Stellungnahme des Promovierendenkonvents der Universität Ulm zu den Auswirkungen des pandemiebedingten digitalen Sommer- und Wintersemesters auf die Gruppe der Promovierenden

Ulm University

Während erhebliche zusätzlich und neuartige Arbeitsaufwände im Bereich der Lehre zu verzeichnen sind, kam es insbesondere in der experimentellen Forschung zu deutlichen Verzögerungen und auch in theoretischer orientierten Fächern sind die typischen Forschungsabläufe gestört und verzögert. Unsere Stellungnahme illustriert dabei die Vielfalt der negativen Einzeleffekte. Wir sind explizit nicht auf Pandemiefolgen außerhalb der Universität eingegangen.

Lehre

In vielen praktischen Lehrveranstaltungen, wie Praktika in den Naturwissenschaften, mussten vor Beginn der Lehrveranstaltungen im Sommersemester Gefahreneinschätzungen und Hygienekonzepte erarbeitet werden, was ohne entsprechende Einweisung mit einem enormen Zeitaufwand für viele Promovierende verbunden war. Die wegen der Hygienevorschriften verkleinerten Gruppengrößen erhöhten die Anzahl der benötigten Betreuer*innen derartig, dass viele Promovierende ihre Projekte zeitweise stilllegen mussten. Die Durchführung der Präsenzveranstaltungen benötigte in vielen Fällen somit den dreifachen Aufwand. Dass diese Veranstaltungen im Präsenzmodus stattfinden konnten wird aber als positiv gesehen denn eine Umwandlung in ein digitales Format hätte ebenfalls zu einem enormen Aufwand geführt bei gleichzeitiger Minderung der Qualität. Die im Sommersemester gesammelten Erfahrungen haben zwar den Vorbereitungsaufwand im Wintersemester verringert, der Gesamtzeitaufwand ist aber aufgrund der Hygienemaßnahmen weiterhin sehr hoch.

In Fächern mit theorielastigen Lehrveranstaltungen hat die Umstellung auf das digitale Format ebenfalls Zeitressourcen der Promovierenden in Anspruch genommen. Die Vorbereitung und Durchführung der Lehrveranstaltungen erfordert auch hier in einigen Fällen einen größeren Aufwand als die Durchführung von Präsenzveranstaltungen vor der COVID-19 Pandemie, besonders wenn neue, digitale Lehrmaterialien erstellt werden müssen.

 

Forschung

Die Forschung wird vor allem durch den mangelhaften Austausch mit Kollaborator*innen und Kolleg*innen beeinträchtigt. Je nach Fachbereich wirken sich Probleme bei der Lieferung der Forschungsmaterialien deutlich auf den Fortschritt von Forschungsprojekten aus. Die Lieferzeiten für alltägliche Verbrauchsmaterialien haben sich teilweise um das Acht- bis Zehnfache erhöht, sodass inzwischen selbst ein Mangel an Ersatzmaterialien besteht. Der Aufbau und Wartung von Laborequipment erfordert oft die Anreise von Techniker*innen aus dem Ausland was nur mit erheblichem Aufwand und Verzögerungen zu bewerkstelligen ist. In einigen Fällen konnten defekte Geräte über Monate hinweg nicht instandgesetzt werden. In Bereichen wie Psychologie und Wirtschaftswissenschaften können Studien teilweise gar nicht mehr durchgeführt werden, da sie persönlichen Kontakt mit einer großen Anzahl von Personen erfordern und die entsprechenden Räumlichkeiten nicht zur Verfügung stehen. Unter Hygieneregelungen, die einen Schichtbetrieb erfordern konnten Versuche an lebenden Organismen trotzdem nicht durchgeführt werden, da ihr stark variierender zeitlicher Ablauf einen unverhältnismäßigen Planungsaufwand bei der Schichteinteilung zufolge hätte. Der Notfallbetrieb in den Tierställen erforderte die Reduktion der Tierzuchten auf ein Minimum. Bewilligte Tierversuchsvorhaben konnten dadurch nicht durchgeführt werden. Dies stellt Promovierende in der Tierforschung insbesondere aufgrund der zeitlichen Begrenzung dieser Bewilligung und bei Langzeitversuchen vor Probleme.

Aus Sicht der wissenschaftlichen Karriereplanung ist der persönliche Austausch mit anderen Wissenschaftler*innen essenziell um Kollaborationen zu formen und eine Anstellung nach der Promotion zu finden. Die Möglichkeiten dazu sind trotz digitaler Konferenz-Formate stark eingeschränkt was die Stellensuche verzögert und die Karriereplanung erschwert.
 

Auswirkungen

Die oben genannten Probleme wirken sich primär auf den Promotionsfortschritt aus. In einer Umfrage des Promovierendenkonvents wurden bereits im Mai 2020 bei mehr als der Hälfte der Promovierenden Verzögerungen von 2 Monaten oder mehr festgestellt. Es ist davon auszugehen, dass die Situation sich noch weiter verschärft hat, da viele zeitintensive Präsenzveranstaltungen erst im Juni begonnen haben. Da Promovierende fast ausschließlich befristete Verträge haben, deren Laufzeiten oft kürzer sind als die reale Promotionsdauer, besteht die Sorge, dass die Abbruchquote deutlich zunehmen wird.

Für viele Stipendiaten konnte die Situation zwar entschärft werden, doch für Promovierende auf Haushaltsstellen und Drittmittelstellen ist die Lage weiterhin problematisch. Wenn Verträge nur mit Hilfe von internen Mitteln verlängert werden würden, steht viel weniger Geld für die neue Generation Promovierender zu Verfügung. Dies trifft einen Jahrgang von Studierenden, der durch die Pandemie zu großen Teilen auch eine schlechtere Arbeitsmarktsituation vorfindet. Um diesen Generationskonflikt zu entschärfen, Promotionsabbrüche zu verhindern und den oben dargestellten Mehraufwand zu leisten braucht es zusätzliches Geld, das speziell Vertragsverlängerungen für Promovierende und Nachwuchswissenschaftler*innen gewidmet ist.