Bindeglied zwischen Medizin und Zahnmedizin

Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie

Die Brücke von der Zahn- in die Humanmedizin schlägt die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG). Dabei ist das Behandlungsspektrum sehr breit und reicht von der Weisheitszahnextraktion über Schädelverletzungen und Tumore bis zu Lippen-Kiefer-Gaumenspalten bei Kindern. Oft in Kooperation mit anderen Universitätskliniken werden in der MKG-Klinik rund 4000 Patienten pro Jahr versorgt.

Verkehrsunfall bei dichtem Nebel auf der A7: Der schwerverletzte Patient wird per Hubschrauber in die Ulmer Universitätsklinik transportiert. Im Schockraum stellen die Unfallchirurgen neben Knochenbrüchen und inneren Verletzungen Traumata an Gesicht und Schädel fest. Zudem hat der junge Mann beim Aufprall mehrere Zähne verloren. In Sekundenschnelle entscheiden die Unfallchirurgen, ob sie ihre Kollegen aus der MKG-Chirurgie sofort in eine notwendige OP einbinden, oder ob dieser Teil der Versorgung zu einem späteren Zeitpunkt stationär oder sogar ambulant durchgeführt werden kann.

Lässt sich die Behandlung aufschieben, findet sie oft im Bundeswehrkrankenhaus (BWK) statt, denn dort stehen 25 Betten für die MKG-Chirurgie zur Verfügung. Hier können auch aufwendige Gesichts- und Schädelrekonstruktionen durchgeführt werden, bei denen die MKG-Chirurgen der Uniklinik immer öfter auf sogenannte OP-Schablonen setzen. „Diese Vorlagen werden auf Basis von Computertomographien erstellt, an denen wir eine bevorstehende OP virtuell durchspielen“, erklärt der Ärztliche Direktor der Ulmer Universitätsklinik für MKG-Chirurgie, Professor Alexander Schramm. Auf diese Weise können auch Zahnimplantate besonders präzise in den Kiefer eingebracht werden – eine Behandlung, die unserem beispielhaften Traumapatienten auch noch bevorsteht. Ebenfalls zum Einsatz kommen die Schablonen bei Operationen von Kieferfehlstellungen (Dysgnathien), die in Zusammenarbeit mit der Klinik für Kieferorthopädie
und Orthodontie durchgeführt werden. Solche Fehlstellungen beeinträchtigen Patienten nicht nur ästhetisch, sie können auch das Sprechen und Kauen erschweren.

Eine weitere große Patientengruppe in der MKG-Chirurgie sind Patienten mit Tumoren im Kopf-Halsbereich. In diesen Fällen erfolgt die Therapie regelhaft in Kooperation mit der HNO-Klinik sowie mit der Strahlentherapie und Radioonkologie. Tatsächlich ist im Fall einer Bestrahlung wiederum die zahnärztliche Expertise der MKG-Chirurgen und der an der Klinik beschäftigten Zahnärzte gefragt: es gilt, „Strahlenkaries“ sowie Kiefernekrosen zu verhindern oder gegebenenfalls zu behandeln. Daher wird in der Klinik eine zahnärztliche Tumorsprechstunde angeboten, in der auch eine anschließende Implantatversorgung geplant werden kann. Das „Dach“ der fachübergreifenden Krebstherapie, die ebenso mit den Universitätskliniken für Augenheilkunde oder etwa Dermatologie stattfindet, bildet das Comprehensive Cancer Center Ulm (CCCU).

Interdisziplinäres Arbeiten ist Alltag

Diese Beispiele zeigen: In der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie wird fachübergreifendes Arbeiten tagtäglich gelebt. Denn wer die Facharztausbildung absolvieren will, muss Studienabschlüsse in Zahn- und Humanmedizin nachweisen. Dieser lange Ausbildungsweg macht den Ärztlichen Direktor Professor Alexander Schramm und seine Facharztkollegen – derzeit sind es lediglich 1,6 Vollzeitäquivalente an der Klinik – zu Vertretern einer seltenen Zunft. Umso gefragter sind die MKG-Chirurgen, wenn Patienten anderer Zahnärzte und Oralchirurgen eine weiterführende oder stationäre Therapie benötigen. Bei diesen Personen kann es sich neben Tumor- oder etwa Traumapatienten um Angehörige von Risikogruppen handeln, die beispielsweise blutverdünnende Medikamente nehmen oder den Knochenstoffwechsel beeinflussende Medikamente. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Bisphosphonate zur Behandlung von Knochenmetastasen beim Prostata- oder Brustkrebs. Zudem erstellen und interpretieren die MKG-Chirurgen digitale Röntgenbilder für ihre Kollegen. Dies betrifft insbesondere die digitale 3D-Volumentomographie.

Prof. Alexander Schramm

Wie in der Patientenversorgung schlagen die MKG-Chirurgen auch in der Lehre die Brücke von der Zahn- in die Humanmedizin: In beiden Fächern stehen ihre Veranstaltungen auf dem Lehrplan. Weiterhin können sich approbierte Zahnärztinnen und -ärzte in der Klinik zu Oralchirurgen weiterbilden lassen. Im Zahnmedizinstudium vermitteln Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik unter anderem die Zahnextraktion und Lokalanästhesie. Zudem absolvieren Studierende Famulaturen im Bereich MKG-Chirurgie und haben in diesem interdisziplinären Fach die Chance, in viele Nachbargebiete zu schnuppern. Gerade wird für Ausbildungszwecke ein Phantomsaal eingerichtet, in dem Studierende die Röntgendiagnostik trainieren können. „Die echten Schädel und Zähne, die dabei zum Einsatz kommen, sind teilweise bereits 40 Jahre im Besitz des Universitätsklinikums“, weiß Schramm. Nun tragen sie dazu bei, dass die nächste Generation von Zahnärzten das Unfallopfer aus dem Eingangsbeispiel und alle anderen Patientengruppen zukünftig optimal versorgen kann – womöglich in enger Zusammenarbeit mit MKG-Chirurgen.

Virtuelle Operationen und Kieferplatten aus dem 3D-Drucker - Forschung in der MKG-Chirurgie

Bei der geführten oralen Implantologie und der computergestützten Gesichts- Schädelrekonstruktion ist die Universitätsklinik für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie in der klinischen Forschung und Patientenversorgung Vorreiter. Denn gerade bei den komplexen Strukturen im Gesicht mit Muskeln und Nerven bietet der Einsatz modernster Technik Vorteile. Bereits seit 2007 setzen die Mediziner auf OP-Schablonen, die es ihnen ermöglichen, Implantate noch präziser einzubringen. Dabei kann es sich um einen Zahnersatz handeln oder auch um Implantate für Augenhöhle oder Kiefer, die nach einem Unfall oder einer Tumorerkrankung benötigt werden. Dazu kommt die Versorgung von Patienten, die aufgrund schwerer Zahn- und Kieferfehlstellungen operiert werden müssen. „Basis ist meist eine CT-Aufnahme, von der ausgehend wir die OP planen und eine Schablone erstellen. Dadurch steigen Präzision und Vorhersagbarkeit der OP.“ Die Operation verläuft dann oft navigationsgestützt und begleitet durch intraoperative Bildgebung.

Bei Operationstechniken leistete die Klinik schon mehrfach Pionierarbeit. So gelang den Medizinern 2015 die erste Oberkieferverlagerung ohne Splint – darunter versteht man eine Kunststoffschiene, mit der Ober- und Unterkiefer während der OP verbunden werden. Bereits zwei Jahre zuvor glückte die Herstellung der ersten Kieferrekonstruktionsplatte aus dem 3D-Drucker. Neben der Weiterentwicklung dieser Verfahren und klinischen Studien ist die Klinik sehr interdisziplinär ausgerichtet und somit in Forschungsprojekte anderer Einrichtungen eingebunden. Besonders in der Patientenversorgung ist die Kooperation mit der Mund-, Kiefer- und plastischen Gesichtschirurgie des Bundeswehrkrankenhauses eng.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt der MKG-Chirurgen ist die zahnärztliche Radiologie: Insbesondere im 3D-Röntgen verfügt die Universitätsklinik über eine an der Universitätsklinik einmalige Expertise und Ausstattung: In Forschung und Patientenversorgung unterstützen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Zahnarzt-Kollegen beispielsweise mit der Erstellung und Interpretation von Aufnahmen. Weiterhin werden in der Klinik alternative bildgebende Verfahren beforscht, etwa die Magnetresonanztomographie (MRT). Bisher wurde dieses recht teure Verfahren in der Zahnmedizin eher selten eingesetzt, denn die Darstellung der Zähne ist weniger überzeugend als auf beispielsweise Computertomographie-Aufnahmen (CT). Doch gerade in Ulm wird intensiv an der Optimierung von MRT-Scannern geforscht – sei es von Kooperationspartnern der Universitätsklinik oder darüber hinaus im neuen Forschungszweig Quanten-Biowissenschaften im gemeinsamen Zentrum der Universitäten Ulm und Stuttgart IQST. Und wer weiß? Vielleicht können die Zahnmediziner ihren Patienten schon diese strahlenarme Methode standardmäßig anbieten?

Text: Annika Bingmann

Fotos: Universitätsklinik für MKG-Chirurgie, Uniklinikum Ulm, Heiko Grandel