Biodiversitäts-Exploratorium Schwäbische Alb

Von Heuschrecken-Häckslern, pubertierenden Raben und natürlicher Schönheit

Die Tagung des Biodiversitäts-Exploratorium Schwäbische Alb, die Ende Mai im Haupt- und Landgestüt Marbach stattfand, lieferte nicht nur allgemeinverständliches Fachwissen zum Einfluss der Landnutzung auf die Artenvielfalt, sondern bot auch vielfältige Einblicke in eine besondere Kulturlandschaft. Zu den rund 80 Teilnehmenden gehörten Wissenschaftler, Naturschützer, Behördenvertreter, Landwirte, Förster und Journalisten.

Es ist ein abwechslungsreiches Nebeneinander aus Feld, Wald und Wiesen, das typisch ist für die Schwäbische Alb. Die Böden sind arm an Nährstoffen und reich an kalkhaltigem Gestein. Zu den biologisch wertvollsten Flächen gehören die schafbeweideten Wacholderheiden mit ihrem großen Artenreichtum, die so prägend für diese einzigartige Landschaft sind. So wundert es nicht, dass diese Region zu den artenreichsten Gebieten in Deutschland gehört. Wie beim Infotag zum Biodiversitäts-Exploratorium zu erfahren war, sind von den schätzungsweise 33 000 in Deutschland vorkommenden Insektenarten immerhin rund 1500 auf der Schwäbischen Alb vertreten. Doch in seinem Vortrag „Stummer Frühling?“, in dem Professor Wolfgang Weisser von der Technischen Universität München Langzeitdaten zu Insekten im Grünland vorstellte, blieb die schlechte Nachricht nicht unausgesprochen: Das Insektensterben macht sich auch in diesem Untersuchungsgebiet deutlich bemerkbar – und zwar als Artensterben.

„Ohnehin häufige Arten kommen noch häufiger vor, und die Vertreter seltener Arten sind rarer als je zuvor. Dabei steigt der Anteil an Generalisten, die mit vielfältigen Bedingungen zurechtkommen und der Anteil an lokalen Spezialisten geht zurück“, erläutert Weisser. Die Ursachen dafür seien vielfältig. Die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und die damit einhergehende Homogenisierung der Landschaft spielten dabei eine unbestreitbare Rolle. Einen messbaren Einfluss auf die Biodiversität von Grünflächen haben vor allem unterschiedliche Intensitäten in der Beweidung, Mahd und Düngung, wie  der Münchner Forscher zeigte. Bei einer wiederholten Mahd zum Beispiel verändert sich die Pflanzengemeinschaft. Hinzu kommt, dass bei der mechanischen Heuernte viele Insekten direkt getötet werden. Insbesondere beim Aufschlagen des frisch gemähten Schnitts werden Heuschrecke & Co. regelrecht gehäckselt. Überraschend für die Forscher: schon eine einmalige Mahd reduziert die Artenvielfalt. Daher sei es ratsam, Rückzugsorte für Insekten zu schaffen, entweder als Inselrefugien in den Flächen oder als Schutzstreifen am Rand.

Messinstrumente im Biodiversitätsexploratorium

„Es geht hier nicht um den Gegensatz zwischen Natur- und Kulturlandschaft. Bei uns ist ja so gut wie alles Kulturlandschaft. Aber wir müssen weg von der ausschließlich intensiven Landwirtschaft und brauchen mehr extensive Bewirtschaftung sowie Flächen, die überhaupt nicht bewirtschaftet werden“, forderte Professor Markus Fischer vom „Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum“ (SBiK-F). Der Schweizer Wissenschaftler und Politikberater plädiert dementsprechend für ein Mosaik unterschiedlicher Landnutzungsgrade.

Auch im Wald braucht es eine gewisse Unordnung und Heterogenität, um Artenvielfalt zu erhalten. Zu diesem Ergebnis kam die Studie zum Einfluss der Waldstruktur auf die Biodiversität, die von der Würzburger Biologin Lea Heidrich vorgestellt wurde. Dafür wurden Unterschiede in der vertikalen und horizontalen Struktur mit Hilfe von Laserscans aus der Luft erfasst und diese mit Biodiversitätsdaten in Beziehung gesetzt. So zeigte sich, dass neben dem Totholzreichtum ein Nebeneinander aus hohen und niedrigen Bäumen, aus Gebüsch und kleinwüchsigen Pflanzen ebenso förderlich für die Artenvielfalt sind, wie eine Mischung aus lichten und schattigen Flächen. Bodenbakterien prägen Ökosystemprozesse Entscheidend für elementare Ökosystemleistungen wie Zersetzung, Nährstoffanreicherung, Wasserfiltration oder Bodenbelüftung sind Bodenbakterien. Zwar seien bislang nur 14 000 dieser Bakterienarten bekannt, wie der Mikrobenexperte Dr. Johannes Sikorski (Leibniz Institut DSMZ) informierte. Dabei gelte: je aktiver die Bakterien, desto größer die Stoffumsetzung. Eine wichtige Rolle bei der Aktivierung spielten Nährstoffe im Boden wie Kohlen- oder Stickstoff, Wurzeln oder Regenwürmer. Letztendlich habe gerade auch die landwirtschaftliche Nutzung großen Einfluss auf die Wechselwirkungen zwischen Erdreich, Bakterien und Pflanzen und damit auf zentrale Ökosystemprozesse. Ein akustisches Bild zur Biodiversitätsforschung präsentierte hingegen Dr. Sandra Müller von der Universität Freiburg mit ihrer Soundscape-Studie. Mit Soundbeispielen aus Afrika und der Schwäbischen Alb demonstrierte die Wissenschaftlerin das eindrucksvolle und aufschlussreiche Zusammenspiel von Vögeln, Amphibien und Insekten.

Hintergrund

Das „Biodiversitäts-Exploratorium Schwäbische Alb“ gehört mit den beiden Untersuchungsgebieten „Schorfheide-Chorin“ und „Hainich-Dün“ zu einer Forschungsplattform, die seit 2006 von der Deutschen-Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sich unterschiedliche land- und forstwirtschaftliche Bewirtschaftungsformen auf Biodiversität und Ökosystemprozesse auswirken. In jedem Gebiet gibt es 100

standardisierte Untersuchungsflächen, davon jeweils 50 im Wald und 50 auf Grünland. Mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz forschen in 71 Arbeitsgruppen aus 40 Forschungseinrichtungen zu unterschiedlichsten Aspekten rund um das Thema Biologische Vielfalt und Ökosystemfunktionen.

Tierreich war auch der Vortrag von Dr. Rüdiger Joos aus der Geschäftsstelle des Biosphärengebietes Schwäbische Alb, der hauseigene Monitoring- und Forschungsprojekte vorstellte. Dabei ging es unter anderem um Wildschweine mit Peilsendern, Windkraft und Vogelflug aber auch um pubertierende Raben, die in Junggesellengruppen umherziehen und – „als Mutprobe für Halbstarke“ – Lämmern in die Schwänze picken und auf Schafen reiten. Erstaunlich waren auch die Ergebnisse einer von Joos vorgestellten Studie zur landschaftlichen Schönheit. Dabei zeigte sich, dass Mensch und Computer die ästhetische Qualität von Landschaftsbildern ganz ähnlich beurteilen. Als positive Schönheitsfaktoren traten dabei zutage: ausgeprägte Landschaftsreliefs, Streuobstwiesen, Fließgewässer, Heide, Wald und Grünland. Naturvielfalt ist also nicht nur gut, sondern auch schön.

Die Biodiversitäts-Exploratorien mit ihren Langzeituntersuchungsflächen gehören weltweit zu den größten Forschungsprojekten zur biologischen Vielfalt.

"Wir haben hier beste Möglichkeiten zur großflächigen und zeitlich ausgedehnten Biodiversitätserfassung. Zentrale Datenbanken schaffen perfekte Voraussetzungen, um komplexe Zusammenhänge aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten“, betont Gastgeber Professor Manfred Ayasse. Der Biologe vom Institut für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik der Universität Ulm ist wissenschaftlicher Leiter des „Exploratorium Schwäbische Alb“ und hat die Informationsveranstaltung mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Biodiversitäts-Exploratoriums Schwäbische Alb organisiert.

Text und Fotos: Andrea Weber-Tuckermann