gleichwohl nur wenige kommerzielle Anwendungen, z.B. als antistatische Beschichtungen in Dokumentenfilmen oder zur Durchstrukturierung von Leiterplatten. Bäuerle bescheinigt den neuartigen Verbindungen dennoch vielversprechende Vorzüge. Anwendungen, darüber ist man sich heute in der Fachwelt einig, sind allerdings in speziellen Nischen zu suchen. So haben organische Leuchtdioden in den letzten Jahren großes Aufsehen erregt, da sie, im Unterschied zu herkömmlichen Halbleiter-Leuchtdioden, in allen Farben herstellbar sind. Sie könnten in flexiblen, großflächigen Displays oder in Flachbildschirmen Verwendung finden.
In mehreren Drittmittelprojekten im Rahmen zweier Sonderforschungsbereiche und eines BMBF-Verbundprojektes hat Bäuerle an der Universität Stuttgart intensiv mit Theoretikern seines Fachs, aber auch mit Physikern und Forschern aus der Industrie kooperiert. Im Sommersemester 1994 wurde er C3-Professor für Organische Chemie an der Universität Würzburg; ein Jahr später erreichte ihn der Ruf der Universität Ulm. Hier will er sich außer in den etablierten Pflicht- auch in Spezialvorlesungen engagieren, die, ausgerichtet auf den geplanten Schwerpunkt im Bereich der Materialwissenschaften, Grundlagenwissen und neueste Entwicklungen auf dem Gebiet der organischen Materialien und der supramolekularen Chemie vermitteln sollen.
In Ulm erwarteten Frau Bechinger mehrere Arbeitsbereiche: in der Neurologischen Klinik Dietenbronn war sie als Oberärztin tätig, in der neurologischen Poliklinik der Universität Ulm im Ambulanz- und Konsiliardienst mit den Schwerpunkten Epileptologie und Kinderneurologie.
In den folgenden Jahren setzte sie ihre Forschungen auf mehreren Gebieten fort: sie führte klinische Arbeiten zum Schlafentzugs-EEG durch, beschäftigte sich mit unentdeckten Absencen und untersuchte Kinder mit Hirnläsionen, wobei sie eine eindeutige Korrelation zwischen neuropsychologischen Defiziten und der meßbaren Größe von zerebralen Läsionen nachweisen konnte. In einer Untersuchung über die sprachliche Entwicklung von Kindern zeigte sie, daß Entwicklungsdefiziten durch Frühförderung wirksam zu begegnen ist. Ihr Interesse für diese Thematik bewog sie, sich auch bei der Vorbereitung der Logopädenausbildung in Ulm zu engagieren und am Unterricht mitzuwirken. Ihr eigenes klinisches Wissen erweiterte sie durch Hospitationen in Bern und in Köln sowie bei Phoniatern in Berlin, Hamburg und Mainz.
Trotz ihrer vielfältigen Aufgaben verbrachte sie die meiste Zeit mit der Betreuung ihrer Patienten. Dabei handelte es sich einerseits häufig um Epilepsie-Patienten mit einer Vielzahl medikamentöser, sozialer, arbeitsrechtlicher und privater Probleme, andererseits um Patienten mit frühkindlichen Hirnschäden. Eine Reihe der von ihr Behandelten blieb ihr über mehr als 20 Jahre treu.
Bernhard Kleiser
Geboren in Hagen, absolvierte Brach ihr Medizinstudium von 1981 bis 1988 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und an der Royal Postgraduate Medical School in London. 1989 in der Abteilung für Tumorpathophysiologie am Physiologischen Institut der Universität Mainz zum Dr. med. promoviert, untersuchte sie in den Folgejahren als Forschungsstipendiatin der Deutschen Krebshilfe an der Harvard Medical School in Boston die Steuerungsmechanismen beim genetischen Kopiervorgang von Tumorzellen, kehrte 1991 als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Hämatologie und Onkologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg nach Deutschland zurück und habilitierte sich 1994 in der Abteilung für Medizinische Onkologie und Angewandte Molekularbiologie im Universitätsklinikum Rudolf Virchow der Freien Universität Berlin.
Von 1992 bis zu ihrer Berufung nach Ulm Projektleiterin im SFB 1470 »Hyperthermie - Methodik und Klinik« (Projekt: »Hyperthermie-assoziierte Expression von Hitzeschockproteinen, Protoonkogenen und Zytokingenen: Signaltransduktionswege und Identifizierung relevanter Transkriptionsfaktoren«), hat sie 1995 einen Ruf auf eine C3-Professur für Molekulare Gastroentreologie an die Universität Tübingen abgelehnt. Im Mittelpunkt ihres wissenschaftlichen Interesses stehen heute die molekularen Kommunikationsprozesse bei der normalen und malignen Zellvermehrung, der Einfluß von DNS-schädigenden Substanzen und Streß-Signalen auf die Abstoßung von Zellen aus dem Gewebe und neue Perspektiven der Molekularpharmakologie und Gentherapie.
»Mithin«, warnt der Minister, »werden zunehmend die künftigen Eliten dieser Länder in ihren entscheidenden Lebensjahren von amerikanischen und immer weniger von europäischen Vorstellungen und Erfahrungen geprägt.« Diese Vorstellungen sind in unserem stark exportabhängigen Land namentlich wirtschaftlicher Natur, lebt doch Deutschland, wie von Trotha erinnert, »nicht zuletzt von seinem guten Image als Wirtschafts-, aber auch als Bildungsstandort« - wobei letzteres Image übrigens bis heute trotz der studentischen Deutschlandverdrossenheit nicht gelitten hat.
Die deutsch-japanische akademische Burse an der Universität Ulm, deren Realisierung 1993 ein Arbeitskreis von Ulmer Wissenschaftlern in Angriff genommen hatte, fügt sich in dieses Konzept nahtlos ein. Vier Stipendiaten - zwei Deutsche, zwei Japaner - wohnen im Bursenhaus in der Schwabstraße, nehmen Sprachunterricht und versuchen, ihre Forschungstätigkeit in ihrem jeweiligen Fachgebiet für die Lösung globaler Probleme fruchtbar zu machen. »Umweltschutz und Krisenmanagement« heißt das Schwerpunktthema dieses ersten Bursenjahres (1995/96). Die Stipendien werden jeweils für maximal zwei Jahre gewährt. Betreut werden die Stipendiaten von den Ulmer Professoren Dr. Jürgen Aschoff (Neurologie), Dr. Dieter Beschorner (Unternehmensplanung), Dr. Dr. h.c. mult. Theodor M. Fliedner (Klinische Physiologie und Arbeits- und Sozialmedizin), Dr. Eberhard P. Hofer (Meß-, Regel-, Mikrotechnik), Ph. D. Harold Jones (Arbeitsgruppe Laseranwendung), Dr. Wolfgang Pechhold (Angewandte Physik) und Dr. Frank Stehling (Wirtschaftswissenschaften) sowie von Dr. Renate Breuninger, Geschäftsführerin des Humboldt-Studienzentrums für Geisteswissenschaften.
Produktqualität, Wirtschaftlichkeit und flexible Anpassung an Marktveränderungen sind die Schlüsselfaktoren für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Ihre Gewährleistung setzt die Erfassung, Analyse und Optimierung der vorhandenen Strukturen voraus. Man nennt das heute »Geschäftsprozeß-Reengineering«. Dokumentation, Analyse und Modellierung von Geschäftsprozessen, das heißt von geschäftlichen bzw. produktiven Abläufen, bedürfen der Rechnerunterstützung.
Der Erfolg dieser Maßnahmen wird jedoch nur dann nachhaltig sein können, wenn es gelingt, die optimierten Prozesse anschließend durch geeignete Kommunikations- und Informationssysteme intelligent und flexibel zu unterstützen. Die Systeme müssen sich rasch und kostengünstig den jeweiligen Rahmenbedingungen anpassen lassen. In den letzten Jahren sind mit den sogenannten Workflow-Management-Systemen (WFMSen) erste Produkte auf den Markt gekommen, die - durch Trennung von Ablauf- und Anwendungslogik - einen vielversprechenden Ansatz verfolgen, da sie geänderten Prozeßbedingungen schnell angepaßt werden können.
Das Ulmer Seminar stellte grundlegende Konzepte für die Modellierung und Analyse von Geschäftsprozessen sowie für das Workflow-Management vor. Neben Vorträgen und Demonstrationen bildete die Vermittlung praktischer Kenntnisse im Umgang mit ausgewählten Systemen beider Kategorien einen Schwerpunkt.
Hermann Heimpel wurde am 29. September 1930 in Freiburg im Breisgau geboren. Das Studium der Medizin absolvierte er in Göttingen, Heidelberg, Innsbruck und Freiburg. Er promovierte über die Durchblutungsregulation der Nieren im Pharmakologischen Institut der Universität Freiburg. Nach Abschluß des Studiums arbeitete er als »Intern« in Chicago und danach in einer Landarztpraxis. Dies waren Stationen seiner Ausbildung, welche die Grundlage für sein stark patientenzentriertes Verständnis der Medizin legten und die ihn sein berufliches Leben lang bestimmten und zum breitgebildeten Internisten machten. Er war nicht nur ein außergewöhnlicher klinischer Hämatologe, sondern konnte sich durchaus kompetent über kardiologische oder endokrinologische Probleme mit seinen spezialisierten Klinikkollegen auseinandersetzen. Alle, die er in solche Dispute verwickelte, waren immer wieder verblüfft von seinem Wissen, aber vor allen Dingen von seinem analytischen Verstand und seiner Logik.
Nach Facharztausbildung und Habilitation wurde Heimpel 1969 auf eine Professur mit Leitung der Abteilung Innere Medizin und Kinderheilkunde an der Universität Ulm berufen und gleichzeitig zum Chefarzt an den Städtischen Krankenanstalten der Universität Ulm bestellt. Die von ihm geführte Abteilung entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem klinisch-hämatologischen Zentrum in Deutschland. Moderne Formen der Leukämiebehandlung wurden unter seiner Federführung erarbeitet und zusammen mit seinen Mitarbeitern zu international wegweisenden Standards entwickelt. Zu den klinischen Schwerpunkten gehört auch die Knochenmarktransplantation. Zusammen mit seinen Ulmer Kollegen Kleihauer und Fliedner und einer damals noch sehr kleinen Gruppe deutscher und europäischer Zentren etablierte er in den 80er Jahren gegen viel Skepsis dieses heute unumstrittene Therapieprinzip. Ulm wurde auch zu einem Referenzzentrum für Patienten mit aplastischer Anämie, einer seltenen, meist tödlich verlaufenden Form des Knochenmarkversagens. Heimpel war geradezu besessen von dem Bestreben, die Ursache dieser einem Hämatologen »ans Mark gehenden« Erkrankung zu erforschen. Die intelligente Analyse der klinischen Befunde seiner Patienten, kombiniert mit damals völlig neuen Labormethoden der Knochenmark-Zellkultur, halfen ihm, ein fehlreguliertes Immunsystem als wichtigen Faktor in der Entstehung der Erkrankung zu identifizieren und hochrangig publizierte Therapiestudien durchzuführen.
Heimpel war einer der ersten, die die Notwendigkeit einer Qualitätssicherung für die Weiterbildung und Patientenbetreuung erkannten. In der sogenannten »Roten Liste« wurden schon 1969 Standards für die Diagnostik und Therapie für Patienten mit hämatologischen Erkrankungen festgeschrieben. Aus ihr entstand das Standardwerk »Hämatologie in der Praxis«, in dem er zusammen mit seinen Schülern die Prinzipien der hämatologischen Diagnostik und Therapie in didaktisch gekonnter Einfachheit darstellte.
Seine wissenschaftliche Karriere begann Hermann Heimpel als Stipendiat der DFG im Jahr 1959. Mit dem konsequenten Aufbau einer modernen klinischen Hämatologie schuf er in wenigen Jahren die Grundlagen für eine hämatologische Forschung. Die Mitarbeiter der ersten Stunde erinnern sich gern an die einmalige Situation des Aufbaus hämatologischer Laboratorien in der Bäderabteilung der Klinischen Krankenanstalten in Ulm, woraus in kürzester Zeit eine der modernsten und kompetentesten hämatologischen Abteilungen in Deutschland entstand.
Es begann mit der Erstbeschreibung einer speziellen Anämieform (kongenitale dyserythropoetische Anämie) zusammen mit PD Dr. Wendt. Wissenschaftliche Projekte zu Leukämien, Agranulozytose, aplastischer Anämie und Knochenmarktransplantation machten die Ulmer Hämatologie zu einem auch international anerkannten hämatologischen Forschungszentrum. Heimpel nutzte die Chancen einer fruchtbaren wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit den Kollegen Fliedner, Kleihauer und dem damaligen Pathologen Beneke. Der über lange Zeit geförderte Sonderforschungsbereich 112 (Zellsystemphysiologie), dessen Sprecher er von 1981 bis 1983 war, war ein Ausdruck der einmaligen wissenschaftlichen Atmosphäre an der Universität Ulm. Heimpels wissenschaftliche Neugier, analytische Fähigkeiten, Offenheit und konstruktive Kritik motivierten viele seiner Mitarbeiter, selbständig Projekte zu entwickeln und durchzuführen. Er war dabei weder wissenschaftlich noch klinisch autoritär kraft seines Amtes; seine Autorität beruhte vielmehr auf fundiertem Wissen und Verstehen, gepaart mit einem fast immerwährenden Einsatz, wenn es um die Versorgung von Patienten ging.
Seine Mitarbeiter respektierten ihn nicht nur wegen seiner Autorität des Wissens, sondern auch wegen seiner Liberalität, gepaart mit dem Bedürfnis nach Ausgleich und Vermittlung. Seine Neugier und seine besondere Beobachtungsgabe verbarg er oft hinter einer abwesenden Konzentriertheit und dem Schutzschild des Zeitmangels. Da er jedoch die geistige Auseinandersetzung liebt, die Kompetition Grundmotiv seines Handelns und eine Diskussion ohne Information nicht zu gewinnen ist, hatte er Gerüchte und Informationen längst gespeichert und konnte sie dann auch mit einem gewissen Schalk und der Bemerkung, daß er Gerüchte nie beachte, ins Feld führen.
Sein Drang, Wissen zu vermitteln, seine Lust, sich und Lehrinhalte darzustellen, machten ihn zu einem exzellenten Lehrer für Studenten. Als langjähriger Mitarbeiter des Murrhardter Kreises setzte er sich für ein modernisiertes, praxisnahes Medizinstudium ein. Sein Hang zum kritischen Hinterfragen befruchtete nicht nur jüngere und ältere Mitarbeiter, sondern auch seine Kollegen in der gesamten Klinik und letztendlich in der Universität. Seine Arbeit als Dekan und später als Prorektor belegten, daß er mit seiner Art viel für das demokratische Verständnis in der Universität bewirkt hat.
Für viele Patienten, Mitarbeiter, Kollegen und Studenten wiegt der Abschied von der Person Hermann Heimpel am schwersten. Dies äußerte sich auch in den Reden anläßlich der offiziellen Verabschiedung durch die Universität und in einer mit Darbietungen von Freunden untermalten abendlichen Feierstunde. Die Beiträge dieses Abends verrieten in ihrer Spannbreite von humorvollem, teilweise respektlos spöttischem Kabarett bis hin zu sehr leisen, nachdenklichen Tönen viel von der Sympathie derer, die Hermann Heimpel begleitet haben. Sie alle werden ihn vermissen.
B. Kubanek, N. Frickhofen
Insgesamt 168 Teams aus aller Welt hatten sich um die Teilnahme an der Mission NEUROLAB der amerikanischen Weltraumbehörde NASA beworben, die der Erforschung von Entwicklung und Leistung des Nervensystems unter Schwerelosigkeit gewidmet ist. Zu den 26 von den amerikanischen National Institutes of Health (NIH) letztlich ausgewählten Experimenten gehören Horns Studien zur Entwicklung der Informationsübertragung zwischen Nervenzellen. An jungen Entwicklungsstadien der Hausgrille sollen Verhaltensweisen sowie Struktur und Eigenschaften der beteiligten Neuronen untersucht werden. Projektbeteiligt ist auch Dr. Günter Kämper aus der Abteilung Vergleichende Neurobiologie. Abheben soll NEUROLAB im März 1998.
1968/69/70: Die Universität Ulm füllt sich mit einer Generation junger wissenschaftlicher Mitarbeiter, viele mit Kindern der Jahrgänge 1966/67/68. Berlin und Heidelberg als die Zentren des Aufbruchs in dieser Zeit sind zwar fern, aber viele junge Leute an anderen Orten, so auch in Ulm, nehmen Anteil an der antiautoritären Welle, kennen Alexander Sutherland Neill und sein Summerhill, verfolgen die Bemühungen der Frankfurter Eltern um den eigenen Kinderladen und eine eigene Schule, »verschlingen« »Die Gruppe« von Horst Eberhardt Richter.
Die Ulmer »Gruppe« - darunter ideologische Wortführer mit hoher theoretischer Durchdringungskraft, dazu Mitläufer, Neugierige, Alleinerziehende, Suchende, um Gleichberechtigung von Mutter und Vater Bemühte - ist sich zumindest darin einig, daß der gesellschaftliche Aufbruch nicht an ihr vorbeigehen sollte. Von einigen wird die Gründung einer Wohnkommune ernsthaft erwogen. Aus einem Teil dieser einigen wird sich im Juli 1970 die Kleinkindergruppe bilden.
Der andere Entwicklungsstrang entstammt dem Johanneum. Technische Assistentinnen und ganztags arbeitende Wissenschaftlerinnen, zum Teil alleinerziehend, suchen eine Unterbringungsmöglichkeit für den Sproß, einen Kindergarten mit arbeitnehmerfreundlichen Öffnungszeiten. Rainer Haas, Geschäftsführer des ZKGF (Zentrum für Klinische Grundlagenforschung), organisiert ein Treffen im Hörsaal II des Klinikums auf dem Safranberg, zu dem ca. 80 Interessierte erscheinen. Auch das muß im Sommer 1970 gewesen sein.
Im Sommer 1971 gibt es zwei etablierte Elterngruppen, eine für die Kleinen, eine für die Großen. Am 1. September findet die Begehung des Hauses im Lehrer Tal mit Vertretern des Jugend-, des Gesundheits- und des Bauamtes statt, dann kann es im Oktober losgehen.
Die Gründergeneration läßt in der manchmal schmerzhaften Intensität der wöchentlichen Elternabende nicht nach. Es entstehen Probleme, die auch die Selbsterfahrungsgruppe nicht mehr aus der Welt schaffen kann. Und dennoch: das Projekt Kindergarten hat überlebt, dank der eigenen Kraft und des Zusammengehörigkeitsgefühls, dank der Bereitschaft immer neuer Eltern und sicher auch dank des nicht nachlassenden Einsatzes der Erzieherinnen, allen voran Margret Geißler. Wir hoffen, damit vor unseren Kindern bestehen zu können, und danken allen nachfolgenden Elterngruppen für die jeweils zeitgemäße Fortführung des Projektes.
Prof. Dr. Hans-Joachim Seidel
»Bekannt ist«, schreibt PD Dr. Wolfgang Koenig, Oberarzt in der von Prof. Dr. Vinzenz Hombach geleiteten Abteilung Innere Medizin II (Kardiologie, Angiologie, Pneumologie, Nephrologie) der Universität Ulm, »daß Fibrinogen eine wesentliche Rolle in der Gerinnungskaskade spielt sowie die Blutflußeigenschaften und die Thrombozytenaggregation sowie die Funktion von Endothelzellen und glatten Muskelzellen der Gefäßwand beeinflußt.« Bekannt ist auch, daß ein hoher Fibrinogenspiegel (über 300 mg/dl) als wesentlicher Risikofaktor für die Arteriosklerose und deren Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und die periphere arterielle Verschlußkrankheit einzustufen ist. Denn zäher Blutfluß infolge eines erhöhten Fibrinogenspiegels fördert die Arterienverkalkung und verstärkt die Neigung zu Blutgerinnseln (Thrombosen).
Fast 400 Spezialisten aus aller Welt fanden bei dem von den Universitäten Ulm und Tübingen gemeinsam organisierten 3. Internationalen Fibrinogen-Symposium am 3./4. Mai 1996 im Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Haus ein Forum, neueste pathophysiologische, epidemiologische und klinische Forschungsresultate über die Zusammenhänge zwischen Blutgerinnung und kardiovaskulären Erkrankungen auszutauschen. 40 eingeladene Redner und rund 140 Posterpräsentationen verzeichnete das wissenschaftliche Programm, dessen Themenspektrum in diesem Jahr um eine Reihe bisher wenig diskutierter gerinnungsfördernder Substanzen und um die Rolle entzündlicher Prozesse im Kontext von Blutgerinnung und Arterienverkalkung erweitert wurde.
Am Krankheitsprozeß ist der Gerinnungsfaktor sogar in zweierlei Weise beteiligt: Langfristig fördert das bei hohem Fibrinogenspiegel verdickte, darum zäher fließende Blut die Bildung von Ablagerungen in den Gefäßen. Ein verengtes Gefäß aber ist noch kein verschlossenes: »Die Herzkranzgefäße können extrem verengt sein«, erklärt Koenig, »so daß der Patient kaum 50 Meter weit beschwerdefrei laufen kann; und dennoch bekommt er keinen Infarkt.« Für die Bildung des Blutpfropfs und damit für das akute Infarktgeschehen zuständig ist der Gerinnungsfaktor I.
Andererseits liegt bis heute keine Studie vor, die den therapeutischen Nutzen einer langfristigen Fibrinogensenkung eindeutig belegt, vor allem auch deshalb, weil es noch kein Medikament in Tablettenform gibt, das gezielt den Fibrinogenspiegel senkt. Von mehreren Präparaten weiß man allerdings, daß sie dies im Nebeneffekt tun. Als klinisch wichtigste Substanzgruppe gelten hierbei die Fibrate, deren möglicher therapeutischer Effekt bei verschiedenen kardiovaskulären Erkrankungen unter diesen Gesichtspunkten gegenwärtig untersucht wird. Zweifellos nützlich ist der Klassiker Aspirin, und zwar in doppelter Hinsicht: zum einen wirkt Aspirin gerinnungshemmend; zum anderen sind Blutgerinnsel unter Aspirineinfluß poröser als normale Verklumpungen und können daher von körpereigenen Anti-Gerinnungsfaktoren oder entsprechenden Medikamenten leichter aufgelöst werden.
Der Gesundheitsökonom gehört in Ulm zur Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, steht aber in enger fachlicher Beziehung zu Gesundheitswissenschaften/Public Health und Medizin. Prof. Dr. Reiner Leidl (39), seit 1. April 1996 Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie der Universität Ulm, der als Student selbst im klinischen Pflegedienst gearbeitet hat, legt auf ein gutes Verhältnis zu den Medizinern besonderen Wert. Außerdem akzentuiert er die Bedeutung der empirischen Forschung als Grundlage für die Kompetenz des Gesundheitsökonomen, konkrete Situationen unter wirtschaftlichem Aspekt zu bewerten und Entscheidungshilfen für die jeweils Verantwortlichen zu liefern. Schließlich engagiert er sich seit Jahren in nationalen und internationalen Gremien für die Förderung ökonomischer und sozialwissenschaftlicher Gesundheitsforschung.
Seine wissenschaftliche Laufbahn begann Leidl, nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und der Politischen Wissenschaften in seiner Geburtsstadt München, 1980 als Assistent an der Hochschule der Bundeswehr. Er befaßte sich zunächst mit angewandter Mikroökonomie, bald jedoch speziell mit Fragen der Gesundheitsökonomie, die fortan sein Hauptarbeitsgebiet werden sollte. Nach fast zehnjähriger Tätigkeit am Institut für Medizinische Informatik und Systemforschung, Neuherberg, in der Arbeitsgruppe Sozioökonomie, die er von 1989 bis 1992 leitete - während dieser Zeit promovierte er außerdem 1987 zum Doktor der Volkswirtschaftslehre und wirkte als »Temporary Professional/Regional Officer for Health Economics« bei der Weltgesundheitsorganisation in Kopenhagen - wurde er 1992 von der Universität Limburg im niederländischen Maastricht berufen, wo er bis Ende März 1996 als Lehrstuhlinhaber für das Fach Gesundheitsökonomie und Leiter der gleichnamigen Abteilung tätig war.
Struktur- und Funktionseigenschaften eines Werkstoffs werden im allgemeinen nicht allein durch dessen innere Struktur, sondern entscheidend auch durch die Struktur seiner Oberfläche bestimmt. Als Grenzflächen des Materialinneren zur Umwelt erfüllen Oberflächen vielfach spezifische Funktionen - Katalysatoren, Antihaftbeschichtungen, Masken zur Herstellung von integrierten Schaltungen oder, in der Medizin, Beschichtungen zur Verbindung von Implantaten mit Gewebe seien hier als Beispiele genannt. Die Funktion der Oberflächen hängt kritisch von ihrer Zusammensetzung, ihrer Topologie und Morphologie und der Herstellungsweise ab.
Zahlreiche Materialien, die ihrer Volumenstruktur nach für eine bestimmte Anwendung geeignet sind, zeigen überaus unliebsame Oberflächeneigenschaften. Man versucht deshalb, die Oberflächeneigenschaften von Werkstoffen gezielt zu verändern, etwa durch Lackieren oder durch Beschichten mit Metallen oder Polymeren. So können Oberflächen zum Beispiel widerstandsfähig gegen Oxidation oder gegen Abrieb gemacht werden.
In anderen Fällen - und auf solche bezieht sich das Ulmer Projekt - ist es notwendig, Oberflächen mit speziellen Eigenschaften auszurüsten, das heißt ihre Funktion bezüglich ihrer Wechselwirkung mit der Umwelt zu beeinflussen. Die mosaikartige Beschaffenheit (Fachterminus: laterale Struktur) solcher funktionalisierten Oberflächen soll kontrolliert und so unabhängig wie möglich von den Substraten erzeugt werden.
Für die Anwendung besonders interessant sind Strukturen im Bereich zwischen 1 Nano- und 1 Mikrometer. Chemische und physikalische Untersuchungen an nanometrischen Teilchen haben ergeben, daß die Eigenschaften ihrer Oberflächen sich mitunter deutlich von den Oberflächeneigenschaften makroskopischer Körper unterscheiden. Nanostrukturierte Oberflächen können neue Eigenschaften aufweisen, die zwischen denen einzelner Moleküle und denen makroskopischer Objekte liegen.
Da die bekannten Methoden, die Eigenschaften von Oberfächen zu modifizieren, mit Ausnahme der in der Halbleiterindustrie gebräuchlichen Verfahren, wenig geeignet sind, im Nanometerbereich zu strukturieren, werden im neuen Ulmer Forschungsschwerpunkt chemische und physikalische Methoden der Funktionalisierung von Oberflächen auf der Nanometerskala und ihr Zusammenspiel erprobt. Wichtige Themen des Projekts sind Fragen der Selbstorganisation organischer Moleküle, das Wechselspiel zwischen langreichweitiger Ordnung und Nahordnung, die Interaktion funktionalisierter Polymere mit strukturierten organischen oder anorganischen Substraten und die Wechselwirkung der funktionalisierten Oberflächen mit der Umgebung.
Der Landesforschungsschwerpunkt soll Pilotfunktion für das beantragte Graduiertenkolleg zum Thema »Molekulare Organisation an Grenz- und Oberflächen« (Sprecher: Prof. Dr. Martin Möller) haben und könnte auch Ausgangspunkt für einen in Zukunft zu gründenden Sonderforschungsbereich werden.
Seit einigen Jahren bemühen sich Psychotherapeuten und Psychiater deshalb systematisch um eine korrekte Erkennung und Interpretation von Gesichtsausdrücken, analog zur Erfassung der verbalen Interaktionen. Zahlreiche Studien haben gezeigt, daß bestimmte Gesichtsausdrücke über verschiedene Kulturen hinweg bestimmten Emotionen zugeordnet werden können. Dies gilt insbesondere für die sechs sogenannten Primäraffekte: Freude, Ärger, Trauer, Überraschung, Angst und Ekel.
Das FACS ist unbestechlich und präzise, aber eminent arbeitsaufwendig und darum für den Einsatz in der psychotherapeutischen Prozeßforschung wenig geeignet. Anders läge der Fall, wenn es möglich wäre, die Geduldsarbeit der Merkmalserfassung und -auswertung einem Computer zu übertragen. Für Dr. Philippos Vanger aus der Forschungsstelle für Psychotherapie Stuttgart, der sich seit Jahren mit der Analyse von Gesichtsausdrücken beschäftigt, und Prof. Dr. Horst Kächele, in Personalunion Leiter dieser Forschungsstelle und der Abteilung Psychotherapie der Universität Ulm, schien diese Vorstellung durchaus nicht abwegig. Kächele assoziierte sogleich die positiven Erfahrungen, die er und seine Kollegen seit bald zwei Jahren mit der »Ulmer Textbank« gesammelt haben. Die von ihnen praktizierte computergestützte Speicherung und Bearbeitung von psychotherapeutischen Verbatimprotokollen gehört mittlerweile zu den Standardmethoden der Psychotherapieforschung. Und das Institut für Theoretische Physik und Synergetik der Universität Stuttgart (Leiter Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Haken), verfügt in Gestalt des synergetischen Computers über ein leistungsfähiges Instrument zur Mustererkennung. Gelänge es, dessen Konzept zu adaptieren, wären die Voraussetzungen für umfangreiche und systematische Studien der mimischen Interaktion im psychotherapeutischen Dialog geschaffen.
Daß bis heute noch keine Ulmer oder Stuttgarter »Gesichtsbank« für die Analyse des mimischen Verhaltens verfügbar ist, »liegt weniger an den multimodalen Fähigkeiten moderner Hard- und Software-Systeme, als an einer fehlenden Technologie der Mustererkennung«, erläutert Vanger. Was fehlt, ist eine effektive Auswertungs- und Bearbeitungsmethode, die therapierelevante Informationen aus der Fülle der multimedialen Daten herauszufiltern versteht.
Im anschließenden Wiedererkennungstest lag die Trefferquote des Computers bei rund 70% für die Mund- und Augenpartie und etwas niedriger für den vollständigen Gesichtsausdruck. Seine Eignungsprobe hatte der Rechner damit bestanden; um sich aber als hilfreicher Partner in der Psychotherapieforschung bewähren zu können, wird er noch lernen und reifen müssen.
Die Fehlerquelle für jene Fälle, bei denen der Computer danebentippte, könnte durch Betrachten der zweitbesten Wahl ermittelt werden: man würde dabei versuchen, die Unterschiede zu identifizieren, die jeweils für die endgültige Zuordnung ausschlaggebend sind, und könnte so die Faktoren bestimmen, die den Grad der Ähnlichkeit des Eingabemusters mit den Prototypen definieren.
Mit ihren bisherigen Resultaten haben sich die Ulmer und Stuttgarter Wissenschaftler bei der DFG in die Kategorie »förderungswürdig« eingereiht, da ihr Projekt, berichtet Vanger, »einen enormen Entwicklungsschub für die Analyse interaktioneller Prozesse erwarten läßt«. So wurden ihnen bis Mitte 1997 insgesamt rund 310.000 Mark Forschungsmittel bewilligt. In dieser Zeit soll ihr digitaler Kollege mit der Untersuchung einer analytischen Kurzzeitpsychotherapie betraut werden - und zwar einer »echten«, also nicht experimentellen Therapie, so daß die Anwendbarkeit des Verfahrens im klinischen Alltag erprobt werden kann. Im Wettstreit mit der herkömmlichen FACS-Kodierung durch einen geschulten Beobachter soll die teilautomatisierte Erkennung anhand von mimischen Standard- und Individualprototypen ihr Einfühlungsvermögen in die menschlichen Primäraffekte unter Beweis stellen.
Scholz' retrospektive Studie stützt sich auf polizeilich erfaßte Unfallanzeigen in der Stadt Ulm und im Alb-Donau-Kreis aus den Jahren 1986 bis 1991, ein Untersuchungsgebiet von fast 1500 Quadratkilometern mit rund 270.000 Einwohnern. Insgesamt 1099 Fahrradunfälle sind im Untersuchungszeitraum aktenkundig geworden - eine Dunkelziffer muß vor allem bei leichteren Unfällen angenommen werden.
In der computergestützten Auswertung der nachträglich anonymisierten Meldebögen wurden unter anderem Unfallzeit und -hergang, die Anzahl der Getöteten, Schwer- und Leichtverletzten (eingestuft nach der Dauer des Krankenhausaufenthaltes), Charakteristiken der Unfallstelle, sowie Geschlecht, Alter und Verletzungen des Radfahreres, getrennt nach Körperregionen, berücksichtigt.
Mit der technischen Beherrschung ihres Vehikels bei widrigen klimatischen Bedingungen haben diese Alltagsbiker anscheinend die geringsten Probleme, oder sie wissen zumindest, wann sie sich das Fahren nicht mehr zutrauen sollten. So ereigneten sich die registrierten Unfälle überwiegend nicht in den Monaten des nassen Herbstlaubs oder im verschneiten, vereisten Winter, sondern in den Frühlings- und Sommermonaten. Gefährlich wird es offenbar immer dann, wenn andere Verkehrsteilnehmer, besonders Autofahrer, ins Spiel kommen: 87% der Unfälle geschahen innerorts, an vielfrequentierten Verkehrsknotenpunkten. Die wesentlich selteneren Unfälle auf Bundes- und Landstraßen verliefen allerdings im Durchschnitt ernster - rund 12mal häufiger als innerorts endeten sie für den Radfahrer tödlich.
Am häufigsten aber kommt es der Ulmer Studie zufolge beim Abbiegen oder Kreuzen zum Crash - oft, weil ein Radweg eine Straße oder einen Gehweg kreuzte und der Radfahrer, wie es häufig vorgeschrieben ist, den Radweg linksseitig befuhr. Nach links abzubiegen schließlich ist für den Radfahrer geradezu lebensgefährlich: jeder fünfte der dabei verunglückten Radler wurde schwer verletzt, zwei starben an den Unfallfolgen.
Das allseits beliebte spontane Öffnen der Autotür, vorzugsweise unmittelbar neben oder auf dem Fahrradweg praktiziert, hat mit einiger Sicherheit - in Scholz' Untersuchung exakt 26mal - dazu beigetragen, daß Auffahrunfälle insgesamt Platz zwei in der Häufigkeitsstatistik der radfahrerischen Unfallformen behaupten. Daß dagegen ein Zweiradfahrer frontal mit einem anderen Verkehrsteilnehmer kollidierte, war weniger als einmal unter zehn Fällen zu beobachten und dann nicht nur auf Unachtsamkeit des Bikers, sondern zum Teil auf die Unzulänglichkeit des Radwegs zurückzuführen, wo sich die meisten dieser Zusammenstöße, vor allem an unübersichtlichen Kurven mit Hecken, Mauern oder parkenden Fahrzeugen, ereigneten - häufig auch unter Beteiligung eines Mofas.
Daß deshalb die Mißachtung des unverbindlichen Helm-Gebotes als grobe Fahrlässigkeit zu betrachten und ein Gutteil der schweren oder tödlichen Verletzungen eigentlich zu vermeiden sei, ist jedoch nicht sicher. Zwar hält ein Teil der Spezialisten eine Senkung der Schädel- und Hirnverletzungen um nahezu 90% durch konsequentes Helmtragen für möglich, Ärzte verweisen demgegenüber aber auf eklatante Mängel der derzeit gängigen Helme, die sich allerdings vorwiegend im Bereich der (ungeschützten) unteren Gesichtshälfte auswirken. Eine Helmpflicht für Radfahrer, wie sie seit längerem und noch immer kontrovers diskutiert wird, würde nach Ansicht vieler Experten vor allem den Autofahrern und ihren Versicherungen helfen, Schadensersatzansprüche abzuwehren, wenn der geschädigte Radfahrer diese Pflicht verletzt hat.
»Die hohe Unfallrate junger Verkehrsteilnehmer muß Anlaß zu Überlegungen sein, wie die Verkehrserziehung neben anderen Maßnahmen zur Unfallprävention verbessert werden kann«, resümiert der Verfasser. Spezielles Sicherheitstraining und ein konsequenter Ausbau des Radwegenetzes bilden in diesem Zusammenhang seine Hauptforderungen. Dabei versteht sich Scholz durchaus nicht als pauschaler Anwalt der Zweiradbenutzer. Riskantes Fahrverhalten, Mißachtung der Vorfahrt, Verlassen des Radwegs oder Benutzung desselben in verkehrter Richtung sind, neben dem Nichtbeheben technischer Mängel am Drahtesel (namentlich Beleuchtung und Bremsen) die gefährlichsten Unsitten der Ritter vom Stahlroß. Trunkenheit am Lenker scheint dagegen eher die Ausnahme (23 Fälle).
Das Fahrrad sei, erinnert der Autor, vor allem für die jüngeren Verkehrsteilnehmer eben auch ein Spiel- und Sportgerät. Manchen verführt dieser Umstand wohl zu entsprechender Fahrweise. Ein Autofahrer aber, der nicht vorschriftsmäßig fährt, wird lediglich angehupt - ein Radler angefahren. Daß ein PKW-Benutzer zu Schaden kommt, weil er sich auf den Radweg verirrt, dürfte die Ausnahme bleiben, wohingegen der Biker sich mit dem Verlassen des Reservats »Radweg« zum Freiwild für Raser und Rowdies erklärt: »Die Kollisionsgegner, zumeist Kraftfahrzeuge«, so informiert uns die Ulmer Studie, »gefährdeten den Radfahrer durch Mißachten der Vorfahrt an Kreuzungen, beim Abbiegen und durch unangepaßt hohe Geschwindigkeit.« -
Da das Fahrrad, unverzichtbares und ökologisch konkurrenzloses Verkehrsmittel auch der Industriezivilisation, sich seit Jahrzehnten steigender Beliebtheit erfreut, die wachsende Verkehrsdichte auf deutschen Straßen den weitgehend ungeschützten Radfahrer aber immer größeren Gefahren für Leib und Leben aussetzt, fordern Scholz und sein wissenschaftlicher Betreuer Prof. Reinhardt »die Zusammenarbeit aller Institutionen, die sich mit Verkehrsplanung, Unfallforschung und Unfallverletzungen befassen«, um den Schutz des Radfahrers zu verbessern.
Prof. Dr. Ina Rösing, Leiterin der Abteilung Anthropologie, war sechseinhalb Jahre zu Forschungszwecken, jedoch ohne Gehalt von ihren universitären Lehr- und Verwaltungsaufgaben entbunden, um ihre ethnomedizinische Forschung in den Anden durchzuführen. Seit ihrer Rückkehr im Wintersemester 1992/93 hat sie fünf Eingangsveranstaltungen über verschiedene Themen der Andenkultur angeboten, verknüpft mit dem Quechua-Anfangsstudium. Alle Studenten, die diese Veranstaltungen belegten, hat sie dabei in einem anonymen Fragebogen nach ihrer Motivation befragt. Bisher sind 59 Bögen ausgefüllt worden.
Häufiger wird Quechua als ein Kontrapunkt zum eigenen Studium verstanden. Es wird zum Beispiel belegt, »weil dies, abgesehen von anderen Sprachkursen, die einzige Möglichkeit ist, etwas an der Uni zu machen, das nicht auf irgendeine Art und Weise mit Naturwissenschaften und Medizin zu tun hat« (Teilnehmer/in aus dem Fachbereich Medizin). Zahlreiche Antworten dokumentieren das Interesse an fremden Kulturen und an Fremdem allgemein, aber auch ein spezielles Interesse an Indianern bzw. der Andenkultur (»Wie gehen nicht-technische Menschen miteinander um? Welches Weltbild haben sie? Wie wirkt es sich auf die Psyche aus, den ganzen Tag [nur] beschäftigt zu sein? Inwieweit ist Sprache wirklichkeitserzeugend? Wie reagieren die Indianer auf Europäer?« Teilnehmer[in] aus dem Fachbereich Physik). Dieses Interesse verbindet sich häufig mit dem Wunsch, am Fremden für die eigene Kultur zu lernen.
Neben ganz persönlichen (»der Vater meines Kindes ist ein Indianer«) und neben nicht-rationalen Gründen (»endlich mal eine Dozentin, die auch als Mensch interessant ist, erster Eindruck«) ist aus den freien Antworten schließlich auch ein deutlicher Grundtenor herauszuhören, der anklingt in Stichworten wie »Herausforderung« oder »Horizonterweiterung«. Und in einem Fragebogen findet sich die Begründung: »... weil ich dadurch vielleicht ein neues Vergnügen haben werde, wovon ich vorher gar nichts ahnte.«
Von den deutschen Abgeordneten beteiligten sich Willi Rothley (European Socialist Party), Hiltrud Breuer (Green Group), und Marlis Mosiek-Urbahn (European Peoples Party) an der Debatte. Zu diesem Rundtischgespräch hatte ein Konsortium europäischer Dachverbände der Patienten-Selbsthilfegruppen mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Kommission eingeladen. Hintergrund ist die Ende 1996 bevorstehende erneute Beschlußvorlage einer Richtlinie, mit der das Europäische Parlament und der Europarat endlich den Rechtsschutz für biotechnologische Erfindungen europaweit festlegen soll.
Mit seinem Eingangsreferat setzte Willi Rothley, der im Europa-Parlament als Berichterstatter über die Patentrichtlinie fungiert, sogleich ein Zeichen, indem er die Ausnutzung der Gentechnologie als potentiell größten Fortschritt für die Medizin des 21. Jahrhunderts bezeichnete. Die Möglichkeit zur Patentierung sei für die Erschließung dieses Potentials entscheidend. »Sicher ist die Richtlinie noch verbesserungsfähig, aber es wird nicht eintreten, daß menschliche DNA nicht patentierbar wird«, sagte Rothley voraus. Ablehnung der Patentrichtlinie werde die die Gentechnologie nutzende Industrie aus Europa vertreiben. Die heutigen Gegner seien sicher nicht so prinzipientreu, daß sie später deren Früchte nicht aus dem Ausland wieder importieren und bei uns zur Anwendung bringen.
Die Parlamentarier, die im März 1995 noch die erste Fassung der Richtlinie mit großer Mehrheit abgelehnt hatten, sahen sich jetzt dem Druck der Vertreter von 18,6 Millionen Betroffenen ausgesetzt, die an einer der schätzungsweise 5000 genetisch bedingten Krankheiten leiden. Die Selbsthilfegruppen, die selbst noch im letzten Frühjahr der damaligen Richtlinie absolut skeptisch gegenüberstanden, wollen jetzt die Neufassung so schnell wie möglich in geltendes Gesetz umgesetzt sehen, obwohl einer der wichtigsten strittigen Punkte, die Patentierung menschlicher Gene, nicht grundsätzlich herausgenommen wurde.
»Jahrelang haben sich unsere Familien dafür eingesetzt, daß Gelder für die Erforschung von Erbkrankheiten aufgebracht werden«, betonte Alistair Kent, der Präsident des Dachverbandes europäischer Selbsthilfegruppen. »Jetzt, nachdem mit diesen Geldern das menschliche Genom kartiert ist und man die Grundlagen der genetischen Krankheiten zu verstehen beginnt, wollen diese Familien auch den Nutzen für sich und ihre Kinder sehen. Die Anreize, welche die Richtlinie der pharmazeutischen Industrie und den Investoren geben soll, sind dafür ganz entscheidend.« Dem schloß sich Hanne Tybkjaer, Generalsekretärin der Dänischen Mukoviszidose-Vereinigung, an und warnte die Parlamentarier: »Unsere Familien sind durch einen langen Tunnel gegangen. Wir werden uns an die erinnern, die uns jetzt das Licht an dessen Ende abdrehen wollen.«
Gegen diese bemerkenswerte Liga von Vertretern aus Industrie, Patienten-Selbsthilfegruppen, Wissenschaft und dem Europäischen Parlament hatte es die Grünen-Abgeordnete Breuer nicht leicht, ihre Argumente gegen die Richtlinie aufrechtzuerhalten. »Bis heute gilt, daß nur Erfindungen patentierbar sind. Ein menschliches Gen kann man entdecken, aber nicht erfinden. Es darf also nicht Recht werden, daß jemand etwas, das unser aller Gut ist, sich patentieren lassen kann«, stellte sie beharrlich fest. Ihre Befürchtung ist, daß einzelne Firmen durch Patentierung menschlicher Gene in der Entwicklung neuer Therapieverfahren Monopolstellung einnehmen könnten.
Schließlich wurden doch auch Warnungen von seiten der Wissenschaftler an die Patientenvertreter laut, sie sollten ihre Einstellung zu der Richtlinie nochmals überdenken. In der Richtlinie werden auch andere wichtige biotechnologische Fragen geregelt, die z.B. die Züchtung von Pflanzen und Tieren betreffen.
Prof. Dr. Reinhardt Rüdel
Ein Forschungsaufenthalt des jungen Wissenschaftlers am Department of Chemistry, Yale University, New Haven, USA, (1979/80) wurde ebenso von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wie seine nachfolgenden Projekte, die sich unter anderem mit Isotopeneffekten in Carbokationen, Struktur und Stabilisierung von Carbokationen und persistenten Carbokationen beschäftigten. 1982 zum Akademischen Rat, 1993 zum apl. Professor ernannt und vom 1. Oktober 1993 bis 30. Juni 1994 als Gastdozent am Institute for Fundamental Research of Organic Chemistry der Kyushu University in Fukuoka (Japan) tätig, hat er sich auch als Gutachter und als Mitglied nationaler und internationaler Fachgesellschaften wissenschaftliche Anerkennung erworben. Im Mittelpunkt seines derzeitigen Interesses stehen neben Untersuchungen reaktiver Zwischenstufen (Carbokationen) in Supersäuren und Problemen der Organo-Silizium-Chemie auch computergestützte Berechnungen von Struktur, Energie und magnetischen Eigenschaften neuer Moleküle.
Unmittelbar unter den Flußablagerungen befinden sich Meeresablagerungen, deren Mächtigkeit zwischen 0,5 und 12 m schwankt (obere Meeresmolasse, OMM) und darunter bis zu etwa 50 m mächtige Süßwasserablagerungen (Untere Süßwassermolasse, USM). Beide Schichtpakete entstanden im Tertiär, ersteres vor etwa 19, letzteres vor etwa 22 Millionen Jahren. In den beispielsweise beim Bau der Baustufe C und der Strahlenklinik angeschnittenen OMM-Schichten konnte man Austern und Haifischzähne aufsammeln, und auf den Äckern in der Nachbarschaft des Daimler-Benz-Forschungszentrums lassen sich mit etwas Glück Kalksteinbrocken finden, die von Bohrmuscheln des Molassemeeres angebohrt sind. Die vielen Feldsteine, mit denen die am Abhang des Eselsberges gegen Herrlingen hin gelegenen Äcker übersät sind, stammen aus der USM. Sie enthalten häufig versteinerte Süßwasserschnecken. Für erhebliches Aufsehen sorgten die 1987 beim Bau der Westtangente geborgenen Skelettreste von Groß- und Kleinsäugetieren aus der USM.
Man ist geneigt zu denken, Kalkstein sei etwas relativ Uninteressantes und Eintöniges, eben weiter nichts als feinkristallines CaCO3. Schaut man jedoch genauer hin, ändert sich das Bild. Da taucht zunächst die Frage nach der Enstehung auf. Bei der Bildung der marinen Kalkablagerungen muß eine an Kalziumkarbonat (CaCO3) gesättigte bzw. schwach übersättigte wäßrige Lösung vorgelegen haben. Die Voraussetzungen hierzu waren zur Zeit des Weißen Juras erfüllt, denn das süddeutsche Schelfmeer war flach und subtropisch bis tropisch warm. Nach Süden fiel es ins offene Weltmeer ab, im Norden wurde es von Landmassen begrenzt. Für den Nachschub an gelöstem CaCO3 sorgten Strömungen aus den tieferen Bereichen des Ozeans. Die Abscheidung des Kalziumkarbonats aus dem Meerwasser war kein einfacher nur-anorganisch-chemischer Prozeß. Tatsächlich waren (und sind auch heute) eineVielzahl von Lebewesen daran beteiligt, wie beispielsweise spezielle Algen.
Über die vielfältigen Fragen, die mit den Weißjura-Riffen und -Gesteinen zusammenhängen, mit ihrem Mineralinhalt und den in geologischen Zeiträumen abgelaufenen Umwandlungs-, Lösungs- und Ionenwanderungsprozessen, wird an mehreren Universitäten gearbeitet - nur nicht an der gewissermaßen betroffenen Universität Ulm. Mit einer Ausnahme freilich: vor einigen Monaten wurde in der Sektion Röntgen- und Elektronenbeugung damit begonnen, eine Bestandsaufnahme der Minerale und Gesteine durchzuführen, die im Bereich der Ulmer Alb und insbesondere des Eselsberges vorkommen. Ein Nebenprodukt dieser Suche sind die aus kristallinem SiO2 bestehenden Skleren und ganzen Skelette der riffbauenden Kieselschwämme des Oberen Weißen Juras. Als Skleren werden Skelettelemente bzw. »Nadeln« (spicula) von Schwämmen bezeichnet. Die Schwammreste lassen sich durch Behandlung des Gesteins mit verdünnten Säuren herauspräparieren. Die filigranen Skelette und einzelnen Skleren sind von faszinierender Schönheit. Überraschend ist ihre teilweise hervorragende Erhaltung. So kann man vielfach nicht nur Oberflächenornamente, sondern auch Achsenkanäle erkennen (s. d. Abbildungen). Letztere enthielten ehemals Fäden einer organischen Substanz, um die sich innerhalb spezieller Schwammzellen die Kieselsäure als nichtkristalliner, wasserhaltiger Opal ablagerte. Überraschend war auch die Vielfalt der angetroffenen Schwammspicula.
Die mit den geborgenen verkieselten Fossilien zusammenhängenden Fragen sind offensichtlich interessant und vielschichtig. In interdisziplinärer Zusammenarbeit werden sie nun mit Paläontologen und Sedimentologen benachbarter Universitäten bearbeitet.
Ulf Thewalt
(Die REM-Aufnahmen hat Ing. grad. Gerda Dörfner angefertigt. Sie und cand. biol. Henning Werth waren an der Präparation der Schwammfragmente beteiligt. Prof. Dr. Rainer Martin danken wir für den Zugang zum Elektronenmikroskop.)
Vor einem Jahr hatte die UUG den Beschluß gefaßt, sich für einen nach dem früheren Bundeskanzler und Ulmer Abgeordneten Ludwig Erhard benannten Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik einzusetzen. Unter großem Beifall vernahm die Mitgliederversammlung von Ernst Ludwig, daß das Land Baden-Württemberg den Lehrstuhl beschlossen habe und die geforderte private Vorfinanzierung (für zehn Jahre) gesichert sei. Im Zusammenwirken mit dem Deutschen Stifterverband und der Ludwig-Erhard-Stiftung sei es gelungen, Spendenzusagen in Höhe von 2,6 Mio. DM zu erhalten. Schwerpunkte des Lehrstuhls sollen die Ordnungsprinzipien der Wirtschaft Geld und Währung sein.
1.113 Mitglieder zählt die Ulmer Universitätsgesellschaft. Diese hohe Mitgliederzahl und das damit verbundene Beitragsaufkommen bilden die Grundlage für die Arbeit der UUG. Ihr Ziel ist es, Einrichtungen und Angehörige der Universität Ulm dort zu unterstützten, wo Haushaltsmittel notwendige oder wünschenswerte Aktivitäten nicht zulassen. 752.000.-- DM wandte die UUG 1995 für die Förderung der Universität Ulm auf, wie Schatzmeister Helmut Krumscheid in seinem Finanzbericht feststellte. Eine befriedigende Finanzlage - so der Schatzmeister - ermöglichte nennenswerte finanzielle Zuwendungen wie beispielsweise: Universität Ulm 150.000.-- DM, Humboldt-Studienzentrum 130.000.-- DM, Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) 60.000.-- DM, Wissenschaftspreise 30.000.-- DM.
Der Bericht des Rektors bildet stets einen wichtigen Bestandteil der Mitgliederversammlung der Universitätsgesellschaft. Prof. Dr. Hans Wolff skizzierte die Situation der Universität Ulm, die durch Finanzkürzungen und leicht rückläufige Studentenzahlen gekennzeichnet sei. Als besorgniserregend bezeichnete der Rektor den Rückgang der Einschreibungen bei den Ingenieurwissenschaften. In wenigen Jahren fehlten der deutschen Wirtschaft die Ingenieure, ein für die Gesellschaft katastrophales Ergebnis mit negativen Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Prof. Wolff sieht die Universität Ulm im Umbruch. Die Gründergeneration der Professoren, die den hervorragenden Ruf der Universität begründeten, werde jetzt emeritiert. Jedoch sei es gelungen, mit den Neuberufenen die hohe Qualität von Forschung und Lehre zu halten.
Dr. Karl Friedrich Kirchner
In Mainz promovierte Weberling 1953 summa cum laude mit einer Arbeit über die Nebenblätter von Dikotyledonen. In seiner weiteren wissenschaftlichen Laufbahn waren die Stipeln, wie die Nebenblätter auch genannt werden, oft ein wichtiger Punkt in seinen taxonomischen Studien. Noch bevor er seine Doktorarbeit beendete, kam er mit der Infloreszenzmorphologie in Berührung, also mit dem Forschungsgebiet, für das er heute international bekannt ist. Er setzte »Die Infloreszenzen«, ein Lehrbuch seines Lehrers Wilhelm Troll, fort. In zahlreichen Studien vervollständigte und ergänzte er dessen Untersuchungen, und nach vielen Veröffentlichungen erschien 1989, etwa zehn Jahre nach dem Tod von Wilhelm Troll, ein dritter Band über Infloreszenzen: Troll & Weberling, Infloreszenzuntersuchungen an monotelen Familien.
Focko Weberling begann seine Laufbahn als Hochschullehrer 1963 in Gießen. Nach vielen Jahren an der Universität Gießen, wo er von 1973 bis 1975 auch Vizepräsident der Universität war, wurde er der erste Leiter der Abteilung Spezielle Botanik (Biologie V) an der Universität Ulm. Für viele Jahre war er auch der Sprecher der Sektion Morphologie, Anatomie und Systematik der Deutschen Botanischen Gesellschaft.
In seiner Mainzer Zeit entwickelte Weberling ein besonderes Interesse für die südamerikanische Flora. 1958 bekam er die Gelegenheit, ein Jahr am Instituto Tropical de Investigaciones Cientificas in El Salvador zu arbeiten. Zwischen 1975 und 1978 war er mehrmals an der Universidad Federaldo Rio Grande do Sul in Brasilien, um dort zu unterrichten und Feldarbeiten durchzuführen. Forschungsaufenthalte in Costa Rica, Guatemala, Honduras und Argentinien folgten. Verbindungen zu den Reichsherbarien in Leiden und Utrecht sowie den benachbarten Universitäten bestehen seit seiner Zeit an der Universität Mainz. Zum Botanischen Institut der Universität Louis Pasteur in Straßburg bestehen enge Kontakte in der Forschung (Infloreszenzmorphologie) und in der Lehre. Seit vielen Jahren führen beide Institutionen gemeinsame Kurse und Exkursionen mit gemischten Gruppen deutscher und französischer Studenten durch.
Viele Doktoranden ausländischer Kollegen arbeiteten längere Zeit bei Weberling in Ulm oder promovierten hier sogar. Die Ulmer Spezielle Botanik wurde so ein international bekanntes Zentrum der Pflanzenmorphologie, und seine eigenen Studenten hatten vielfach Gelegenheit, international führende Morphologen und Systematiker persönlich kennenzulernen, bevor sie Ulm das erste Mal verließen. Unter Weberlings mehr als 120 Publikationen sind mehrere bekannte Lehrbücher. Seine Pflanzensystematik (zusammen mit H.O. Schwantes) hat inzwischen die 6. Auflage erreicht und wurde auch ins Spanische und Portugiesische übersetzt. Die Morphologie der Blüten und Blütenstände ist inzwischen auch in Englisch erhältlich (Morphology of the flowers and inflorescences). Zusammen mit G. Kümmel schrieb er mehrere Beiträge für »Biologie«, das Lehrbuch von Czihak, Langer und Ziegler, und mit seinem früheren Schüler Stützel publizierte er »Biologische Systematik, Grundlagen und Methoden«.
Eine schwere Zeit begann für Weberling, als sich herausstellte, daß seine Frau Dorothea, mit der er seit 1955 verheiratet war, an Krebs litt. Als sie 1988 starb, war dies ein schwerer Schlag und ein großer Verlust auch für alle Freunde der Familie und viele Studenten, die manche Stunde zusammen mit auswärtigen Besuchern im Hause Weberling in Erbach verbracht hatten. Ende 1989 heiratete Focko Weberling wieder. Seine zweite Frau Hannelore war eine Freundin der Familie seit vielen Jahren. Sie half ihm, sich wieder zu erholen, und mit neuem Elan setzte er seine Studien in der Infloreszenzmorphologie fort. Seit 1992 ist Focko Weberling emeritiert. Er ist mit seiner Arbeitsgruppe in die Liststraße umgezogen und unterstützt den Aufbau eines Zentrums für Biosystematik, in dem botanische und zoologische Taxonomen kooperieren sollen. In seiner Arbeitsgruppe Biosystematik setzt er seine morphologischen und taxonomischen Forschungen fort.
Focko Weberling wurde von verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften und Organisationen geehrt. Er wurde 1978 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, seit 1983 ist er korrespondierendes Mitglied der Königlichen Niederländischen Botanischen Gesellschaft. 1983 erhielt er die Medaille der Akademie der Wissenschaften von Cordoba (Argentinien) und bekam zur selben Zeit den Status eines Visiting Professors an der Universidad Litoral Santa Fe. Focko Weberling ist Mitherausgeber verschiedener botanischer Zeitschriften. Seit 1978 ist er Mitglied des Editorial board der »Flora« (Halle) und von »Plant Systematics and Evolution« (Wien). 1988 wurde er Mitglied des Editorial boards von »Blumea« (Leiden), und seit 1982 ist er einer der drei Herausgeber der »Beiträge zur Biologie der Pflanzen«.
Kollegen, Freunde, ehemalige und heutige Schüler haben ihm anläßlich seines Geburtstages Publikationen gewidmet, die im Gegensatz zu den sonst üblichen Verspätungen bei Festschriften pünktlich zu seinem Geburtstag in der angesehenen Zeitschrift »Feddes Repertorium« (Berlin) erschienen sind. Die Autoren und viele andere, die nicht in diesem Band repräsentiert sein konnten, wünschen dem Jubilar viele weitere glückliche und erfolgreiche Jahre sowohl in der Forschung als auch in seiner Familie.
Thomas Stützel
Nach Erkenntnissen des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften an der Universität Ulm gilt dieser Befund für die Lebensversicherungswirtschaft am deutlichsten. Den Grund dafür liefert der Strukturwandel (Deregulierung) in dieser Branche, in der seit Juli 1994 freier Wettbewerb stattfindet. Vorher hatte das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen allen Lebensversicherungsunternehmen die Kalkulation der Beiträge einheitlich vorgeschrieben. Folge: für die gleiche Versicherungsleistung verlangten alle Unternehmen nahezu identische Preise. Im Zuge des neuen Preis-, Bedingungs- und Kostenwettbewerbs können die Unternehmen selbst kalkulieren. Das ist nicht ganz ungefährlich. Geht es doch darum sicherzustellen, daß die äußerst langfristig, oft über Laufzeiten von mehreren Jahrzehnten abgeschlossenen Lebensversicherungsverträge im Sinne der Kunden auch tatsächlich und sicher erfüllt werden können.
Verläßliche Aussagen hierüber können aber nur besonders versierte Fachleute treffen. Deshalb schreibt das Gesetz vor, daß jedes Lebensversicherungsunternehmen einen »verantwortlichen Aktuar« zu bestellen hat. Er muß dafür Sorge tragen, daß die Rechnung auch langfristig aufgeht, daß alle Verträge auch langfristig erfüllt werden können. Eine Vielzahl unterschiedlichster Einflußfaktoren sind dabei zu berücksichtigen. So die Art, wie die Gelder der Versicherten angelegt werden, mit welchen Fristen und in welcher Form. Während der Aktuar in Ländern wie Großbritannien diese große Bedeutung schon seit langem hat - es gibt dort ca. 10.000 Aktuare - ist dies für Deutschland neu. Folglich geht diese neue Aufwertung des Spezialberufes Aktuar bei uns mit einem deutlichen Mangel an solchen Fachleuten einher.
Was muß man tun, um die Laufbahn des Aktuars einschlagen zu können? Hierzu hat die Deutsche Aktuarvereinigung präzise Ausbildungsanforderungen festgelegt. Insbesondere sind dafür spezifische Qualifikationsprüfungen abzulegen. Die Universität Ulm ist bisher die einzige deutsche Hochschule, die Aktuarwissenschaften innerhalb des Studiengangs Wirtschaftsmathematik anbietet und es damit den Studenten ermöglicht, die Prüfungen im aktuariellen Grundwissen bereits während des Studiums abzulegen - ohne Verlängerung des Studiums, wenn die Studenten den Vertiefungsschwerpunkt Finanzdienstleistungen/Aktuarwissenschaft wählen. Der Ulmer Studiengang Wirtschaftsmathematik wurde schon früh als Basis für eine solche Spezialisierung ausgerichtet.
Zusätzlich schreibt die Deutsche Aktuarvereinigung eine berufsbegleitende Qualifikationsprüfung vor, die erst nach Abschluß des Diploms und einigen Jahren praktischer Erfahrung abgelegt werden kann. Auch hierfür hat die Universität Ulm vorgesorgt: sie bietet Kurse zur beruflichen Weiterbildung an. Das war sie auch ihren vielen, heute vorwiegend in der Versicherungswirtschaft tätigen Absolventen schuldig, die Bedarf an solchen Qualifizierungsmöglichkeiten anmeldeten. Zu diesem Zweck wurde an der Universität Ulm das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften gegründet. Mit seiner satzungsgemäßen Aufgabe der beruflichen Weiterbildung von Aktuaren ist es das einzige Institut dieser Art in Deutschland.
In ihrer Untersuchung hatten die Wissenschaftler ihre Probanden zwei Fragebögen ausfüllen lassen - einen zur Arzt-Patienten-Beziehung und einen zum Thema »Todesangst«. Das so gewonnene Datenmaterial werteten sie anschließend statistisch aus, verglichen die Häufigkeitsverteilungen der Antworten in beiden Teilnehmergruppen und setzten die Antworten der beiden Bögen zueinander in Beziehung. Demnach steht für beide Studentengruppen gleichermaßen der Patient im Mittelpunkt der therapeutischen Beziehung, beide Gruppen orientieren sich in ihrer Haltung an der ärztlichen Standesethik, und keine der beiden Gruppen nimmt die Konfrontation mit unheilbaren Patienten auf die leichte Schulter. Schwierigkeiten im Umgang mit Todkranken, auch das wurde in der Auswertung deutlich, stehen in engem Zusammenhang zur Angst des Mediziners vor dem eigenen Tod.
Auf dem gemeinsamen Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGMP) und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS), der vom 29. bis 31. Mai 1996 in Leipzig stattfand, haben die Ulmer ihre Resultate der Fachöffentlichkeit vorgestellt. Ihr Poster »Medizinstudium - doch keine Ausbildung zum Zyniker«, mitgestaltet von der Ulmer Künstlerin Anna Eschenko, wurde dabei unter insgesamt 76 Posterbeiträgen mit dem 3. Preis ausgezeichnet.
Einhellige Meinung aller anwesenden Experten war es, daß die von J.P. Morgan als »Risk-Metrics« öffentlich bereitgestellten Risikodaten für Wertpapiere, Währung etc. das einzige System sind, das zur Zeit eine aktuelle und ausreichend breite Datenbasis liefert, wie sie für eine fortlaufende Kontrolle im Kapitalanlagebereich in der Praxis notwendig ist.
Der Workshop, der eine Reihe neuester Forschungsergebnisse erstmalig öffentlich diskutierte, erwies sich vor allem deshalb als sehr fruchtbar, weil er Fachleute aus verschiedenen Bereichen (Banken, Versicherungen, Risikotheorie u.a.) zusammenbrachte. Ganz konsequent ergeben sich mehrere neue Projekte zur Weiterentwicklung eines idealtypischen, realisierbaren Risikokonzeptes bei Finanzinstitutionen.
Dr. Hans-Joachim Zwiesler