Der lehrreiche biometrische Grusel stand auf dem Darbietungsprogramm, als Prof. Dr. Wilhelm Gaus, Leiter der Abteilung Biometrie und Medizinische Dokumentation der Universität Ulm, am 17. September 1997 auf dem Oberen Eselsberg in Ulm der Öffentlichkeit die thematischen Brennpunkte der gerade von ihm präsidierten Tagung vorstellte. Wer da tagte, war die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), die, 1955 gegründet, die von ihr vertretenen Fächer in Theorie und Anwendung, in Forschung und Lehre fördert. Sie verleiht wissenschaftliche Preise (Paul-Martini-Preis, Johann-Peter-Süßmilch-Medaille, Förderpreis für Studierende), behandelt Fragen der Standardisierung und Normung, unterstützt Aus-, Fort- und Weiterbildung und versammelt sich alljährlich - 1997 vom 15. bis 18. September in Ulm - zum Wissens- und Erfahrungsaustausch.
Die Medizinische Informatik versteht sich wie Biometrie und Epidemiologie als Ancilla medicinae, als Zuarbeiterin der Medizin - dies mit gesundem Selbstbewußtsein, sind ihr doch so wichtige und nachhaltige Fortschritte wie die Computertomographie oder die individuelle Bestrahlungsplanung zu verdanken. Medizinische Informatik betreiben heißt moderne Datenverarbeitung auf medizinische Fragestellungen anwenden. Unter Biometrie verstehen wir die Beschreibung und Beurteilung biologischer Vorgänge durch mathematische Modelle. Gegenstand und Ziel der Epidemiologie sind Verhütung und Früherkennung von Krankheiten sowie alle Aspekte des öffentlichen Gesundheitswesens (Public Health).
Das Neuroblastom, ein Tumor des sympathischen Nervensystems, ist mit einer Gesamthäufigkeit von 1:100.000 in der Altersgruppe der unter 15jährigen der zweithäufigste Tumor des Kindesalters. In Deutschland erkrankten zwischen 1991 und 1994 im Schnitt jährlich 131 Kinder. Jeder zweite dieser Tumoren wurde in den ersten beiden Lebensjahren entdeckt. Dies ist eine onkologisch wenig befriedigende Bilanz, denn Neuroblastompatienten, die zum Zeitpunkt der Diagnose jünger als 12 Monate sind, haben deutlich bessere Überlebenschancen als ältere Kinder. Außerdem ist die Prognose eng mit dem Schweregrad verknüpft. Die niedrigen Stadien (1 und 2) haben mit 90-95% eine deutlich höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als das fortgeschrittene Stadium 4 mit nur ca. 10-20%. Für die fortgeschrittenen Tumoren hat sich in den letzten Jahrzehnten trotz Therapieintensivierung die Prognose nicht wesentlich verbessert.
Eine Eigenart des Neuroblastoms besteht darin, daß es Hormone produziert. Deren Abbauprodukte wiederum, Vanillemandelsäure und Homovanillinsäure, lassen sich einfach und sicher sowohl in flüssigem als auch in getrocknetem Urin nachweisen und eignen sich daher als Marker zur Früherkennung des Tumors. In Japan wurde schon 1972 die erste Machbarkeitsstudie für ein Neuroblastom-Screening aufgelegt. Deutsche Pilotstudien in Hamburg und Stuttgart sowie im Raum Niedersachsen/Nordrhein-Westfalen folgten mit hoffnungsvollen Resultaten. Bisher sind aber die Fallzahlen noch zu klein, um eine Senkung der Mortalität als Ergebnis des Screenings eindeutig belegen zu können.
Das jetzige Projekt - finanziert wird es von den gesetzlichen Krankenkassen, den privaten Krankenversicherungen und der Deutschen Krebshilfe als Projektträgerin - deckt rund die Hälfte der Bevölkerung im Bundesgebiet ab. Die an der Studie nicht beteiligten Länder bilden die Kontrollregion. Etwa 1,25 Mio. Kinder sollen untersucht und beobachtet werden, wobei die erwartete Beteiligungsrate von 80% bisher allerdings erst zu drei Vierteln erreicht wurde.
Den Nutzen der Mühen teilen sich zunächst Pharmahersteller, Krankenkassen und Patienten. Dem Fabrikanten winkt bei positivem Studienergebnis die Zulassung seines Arzneimittels, die Kassen berufen sich in Fragen der Finanzierung von Therapien auf die Studienergebnisse, und der Patient erhält ein umfassend geprüftes Produkt. Als nicht unwichtiger Nebeneffekt entstehen außerdem Arbeitsplätze, da viele Pharma-Unternehmen die Studien nicht selbst durchführen wollen bzw. können und entsprechend spezialisierte neu gegründete Firmen damit beauftragen. Schließlich erhält auch die medizinische Wissenschaft neue Impulse, zum Beispiel Hinweise auf den Wirkmechanismus pharmakologischer Substanzen.
Die Bezeichnung »gläserner Mensch« stammt diesem Experten zufolge übrigens ursprünglich aus Dresden, aus dem dortigen weltbekannten Hygienemuseum, wo die »gläserne Frau« schon seit langen Jahren zu den Attraktionen gehört. Die Dresdener Dame mit der gläsernen Haut dient als Lehrmittel, an dem sich das anatomische Innenleben des Menschen studieren läßt - so, wie die Hamburger Biometriker es an den Querschittfotos der Mörderleiche tun.
Die Unterscheidungs- und Erkennungsleistung für Schallwellen ist beim Menschen und anderen Säugetieren hochdifferenziert. In mehreren Stationen der aufsteigenden Hörbahn des Gehirns werden die von den Ohren als Meßfühlern des Hörsystems aufgefangenen und weitergeleiteten Schallwellen verarbeitet und schließlich einer Analyse durch das Vorderhirn zugänglich gemacht. Die definitive Unterscheidungs- und Erkennungsleistung über die bloße Wahrnehmung und durch Schall ausgelöste Reflexe hinaus ist eine Funktion der Hörrinde, des sogenannten auditorischen Cortex. Daß für die bewußte Registrierung und Verarbeitung von akustischen Reizen eine höhere neuronale Kompetenz erforderlich ist, daß die reine Schalldetektion allein nicht genügt, lehrt uns ja schon unsere tägliche Erfahrung. Wir alle kennen die Situation, daß zwar ein Schallreiz vorliegt, der von unseren Ohren auch aufgenommen wird, daß uns die damit verbundene Information aber nicht erreicht, ja daß uns noch nicht einmal die bewußte Registrierung des Schallmusters gelingt, weil unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, einem anderen Gegenstand oder Vorgang exklusiv zugewendet ist.
Aus Ulm war eine Arbeitsgruppe unter Prof. Dr. Günter Ehret, Abteilung Vergleichende Neurobiologie der Universität Ulm, an den hier angesprochenen Untersuchungen beteiligt, die von der Human Frontier Science Program Organization in Straßburg drei Jahre lang gefördert worden sind. Das Ziel bestand darin, Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der funktionellen Organisation der Hörrinde von Säugetieren verschiedener evolutionärer Entwicklungsränge nachzuspüren. Insgesamt zeigten sich dabei hochgradige Übereinstimmungen bei den Funktionen, Arbeitsprinzipien und Leistungen der Hörrinde über verschiedene Evolutionsstufen hinweg bis zum Menschen. Zwar kann man menschliche Probanden nicht denselben Versuchsanordnungen unterwerfen wie Tiermodelle. So können beispielsweise die für die hier durchgeführten Untersuchungen außerordentlich wichtigen, ja unverzichtbaren elektrischen Ableitungen mit Mikroelektroden aus Gehirnarealen nicht in Betracht kommen. Dennoch hat sich beispielsweise in vergleichenden magnetenzephalographischen Studien zeigen lassen, daß die neuronale Grundorganisation wie auch die Funktionsprinzipien des auditorischen Cortex beim Menschen und anderen Säugetieren elementare Übereinstimmungen aufweisen, menschliches Hören und Verstehen daher am Tiermodell untersucht werden kann.
Neben dieser Tonotopie - man könnte auch von einer Frequenz-Topographie sprechen - ist im primären Hörfeld von mindestens acht weiteren räumlich geordneten Antwortfunktionen der Nervenzellen auszugehen. Dazu gehören zum Beispiel die Frequenztrennschärfe, die Tonhöhensynchronisation, der sogenannte Dynamikbereich und die Antwortlatenz. Mit Tonhöhensynchronisation wird die neuronale Fähigkeit bezeichnet, eine die Schallquelle charakterisierende Grundfrequenz erkennen zu können, unabhängig davon, wie der Schall im Frequenzbereich genau zusammengesetzt ist. Der Dynamikbereich auf der Ebene der Hörrinde beschreibt die Skala der Schallintensität von der Hörschwelle bis zur Schmerzgrenze, innerhalb deren der Höreindruck für Schallmuster konstant, die Schallmusteranalysen von der Lautstärke unabhängig bleiben. Da alle diese neuronalen Antworteigenschaften bzw. Abbildungen des akustischen Reizes etwa senkrecht auf der Frequenzachse stehen, bauen die Neuronen im primären Hörfeld einen mehrdimensionalen Erregungsraum auf. Wie es zu dieser räumlichen Konfiguration der neuronalen Erregungsabbildung kommt, wie das Gehirn diese strukturelle Ordnung erzeugt, ist noch völlig unverstanden.
Komplementär zu der mit Ableitelektroden darstellbaren räumlichen Konfiguration der neuronalen Reizantworten läßt sich mit Hilfe von spannungsempfindlichen Fluoreszenzfarbstoffen eine hohe zeitliche Auflösung erzielen. Die Farbstoffe werden auf die Gehirnoberfläche aufgetragen. Wenn durch Schallsignale an einer bestimmten Stelle im Gehirn neuronale Aktivität ausgelöst und die Spannung verändert werden, verändert sich dementsprechend die Fluoreszenz des Farbstoffs. Das damit gegebene optische Signal läßt sich aufzeichnen und analysieren. Mittels dieser Methode wurde am primären Hörfeld des Meerschweinchens eine wichtige Entdeckung gemacht: daß auf eine Erregung an einer bestimmten Stelle eine Hemmung folgt, auf einen »Hotspot« ein »Coolspot«. Für ein und denselben Laut ist der zunächst aktive Bereich eine bestimmte Zeitlang nicht mehr erregbar, wohl aber für andere Laute, durch die ein neues Aktivitätsmuster aufgebaut werden kann. Die Wissenschaftler schließen daraus, daß bei der Schallwahrnehmung in der Hörrinde ein Rhythmus in der Verteilung von Hotspots und Coolspots entsteht, in dem sich der Zeitverlauf des Signals abbildet. Mit Hilfe von Aktivitätsdarstellungen des Gehirns gelang es auch zu zeigen, daß die neuronalen Reaktionen auf akustische Reize variieren können. Wenn ein Tier bestimmte Schallmuster hören lernt, ergeben sich im Lauf der Zeit Veränderungen im Erregungsmuster des primären Hörfeldes. Wiederholtes aufmerksames Zuhören verändert die neuronale Verarbeitung, die Erregungsmuster zeigen eine erfahrungsabhängige Dynamik.
Die Kompetenz-Verteilung zwischen dem primären und höheren Feldern der Hörrinde wird durch Untersuchungen an der echoortenden Schnurrbart-Fledermaus, Pteronotus, besonders deutlich. In einem seiner vier höheren Hörfelder registriert Pteronotus die Relativgeschwindigkeit zwischen sich selbst und seinem Beuteobjekt. In zwei weiteren Feldern werden Ortungslaut und Echo sowie die dazwischenliegende Zeitdifferenz durch örtliche Hotspots abgebildet. Deren Topographie charakterisiert Abstände zwischen 7 und 310 Zentimetern, die den Aktionsraum der Fledermaus begrenzen. Im vierten Feld wird der horizontale Raumwinkel, aus dem das Echo vom Beuteobjekt zurückkommt, durch örtliche Erregung angezeigt. Aus der Summe und der zeitlichen Abfolge der Aktivitätsverteilungen in den Feldern über dem primären Hörfeld ergibt sich für die Fledermaus ein sehr genaues Bild vom Beuteobjekt und seiner Lage im Raum, so daß die Jägerin ihr Flugverhalten bis zum Fang der Beute optimal regulieren kann. - Auch in der Fortführung der Ulmer Arbeiten über die funktionalen Strukturen des Hörcortex wird den Fledermäusen eine zentrale Rolle zufallen.
(Ein wesentlicher Teil der Ergebnisse der von der Human Frontier Science Program Organization geförderten Forschungsprojekte zum Hörcortex von Säugetieren hat sich in 13 Publikationen niedergeschlagen, die in einem Sonderheft der Zeitschrift »Journal of Comparative Physiology A« veröffentlicht werden.)
Als besonderes Verdienst halten sich Schumacher und sein Team demgegenüber zugute, Multimedia nicht als Selbstzweck zu zelebrieren, sondern die attraktive Präsentationsform mit solidem Sachinhalt gefüllt zu haben - am ausgereiftesten bisher im »Multimedia-Skript« der Abteilung Mikrowellentechnik und im Hypermedia-Tutorium »Elektronische Schaltungen« (Autoren: Schumacher, Birk und Akad. Rat Dipl.-Ing. Andreas Trasser), das wir unseren Lesern bereits in »uni ulm intern« Nr. 205 vorgestellt haben. Angeboten erstmals im Sommersemester 1996, führt es den Studenten mit Vorlesungsskript plus Kontrollfragen plus Auswertung in die Materie ein und - mittels einer Vielzahl »explorativer« Komponenten wie Hyperlinks auf Seiten mit relevanter Zusatzinformation und des »virtuellen Praktikums«, wo sich das Verhalten von Bauelementen und Schaltungen in graphischer Darstellung laborgetreu simulieren läßt - über den passiven Wissenserwerb hinaus zu einer aktiven Aneignung des Stoffes.
Was Berlin betrifft, so ist die Taktik der Ingenieurwissenschaftler aufgegangen. Während der neun Messetage absolvierten Birk und Gustrau 36 Einzelgespräche inclusive ausführlicher Demonstrationen: mit Dozenten und Schülern, Vertretern von Industrie und Medien aus aller Herren Länder. Oft kam die Rede auch konkret auf die Möglichkeiten eines Studiums in Ulm - womit nicht nur das Studium der Elektrotechnik gemeint war.
An der Schnittstelle zwischen Bio- und Atmosphäre, im Kronendach tropischer Wälder, wo sich eine erstaunliche Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten konzentriert, werden Weichen des »global change«, der weltweiten Klimaveränderungen, gestellt. Mit COPAS, einem dreidimensional operierenden Seilbahnsystem, hat die Abteilung Spezielle Botanik (Leiter Prof. Dr. Gerhard Gottsberger) der Wissenschaft den Zugang zu diesem interessanten Forschungsgebiet erschlossen. Das »Canopy Operation Permanent Access System« ermöglicht vielseitige Forschungsarbeiten in ausgedehnten Arealen des Kronenbereichs bei minimaler Beeinflussung des Ökosystems durch die wissenschaftlichen Aktivitäten.
Individuelle Erfolgskontrolle und laborgetreue Simulationen nennt Dipl.-Ing. Martin Birk als herausragende Leistungsmerkmale der ausgefeilten Hypermedia-Konzepte, die, maßgeblich auf Initiative von Prof. Hermann Schumacher (Abteilung Elektronische Bauelemente und Schaltungen), an der Universität Ulm bereits seit mehr als einem Jahr in der Ingenieurausbildung eingesetzt werden. Interaktive Lehrmethoden helfen unter anderem den Studierenden der Elektrotechnik, ein intuitives Verständnis für den Stoff zu entwickeln sowie anhand des Vergleichs realitätsnaher Simulationen mit den in der Vorlesung hergeleiteten Näherungsformeln die praktischen Grenzen analytischer Formeln erkennen zu lernen.
Als Errungenschaft neuesten Datums präsentierte sich der am 23. Juli 1997 gegründete »BioRegioUlm-Förderverein Biotechnologie e.V.«. BioRegioUlm unterstützt die Zusammenarbeit zwischen Universität und Unternehmen auf dem Gebiet der Biotechnologie, vermittelt Kontakte zwischen Unternehmen und Nachwuchswissenschaftlern, berät und begleitet einschlägige Unternehmensgründer und setzt sich dafür ein, die gesetzlichen Rahmenbedingungen wie auch das Image der Biotechnologie in der Öffentlichkeit zu verbessern. Erster Ankerpunkt für Interessenten und Ratsuchende ist die BioRegio-e.V.-Koordinierungsstelle unter Dr. Gabriele Gröger, an der Universität zu erreichen unter der Rufnummer 50-22004.
Das mag nun zwar ein sicheres Vorgehen sein, vom Arbeitsaufwand her allerdings ist es unpraktikabel. Kein Lehrer würde einen Aufsatz buchstabenweise korrigieren - er liest vielmehr im Zusammenhang, erkennt zum Beispiel auf den ersten Blick das Fragezeichen am Satzende, mit dem bestimmte Varianten der Wortstellung im Satz von vornherein ausgeschlossen werden. Solche »ganzheitliche« Betrachtungsweisen sind bisher bekanntlich nicht die Stärke von Rechnern. Die existierenden Maschinen zur maschinensprachlichen »Aufsatzkorrektur« können aber immerhin bei jedem Teilschritt ein paar Programmbuchstaben vorauslesen (wobei der »Buchstabe« einer Programmiersprache nicht exakt mit dem Buchstaben der natürlichen Sprache gleichzusetzen ist, was wir aber an dieser Stelle vernachlässigen dürfen).
Bevor also ein Programm auf seine Grammatikalität überprüft werden kann, muß zunächst einmal die zugrunde liegende Grammatik auf ihre LR(k)-Eigenschaft hin überprüft werden. Da es nun theoretisch unendlich viele solcher Grammatiken gibt, stellt sich zuallererst die Frage, ob es überhaupt möglich ist, in endlicher Zeit die LR(k)-Eigenschaft einer beliebigen Grammatik festzustellen beziehungsweise auszuschließen. Denn so einfach der Test für ein gegebenes konstantes »k« durchzuführen ist, wenn also die Frage beispielsweise nur lautet: »Ist diese Grammatik LR(5)?«, so problematisch wird sie in der Verallgemeinerung, das heißt, wenn »k« ein Teil der Eingabe ist. Bei sämtlichen bisher bekannten Algorithmen können die notwendigen Rechenoperationen, wenn die Paare »Grammatik + k« bestimmte Werte annehmen, derart umfangreich werden, daß der Computer Jahre dafür brauchen würde, weil der Zeitaufwand mit wachsender Komplexität des Problems nicht polynomial - stetig, aber langsam - ansteigt, sondern exponentiell, weil er geradezu explodiert.
Es würde schon genügen, erklärt Karg, wenn man einen Algorithmus fände, der das LR(k)-Problem für diesen »gleichverteilten« Durchschnittsfall in angemessener Zeit bewältigt; denn - und das ist es, was er in seinem Konferenzbeitrag nachgewiesen hat - dieser seinerseits vom Rechner erzeugte Durchschnittsfall ist repräsentativ. Jener Algorithmus könnte darum auf die Lösung einer Vielzahl von Problemen angewendet werden, für die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein schnelles, sprich: Polynomialzeit-Berechnungsverfahren existiert, darunter das aus zahlreichen Anwendungen bekannte »Travelling-Salesman-Problem«.
Im Griff hat man die LR(k)-Kiste leider trotzdem nicht. Den schnellen LR(k)-Test-Algorithmus gibt es noch nicht, und Fachleute bezweifeln, daß es ihn je geben wird. Karg konnte seinen Nachweis nur führen, indem er, von herkömmlichen Algorithmen ausgehend, deren Durchführung in einem sogenannten nichtdeterministischen Rechenverfahren theoretisch simulierte. Könnte man Computern das nichtdeterministische Rechnen beibringen, dann ließe sich sogar auf den effizienten Algorithmus verzichten. Ohne Nicht-Determinismus aber bleibt der schnelle LR(k)-Test eine, wenn auch gedanklich mögliche, Idealvorstellung. Den Traum vom nichtdeterministischen Rechner träumen die Informatiker übrigens seit mittlerweile 25 Jahren. Bis heute blieb er informatische Theorie.
In Illinois hatte sich bewahrheitet, was Koenen und seine Institutskollegen seit längerer Zeit ahnten und heimlich hofften: daß es nämlich möglich sein würde, die probenschonende Zusatzausstattung für Rasterkraftmikroskope einschließlich Installation und Einweisung kommerziell an den Mann zu bringen. Ein Problem der konventionellen Rasterkraftmikroskopie besteht darin, daß die beim Abrastern auftretenden Scherkräfte zu Beschädigungen empfindlicher Probenoberflächen führen können. Dem begegnete zunächst der »Tapping Mode«, bei dem die Mikroskopspitze über einen Federbalken auf und ab bewegt, die Probe also gleichsam abgetupft wird. Diese Tapping genannte Auf- und Ab-Bewegung läßt sich aber nicht steuern. Der Ulmer Pulsed Force Mode hingegen, Martis Weiterentwicklung, gewährleistet kontrollierte periodische Kontakte zwischen Mikroskopspitze und Probe. Die Amerikaner wollten sich nicht mit Erklärungen begnügen, sondern orderten den handgefertigten Ulmer Prototyp zum käuflichen Erwerb. Wie sie, kalkuliert Koenen, werden sich auch in Deutschland bald zahlreiche Hochschulen und Hersteller zum Kauf des Ergänzungssystems entschließen.
Von der Idee allein kann die innovativste GmbH nicht leben, schon gar nicht, wenn sie sich auf Herstellung, Installation und Betreuung anspruchsvoller physikalischer Apparaturen spezialisiert hat. Am 1. Oktober ist der Jungunternehmer unter öffentliche Fittiche genommen worden: im Rahmen des baden-württembergischen Förderprogramms »Junge Innovatoren«, das Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium gemeinsam speziell für Existenzgründungen aus den Landesuniversitäten aufgelegt haben. Das Programm erleichtert den Nachwuchsunternehmern den Absprung, indem es sie für eine Übergangsphase als Teilzeitbeschäftigte an ihrer Hochschule finanziert. Die WITec darf institutseigene Apparate mitbenutzen und kann dadurch die Einstiegsinvestitionen zeitlich strecken.
Mit dem Graduierten-Studiengang Communications Technology spricht die Universität Ulm sowohl ausländische als auch deutsche Studenten an. Immatrikulationsvoraussetzung für ausländische Studierende sind der Bachelorabschluß in Elektrotechnik oder einem verwandten Gebiet sowie englische Sprachkenntnisse. Die Aufnahmekapazität für dieses Bewerbersegment beträgt etwa 25 Studierende, die Studiendauer - bei jeweiligem Beginn im Sommersemester - vier Semester.
Deutsche Studierende müssen das Vordiplom einer wissenschaftlichen Hochschule in Elektrotechnik mitbringen. Auch für sie gilt die weitere Bedingung englischer Sprachkenntnisse. Die Aufnahmekapazität für das deutsche Segment beträgt gleichfalls etwa 25 Studierende; jedoch beläuft sich die Studiendauer für diese Gruppe - bei grundsätzlichem Beginn im Wintersemester - auf fünf Semester. Für deutsche Bewerber ist ein Auslandssemester Pflicht. Dafür bieten sich zahlreiche amerikanische, englische und skandinavische Partnerhochschulen an.
Als Abschlüsse sind von den Studierenden der Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) oder der Master of Science (M. Sc.) wählbar. Der letztere Grad bedarf noch der Zustimmung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (MWK). Nachdem von der Universität York (England) dem geplanten Ulmer Studiengang Äquivalenz mit dem Yorker Master-Kurs bescheinigt worden ist, wird diese Zustimmung zweifelsfrei erwartet.
Im Pflichtfachbereich werden alle Vorlesungen in Englisch abgehalten. Daneben wird es einen Wahlfachkatalog englischsprachiger Fächer geben. Für die deutschen Studenten werden englische, für die ausländischen deutsche Sprachkurse als integraler Bestandteil des Studienplans durchgeführt. Ausländische Studierende können ab 15. März 1998 eine Sprachausbildung erhalten.
Die Lehre soll durch Ulmer Hochschullehrer (die damit freiwillige Leistungen über ihr Deputat hinaus erbringen) sowie von einem neueinzustellenden englischsprachigen Hochschullehrer getragen werden. Eine neuartige Semesterorganisation mit Freiräumen für Blockveranstaltungen ermöglicht es, renommierte Wissenschaftler, die kurze Lehr- und Forschungsaufenthalte in Ulm verbringen, in den Lehrbetrieb zu integrieren. Neben der fachlichen und der sprachlichen Ausbildung werden auch der soziale und der kulturelle Austausch studienplanintegriert gefördert. Dafür sind die Veranstaltung »Cultural Crossroads« sowie ein Tutoren- und Exkursionsprogramm vorgesehen.
Prof. Dr. Theo Nonnenmacher (Abteilungsleiter) und PD Dr. Gerd Baumann, Abteilung Mathematische Physik, für ihre interdisziplinäre Forschung im Bereich von Physik, Medizin und Biologie sowie ihre Arbeiten auf dem Gebiet der mathematischen Physik; Prof. Dr. Gerhard Gottsberger, Leiter der Abteilung Spezielle Botanik, für sein Konzept zur Erforschung der Baumkronen und der Nutzungspotentiale pflanzlicher Biodiversität in tropischen Wäldern; Prof. Dr. Hermann Brenner, Leiter der Abteilung Epidemiologie, für seine methodologischen Arbeiten auf dem Gebiet der Epidemiologie und der klinischen Epidemiologie; Dr. rer. nat. Wolfgang Ebert, Dipl.-Phys. Andrei Vescan und Dipl.-Ing. Peter Gluche, Abteilung Elektronische Bauelemente und Schaltungen, für ihre Arbeiten zur Epitaxie dünner Diamantschichten auf Diamantsubstraten und Silizium sowie die Entwicklung einer Diamant-Elektronik und Sensortechnologie auf Diamant-auf-Silizium-Basis.
Nonnenmacher war von jeher daran gelegen, seine theoretischen Resultate auf praktische Probleme anzuwenden. Nachdem er erkannt hatte, daß sich das Konzept des Fraktals oder der Selbstähnlichkeit hervorragend eignet, komplexe biologische und medizinische Zusammenhänge zu beschreiben, untersuchte er mit dessen Hilfe unter anderem die Signalübertragung in der Zellmembran und die Geometrie von Neuronen sowie Struktur- und Funktionsparameter von Polymeren.
Als neuer Werkstoff für elektronische Hochleistungsbauelemente übertrifft Diamant hinsichtlich fast sämtlicher physikalischer Parameter alle denkbaren Alternativen und ist zudem mit der gängigen Siliziumtechnologie kompatibel. Von der Materialherstellung, dem Aufwachsen dünner Diamantschichten auf synthetischen Diamantsubstraten oder auf Siliziumwafern, bis zur Strukturierung der Bauelemente für spezielle Anwendungen hat die Ulmer Diamantgruppe mehrfach weltweite Standards gesetzt. Ihr gelang (in Zusammenarbeit mit dem Daimler-Benz-Forschungszentrum Ulm) erstmals die großflächige elektroniktaugliche Beschichtung eines Siliziumwafers mit Diamant, und auf synthetischem Diamantsubstrat stellte sie die erste Gleichrichterdiode auf Halbleiterbasis her, die noch bei 1000°C funktionstüchtig ist.
Die Bewerbungen müssen neben Namen, Adresse, Geburtsdatum, Abiturzeugnis, Lebenslauf, persönlichen Interessen und Hobbies eine kurze Antwort auf die folgenden Fragen enthalten: Was hat Sie zum Chemiestudium bewogen? Worin sehen Sie die zukünftigen Aufgaben und Chancen der Chemie? Was erwarten Sie von Ihrem Chemiestudium? Bewerbungsschluß für die Stipendien im Wintersemester 1997/98 war am 14. November 1997.
In einer Informationsveranstaltung für die Studienanfänger im Fach Chemie der Universität Ulm am 8. Oktober 1997 wurde den Erstsemestern Hilfestellung in folgenden Fragen angeboten: Beantragung von Bafög und Stipendien, Inhalte des Studienplans, Wohnraumvermittlung, Programm des Humboldt-Studienzentrums, Am ersten Tag wohin?
Soll ein solcher Agent im Auftrag des Anwenders beispielsweise das Internet nach bestimmten Informationen absuchen, so muß er fähig sein, sich ständig über neue Adressen und Einträge auf dem laufenden zu halten und aktuelle Informationen zu verarbeiten, solange sie aktuell sind, also relativ autonom und »intelligent« unter sich ändernden Rahmenbedingungen und zeitlichen Vorgaben zu operieren.
Um festzustellen, ob der Agent tatsächlich agiert, wie er soll, kann es infolgedessen nicht genügen, seine Funktionen nach der Reihe abzurufen, denn gerade über die charakteristische Aktionsfähigkeit des Programms erhält man auf diesem Wege keine Aussage. Der Informatiker muß die Software vielmehr unter Quasi-Einsatzbedingungen testen, sprich: reale Programmumgebungen simulieren und beobachten, ob der Agent darin seine Funktionen angemessen erfüllt.
Uhrmacher denkt seit einigen Jahren darüber nach, wie solche Simulationsprogramme auszusehen hätten - Programme also, die so tun, als seien sie Rechner oder das Internet oder andere Agenten, mit denen der Softwareprüfling sich verständigen können muß. Der Bedarf in Theorie und Praxis ist unstrittig, denn auf der virtuellen Teststrecke ließe sich nicht allein beobachten, ob bzw. wie gut ein fertiges Programm mit den Anforderungen seiner Umgebung fertig wird; bereits beim Design der Software könnte man künftig Fehler vermeiden und sich an Optimallösungen heranprobieren.
Das wissenschaftliche Gutachten fiel positiv aus, das Vorhaben wurde der Ulmer Universitätsgesellschaft (UUG) für eine Förderung empfohlen, und diese bewilligte dem Projekt »Konzeption und Implementierung einer agentenorientierten Simulationsumgebung« schließlich Mittel in Höhe von 30.000 Mark. Anklang gefunden hatten nicht zuletzt auch die didaktischen Perspektiven des Agenten-Testparcours, der unter anderem im Rahmen der Vorlesung »Grundlagen der Künstlichen Intelligenz« zum Einsatz kommen soll, um die Studenten in den Entwurf von Agentenprogrammen einzuführen.
Hatten die vielfältigen Bezüge zwischen Multiagentensystemen und Simulation Prof. von Henke und seine Mitarbeiter bereits 1996 auf den Gedanken gebracht, an der Universität Ulm einen internationalen Workshop zu dem Thema auszurichten, für dessen inhaltliche Gestaltung der Arbeitskreis »Künstliche Intelligenz und Simulation« sowie die Fachgruppe »Verteilte Künstliche Intelligenz« der Gesellschaft für Informatik (GI) gemeinsam verantwortlich zeichneten, so ist nun unter dem Titel »Agent-oriented software approaches in distributed modelling and simulation: Challenges and methodology« im Rahmen der renommierten Reihe der »Dagstuhl-Seminare« für 1999 ein Symposium geplant, das Uhrmacher mitorganisiert.
Wie die Erfahrung zeigt, ist das Spektrum der Anforderungen in Abhängigkeit vom Einsatzort breit. Vor allem gefragt sind Einsatzchirurgen, die auch unter schwierigen organisatorischen, personellen, räumlichen, technischen und klimatischen Bedingungen in der Lage sind, schwerste, nicht selten lebensbedrohliche Verletzungen durch Minen, Granaten oder Hochgeschwindigkeitsgeschosse zu versorgen. Bereits bei den Sofortmaßnahmen gilt es die Möglichkeit eines späteren plastisch rekonstruktiven Eingriffs einzukalkulieren, der dem Betroffenen bestmögliche funktionelle Wiederherstellung gewährleisten soll.
Oftmals können Verletzte - zu denken ist hier insbesondere an UN-Soldaten aus Ländern der Dritten Welt oder verwundete Zivilisten aus der Krisenregion, namentlich die zahlreichen Landminenopfer - auch für die Durchführung der an die Notversorgung anschließenden chirurgischen Eingriffe nicht in klinische Zentren ihrer Heimatländer verlegt werden. In diesen Fällen muß auch die definitive Versorgung im Feldlazarett erfolgen.
Die in solchen Situationen unabdingbaren speziellen Kenntnisse und Fertigkeiten müssen den Einsatzchirurgen bei der Aus- und Weiterbildung vermittelt werden - eine Aufgabe, der sich die neu gegründete chirurgische Fachsektion in erster Linie verpflichtet sieht. Neben eigenen Erfahrungen soll dabei auch Expertenwissen aus anderen Ländern aufgearbeitet und weitergegeben werden. Zum Leiter der Sektion Wehrmedizin wählte die Gesellschaft den Ulmer Oberstarzt Prof. Dr. Heinz Maier, Ärztlicher Direktor der HNO-Abteilung am Bundeswehrkrankenhaus, zu dessen Stellvertreter Prof. Dr. Lothar Kinzl, Ärztlicher Direktor der Abteilung Unfall-, Extremitäten-, plastische und Wiederherstellungschirurgie der Universität Ulm.
Vor zwei Jahren beschlossen deshalb vier Wissenschaftler aus der Abteilung Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik der Universität Ulm - PD Dr. Hans-Joachim Wilke, Dr. Annette Kettler, Dr. Karl Wenger und Abteilungsleiter Prof. Dr. Lutz Claes, die komplexen dreidimensionalen Bewegungseigenschaften der Schafs- und der menschlichen Wirbelsäule vom Hals bis zu den Lenden biomechanisch zu untersuchen und Wirbel für Wirbel miteinander zu vergleichen. Die Gruppe verfügt in Gestalt des an ihrem Institut entwickelten Wirbelsäulen-Belastungssimulators über ein Gerät, das die Nachahmung jeder nur denkbaren Beanspruchung des Rückgrats erlaubt.
Es zeigte sich zudem, daß selbst mit Wirbelsäulen vom Metzger wichtige biomechanische Untersuchungen durchgeführt werden können: zu Fragen nämlich, in denen üblicherweise menschliche Anatomiepräparate eingesetzt werden, die jedoch sowohl aus ethischen als auch praktischen Gründen (Anatomieleichen sind primär als Objekte für den Präparier-Kurs gedacht) kaum in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.
Die Ergebnisse der Ulmer Arbeitsgruppe haben mittlerweile internationale Anerkennung gefunden: auf der Jahrestagung der European Spine Society, die vom 10.-13. September 1997 auf Kos in Griechenland stattfand, wurde ihr Beitrag »Validity of the Sheep Spine as a Biomechanical Model for the Human Spine« als beste von insgesamt 159 wissenschaftlichen Präsentationen mit dem 1. Poster-Award ausgezeichnet.
Kleine Seminargruppen (die Studentenzahlen sind während der letzten Jahre stabil geblieben, der Frauenanteil liegt bei rund 30 Prozent), ein perfekt eingespieltes Professorenteam und Betreuung durch (bezahlte) Studenten höherer Semester gewährleisten eine gute Studienatmosphäre. Einzigartig sind die Ulmer Ferientutorien zur gezielten Vorbereitung auf die Prüfungen.
Das Studium kann sowohl im Sommer- als auch im Wintersemester aufgenommen werden; der Lehrplan sieht jeweils alle relevanten Veranstaltungen vor. Der Löwenanteil des Curriculums entfällt mit 40% auf die Mathematik. Die Wirtschaftswissenschaften belegen 21%, Informatik, Operations Research und Statistik je 13%. Die Diplomarbeit kann in jeder der Einzeldisziplinen geschrieben werden.
Anderntags präsentierten Studenten, Dozenten und Absolventen fünf Stunden in fünf Hörsälen WiMa zum Anfassen für Interessierte aller Vorbildungsniveaus - mit Vorträgen und Computerdemos, beim Workshop »Finanzinnovationen«, wo Ulmer Absolventen über Anwendungen stochastischer Verfahren in Wirtschaft und Technik, über Finanzinnovationen und über ihren eigenen Werdegang berichteten, und beim Versicherungskongreß, den Referenten von Versicherungsunternehmen gemeinsam mit Angehörigen der Fakultät sowie des Ulmer Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften bestritten.
»Wirtschaftsmathematik, ein modernes Studium mit Zukunftsperspektive und hervorragenden Berufschancen« hat die Fakultät ihr Faltblatt überschrieben, mit dem sie studentisches Interesse wecken will. Übertrieben ist das nicht. Mit der vielseitigen Ulmer Ausbildung erwirbt der WiMa-Student eine Eintrittskarte in verschiedenste Branchen der Wirtschaft und ist in seiner Berufswahl nicht festgelegt, sondern kann unter zahlreichen Arbeitsfeldern dasjenige wählen, das seinen Fähigkeiten und Neigungen am besten entspricht.
Seit den Gründertagen der Ulmer WiMa hat die Mathematik insgesamt ihr Gesicht verändert, ist farbiger, plastischer geworden, im buchstäblichen Sinne. Ein Verdienst der Visualisierungs- und Simulationsprogramme, denkt man gemeinhin, und damit der Informatik. Aber ohne Algorithmus geht keine Software. Und wie in den Wirtschaftswissenschaften und der Informatik ist auch in anderen Fächern wissenschaftlicher Fortschritt ohne wissenschaftliches Rechnen längst undenkbar.
Ziemann und seine Mitarbeiter hatten sich erfolgreich an der Herstellung ultradünner Oxid- und Nitritfilme versucht, mit denen sich unter anderem optische Linsen kratzfest beschichten lassen. Die Zink-, Titan-, Aluminiumoxid- und Zirkoniumnitritausführungen der Ulmer Filme überzeugen sämtlich durch hohen optischen Brechungsindex bei guter Transparenz (Lichtdurchlässigkeit). Lichtdurchlaß nach Wunsch und Zukunftsperspektiven bietet Wolframtrioxid: dessen Filme können durch Ionenbestrahlung blaugefärbt und in anschließenden Arbeitsschritten rillen- oder gitterförmig strukturiert werden. Dann verändert sich das Reflexionsverhalten der Schichten: es entstehen optische Filter.
Noch fallen die kleinen Karo- und Linienmuster, mit denen die Ulmer Festkörperphysiker ihre Wolframtrioxidfilme durchzogen haben, ungefähr um den Faktor 10 zu geräumig aus. In ihren künftigen Arbeiten peilen der Preisträger und sein Team den Vorstoß in Nanometerdimensionen an.
Prof. Aschoff hat sich neben seiner universitären Lehrtätigkeit und Forschung stark in der ärztlichen Berufsvertretung engagiert. Seit 1974 ist er ununterbrochen Mitglied der Vertreterversammlung der Bezirksärztekammer Südwürttemberg. Von 1975 bis 1995 war er Mitglied des Vorstandes der Bezirksärztekammer Südwürttemberg, und 1994 bestellte ihn deren Weiterbildungsausschuß zum Vorsitzenden.
Bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg gehörte Aschoff von 1979 bis 1987 der Vertreterversammlung an. Mehrere Jahre war er im Arbeitskreis der Landesärztekammer zur Drogenbekämpfung und Suchtkrankenhilfe tätig. Seit 1987 ist er stellvertretendes Mitglied der Ständigen Konferenz Ausbildung zum Arzt/Hochschule und medizinische Fakultäten der Bundesärztekammer.
Aschoffs ehrenamtliche Haupttätigkeit liegt im Bereich der Weiterbildung. Seit 1984 ist er Mitglied des Weiterbildungsausschusses bei der Landesärztekammer und seit 1995 stellvertretendes Mitglied der Ständigen Konferenz Ärztliche Weiterbildung der Bundesärztekammer. Besonderen Anteil hat er auch an der Neustrukturierung der ärztlichen Weiterbildung nach der 1995 in Baden-Württemberg in Kraft getretenen neuen Weiterbildungsordnung.
Gestorben: Sir John Eccles
In diesem Jahr verstarb im Tessin, wohin er sich beim Ausscheiden aus der experimentellen Forschung zurückgezogen hatte, der Medizin-Nobelpreisträger Sir John C. Eccles. Er hatte bis zuletzt wissenschaftlich gearbeitet, neue Synthesen und Theorien entwickelt und durch seine Gedanken über den Zusammenhang von Leib und Seele über die Fachwelt hinaus sogar stärker gewirkt als zu jener Zeit, für die er den Nobelpreis erhielt. Jack, wie der bescheidene, hilfreiche, stets konstruktive, wahrhaftige und überaus kühne Forscher sich nennen ließ, war infolge seiner väterlichen Freundschaft zu mir eng mit der Universität Ulm verbunden. Er war oft hier gewesen, hatte höchst anregende Vorträge gehalten und das Auditorium maximum gefüllt, wofür ihm unsere Universität mit der Ehrendoktorwürde gedankt hat.
Eccles stammte aus schlichten bürgerlichen Verhältnissen. Beide Eltern waren Lehrer in Melbourne. Dort studierte er Medizin mit solchem Erfolg, daß er ein Rhodes-Stipendium erhielt. So kam er 1925 als Doktorand in das physiologische Laboratorium zu Charles Sherrington (Nobelpreis 1932) nach Oxford, bei dem er mehr als 10 Jahre arbeitete und über den er später eine bedeutende Biographie schrieb. Ich gehörte nicht zu Eccles' Schülern, aber als ich ihn Ende der fünfziger Jahre in Freiburg traf, erzählte er mir, daß er eigentlich aus philosophischen Gründen in die Neurophysiologie gegangen war, und diese weite Offenheit seines Geistes war einer der Gründe, warum wir uns rasch nahekamen. Ich interessierte mich damals für den Willen, über den noch nichts Physiologisches bekannt war und den man sogar aus dogmatischem Determinismus aus Psychologie und Rechtstheorie zu eliminieren versuchte. Auch Sherrington hatte sich für den Menschengeist interessiert, es war also kein Zufall, daß Eccles gerade zu ihm ging.
1937 wurde Eccles Chef des Kanematsu-Instituts für Pathologie in Sydney, 1945 erhielt er den Lehrstuhl für Physiologie in Dunedin, Neuseeland. Dort traf er Karl Popper, der sein Freund wurde und mit dem er später das berühmte Buch »Das Ich und sein Gehirn« schrieb. 1952 wurde er Physiologieprofessor an der australischen Nationaluniversität in Canberra. Dort entfaltete er eine ungemein intensive Forschungsaktivität, zog zahlreiche Schüler aus Europa, USA, Japan usw. an und bewirkte einen großartigen Aufschwung der medizinischen Forschung in Australien.
1963 kam dann der seit langem für ihn erwartete Nobelpreis. Eccles hatte die Grundlagen der Tätigkeit der Nervenzellen und ihrer Kommunikation mit Synapsen aufgeklärt sowie unter anderem die chemische Erregungsübertragung bewiesen, was ungeahnte Konsequenzen für die Behandlung vieler psychischer und Nervenkrankheiten hatte, denn während die Nervenzelle durch ihre Membran sonst gut abgeschirmt ist, können an den chemischen Vorgängen der Synapsen jene Arzneien ansetzen, mit denen heute Schizophrenien, Depressionen und viele andere Leiden behandelt werden.
Leider bot sein Heimatland, für das er Außergewöhnliches geleistet hatte, Eccles nicht jene Möglichkeit zum weiteren Arbeiten nach der Emeritierung an, die ein so kreativer Forscher braucht. Er verließ deshalb zwei Jahre vor seinem planmäßigen Ausscheiden Australien und ging in die USA, wo er zunächst ein von der American Medical Association für ihn geschaffenes Labor in Chicago und dann noch als Distinguished Professor an der Universität von New York in Buffalo ein Forschungslabor hatte. War er bisher mit der Klärung von grundlegenden Prozessen der Nervenzellen und ihrer Kommunikation beschäftigt, so nahm er in den USA die Untersuchung ganzer Neuronensysteme von höheren Teilen des Gehirns und ihrer Kommunikation mit der Umwelt durch Sinnesmeldungen in Angriff. Dafür suchte er nach einer genauen Methode, die kleine, wohlkontrollierte Sinnesreize erlaubte; sie war, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, »of the greatest importance«. Das Gerät, auf das er stieß, verband ihn wieder mit Ulm, ich hatte es 1967 entwickelt.
1975 zog sich Eccles nach Europa zurück, wo in Contra im Tessin noch eine fruchtbare Zeit bis über das 90. Lebensjahr hinaus folgte. Auf das Buch mit Popper über die Interaktion von Geist und Gehirn, das 1977 in englischer Sprache herauskam, folgte ein zusammen mit Hans Zeier primär in deutscher Sprache veröffentlichtes Buch »Gehirn und Geist« mit neuen Ideen. Beide Bücher gehen auch auf den vernünftigen Willen und in diesem Zusammenhang auf Ulmer Ergebnisse ein. Dann folgte 1989 das Buch »Die Evolution des Gehirns - die Erschaffung des Selbst«, das eine Zusammenführung von Gebieten bringt, die man sonst nur getrennt und deshalb weniger erleuchtet findet: Anthropologie, Verhaltensforschung und Neurobiologie. Alle diese Bücher sind noch heute lesenswert, was bei der kurzen Halbwertszeit wissenschaftlicher Fortschritte ungewöhnlich ist. Zuletzt entwickelte er in »Wie das Selbst sein Gehirn steuert« (1994) eine Theorie mit Hilfe der Quantenphysik, nach der es dem immateriell gedachten Geist gelingen soll, das Verhalten jener feinen Bläschen zu steuern, die an den Synapsen die Information übertragen und deren Gesamtheit die Informationsverarbeitung bewirkt.
Eccles war bei aller Geistesschärfe und Schaffenskraft vor allem ein tiefer, gütiger und hilfsbereiter Mensch, der seine Irrtümer und Umwege offen und mit Humor beschrieb und nicht müde wurde, den heutigen Tendenzen der Manipulation und Verführung entgegenzuwirken. Er suchte in jungen Menschen das Gute und die Sehnsucht nach geistiger Nähe zur Natur zu wecken. Schon lange vor seinem Nobelpreis, als unbekannter Pathologe in Australien, an einer Universität ganz ohne Forschung war er imstande, S. Kuffler, der eine Stelle als Pathologe suchte, anzuziehen und für die Neurobiologie zu begeistern, bald darauf auch Bernard Katz, beide später Weltklasseforscher. Es ist kein Zufall, daß dieser tiefe Geist Karl Popper als Freund gewann - man muß die Dialoge der beiden Gefährten in »Das Ich und sein Gehirn« nachlesen. Sogar der Papst berief ihn in seine Akademie. Eccles hat sein Leben mit britischem Understatement selbst beschrieben in den »Annual Reviews of Physiology« von 1977.
Es war großherzige Humanität, die diesen ungemein schöpferischen Geist antrieb und so viele Menschen fördern ließ. Nimmt man den unter Naturwissenschaftlern weitverbreiteten harten Determinismus ernst, so werden Erziehung, Werte, Recht zur Illusion. Nicht nur das Gute verschwindet, auch das Wahre, denn ohne Freiheit versinkt auch die Möglichkeit, Wahrheit zu suchen und von Irrtum oder Lüge zu unterscheiden.
Der Humanist auf christlicher Grundlage erinnerte uns daran, daß Geist noch etwas anderes ist als Automatik von Nervenzellen und daß der Mensch Aufgaben hat, für deren Lösung er nicht einfach Rezepte im Naturprozeß findet, Aufgaben, die über ihn selbst hinausgehen. Ich billige deshalb die umstrittene Richtung dieses Denkens, auch wenn mich die quantenphysikalische Theorie des Geistes nicht überzeugt. Freilich folgt, was wir als Geist empfinden, nicht einfach aus der Tätigkeit der Nervenzellen, aber wie es Kausalität von den vielen Synapsen hin zum Ganzen der Gehirntätigkeit und seiner Kommunikation mit der Welt gibt, so gibt es auch umgekehrt Wirkungen vom Ganzen zu den vielen einzelnen Teilen, und für die Entscheidungen gibt es eine strategische Organisation; bei diesen Planungen wirkt die Kreativität jeder Person in ihrer Entwicklung mit: die Persönlichkeit selbst, die zu Anlagen und Umwelt beim Menschen als etwas entscheidendes Drittes hinzukommt. Tatsächlich liegt der Unterschied zwischen dem Menschen und einer Ratte, die eine im Prinzip ähnliche Hirnrinde hat wie der Mensch, nicht auf der Ebene der Quantenphysik oder der synaptischen Bläschen, sondern in zusätzlichen Gehirnteilen, in langer Erziehung des Menschen, weiter Kommunikation und Zusammenarbeit mit Hilfe von Sprache und Werkzeugen, in kultureller Tradition und einer beim heutigen Menschen im Vergleich zum Neandertaler sogar noch überlegenen Kreativität mit Kunst und Wissenschaft infolge des großen Frontalhirns mit Phantasie, Planung und vernünftigem Willen.
Vergleicht man Eccles mit anderen großen Hirnforschern, deren es in unserem Jahrhundert allein unter den Nobelpreisträgern mehr als zehn gab, so ragt er auch unter ihnen noch hervor durch Kühnheit und Tatkraft. Auch an Selbstkritik hat es ihm nicht gefehlt. Es war ihm klar, daß wir im Verhältnis zu den Wunderwerken der Natur noch wenig wissen und alle unsere Theorien vorläufig sind. Aber er wollte uns anregen, im größeren Zusammenhang, kurz human zu denken, und das gewaltige Echo auf seine Bücher und Person hat gezeigt, daß viele Menschen, vor allem junge, dies verstehen. Er wurde oft gerade von den Studenten eingeladen.
Hans Helmut Kornhuber
Als 1987er Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA) fand Bernhard Johannes Eikmanns (39) Gelegenheit, sich gründlich in die Molekularbiologie von C. glutamicum einzuarbeiten. Geboren in Konstanz, diplomiert und mit »sehr gut« promoviert an der Philipps-Universität Marburg (1985), später Arbeitsgruppenleiter am Institut für Biotechnologie 1 des Forschungszentrums Jülich, habilitierte er sich 1996 an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität für das Fach Mikrobiologie. Seit Oktober 1997 ist er C3-Professor in der Abteilung Angewandte Mikrobiologie und Mykologie (Biologie VI) der Universität Ulm.
Der Stoffwechsel von C. glutamicum ist von Natur aus nur für den Notfall auf die Produktion von Würzmitteln zugeschnitten. Die industrielle Massenherstellung von Aminosäuren wie Isoleucin, Threonin oder Lysin besorgen in der Regel Mutanten, durch UV-Bestrahlung oder mit Hilfe der Gentechnologie gezielt in ihrer Erbinformation veränderte Mirkoorganismen. »Metabolic Design« nennt man diese planvolle Erschließung neuer Stoffwechselwege; sie setzt die Beherrschung molekularbiologischer Techniken ebenso voraus wie eine fundierte Kenntnis der physiologischen Zusammenhänge im bakteriellen Organismus. Was genau C. glutamicum dazu befähigt, Aminosäuren im Überfluß auszuscheiden, und wie man seinen Bauplan manipulieren muß, wenn man diese Fähigkeit protegieren möchte, das will Eikmanns in Ulm entdecken.
Mit Bifidobacterium bifidum steht neuerdings auch ein interessanter anaerober Verwandter der Corynebakterien auf seiner Agenda. Bifidobakterien stellen einen wesentlichen Teil der tierischen und menschlichen Darmflora und spielen wegen ihrer sogenannten »probiotischen Wirkung« - sie verdrängen krankmachende Bakterien - eine wichtige Rolle in Medizin und Milchindustrie. Bis dato verstehen weltweit nur wenige Labors, mit den launischen Bifidobakterien umzugehen.
Mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Theodor M. Fliedner wurde zum 1. Oktober 1997 der letzte der Gründungsprofessoren der Universität Ulm emeritiert. Er war, und das ist auf den bekannten Bildern von den Gründungsfeierlichkeiten deutlich zu erkennen, der Jüngste dieser Riege, deren Zusammensetzung weitgehend von Gründungsrektor Ludwig Heilmeyer bestimmt worden war. Der hatte den wenige Jahre zuvor aus den USA zurückgekehrten Hämatologen und Zellphysiologen von Freiburg aus für Ulm gewonnen. Es folgten für Fliedner dann 30 Jahre als Ordinarius unserer Universität - Angebote als Leiter prominenter Wissenschaftseinrichtungen im Ausland schlug er aus. Es gab ja in Ulm genug zu bewegen - und er tat es. Nur weniges kann hier beschrieben werden.
Zuerst war seine Abteilung Teil des Zentrums für Klinische Grundlagenforschung (ZKGF), gedacht als verbindendes Element von klinischer Fragestellung und experimenteller wissenschaftlicher Arbeit - ein Kernelement, eine zentrale Vision der neuen Universität, niedergelegt in der von Fliedner wesentlich mitbestimmten Gründungsdenkschrift. Als Zentrum koordinierter wissenschaftlicher Vorhaben kam das ZKGF trotz der sich eigentlich gut ergänzenden Persönlichkeiten (Fliedner, Tonutti, Pfeiffer) nicht so recht in Fahrt - aber was ist das neue, projektbezogen organisierte Interdisziplinäre Zentrum für Klinische Forschung (IZKF) denn anderes als eine Bestätigung für die ZKGF-Idee einige Jahrzehnte zuvor?
Ein Kristallisationspunkt für Fliedners Aktivitäten wurde der 13 Jahre lang geförderte Sonderforschungsbereich 112 »Hämatologie-Zellsystemphysiologie«. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte nicht nur großzügig, sie erhob den Antrag von 1970 zum Muster für alle weiteren. Der SFB 112, in dem für Fliedner die klinischen Kollegen wie Heimpel und Kleihauer die wichtigsten Partner waren, wurde ein großer Erfolg. Parallel sorgte er in seiner Abteilung für die Forschungsförderung durch europäisches Geld. Ein multinationaler Verbund mit Italien, Frankreich und den Niederlanden und eben Ulm war rasch geschaffen - auch heute sind solche Verbünde für das Einwerben von Forschungsgeldern aus Brüssel notwendig. Es hat Fliedner Freude und gewiß auch Genugtuung bedeutet, daß er vielen als »Finanzminister« der hämatologischen Forschung in Ulm galt. Seine Anträge waren immer so klug formuliert, daß auch Hilfe für andere möglich wurde.
Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses stand die Beschreibung des Zellwachstums im Knochenmark. Heute ist solche »Stammzellforschung« Allgemeingut. Die von Fliedner immer propagierte Stammzelltransfusion aus dem peripheren Blut hat längst Eingang in die Klinik gefunden. Es ging aber auch darum, was man daraus für andere Zellerneuerungssysteme wohl lernen könnte. Ulmer Gastroenterologen ließen sich von Fliedner von der Wichtigkeit dieser Fragen für ihre Organe überzeugen.
Nach Zeiten als Dekan folgten 1983 bis 1991 die acht Rektoratsjahre Fliedners. Die ersten Tage bzw. Wochen nach seiner Amtsübernahme sind allen Beteiligten noch in lebhafter Erinnerung. Er forderte, regte an, wechselte aus, fand Verbündete oder schuf auch nur Zweckgemeinschaften, klopfte an viele Felsen solange, bis eben Quellen sprudelten (ein von ihm selbst gebrauchtes Bild) - jedenfalls schoß bald ein neues Gebäude nach dem anderen aus dem Boden, nach kürzesten Planungszeiten. Zum Glück für die Universität Ulm war Lothar Späth Ministerpräsident des Landes und ließ sich für so viel Innovation begeistern. Die Wissenschaftsstadt auf dem Oberen Eselsberg, Fliedners Vision, nahm Gestalt an, und die Uni West entstand als Heimat für die neugeschaffene ingenieurwissenschaftliche Fakultät sowie ein neuer Festpunkt für die Informatiker. Für die Universität Ulm bedeutete dies den größten Entwicklungsschub seit ihrer Gründung, gleichsam eine zweite Gründungsphase.
Fliedner ist bei allem fraglos kräftezehrenden Ulmer Engagement ein international aktiver Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager geblieben. Erst bei der WHO in Kopenhagen, dann als Vorsitzender des weltweit aktiven Planungskomitees der WHO. Vieles Weitere müßte eigentlich genannt und genauer geschildert werden, so auch die Aktivitäten auf der Reisensburg, die schließlich so glücklich im Schoß der Universität und damit des Landes landete. Fliedner war (und ist) viel unterwegs. Auch nach der Emeritierung hat er eine Gruppe junger Wissenschaftler um sich geschart, sein Büro in der Helmholtzstraße 20 firmiert als »Arbeitsbereich Strahlenmedizinische Forschung und WHO-Kollaborationszentrum für Strahlenunfallmanagement«. Gäste und Kooperationspartner aus Rußland gehen dort ein und aus.
Fliedners Lehrstuhl, zur Gründung 1967 der Grundlagenforschung zugehörig gedacht, war also Basis für vieles. Die Abteilung Klinische Physiologie - so hieß der Lehrstuhl - hat viele Wandlungen durchlaufen. Eine junge Generation wissenschaftlich hochmotivierter Mediziner kam nach Ulm, um hier Zellbiologie und Hämatologie, Strahlenbiologie und Grundlagen der Onkologie zu lernen. Aber es gab auch in den 70er Jahren schon einmal eine Krise, es mußte gekürzt werden. Fliedner ließ sich die Zuständigkeit für Arbeits- und für Sozialmedizin übertragen. In der Arbeitsmedizin baute er die betriebsärztliche Dienststelle auf und schuf so ein sicheres, von Konjunktur und Moden in der Forschungsfinanzierung unabhängiges Standbein. Später kam die Umweltmedizin hinzu. Aus der Abteilung für Klinische Physiologie ist das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin geworden. Fliedners persönliche Forschungsinteressen und seine Beiträge dazu sind, wann immer sich ein Anlaß bot, als Festschriften und Sonderbände wissenschaftlicher Zeitschriften ausführlich dokumentiert.
Natürlich mußten, um all dies zu erreichen, Prioritäten gesetzt und gelegentlich Abstriche in Kauf genommen werden. Gleichwohl: das Institut wurde groß an Fläche und Personal. So gesellte sich zur Bewunderung durch die Kollegen auch der Neid. Anerkennung, vor allem für den Rektor Fliedner, wird nicht verweigert. Absorbiert von zahllosen Aufgaben und Terminen konnte sich der Hochschullehrer Fliedner den Studenten freilich nur eingeschränkt widmen. Als Vertrauensdozent der Studienstiftung des Deutschen Volkes war er aber sehr wohl über die alltäglichen Erfahrungen der Studenten an der Universität informiert. Mit seinem unbedingten wissenschaftlichen Engagement war er ihnen gewiß ein starkes Vorbild. In den Gremien hat er immer viel gefordert, wurde manchmal auch ungeduldig, sein großer persönlicher Charme blieb oft verdeckt. Als Altrektor wurde er zum eindringlichen Mahner. In Krisensituationen war er immer sofort da, ob es sich nun um Personen oder Sachfragen der Hochschulpolitik handelte.
Für die tägliche Arbeit - in den Labors, in der arbeitsmedizinischen Untersuchungsstelle, bei der Lehre - mußte er Mitarbeiter finden, die ihn entlasten konnten. Wer dabei selbständig und zugleich solidarisch in der gemeinsamen Aufgabe für die Universität handeln wollte und zeigte, daß er dies auch konnte, in der Wissenschaft, in der betriebsärztlichen Tätigkeit, in den vielfältigen Aufgaben der Lehre, dem hat er Freiräume gegeben, den hat er gefördert. Dankbarkeit hat er alle spüren lassen.
Ein nicht unbedingt überraschender Akzent ergab sich mit dem Scheitern des Berufungsverfahrens für Fliedners Nachfolge. Die Ulmer Medizinische Fakultät hat zurecht generell hohe Ansprüche, natürlich dann auch für die Nachfolge einer solchen herausragenden Persönlichkeit. Sie suchte einen Arbeitsmediziner, der in diesen großen Anzug passen würde, zumindest in ihn hineinzuwachsen vermöchte. Sie hat ihn nicht finden können. Wird nun das, was unter Fliedners Ägide in seiner und durch seine Abteilung aufgebaut worden ist, in Frage gestellt? Wir hoffen nicht. Jeder Nachfolger, auch ein kommissarischer, wird nicht alle Aktionsfelder übernehmen können, wird ein eigenes Profil entwickeln, wird Abstriche in räumlicher und personeller Hinsicht hinnehmen müssen. Nach Ulm wird man aber noch lange schauen, und oft werden die Blicke, aus dem Ausland wie aus dem Inland, Fliedner suchen. Er ist ja auch noch da.
Hans-Joachim Seidel
Der Generationenwechsel an der Universität Ulm ist in vollem Gange. Am 30.9.1997 wurde Prof. Dr. Martin Herrmann emeritiert, den man mit Fug und Recht zu den »Männern der ersten Stunde« in Ulm zählen kann. Martin Herrmann wurde am 11. Mai 1930 in Frankfurt a.M. geboren. Er studierte Medizin an den Universitäten Marburg und Gießen, promovierte 1957 zum Dr. med. und erhielt 1959 seine Approbation als Arzt. Seine akademische Laufbahn begann 1959 am Anatomischen Institut der Universität Tübingen und führte über das Anatomische Institut der Universität Bonn nach Ulm. Hierher kam er bereits im Gründungsjahr 1967 in Begleitung seines damaligen Chefs, Prof. Dr. Emil Tonutti, eines der Gründungsprofessoren der Medizinisch-Naturwissenschaftlichen Hochschule Ulm. Wenige Jahre danach wurde im heute nicht mehr existierenden Zentrum für Biologie und Theoretische Medizin ein zweiter Lehrstuhl im Fach Anatomie eingerichtet, auf den Herrmann 1972 berufen wurde.
In der Folgezeit erhielt Martin Herrmann weitere ehrenvolle Rufe auf die Stelle eines Hauptabteilungsleiters Medizin am Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen in Mainz und auf einen Lehrstuhl für Anatomie an der Universität Düsseldorf, die er beide ablehnte. Seine wissenschaftlichen Sporen verdiente er sich durch seine Arbeiten über Probleme der endokrinen Regulation, die insbesondere den Beziehungen zwischen der Hypophyse und der Nebenniere gewidmet waren. Es soll daran erinnert werden, daß die Endokrinologie ein Forschungsschwerpunkt war, durch den die Ulmer Biologie und Medizin in den 70er Jahren national und international bekannt wurde. Herrmann gehörte dem Sonderforschungsbereich 87 »Endokrinologie« an und war zeitweise auch Mitglied des Vorstandes.
In den 80er und 90er Jahren begann er sich verstärkt den klinischen und praktischen Aspekten der Anatomie zuzuwenden. Ausweis seiner erfolgreichen Tätigkeit in dieser Zeit ist ein umfangreicher »Atlas of Ultrasound Anatomy«, den er 1991 zusammen mit klinisch tätigen Kollegen im Thieme-Verlag herausbrachte. Von bleibender Wirkung wird auch sein engagierter Einsatz für die Fort- und Weiterbildung sein. Vor allem in den letzten Jahren hielt er in der vorlesungsfreien Zeit häufig Fortbildungskurse für verschiedene Disziplinen der Chirurgie, Orthopädie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde ab.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit übernahm Herrmann umfangreiche Aufgaben in der akademischen Selbstverwaltung. Er war Dozentenvertreter im Senat, Mitglied im Großen Senat und im Verwaltungsrat, Mitglied der Grundordnungs-Kommission, Dekan der Theoretisch-Medizinischen Fakultät und schließlich Prorektor der Universität Ulm. Für diesen überdurchschnittlichen Einsatz vor allem in den Anfangsjahren der Ulmer Universität gebührt ihm allein schon großer Dank. Sein Hauptverdienst liegt jedoch eindeutig in seinem engagierten Einsatz für die Lehre in der Medizin. Herrmann war ein begeisterter und für viele Studenten auch ein begeisternder Hochschullehrer. Dies bekam man nicht nur in der Gestaltung seiner Unterrichtsveranstaltungen zu spüren.
Ebenso wichtig erscheinen mir seine Bemühungen, die Studienbedingungen für die Medizinstudenten ständig zu verbessern und zu optimieren. Hier reichte das Spektrum seiner Tätigkeiten von der Bauplanung über Zulassungsfragen bis zu den Problemen von Studienreform und Studienplanung. Herrmann war Mitglied und langjähriger Vorsitzender der Unterrichtskommission Medizin sowie Kapazitätsbeauftragter für die vorklinische Ausbildung an der Universität Ulm. Seine besonderen Erfahrungen und Kenntnisse in diesem Bereich wurden auch außerhalb der Universität Ulm geschätzt. So war er Mitglied der Studienplankommission der medizinischen Fakultäten des Landes Baden-Württemberg, Mitglied des Ausschusses »Lehre und Studium« der Hochschulrektoren-Konferenz, Mitglied im Beirat der ZVS als Vertreter des Landes Baden-Württemberg und Mitglied des Sonderforschungsbereichs 63 »Hochschulbau und Entwicklung« in Stuttgart. Die Universität Regensburg beauftragte ihn mit der Bauplanung und Beratung für ihr Vorklinikum.
Mir erscheint die Emeritierung von Martin Herrmann ein geeigneter Anlaß, auch den jüngeren Studentengenerationen noch einmal deutlich zu machen, in welch hohem Maße sie die überdurchschnittlich guten Studienbedingungen in Ulm auch und gerade ihm zu verdanken haben. Ich denke, daß ich im Namen der ganzen Universität Ulm spreche, wenn ich Martin Herrmann für seinen dritten Lebensabschnitt Gesundheit, Zufriedenheit und ein erfülltes Leben wünsche.
Christoph Pilgrim
Eine durchgehende Intention meine ich zu erkennen: Public Health wird Theoriearmut attestiert, die Psychologie bietet sich an, dieses Defizit zu füllen. Public Health wird als an kollektiven Einheiten orientiert (der sogenannte Bevölkerungsbezug) und mit Handlungsbezug dargestellt, die Psychologie möchte oder kann mit den von ihr am Individuum erarbeiteten »verhaltens- und erlebensleitenden Dimensionen« auch bevölkerungsbezogen arbeiten. Ein bißchen liest sich das so, als sei Public Health vielen Autoren als der größere und erfolgreichere Bruder erschienen: es gibt die vielen deutschsprachigen Aufbaustudiengänge, sie sind als Institution relevant und etabliert; die Gesundheitspsychologie dagegen ist »nur« eine Arbeitsrichtung der Psychologie. Zweifellos ist von einem Zusammenhang viel zu erwarten, Behavioural Medicine (Verhaltensmedizin) heißt z.B. eine solche Richtung von Public Health, oder auch die Lebensstilforschung; Psychologie und Soziologie müssen zusammen in die Kernwissenschaft von Public Health, die Epidemiologie, eindringen. Die Gegenüberstellung der beiden Sichtweisen hat sich tatsächlich als reizvoll erwiesen. Man sollte alles lesen, und wer sich wenigstens etwas mit Public Health beschäftigt, sollte auch (fast) alles verstehen.
Festzuhalten ist die große Leistung der Herausgeber, so viele kompetente Autoren (insgesamt 67) aus beiden Gebieten gewonnen zu haben. Entstanden sind durchweg State-of-the-art-Artikel. Herausheben möchte ich den von Gostomzyk, weil er die Beziehung von Public Health und Öffentlichem Gesundheitswesen zum Inhalt hat. Hervorragend auch die Außenansicht aus der Schweiz (Gutzwiller). Weniger gefallen hat mir, wenn häufige Krankheitsbilder lediglich um die sozialmedizinische und epidemiologische Dimension erweitert werden; das ist zwar richtig, aber was hat das mit Public Health zu tun, was ist hier der Oberbegriff, Sozialmedizin oder Public Health?
Als Verantwortlicher für einen Aufbaustudiengang Gesundheitswissenschaften (Public Health) wünsche ich mir viele solche so gut koordinierte Aufsätze und den Gesundheitspsychologen viel Glück beim weiteren Befruchten von Public Health. Das Buch ist eine gelungene Fundgrube. Das schöne Äußere mit dem festen Einband, die klare innere Gestaltung, die Literaturverzeichnisse und natürlich die vielen wichtigen Themen selbst werden wohl jeden dazu verleiten, es wiederholt aus dem Regal zu ziehen.
Prof. Dr. Hans-Joachim Seidel
Rolf Weitkunat, Jochen Haisch, Manfred Kessler (Hrsgg.): Public Health und Gesundheitspsychologie. Konzepte, Methoden, Prävention, Versorgung, Politik. Verlag Hans Huber, Bern 1977. DM 124,- ISBN 3-456-82764-4
Geboren in Darmstadt, studierte Spitzer von 1977 bis 1983 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Medizin. Er besuchte aber auch Lehrveranstaltungen der Philosophie und Psychologie, der Biologie und der Mathematik. Als er am 19. Januar 1984 für eine Arbeit über »Nächtliche Vasopressinfreisetzung bei selektivem REM-Schlaf-Entzug« promoviert wurde, war er außerdem bereits diplomierter Psychologe, in Gesprächspsychotherapie und Verhaltenstherapie ausgebildet und hatte eine Studie über Sigmund Freuds Traumdeutung geschrieben.
Dennoch spürte er ein Defizit. »Ich erlebe es als außerordentlich mißlich, daß viele Studenten hierzulande die Universität als anonyme Einrichtung empfinden und sie daher nicht als sinnstiftenden bzw. bedeutungsgebenden Mittelpunkt ihres Lebens betrachten«, skizziert er von heutiger Warte die Orientierungskrise angehender Akademiker und hat dabei wohl eigene Erfahrungen im Hinterkopf. Er selbst suchte Sinn im Zweitstudium der Philosophie, abgeschlossen Ende 1985 mit einer Dissertation über »Allgemeine Subjektivität und Psychopathologie«. Mit ihr datiert er heute den Beginn seiner eigenständigen wissenschaftlichen Tätigkeit.
1989 habilitierte er sich in Freiburg mit »Untersuchungen zum Wahnproblem« für das Fach Psychiatrie. Im Jahr darauf begann er an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg den Aufbau einer arbeitstherapeutisch akzentuierten Tagesklinik, die er bis zu seiner Berufung nach Ulm leitete. Ein Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung öffnete ihm 1989 die Pforten der Harvard-Universität in Boston, wo er unter anderem die Sprachverarbeitung bei gesunden und schizophrenen Probanden untersuchte. Mit dem Duphar-Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie finanzierte er 1992 einen Forschungsaufenthalt am Department for Cognitive and Decision Sciences der University of Oregon.